Antisemitismus und Holocaustleugnung – kein Kavaliersdelikt, sondern ein Verbrechen

Replik auf Alex Baurs Artikel «Und bewahre uns vor Judophilen»

Was Alex Baur von Juden hält, macht er gleich im Titel klar. Die Wörter «judophil» resp. «Judäophilie» sind pejorativ konnotiert und werden vor allem in rechtsextremen und neo-nazistischen Kreisen benutzt, Synonym zu «Judenbüttel» und «Judenknecht». Meist werden mit dem Wort «judäophil»/«judophil» jene Leute beschimpft, die nicht gerade Juden eliminieren wollen, also zu wenig radikal gegenüber Juden sind.

Angesichts der Tatsache, dass Alex Baurs wohlgesinnte Berichterstattung über die Antisemiten und Holocaustleugner Dieudonné und Horst Mahler auf Neo-Nazi-Seiten anerkennend verlinkt werden, ist es nur konsequent, wenn Alex Baur deren Nazi-Jargon übernimmt, um Menschen zu diskreditieren, die seine politische Haltung nicht teilen.

Die Unverhohlenheit seiner Botschaft, dass ihm Judenfreunde nicht geheuer sind, lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Alex Baur mag keine Leute, die Juden nahe stehen und folglich delegitimiert er damit auch Juden.

Alex Baur gibt vor, für die Meinungsfreiheit einzutreten. Aber was sagt es tatsächlich über die Motivation eines Journalisten aus, wenn er von allen Themen, die er frei wählen kann, sich ausgerechnet für Dieudonné, Horst Mahler und andere Holocaustleugner und Judenhasser engagiert? Wieso schenkt er seine «beschränkten Möglichkeiten» nicht den eingekerkerten Apostaten und Liberalen in der Islamischen Republik Iran, wo das Mullah-Regime notabene offiziell den Holocaust leugnet, Holocaustleugner-Wettbewerbe veranstaltet und dazu den von Baur gepriesenen Dieudonné einlädt? Reicht es ihm nicht, dass schon die damalige SP-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, die Islamische Republik Iran zu einem Seminar zur «unterschiedlichen Perzeption des Holocausts» in Genf eingeladen hat?

Von besonderer Perfidie ist Alex Baurs Satz: «Dass man heute wieder Menschen bestraft und sogar einsperrt, bloss weil sie verbotenen Theorien anhängen, finde ivh (sic!) skandalös, ja unerträglich, und mögen diese verbotenen Theorien noch so abstrus oder auch widerlich erscheinen.» Damit stellt er die Opfer des Nationalsozialismus mit jenen gleich, die sich den Nationalsozialismus zurückwünschen und macht diese zu Opfern.

Ob Alex Baur naiv ist, gezielt die Agenda von Antisemiten bedient oder sich einfach als Enfant Terrible selbst gefällt – er irrt in einem entscheidenden Punkt: Das Leugnen des Holocaust ist keine «Theorie» und hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun. Denn dass der Holocaust stattgefunden hat, ist nicht eine Frage der Meinung, sondern eine Tatsache. Und wer diese Tatsache verneint, der tut dies nur aus einem Grund: Um die Nazis zu verharmlosen und gleichzeitig die Trauer der Juden um sechs Millionen Tote als «politisches Manöver» (um Mitleid zu erheischen, etc.) abzuqualifizieren. Beides ist inakzeptabel, aber letzteres ist darüber hinaus eine Art von Persönlichkeitsverletzung durch Lügen und Verbreitung unwahrer Behauptungen. Deshalb braucht es die Antirassismusstrafnorm.

Die Meinungsfreiheit setzt man am besten durch, indem man die Menschen- und Bürgerrechte anderer Menschen respektiert. Es ist deshalb unlogisch, warum Alex Baur anderen Menschen eben diese Menschenrechte mit aller Kraft vorenthalten möchten. Diese Haltung ist dumm. Bemerkst Du, lieber Alex, das nicht?

Alex Baurs Artikel beruht auf weiten Strecken auf Denkfehlern und klassischen Argumentationsfallen. So schreibt er: «Das Verbot, einen Völkermord zu bestreiten ist in mannigfacher Hinsicht ein Unding, das der Willkür Tür und Tor öffnet. Was kommt wohl als nächstes – das Verbot der Klimalüge?» Baur verwendet ein klassisches Slippery Slope Argument. Das Dammbruchargument kommt immer dann, wenn man selber erkennt, dass die bisherigen Argumente zur Sache nicht ausreichen und nun ein Bedrohungsszenario aufgebaut werden muss. Gibt es wirklich Leute, die darauf hereinfallen? Und falls ja, was sind das für Leute?

Bleiben wir bei der Sache:

Wer nicht erkennt, dass es bei der Leugnung des Holocaust um eine gezielte und bewusste Erniedrigung von Juden handelt und um eine bewusste Verharmlosung der Nazis, ist wohl auch sonst nicht befähigt in Zusammenhängen zu denken.

Manche halten sich für besonders schlau, wenn sie sagen, solle sich doch jeder Spinner selber blamieren mit seiner Unwissenheit zum Holocaust, und merkt nicht, dass er sich selber blamiert mit seinem Unwissen über das Ziel und den Zweck der Shoa-Leugnung und dem Antisemitismus. Erkennst Du, lieber Alex, nicht, dass jene die den Holocaust leugnen, dieselben sind, die sich einen zweiten herbeisehnen? Wer den Zweck der Holocaustleugnung nicht wahrhaben will, ist entweder naiv oder unterstützt diesen Zweck – tertium non datur.

Holocaustleugnung stellt ein Unrecht dar, indem es die menschliche Würde antastet und die Opfer und deren Nachfahren erneut viktimisiert. Sie stellt zudem die heutige gesellschaftliche und politische Haltung Infrage, dass solches Unrecht wie Völkermord nicht toleriert wird, dass es nie mehr geschehen darf. Würde man Holocaustleugnung akzeptieren und ihr nicht begegnen, setzte man so ein Signal in die entgegengesetzte Richtung und das kann im Interesse der gegenwärtig wie auch der zukünftig Lebenden nicht gewünscht sein.

Zu argumentieren, dass Völkermordleugnung der freien Meinungsäusserung unterstellt sein müsse und somit von einem Grundrecht gedeckt sei, welches man nicht rechtlich antasten dürfe, ist eine Absurdität, da die freie Meinungsäusserung vor allem deswegen zum Grundrecht wurde, um genau solche Zustände, wie sie zu den Zeiten herrschten, die man nun durch die Leugnung verherrlichen oder verharmlosen will, in Zukunft nicht mehr möglich machen zu können.

Gewiss, die Anwendung des Strafgesetzbuchs sollte das letzte Mittel sein. Gesetze per se schützen nicht vor missbräuchlicher Anwendung, resp. kommt es vor, dass die Antirassismusstrafnorm von guten Juristen mit sonst mässigem Verstand (frei nach Ludwig Thoma) missbraucht wird. Aber wieso bekämpfst Du das Gesetz, statt den Missbrauch?

Als ich dich, lieber Alex, kennenlernte, war ich auch der Meinung, die Rassismusstrafnorm bräuchte es nicht. Eine aufgeklärte Gesellschaft – so naiv dachte ich damals – setzt auf Argumente und für die paar Spinner, die den Holocaust leugnen, brauche es kein eigenes Gesetz. Doch meine Meinung ist empirisch widerlegt. Ich hatte den Antisemitismus, den ein nicht unbeträchtlicher Teil der Menschen mit der Muttermilch aufsaugt, unterschätzt. Der Antisemitismus, der aus der Mitte der Gesellschaft kommt, ist ebenso brandgefährlich wie der Antisemitismus der paar Neo-Nazis, die an Glatze und Stiefel zu erkennen sind. Es sind Leute wie Jacqueline Fehr, Daniel Vischer, Jo Lang, Jakob Augstein und Co., die den Antisemitismus salonfähig machen. Und sie wissen genau, was sie tun.

Es ist eine Binse, Alex, wenn du sagst «Rassismus kann man nicht per Gesetz aus der Welt schaffen». So wenig wie man Mord aus der Welt schafft, wenn er strafbar ist. Und jetzt?

Hast Du, lieber Alex, Dir schon mal überlegt, weshalb Volksverhetzung strafbar ist? Nein, nicht um die SVP zu schikanieren, deren politische Agenda Du als Journalist der «Weltwoche» augenscheinlich freiwillig übernommen hast. Es geht um die innere Sicherheit. Und um das Recht, in Sicherheit leben zu dürfen. Antisemitismus und Holocaustleugnung stören das Sicherheitsempfinden.

Die Geschichte hat gezeigt, den eingefleischten Rassisten und Antisemiten kann man nicht mit Argumenten entgegentreten. Du schreibst, Alex, dich interessiere bloss, was die Menschen [Mahler und Co.] dazu bewegt, ihre ganze Existenz für eine Behauptung auf Spiel zu setzen, forderst gleichzeitig, dass man solchen Menschen mit Argumenten begegnet. Fällt Dir nicht auf, wie Du Dir selber widersprichst?

Deine Empathie für Holocaustleugner und andere Spinner hat nichts Heldenhaftes, im Gegenteil.

Es ist Antisemitismus!

Wir brauchen die Antirassismusstrafnorm, weil der Antisemitismus nicht mehr sozial geächtet und öffentlich verurteilt wird. Die grosse Mehrheit der Politiker nimmt antisemitische Attacken schweigend zur Kenntnis. Sacha Wigdorovits nannte es in einem offenen Brief: Das Schweigen der Feigen.

In einer idealen, aufgeklärten Gesellschaft bräuchte es die Antirassismusnorm nicht. In unserer Gesellschaft aber steht es schlecht um die Aufklärung. Steuergelder werden für die Schändung der Shoa-Gedankenstätte verschwendet. Steuergelder werden für die Verunglimpfung, Diffamierung und Dämonisierung Israels missbraucht. Politiker wie Rechtsanwalt Hermann Lei geben öffentlich Anleitungen, wie man den  Holocaust straffrei leugnen kann.

Israelkritik? Nein, es ist Antisemitismus.

Und schliesslich versuchst Du auch noch meine Parteinahme für Israel zu diskreditieren. Und jetzt? Bist Du stolz auf den Applaus, den Du dafür von Israelhassern erhalten hast? Ja, ich bewundere Israel. Ich bewundere das kleine verrückte Land, in dem Wunder möglich sind. «Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist», sagte David Ben Gurion.

Ich mische mich weder in die Innen- noch in die Aussenpolitik Israels. Auch verteidige ich Israel nicht, das können Israelis sehr gut selbst. Mich stört der Antisemitismus aus unseren Breiten und der in unserem Namen [da mit unseren Steuergeldern finanziert] statt findet. Israelkritik ist mehrheitlich antisemitisch motiviert. Das hat David G. Greenfield treffend hier formuliert.

Zudem gibt mir Israel die Sicherheit, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

Israelische Luftwaffe über Birkenau, 4. September 2003.

Israelische Luftwaffe über Birkenau, 4. September 2003.

Denn, solange es Israel gibt, sind die Juden sicher. Über die Bedeutung Israels für die Juden empfehle ich dir Maxim Billers „Antisemiten sind mir egal“ zu lesen.

Wenn ich die Hoffnung hätte, dass Du Dein Weltbild hin und wieder einem Reality Check unterzögest, würde ich Dir raten, den Antisemitismus und die Holocaustleugnung nicht weiterhin zu verharmlosen und Deine «beschränkten Möglichkeiten» für die Aufklärung einzusetzen, statt Dich als Nazi-Versteher zu blamieren. Ein Interview mit Prof. Alexander Marcel Niggli wäre z. Bsp. ein Beitrag zur Aufklärung. Allein, mir fehlt die Hoffnung.

Wer sich weiter zum Thema informieren möchte, dem empfehle ich die ausgezeichnete Studie von Susanne Wein «Antisemitismus im Reichstag: Judenfeindliche Sprache in Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik». Wer Weins Studie gelesen hat, wird noch besser als bisher verstehen, warum Hetzreden die Demokratie zerstören und wie es zur Machtübergabe des Bürgertums an Hitler kommen konnte.

Und hier empfehle ich Interessierten den Artikel zur Sprache der aktuellen Judenfeindschaft.

P. S.: Ich würde gerne wissen, was du «unter Shoah radikal hinterfragen» verstehst. Willst du über die genaue Temperatur von Verbrennungsöfen von Auschwitz diskutieren? Ach, Alex.

14 Gedanken zu “Antisemitismus und Holocaustleugnung – kein Kavaliersdelikt, sondern ein Verbrechen

  1. Der verlinkte Text von Alex Baur scheint mir wohl überlegt, ausgewogen und stimmig.

    Die Argumentationsketten in der vorliegenden Replik und im Kommentar von K. Nünlist sind nach meiner Einschätzung weit entfernt von objektiver Logik.

    Und weil ich wegen dieser Einschätzung bestimmt erneut mit der Antisemitismus-Keule erschlagen werde, der prophylaktische Hinweis, dass ich in diesem Thread nicht antworten werde.

  2. Sehr guter Beitrag, Dani. Den Holocaust, oder allgemein Völkermord zu verleugnen, heisst in zu legitimieren und ist eine Vorbereitung für neue gleich schändliche Taten. Wer leugnet den Holocaust? Die, die Israel auch vernichten wollen. Der Antrieb ist Hass.

    Meinungsfreiheit hat Grenzen. Die Grenze ist da erreicht wo man mit einer aus der Luft gegriffenen Behauptung andere verletzt. Beispiel, ein Kind wird geschändet und dann getötet, fakt und bewiesen. Erzählt man dann dem Vater, das Kind wollte das so, die Initiative kam von ihm aus,… dann hat das nichts mit freier Meinungsäusserung zu tun, sondern es wird versucht ein schändliches Verhalten zu legitimieren.

    Erstens verletzt man so den Vater, vor solchen Übergriffen muss man ihn schützen.

    Zweiten relativiert es die Tat und man dreht Recht um, das Opfer wird zum Täter.

    Drittens wenn man solch schändliches Verhalten gut quatscht, dann hat dies ja auch ein Grund bei sich selbst und man ist ein Fall für den Psychiater.

    • Mit diesem Artikel verabschiedet sich die Autorin nun definitiv vom Liberalismus, wobei das schon lange absehbar war, Zionismus ist eine Form von Etatismus und die meisten Zionisten waren virulente, wenn nicht totalitäre Etatisten. Ben Gourion z.B. war ein grosser Bewunderer Trotskis und wollte einen sozialistischen Weltstaat errichten (mit Hauptstadt Jerusalem).

        • Dass Zionismus eine Form des Etatismus ist ist wohl unbestritten, ist ja Teil der Definition. Bzgkl. Ben Gourion muss ich korrigieren: Lenin lag ihm noch näher:

          „In Ben Gurion: A Political Life by Shimon Peres and David Landau, Peres recalls his first meeting with Ben-Gurion as a young activist in the No’ar Ha’Oved youth movement. Ben-Gurion gave him a lift, and out of the blue told him why he preferred Lenin to Trotsky: „Lenin was Trotsky’s inferior in terms of intellect“, but Lenin, unlike Trotsky, „was decisive“.“

          https://en.wikipedia.org/wiki/David_Ben-Gurion#Decisiveness_and_pragmatism

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