Das Schweigen der Feigen

imageVon Sacha Wigdorovits*

Auch in der Schweiz nimmt der Antisemitismus zu – ein offener Brief von Sacha Wigdorovits an Bundesrat und Parlament

Sehr geehrter Herr Bundespräsident
Burkhalter

Sehr geehrte Damen und Herren
Bundesräte

Sehr geehrte Damen und Herren
National- und Ständeräte

Ich richte diese Zeilen an Sie, weil ich über Sie alle empört und entsetzt bin. Seit rund zwei Wochen wird in unserem Land auf den Strassen und auf den sozialen Netzwerken lautstark gegen Juden gehetzt, und niemand von Ihnen ist bisher diesem Antisemitismus in der Öffentlichkeit entgegengetreten.
Sie alle haben bisher dazu geschwiegen, dass zum Hass und zur Vernichtung eines Teils unserer Bevölkerung aufgerufen wird.

Sie alle haben dazu geschwiegen, weil Sie feige sind. Und warum? Weil dieser Antisemitismus von jenen, die ihn lautstark auf unseren Strassen und im Internet propagieren, mit dem Konflikt zwischen Israelis und Hamas in Gaza begründet wird. Deshalb haben Sie Angst, dass ein Engagement und ein Protest Ihrerseits gegen die jetzige Judenhetze Ihnen als eine Unterstützung für Israel ausgelegt werden könnte.

Nun gäbe es zwar gute Gründe, Israel zu unterstützen. Denn Israel tut im Gaza-Konflikt nichts anderes, als seine Bevölkerung vor Raketenangriffen zu schützen. So, wie dies jedes andere Land tun würde – auch die Schweiz. Dies gegenüber einer Organisation, der Hamas, die unter Verletzung des humanitären Völkerrechts konsequent Zivilisten angreift und dabei in unglaublichem Zynismus die eigene Bevölkerung als Schutzschilder sowie die eigenen Spitäler und Schulen als Verstecke für ihre Waffen benutzt.

Aber auch wenn Sie dies anders sehen sollten, rechtfertigt dies Ihr Schweigen zum jetzigen öffentlichen Antisemitismus in der Schweiz nicht. Sie legitimieren damit bloss jene, die Israel immer als Vorwand nehmen, um generell gegen Juden zu hetzen. Gegen Schweizer Juden. Gegen einen Teil der Bevölkerung, deren Interessen Sie als Behördenvertreter und Politiker wahrnehmen müssten. Gegen Bürgerinnen und Bürger, die Sie gewählt haben. Diese Schweizer Juden lassen Sie mit Ihrem Schweigen zu dem Hass, der jetzt lautstark gegen sie entfacht wird, im Stich.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht einer oder eine von Ihnen die multikulturelle Vielfalt unseres Landes und die Werte, die dahinter stehen, lobt. Spätestens am 1. August, wenn Sie sich landauf, landab mit feierlichen Ansprachen an die Bevölkerung wenden, wird es wieder so weit sein.

Zu Recht! Denn diese Vielfalt gehört zu unserer jüngeren Geschichte.
Sie hat viel zu unserem Wohlstand beigetragen und unsere Gesellschaft positiv geprägt. Aber diese Appelle für eine Schweiz, in der Menschen jeder Hautfarbe und Rasse nicht nur Platz haben, sondern sogar willkommen sind, bleiben Lippenbekenntnisse, wenn Sie nicht auch den Mut haben, mit aller Vehemenz gegen jene anzutreten, welche diese weltoffene Schweiz abschaffen wollen.

Genau dies aber tun all diese Hassprediger und -predigerinnen, die jetzt im Vorfeld und während der Gaza-Demonstrationen gegen (Schweizer) Juden hetzen oder sich auf Facebook wünschen, Hitler möge zurückkehren und seine «Ausrottung der Juden zu Ende führen». Diese Leute wollen keine multikulturelle Gesellschaft. Diese Leute säen Hass gegen alle und alles, das nicht so
ist wie sie selbst.

Heute sind dies die Juden, morgen die Christen. (An der Palästina-Kundgebung in Zürich trugen manche Demonstranten T-Shirts mit der Aufschrift «1453» – das war das Jahr, in dem das christliche Konstantinopel, das heutige Istanbul, von den Osmanen unter Sultan Mehmed II. erobert wurde). Indem Sie als Politikerinnen und Politiker dazu schweigen, legitimieren Sie diesen mörderischen Hass auf Juden (und Christen).

Besonders beschämend ist dies, weil Sie mit Ihrem Schweigen jenen Mut vermissen lassen, den die Regierungen und andere führende Politiker in unseren Nachbarländern längst gezeigt haben. Denn in Deutschland und Frankreich haben sich die Politiker bis hinauf zu den Regierungsspitzen in aller Schärfe und Deutlichkeit gegen die antisemitischen Ausbrüche und die Hetze gegen die Juden gewandt. Dies gilt für den deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel ebenso wie für den französischen Präsidenten François Hollande.

Unser Bundespräsident Didier Burkhalter hingegen schweigt – wie so oft, wenn er etwas sagen sollte, das Mut und Rückgrat erfordert. Aber er ist damit ja nicht allein. Er ist mit Ihnen allen, die Sie im Bundesrat, National- oder Ständerat sitzen, in bester Gesellschaft.

Ihrer aller Passivität ist nicht nur feige, sie ist auch verantwortungslos. Denn weil Sie schweigen, wird es nicht bei der verbalen Hetze gegen die Schweizer Juden bleiben. In einer nahen Zukunft werden bei uns Fensterscheiben von Synagogen in die Brüche gehen und jüdische Friedhöfe geschändet werden. Und in ein oder zwei Monaten werden irgendwelche radikalisierte Jugendliche in der Zürcher Weststrasse einen alten, bärtigen Juden im Kaftan angreifen und brutal zusammenschlagen. Nicht, weil er ihnen etwas angetan hätte, sondern weil er Jude ist.

Dann werden Sie alle, oder mindestens einige von Ihnen, mit den Händen ringen und Ihr Entsetzen äussern. Und Sie werden nicht wahrhaben, dass Sie selber an dieser Entwicklung schuld sind. Weil Sie heute nicht den Mut haben, ihr in aller Klarheit und mit aller Vehemenz entgegenzutreten.

Der irische Philosoph Edmund Burke hat einmal gesagt: «Evil prevails when good men fail to act» (das Böse obsiegt, wenn die Guten nicht handeln). Sie, sehr geehrte Bundes-, National- und, Ständeräte, haben immer noch die Wahl: Sie können jetzt handeln und dem Bösen entgegentreten. Oder Sie können weiterhin feige schweigen und zuschauen, wie es siegen wird.

*Sacha Wigdorovits stammt aus einer jüdischen Zürcher Familie. Er war früher Redaktor bei «Tages-Anzeiger» und «SonntagsZeitung», stv. Chefredaktor bei den «Luzerner Neusten Nachrichten» und Chefredaktor des «Blicks». Heute leitet er eine Kommunikationsagentur.

Dieser Artikel erschien in schweizamsonntag.ch der Ausgabe vom 27.07.2014.

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4 Gedanken zu “Das Schweigen der Feigen

    • Weitgehende Zustimmung zu dieser Deutung. Es scheint heute opportun, mit Begriffen wie „Antisemitismus“ und „Rassismus“ zu operieren, um Sprachregelungen und Meinungen zu bestimmen und zu manipulieren.

      Deshalb ist der Begriff „Judenhaß“ dem heutigen und hier angesprochenen Geschehen viel näher. Er speist sich nämlich nicht aus verschwurbelten Verdächtigungen und Verschwörungstheorien, sondern ist immerwährende Verpflichtung einer Pseudoreligion, bzw. einer gottverbrämten Ideologie.

      Es geht in diesem Falle darum, Menschen zu hassen und zu verfolgen, nur weil sie Juden sind; und eben nicht darum, was sie tun, oder zu tun beabsichtigen. Dies und nichts anderes ist hier Ursache mit den daraus erwachsenen Wirkungen.

      Indem Deutschland, die Schweiz und Europa solcherart Import begrüßt, fördert und gar in Schulen (!) lehren läßt, wird solcherart Bemühen in der Hand der Politik zu einem perpetum mobile einer ewigen und erneuerbaren „Schuld“, welche ganze Nationen im Würgegriff hält.

      Würde der Koran etwa als ein Parteiprogramm einer X-Partei ausgelegt, wäre er innerhalb kürzester Zeit als Menschenrechtsverletzend europaweit verboten. Wetten, daß??

  1. Gut gesprochen! Allein mir fehlt der Glaube daran, daß Bundesrat und Stände etwas, irgendetwas gegen die Ursachen unternehmen werden. Immerhin hat sich nach meiner Information noch kein Bundesrat dazu verstiegen zu sagen; „Der Islam gehört zur Schweiz“. So etwa, wie dies dreist der ehem. Bundespräsident in/für Deutschland behauptet hat.

    Nichts wird passieren, bis etwas passiert. Wenn 30% der Eidgenossen in Schnappatmung bei Minaretten verfielen, dann werden sie es erst recht bei Benennung oder gar Bekämpfung des Übels Islam tun.

    Wer den Islam im Lande duldet, befördert und billigt automatisch den damit zwingend verbundenem Judenhaß. Selbst der Verfasser des obigen Briefes hat sich um die direkte Ansprache des Kerns des Übels gedrückt. Ja, wenn der schon nicht, wer soll dann Ursache und Wirkung auseinanderhalten?

    Zynisch bemerke ich jetzt einmal, daß Bundesrat und Stände zur Beruhigung der Verfolger lieber das „J“ bevorzugen würden, als die Verfolger hochkant -auch pauschal – ohne Ansehen der Person hinauszubefördern.

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