Meine Generation, zum vergessen

Wir waren haltlos, verzogen und arrogant, Müll, Esoterik und Foto Alex BaurPflastersteine waren unsere Markenzeichen. Die Rede ist von der 80er Bewegung – eine Generation, die man getrost vergessen könnte, hätte sie nicht ein paar verheerende Trends gesetzt. Von Alex Baur *

Ist Ihnen das AJZ ein Begriff? Die Opernhauskrawalle? Flanierten Sie auch mal der Zürcher «Riviera» entlang, als sich die Junkies in aller Öffentlichkeit das Wasser aus der Limmat direkt in die Venen spritzten? Haben Sie den damals – wir sprechen von den frühen 1980er Jahren – weltweit bekannten «Needle Park» auf dem Platzspitz aus der Nähe gesehen? Haben Sie mal eine Nacht im besetzten Wohl­groth-Areal verbracht? Vielleicht mit ­einem Stück von Black Flag, Grauzone oder den Einstürzenden Neubauten im Ohr? Marschierten Sie bei den Demos in Kaiseraugst mit?

Nein? Kommt Ihnen das alles fremd vor? Kein Problem, Sie haben nichts verpasst, wirklich nichts. Ich kann es Ihnen aus der eigenen, wenngleich, zu meinem Glück, nur sehr begrenzt Erfahrung versichern: Was vor drei Jahrzehnten die Gemüter erregte und die Zeitungen füllte, war primitiv und sinnlos und wird mutmasslich nicht einmal als Fussnote in die Geschichte eingehen. Wir könnten all diese Orte, Symbole und Ereignisse getrost vergessen, stünden sie nicht für eine Generation, die Spuren hinterlassen hat – die sogenannte 80er Generation. Es ist meine Generation – eine verlorene.

Gewiss, jene, die aktiv an den Opernhauskrawallen, Hausbesetzungen, Heroin-Orgien und Anti-AKW-Demos teilnahmen, sie waren eine kleine Minderheit. Doch diese Minderheit ­fühlte sich als Avantgarde. Dahinter steckte wohl ­eine masslose Selbstüberschätzung. Die ­«Chaoten» waren bloss eine Extremvariante des postmodernen anything goes-Zeitgeistes, gleichsam die Spitze des Eisberges, die eine Ahnung vermittelt vom Koloss, der sich unter der Oberfläche verbirgt. Trotzdem prägten sie die kulturelle und politische Agenda massgeblich mit. Die Nachwirkungen sind bis heute spürbar. Die erbärmlichen Hunger-Zombies, um nur ein Beispiel zu nennen, die heute noch als Models über die Laufstege der Haute Couture torkeln, folgen einem Trend, der damals gesetzt wurde.

Nebenwirkungen waren irrelevant

Die geistige und soziale Verwahrlosung jener Generation lässt sich am kulturellen Schaffen aufzeigen. Können Sie mir ein grossartiges Werk aus der Musik, Malerei oder Literatur nennen, das jene Epoche hervorgebracht hätte? Es muss ja nicht gerade Shakespeare, Michelangelo oder Beethoven sein. Aber wenigstens etwas in der Dimension von Dürrenmatt, Warhol oder meinetwegen der Rolling Stones. Mir kommt kein Name in den Sinn. Elfriede Jelinek etwa, die Literaturnobelpreisträgerin? Der vielfach preisgekrönte Urin-Plastiker Thomas Hirschhorn? Der androgyne David Bowie? Christiane F., die vom Bahnhof Zoo? Frankensteins Monster war origineller als sie alle zusammen.

Die Stadt Zürich war ein Brennpunkt jener 80er Bewegung in der Schweiz. Diese nannte sich einfach «Bewegung», und das war treffend, weil sich ihr ganzer Sinn im Selbstzweck erfüllte. Die Bewegung war ein lokales Phänomen, doch sie verkörperte den Ungeist einer ganzen Generation. Ob in New York, London, Paris, Amsterdam, Barcelona oder Berlin – zumindest in der nördlichen Hemisphäre herrschte überall in etwa derselbe Mief. Statt Neues zu erschaffen, rezyklierte man Trash. Die 80er ­Jahre waren eine schrecklich sinnlose Zeit.

Der Kalte Krieg ging seinem Ende zu, das Links-rechts-Schema habe ausgedient, hiess es. Wir waren gegen Krieg, Herrschaft, Konsum, Bürgertum, Konformismus, Ausbeutung und gegen Uniformen. So weit, so banal. «Alter­nativ» war angesagt. «Alternativ» war eine Art Zauberformel, die erstens so unscharf definiert war, dass jeder in den Begriff hineinpacken konnte, was er wollte, und die einen zweitens aus ebendiesem Grund von jeglicher ernsthaften Auseinandersetzung befreite. Die Alternative wurde zwar in zahllosen Varianten angedacht und angetestet. Ob die Utopien umsetzbar waren und welche Nebenwirkungen sie zeitigen würden, war irrelevant. Gut gemeint war gut genug, was daraus resultierte, spielte keine Rolle.

Man fühlte sich damals ungemein revolutio­när, doch echten Kontroversen wich man konsequent aus. Man propagierte die Basisdemokratie und foutierte sich zugleich um die einfachsten Grundregeln der Demokratie. Die Bewegung lancierte die absurdesten Forderungen. Zum Beispiel: «Freie Sicht aufs Mittelmeer!» Das mag lustig klingen, doch spätestens als die Pflastersteine flogen, wurde klar, dass die Message todernst gemeint war. Und diese Message lautete: «Wir wollen gar nicht diskutieren.»

Nicht mehr als ein plumper rhetorischer Täuschungsversuch war auch der sauglatte Kampf­slogan «Macht aus dem Staat Gurkensalat!». In Wirklichkeit baute die 80er Bewegung sehr wohl auf den Staat. Man mochte ihm zwar nichts geben – man wollte von ihm nur alles bekommen, und zwar gratis und subito. Dass man zum Beispiel auch auf private Initiative hin und mit eigenem Geld ­eine Hausgemeinschaft oder ein autonomes Jugendzentrum hätte gründen können, kam uns gar nicht erst in den Sinn.

Anstelle des offenen Disputs gab es einen gefühlten Konsens, und der war härter als Stahlbeton. Es ging irgendwie um eine herrschaftsfreie, egalitäre, ökologische Welt­gesellschaft, etwa so, wie John Lennon sie in seiner Schnulze «Imagine» entworfen hatte. Wie das genau gehen sollte, war nebulös. Entscheidend war ein diffuses Gefühl, und wer dieses in Frage stellte, war out. Dialektik war nie die ­Sache dieser denkfaulen und intellektuell unredlichen Generation, die sich stets im Ungefähren bewegte. Widersprüche wurden mit Ausgrenzung, Pflastersteinen und Drogen aller Art behoben.

Natürlich war das auch die Zeit der hedonistischen Yuppies, dem Schein nach eine Gegenbewegung. Tatsächlich waren die Neureichen, die den «no future»-Slogan mit Champagner und Kaviar zelebrierten, den Punks zum Verwechseln ähnlich. Es war eine Zeit, in der alle bis dahin gültigen Werte einfach mal pauschal abgelehnt wurden. Familie? Igittigitt. Fleiss und Sorgfalt? Armseliges Strebertum. Solide Leistung und Sicherheit? Spiesserkacke. Eigenverantwortung? Null Bock darauf. So wie man den Abfall zur Kunst erhoben hatte, wurde alles Bewährte zum Kehricht deklariert.

Meine Sozialisierung in dieser Szene fand ­Ende der 1970er Jahre in Däniken statt, wo jeweils am schulfreien Samstagnachmittag gegen das AKW Gösgen demonstriert wurde. Ich ging damals ins Gymnasium in Aarau. In Aarau war tote Hose, im nahgelegenen AKW gab es Action. Und vor allem war da auch Marianne, und ich stand auf Marianne. Also marschierte ich mit.

Zustimmung bis in etablierte Kreise

Keiner von uns hatte eine Ahnung, was in ­einem Atomkraftwerk eigentlich passiert, wie es funktioniert und was daran schlecht sein sollte. Es spielte auch keine Rolle. Man war gegen Atom, weil es irgendwie nach Bombe klang. Als Alternative propagierte man schon damals Wind und Sonne. Dass die Sonne meistens nicht scheint, wenn wir Strom brauchen, und auch der Wind selten so bläst, wie er sollte, und dass man Strom schlecht speichern kann, das alles interessierte uns schon damals nicht. Die Regeln und Gesetze der Physik kümmerten uns so wenig wie jene der Demokratie. Wir waren die Guten, wir stellten Forderungen, welche die Bösen gefälligst erfüllen sollten. So einfach war das.

Die Scharmützel mit der Polizei gaben uns das Gefühl, für etwas Grosses und Wichtiges zu kämpfen. Tatsächlich waren wir Mitläufer, die feige aus der anonymen Masse heraus agierten und randalierten. Die Wirren der Pubertät mögen vieles in einem milderen Licht erscheinen lassen. Das Besondere an unserem Strassenterror war, dass er, zumindest in der medialen Öffentlichkeit, auf erstaunlich viel Verständnis stiess, bisweilen sogar auf Zustimmung bis weit in etablierte Kreise hinein.

Die Opernhauskrawalle erlebte ich nur ganz am Rande, da mich das Schicksal in den frühen 80er Jahren nach Südamerika verschlug. Dort landete ich schnell und hart auf dem Boden des realen Lebens. Die «moda punk» war zwar längst auch in jener Hemisphäre angelangt, ­allerdings nur bei der Oberschicht. Gemeint war damit ein Haarschnitt, der in etwa jenen Frisuren entspricht, die bei den Schweizer Bundesrätinnen heute beliebt sind. Die normalen Menschen hatten ganz andere Sorgen.

In Südamerika wurde mir bewusst, wie dekadent meine Generation doch war, wie wenig ich vom Leben wusste. Im Überfluss aufgewachsen, hatten wir nie gelernt, existenziell Notwen­diges von vielleicht Wünschbarem zu unterscheiden. Der Strom kam aus der Steckdose, das ­Essen von der Migros, das Geld vom Banco­maten – und wenn mal eine Quelle versiegte, sorgte das Sozialamt für Nachschub. Verzicht und ­Eigenverantwortung waren für meine Generation längst Fremdwörter.

Schlechter Abklatsch der 68er

Die allermeisten Erdbewohner leben aber nicht im Überfluss. Sie lernen von klein auf, dass der Mensch von Natur aus ziemlich egoistisch und bisweilen recht bösartig ist; dass man daher sein Territorium besser eingrenzt und seinen Besitz schützt, weil sonst ein anderer kommt und ­einem alles wegnimmt; dass in schwierigen Zeiten ein Lebenspartner und eine Familie, auf die man sich verlassen kann, von existenzieller Bedeutung sind; dass man vorsorgen muss, auch für die Kinder, ohne die es kein Weiterleben gibt; dass ein Mensch, der seine Herkunft vergisst, verloren ist und keine Zukunft hat.

Ohne diese Auslanderfahrung wäre es mir mutmasslich ergangen wie den meisten meiner bewegten Freunde. Ich wäre vielleicht ein paar Jahre in der Szene herumgezogen, vielleicht hätte ich studiert, vielleicht wäre ich auch auf dem Platzspitz gestrandet. Mehr als einer meiner damaligen Freunde hat den Heroin- und Kokain-Boom der 80er und 90er Jahre nicht überlebt. Andere haben den Rank gefunden, ­einige sogar Karriere gemacht. Dumm war keiner von ihnen, einige sind mir als liebe Freunde erhalten geblieben. Die eine oder andere Utopie wurde im ganz kleinen Rahmen sogar umgesetzt. Ich glaube nicht, dass sie alle unglücklich sind, aber ich weiss, dass die meisten ihr Leben ganz anders gestalten würden, wenn sie nochmals neu anfangen könnten.

Kein einziger meiner Freunde von damals lebt heute in einer intakten Familie mit Kindern und allem, was dazugehört. So grossartig sie ihre sozialen Utopien predigten, so unfähig waren sie, ihr Leben im Alltag, in guten wie in schlechten Zeiten, mit andern zu teilen. Womit wir beim vielleicht traurigsten Kapitel meiner Generation wären: dem gestörten Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Sofern man hier überhaupt noch von einer Mehrzahl sprechen mag. Die Männer haben sich derart verweiblicht und die Frauen derart vermännlicht, dass man den Unterschied kaum noch wahrnimmt.

Das war das Erste, was mir anlässlich meiner Heimkehr Mitte der 80er Jahre in der Schweiz auffiel: Statt Koketterie und Leidenschaft sah ich weit und breit nur Misstrauen, Verunsicherung und Desinteresse im Umgang zwischen den Geschlechtern. Die «Hodenbädeler», die sich im alternativen Kanzleizentrum trafen, stehen sinnbildlich für die Eunuchen, die meine Generation hervorbrachte. Die Technik galt damals als naturnahe und gendergerechte Verhütungsmethode: Indem sich die Männer ihr bestes Teil im heissen Wasser verbrühten, töteten sie ihre Spermien ab.

Ob die Methode funktioniert, weiss ich nicht. Das Bild der Selbstkastration war für mich abschreckend genug, um mich nicht weiter damit zu befassen. Vielleicht basierte die Verhütung auch darauf, dass es gar keinen Sex mehr gab. Ich kann mir jedenfalls schlecht vorstellen, dass diese Typen mit den weichgekochten ­Eiern, die auch mal gerne Röcke trugen und zweifellos nur im Sitzen pinkelten, erotisierend auf ­Frauen wirkten.

Die 1980er Jahre waren generell eine schlechte Zeit für das unbeschwerte Sexualleben und die Fortpflanzung. Unter dem Eindruck der HIV-Epidemie wurde sogar James Bond vor­übergehend enthaltsam. Die Damenbeziehungen des feinfühligen Timothy Dalton erschöpften sich weitgehend im tiefgründigen Schlaf-
zimmerblick, der eher zum Tiefschlaf als zum Beischlaf animierte. Das freizügige Rum­gebumse der 68er war Geschichte. Die 80er Jahre waren eine sterile Zeit.

Jede Generation erklärt die nächste. Ohne den Krieg mit seinen Trümmerfrauen hätte es keine Nachkriegsgeneration gegeben, die in den 50er und 60er Jahren mit Rock ’n’ Roll den neuen Wohlstand feierte. Ohne Wirtschaftswunder hätte es die 68er nicht gegeben, die im Überfluss mit neuen Lebens- und Gesellschaftsformen experimentierten. Bekanntlich scheiterte die Woodstock-Generation grossartig. Immerhin hat sie der Nachwelt ein paar künstlerische Werke hinterlassen. Die 80er Bewegung dagegen war nicht mehr als ein schlechter Abklatsch der 68er – eine verlorene Generation, die nichts Genuines erschaffen hat und sich mit dem Abfall vergangener Epochen begnügte.

Die Szene, in der ich mich als Teenager bewegte, lehnte sich stark an den Woodstock-
Mythos an. Eigentum und Diszi­plin waren des Teufels, und wenn ein Nebenbuhler sich an die momentane Freundin heranmachte, lud man diesen zu einem Joint oder zu einem Tässchen Chai ein, statt ihm die Faust zu zeigen (womit man auch das Risiko bannte, selber eins auf die Nuss zu kriegen). Das war natürlich alles bei den Hippies abgekupfert. Doch anders als den 68ern fehlte uns der echte Glaube an eine Neuordnung der Welt nach den kommunistischen Idealen, die wir mehr schlecht als recht auf Kosten anderer (meist der Eltern) lebten.

Das weltweite Scheitern des real existierenden Sozialismus etwelcher Ausprägung war in den 1980ern derart offenkundig, dass selbst tief gläubige, orthodoxe Marxisten verstummten. Doch wo der Glaube welkt, blüht die Esoterik. Statt auf etablierte Lehren setzte man nun auf Versatzstücke längst verflossener Kulturen, die jeder nach Bedarf neu erfinden und deuten durfte: Angebliche Weisheiten von Indianerhäuptlingen waren sehr beliebt oder etwa vermeintliche Sentenzen orientalischer Meister – Hauptsache, der Stoff war fremd und nicht überprüfbar. Und über allem stand das rousseausche Prinzip: Die Natur ist gut, der Mensch durch die Zivilisation verdorben.

Es war auch die Zeit, als die Political Correct­ness erfunden und der Realität übergeordnet wurde. Entscheidend war nur, wie die Dinge gemeint waren, wie sie wirklich waren, spielte keine Rolle. Die Grüne Partei ist ein typisches Produkt jener Generation. Misst man die Grünen an ihrem Wähleranteil, handelt es sich um eine Randgruppe. Welche Macht diese kleine Minderheit aber entwickeln kann, zeigte sich Ende der 1980er mit dem sogenannten Waldsterben. Bis tief in bürgerliche Kreise hinein herrschte damals die Doktrin, dass der Wald unmittelbar vor seinem Kollaps stehe und die Welt in eine Umweltkatastrophe fast unvorstellbaren Ausmasses schlittere. Wer Zweifel anmeldete, geriet in die soziale und politische Quarantäne.

Es kam anders, wie wir bald feststellen mussten. Das Waldsterben war ein medial inszenierter Massenwahn, bei dem die Wissenschaft eine besonders triste Rolle spielte. Doch statt schamvoll in sich zu gehen, entwarfen die grünen Vordenker 1992 am Umweltgipfel in Rio de Janeiro umgehend das nächste apokalyptische Szena­rium: die menschengemachte Klimaerwärmung. Bereits 1995 kam es zur ersten Uno-Klimakon­ferenz in Berlin. Die Lehren, welche die Klima­propheten aus dem Waldsterben zogen, waren rein strategischer Natur. Indem sie den Welt­untergang fünfzig Jahre in die Zukunft verschoben, umgingen sie die Gefahr, frühzeitig von der Realität widerlegt zu werden.

Das andere politische Markenzeichen meiner Generation war die nationale Selbstverleugnung. Tell, Morgarten, die alte Eidgenossenschaft, Marignano – alles Mumpitz, Lug und Trug. Napoleon wurde zum Gründer einer durch und durch korrupten Schweiz umgedeutet, die ohnehin bald in Europa aufgehen würde wie ein Stück Zucker im Tee. Während in der vormaligen Sowjetunion und in Jugoslawien ein neuer Nationalstaat nach dem anderen geboren wurde, feierten wir unbekümmert das Ende des Nationalstaates.

Hoffnung auf die neue Generation

Direkte Demokratie, Milizarmee, Laienpolitiker und Geschworene galten als Auslaufmodelle. Profis und Fachleute, so glaubte man, würden das unmündige Volk viel besser lenken. Während der 90er Jahre kippten die Selbstzweifel in offenen Selbsthass. «700 Jahre sind genug», «La Suisse n’existe pas», «Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt» – die viel­zitierten Sprüche aus jener Zeit erinnern nicht nur formal an die sauglatten Slogans der 80er Bewegung, sie sind auch inhaltlich durchdrungen von ihrem postmodernen anything goes.

Wenn wir die Schweizer Kultur- und Polit­szene heute anschauen, stellen wir fest: So wie die 68er Generation ihre Anliegen im Bildungs- und Sozialbereich weitgehend durchgesetzt hat, scheint auch die der 80er viele ihrer Ziele erreicht zu haben. Die Armee steht vor ihrer Auflösung, die Landesgrenzen wurden faktisch abgeschafft, das Bankgeheimnis ist pulverisiert, sogar den vom Volk mehrmals deutlich verworfenen Atomausstieg hat die Regierung von oben proklamiert. Und das alles konkordant, ohne grossartige Grundsatzdebatten.

Es ist schon erstaunlich: So ziemlich alles, was in diesem Land heilig, existenziell und unverrückbar schien, wurde innerhalb weniger Jahre locker über Bord geworfen. Wenn man sich die pitoyable geistige Grundlage dieser Umwälzungen vor Augen hält, könnte man ins Grübeln geraten.

Ich bin trotzdem optimistisch. Denn ich ­sehe eine neue, recht selbstbewusste Genera­tion her­anwachsen, welche die Welt viel realistischer und nüchterner, aber auch kritischer sieht als die meine. Wettbewerb, Leistung, Ordnung, Disziplin und messbare Erfolge haben bei vielen Jungen wieder einen Stellenwert. Aller päda­gogischen Gehirnwäsche zum Trotz pfeifen sie auf die Political Correctness und versuchen, die Dinge so zu begreifen, wie sie sind und nicht bloss ihrem Schein nach. Als positiver Einfluss hat das Internet das Meinungs- und Informationsmonopol der etablierten Medien, der Volksschulen und Bildungsinstitute gebrochen.

Zudem sehe ich eine Kleinkunst- und Co­medy-Szene aufkeimen, die ausserhalb des zu ­Tode subventionierten Kulturkuchens mit viel Fantasie und Kreativität das Publikum begeistert. Ehrgeizige Secondos haben neue Ideen, Perspektiven und etwas Kampfgeist in die behäbige Schweiz eingebracht. Die Renaissance der Fussball-Nati, die für ungeahnte patriotische Höhenflüge sorgt, ist ein gutes Omen. Deshalb meine ich: Die 80er Generation soll sich entweder anpassen – oder gleich abtreten und den 68ern ins Altersheim folgen. Sie ist überflüssiger denn je und stört nur noch.

  • Alex Baur ist Redaktor bei der Weltwoche, wo dieser Essay erstmals abgedruckt wurde. Die Publikation auf dieser Seit erfolgt mit seiner freundlichen Genehmigung.

3 Gedanken zu “Meine Generation, zum vergessen

  1. Pingback: Die 80er – eine Replik zum Essay von Alex Baur | Zur Lage…

  2. Die 1980er Bewegung war eine schweizerische (zürcherische) Variante der 1968, die hierzulande vergleichsweise schwach ausfiel. Es waren Dekadenzbewegungen, die immer wieder neue Formen annahmen: Pazifismus, Feminismus, Ökologie, Antiglobalisierung usw., ideologisch immer Kinder des Marxismus. Es fällt auf, dass diese Bewegungen aus Generationen hervorgingen, die nie harte Zeiten erlebt hatten – die 1968er wurden just nach dem 2. Weltkrieg geboren.

  3. Zutreffende Analyse der Jahre nach 68. Was fehlt ist der Aufruf, diese Fehlentwicklung auch heute noch aktiv zu bekämpfen.
    Mir half die Ansprache der Aktivisten in der Aula der Uni 1968, der ich als ETH Student folgte: „Genossen“ hiess es da, unterstützt durch Claqueure mit DDR-Schulung wurden wir aufgefordert den Staaat, wie gesagt, zu Gurkensalat zu verarbeiten, was bei mir den Schalter umlegte. Hautnah konnte ich danach die beschriebene Entwicklung verfolgen.
    Die damaligen Aktivisten stehen noch heute in den höchsten Ämter und es ist Zeit, diese und ihren Geist zu entfernen, denn sie haben uns nichts gebracht, als Rückschritt und Unsicherheit.
    Am Beispiel der Energietechnik ist für umweltengagierte Menschen klar, dass es für die Lösung des globalen Strombedarfs die Nutzung der Kernenergie bedarf. Die Politik soll die Rahmenbedingungen zu deren Nutzung formulieren und nicht die Technik aus ideologischen Gründen verbieten.

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