​Fake News versus Lügenpresse

Donald Trump erklärte den Medien den Krieg – und greift sie mit ihren eigenen Waffen an: zuspitzen, ausblenden, provozieren, polarisieren. Dummerweise hat Trump wenig zu verlieren, anders als seine Gegner. Von Alex Baur  

Als der Papst Anfang des letzten Jahrhunderts erstmals mit einem Dampfer den Atlantik überquerte, fuhr ihm ein Reporter der New York Post mit einem Schnellboot entgegen, um das erste Interview zu ergattern. „Werden Sie sich bei ihrem Besuch in Amerika auch um die gefallenen Mädchen in den Bordellen kümmern?“ fragt der Reporter den Heiligen Vater als erstes. Der Papst wich der heiklen Frage, so wie er es von einem Jesuiten gelernt hatte, mit einer Gegenfrage aus: „Ach, das wusste ich gar nicht – gibt es Bordelle hier?“ Worauf die New York Post am nächsten Morgen die Headline druckte: „Papst in Amerika – seine erste Frage: Gibt es Bordelle hier?“

Objektiv betrachtet hatte die New York Post faktengetreu berichtet. Doch dem unbefangenen Leser wurde etwas Falsches vorgegaukelt, man könnte auch sagen, eine glatte Lüge, eine besonders perfide sogar, weil sie schwer zu widerlegen ist. Lügenpresse halt. Die Geschichte um den Papst dagegen ist frei erfunden, sie hat nie stattgefunden. Fake News sagt man dem heute. Allerdings steckt in dieser Lüge mehr Wahrheit drin, als uns Journalisten lieb sein kann. Gerade amerikanische Journalisten sind wahre Meister im mutwilligen Verdrehen an sich unbestreitbarer Fakten und im Insinuieren von Trugschlüssen. Nur Dummköpfe erfinden Fakten, Schlaumeier unterschlagen sie.

Der Medienwirbel um den Präsidenten Donald Trump ist reich an Anschauungsmaterial in dieser Hinsicht. Nehmen wir als Beispiel die Geschichte um einen Reporter, über dessen körperliche Behinderung sich Trump öffentlich lustig gemacht haben soll. Die Schauspielerin Meryl Streep verhalf anlässlich der Verleihung des Golden Globe im letzten Januar der vermeintlichen Schandtat des Präsidenten zu globaler Beachtung. Unter Tränen nahm Streep Bezug auf die Affäre und rief in den Saal: „Wenn die Mächtigen ihre Position benutzen, um andere zu tyrannisieren, dann verlieren wir alle.“  Tosender Applaus, Fassungslosigkeit, Empörung. Streeps Rüffel an die Adresse des Rüppels schaffte es sogar auf die Titelseiten in der fernen Schweiz. Leider fragte sich kaum jemand, was an der Geschichte wirklich dran war – und ob sie überhaupt stimmte.

Tatsächlich ist die Geschichte ziemlich kompliziert, zu kompliziert für eine Schlagzeile, und vor allem auch ungeeignet. Das Ganze begann am 21. November 2015, als Trump im Zuge der Vorwahlen behauptete, in New Jersey hätten Araber vor Freude auf den Dächern getanzt, als die Twin Towers in Manhattan einstürzten. Die Washington Post warf Trump in einem „Faktencheck“ vor, diese Story erfunden zu haben. Pikanterweise berief sich Trump in der Folge auf einen Artikel des Reporters Serge Kovaleski, der am 18. September 2001 in der Washington Post von ebensolchen Jubel auf Jerseys Dächern über den Horror jenseits des Hudson River berichtet hatte.

Reporter Kovaleski relativierte darauf in einem TV-Interview seinen eigenen Bericht: Er habe sich auf Aussagen Dritter gestützt und könne sich „nicht daran erinnern“, dass ihm jemand gesagt hätte, es wären „Tausende oder Hunderte“ gewesen, die auf den Dächern getanzt hätten. Trump nahm den Ball auf und mokierte sich bei einer Wahlveranstaltung händeringend über das Rückzugsmanöver des Reporters. Er machte dabei spastische Faxen, die er immer wieder mal vorführt, wenn er einen Gegner verhöhnt. Im Fall von Kovaleski wurde ihm das besonders übel genommen. Denn der Reporter leidet an einer gut sichtbaren Missbildung an einem Arm, die man mit Trumps Faxen in Verbindung brachte – allerdings nur mit Tricks und viel bösem Willen. Doch an beidem mangelt es zurzeit wahrlich nicht.

Findige Journalisten schnitten flugs aus Donald Trumps Faxen-Spektakel ein Standbild heraus und stellten es einem Video-Ausschnitt gegenüber, auf dem Kovaleskis verkrüppelter Arm deutlich zu sehen ist. Dabei entsteht der Eindruck, Trump äffe die körperliche Behinderung nach. Tatsächlich ist Kovaleski alles andere als ein Spastiker. Vergleicht man die beiden Videoaufzeichnung in ihrer vollen Länge, wird schnell klar: Trump machte sich lustig über das Lavieren des Journalisten, nicht über dessen Behinderung. Doch davon wurde kaum berichtet, jedenfalls nicht in den etablierten Medien. Wer sich selber ein Bild machen wollte, war auf Internet-Blogs angewiesen.

Stoff in dieser Währung bekommt die Weltöffentlichkeit zurzeit laufend vorgesetzt. Gezankt wird vornehmlich um Banalitäten und Halbwahrheiten, getrickst und geflunkert wird hüben wie drüben. Da wird etwa gestritten über Bilder von angeblich halbleeren Wiesen vor dem Weissen Haus bei der Inaugurations-Feier, die belegen sollen, wie unpopulär der neue Präsident doch sei. Trump-Anhänger behaupten, diese Bilder seien nicht während, sondern vor oder nach der Feier entstanden. Bilder von Krawallen sollen die Wut des Volkes über den Ausgang der Volkswahl untermauern, für viele zeigen sie aber bloss schlechte Verlierer, die sich über die Regeln der Demokratie hinwegsetzen.

Das Aussergewöhnliche an Trump ist: Wo Normalpolitiker die Deckung suchen, geht er sofort zum Gegenangriff über und legt gleich noch einen drauf. Dabei bedient er sich klassischer journalistischer Mittel: zuspitzen, ausblenden, insinuieren, verkürzen provozieren, polarisieren. Mit atemberaubender Kaltschnäuzigkeit und Virtuosität spielt er auf der Klaviatur der Massenmedien. Fake News versus Lügenpresse. So gewann er nicht nur die Wahlen, so bestimmt er bis heute die Agenda.

Schaut man sich Trumps Provokationen etwas genauer an, ist viel heisse Luft drin. Da sorgt er etwa mit der Mauer an der mexikanischen Grenze für rote Köpfe. Tatsache ist: dieser Schutzwall ist an den neuralgischen Punkten längst gebaut – wie jeder weiss, der diese Grenze mal überquerte – und er wurde auch unter Obama ständig ausgebaut. Schon Bill Clinton hatte versprochen, kriminelle Immigranten gnadenlos auszuschaffen, ob Trump das nun gelingt, wird man sehen. 

Nicht einmal die Einreisebeschränkungen für Migranten aus muslimischen Krisengebieten sind wirklich neu. Trump hat bloss einen Zacken zugelegt – und wurde prompt von der Justiz ausgebremst, was zu erwarten und wohl auch einkalkuliert war. Und wenn er die USA zur führenden Atommacht erklärt, muss man sich fragen, ob es denn je ein anderes Ziel gegeben hat. Trump laviert um die Folter, als ob dies etwas Neues wäre im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Trump schliesst Journalisten von Pressekonferenzen aus, doch das haben schon seine Vorgänger getan. In Anbetracht der 5000 Medienschaffenden, die in Washington akkreditiert sind, ist der direkte Zugang zum „inner circle“ seit Menschengedenken einem handverlesener Kreis von Auserwählten vorbehalten.

Was immer Trump auch tut, der hysterische mediale Aufschrei ist so sicher wie das Amen in der Kirche, ebenso sein Gegenschlag. Die Halbwertszeit dürfte allerdings gering sein. Es ist wie bei einem spektakulären Crash: Jeder schaut automatisch hin, man wendet sich aber auch schnell wieder ab. Die Frage ist nur: Wer wird am Ende als Sieger aus dieser medialen Schlacht hervorgehen?

Vor ein paar Jahren noch hätte es sich kein Präsident auf die Dauer leisten können, gegen die geballte Medienmacht zu regieren. Doch die Zeiten haben sich geändert. Trump braucht die Medien nicht mehr unbedingt, er kann direkt via Twitter mit dem Volk kommunizieren, seine Anhänger haben eigene Blogs und Kanäle. Gut möglich, dass wir in diesen Tagen das letzte Aufbäumen einer untergehenden Journalisten-Kaste erleben. Das Informationsmonopol haben sie jedenfalls längst verloren. 

Die Wahrheit ist stets das erste Opfer in jedem Krieg. Die Schlacht um Trump hat beide Seiten an Glaubwürdigkeit gekostet. Doch den Präsidenten kümmert das nicht gross. Worte sind flüchtig, man wird ihn an seinen Taten messen. Anders liegen die Dinge für Journalisten. Unsere Macht erschöpft sich im Wort, die Glaubwürdigkeit ist unser einziges Kapital. Trump ist in spätestens acht Jahren Geschichte. Die Kardinalfrage ist, ob es dann auch noch eine Presse im heutigen Sinne gibt.

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