Kritik an Griechenland, einmal anders

pirmin meierPirmin Meier

Am 8. Juli 2015 hielt der ehemalige belgische Premier und derzeitige Europa-Abgeordnete Guy Verhofstadt in Anwesenheit des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras eine Aufsehen erregende frei gehaltene Rede über die Missstände in Griechenland, die mutmasslich in die Parlamentsgeschichte eingehen wird. Seit Mirabeaus Auftritt im Ballsaal von Versailles hat es nur selten jeweils solche parlamentarische Auftritte gegeben. Verhofstadt präsentierte sich insofern als klassischer Liberaler, als er sich nicht scheute, vielleicht erstmals im Europäischen Parlament überhaupt, das Tabuthema Kirche aufzugreifen. Dies ist insofern bedeutsam, als die Griechisch-Orthodoxe Kirche sowohl zur Zeit der Monarchie als auch in der unrühmlichen Epoche der Militärdiktatur (1967 – 1974) wie zuletzt unter dem ultralinken Regime von Syriza je über einen speziellen „Denkmalschutz“ verfügte. Der vorliegende Beitrag zeigt, wie unentbehrlich in der Schweiz eigentlich der Kulturkampf des 19. Jahrhunderts war. Trotz Schattenseiten und Übereifer auf beiden Seiten. Der Kulturkampf als Engagement für die Säkularisierung institutionalisierter Religion brachte nicht nur, was bekannt ist, die bürgerliche Gleichstellung der Juden (1866), sondern zum Beispiel auch die Zivilehe, und zwar schon 1875. Zum Vergleich: In Spanien 1982, in Griechenland sogar erst im Dezember 2015 eingeführt, erst noch mit Zugeständnissen an die Orthodoxe Kirche. Unser Beitrag erfolgt aus Anlass des Todes von Stylianos Pattakos (1912 – 2016), welcher der eigentliche „starke Mann“ der griechischen Diktatur war, zumindest der einzige, der wegen seines populistischen Auftretens eine gewisse Volkstümlichkeit erlangte.

Stylianos Pattakos war im Putschkabinett von 1967 griechischer Innenminister, später stellvertretender Ministerpräsident. Er setzte sich noch vor dem Sturz des Regimes 1973 von demselben ab, entging aber nicht der Verurteilung wegen Hochverrat.

„Zito i Epanastasis“ – Es lebe die Revolution! war landesweit auf Plakaten zu lesen, als ich mich 1969 mit Mitstudenten im damals verfemten Griechenland erkundigte. Eine Revolution ohne Revolutionäre. Um Andreas Papandreou zu verhindern, der eine Volksfront mit Kommunisten nicht ausschloss, hatten „Obristen“ am 21. April 1967 die Demokratie gekappt. Uncharismatische, oft brutale, der Folter zugeneigte Militärs. Angeblich eine Diktatur der Regierung gegen eine Diktatur der Empörung, wie auch in Spanien das autoritäre System gerechtfertigt wurde. Weil Kalter Krieg herrschte, stand die NATO zu ihrem Mitglied Gewehr bei Fuss. Eine auf dem Lande noch populäre Figur war Brigadegeneral Pattakos. Eine zum Beispiel Kleinbauern entgegenkommende Sozial- und Mittelstandspolitik stellte nicht den Tiefpunkt der Landesgeschichte dar. Für Schauspielerin Melina Mercouri, die Pattakos ausbürgerte, war er ein geborener Faschist. De facto ein christlichsozialer autoritärer Ordnungspolitiker wie vor ihm in Portugal Oliveira Salazar. Nebst dem Feindbild Türkei bekämpfte er den Minirock, dazu lange Haare mit Bärten, was nur im Ordensgewand zulässig war.

Mit Syriza-Politiker Alexis Tsipras, einem erklärten Atheisten, hatte Pattakos gemeinsam, dass Übergriffe auf Privilegien der orthodoxen Kirche Tabu waren. Europas Meisterredner Guy Verhofstadt hat dies 2015 im Europäischen Parlament als Kontinuum der griechischen Politik gegeisselt. Die Episode des griechischen Obristenregimes, 1974 durch Karamanlis abgelöst, bleibt denkwürdig. Nach dem Militärputsch in Athen stellten Kalte Krieger die Frage, ob Italien als nächstes Land in Europa auf diese Weise vor dem Kommunismus zu „retten“ sei. Pattakos, zunächst wie Pappadopoulos und noch andere zum Tode verurteilt, dann zu Zuchthaus begnadigt, war ab 1990 wieder ein freier Mann. Das Fossil der Rechtsdiktatur starb am 8. Oktober in Athen einen Monat vor seinem 104. Geburtstag. Die „gute Meinung“, Griechenland in die Europäische Union und in den Euro-Raum aufzunehmen, hängt auch damit zusammen, dass die Europäische Union die Möglichkeit einer Diktatur auf dem westeurasischen Kontinent ein für allemal ausschalten wollte. Wie die Bemühungen um den Anschluss der Türkei zeigen, ist dies kein leichtes Unterfangen. Griechenland wird es aus historischen Gründen, die Pattakos mit repräsentierte, recht sein, dass die Türkei noch lange nicht „dabei“ sein wird. Es bleibt durchaus richtig und sinnvoll, das wenig ruhmvolle Andenken der Diktatur nicht aus dem Gedächtnis zu eliminieren Was Pattakos betraf, so war er um populistische Sprüche so wenig verlegen wie zu seiner Zeit Präsident Nixons damaliger Vizepräsident Spiro Agnew, der nur dank einer Steueraffäre dann doch nicht als Nachfolger des gestürzten Nixon Präsident der Vereinigten Staaten wurde. Diese Geschichten hängen direkt und indirekt alle mit dem Kalten Krieg zusammen, ohne den Griechenland wohl nie in den Status einer Diktatur hätte zurückfallen können.

Ganz ungeschoren blieb die Orthodoxe Kirche von Griechenland weder unter der Militärdiktatur noch in letzter Zeit unter dem linkssozialistischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras. Spannend ist, dass Tsipras im Dezember 2015 die Zivilehe einführte, natürlich mit Konzessionen an die Kirche, womit das im Schweizer Kulturkampf am 23. Mai 1875 errungene Niveau knapp erreicht wurde. Im Gegensatz zu Griechenland wurde dies in der Schweiz durch eine Volksabstimmung bestätigt, und zwar extrem knapp, mit einer Stimmendifferenz von etwa 6000 Bürgern.

Innenminister Pattakos hat 1967 im Rahmen des Staatskirchenrechts, vergleichbar mit österreichischen Verhältnissen zur Zeit von Kaiser Joseph II. und Metternich, einige dem damaligen Regime dienliche Reformen durchgesetzt: So wurde für die Bischöfe eine Altersgrenze von 80 Jahren eingeführt. Natürlich nicht um die Kirche zu erneuern, sondern um den Patriarchen Christophoros, der 87 Jahre alt war und Regimegegner, auszuschalten. Ausserdem wurde die Zahl der Mitglieder der Synode reduziert, welche Massnahme ebenfalls eine aus der Sicht von Pattakos nötige Säuberung dieses Gremiums legalisierte. Was Pattakos machte, war klassische Staatskirchenrechtspolitik, wie sie auch zur Zeit des Kulturkampfes in den Kantonen Aargau und Solothurn betrieben wurde. Jedoch in Griechenland ohne Klosteraufhebungen und dergleichen. Es galt, die Kirche als Machtfaktor zu erhalten. Die Allianz von Thron und Altar, bzw. Regime und Kirche wurde nicht nur beibehalten, sondern durch technisch durchaus vernünftige Reformen für weitere Generationen sichergestellt, was die gegenwärtige Politik beweist. Sowohl in monarchischen, diktatorischen und demokratischen Systemen wird Kirchenpolitik betrieben, und zwar in der Regel stets im systemstabilisierenden Sinn. Der Verfasser dieser Studie ist bekannt dafür, dass er seit seiner Zeit als aargauischer Verfassungsrat für die Trennung von Kirche und Staat eintrat. Diese Frage wird in seinem neuen Buch „Kulturkampf 1841 – 2016“, verfasst zusammen mit Altnationalrat Josef Lang, mit erörtert. Das Buch wird am 2. November um 19 Uhr in der FHNW (Fachhochschule Nordwestschweiz) in Windisch vorgestellt, durch den in Sachen historische Publikationen verdienten Verlag „hier+jetzt“.

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