Vertrauen in die Denkungsart des Feindes?

Pirmin Meier pirmin meier

Objektiv war das Lastwagen-Attentat in Nizza mit seinen 84 oder mehr Opfern schlimmer als die mit schweren Blutopfern verbundene Beil- oder Axtattacke eines jungen aber nicht jugendlichen Dschihadisten im Zug von Würzburg. Für das aus schlechtem Gewissen genährte System der offenen Grenzen und der Akzeptanz von Angaben über die Identität papierloser Asylbewerber deutet jedoch „Würzburg“ auf ein Ende der Unschuld hin. Die moralische Legitimation einer „Willkommenskultur“ für Papierlose ist zu Ende. Ein System, das ohne systematisches Lügen nicht auskommt, kann nicht den Anspruch erheben, einer humanitären Tradition verpflichtet zu sein. Die Berichterstattung über den Fall genügte noch in den ersten 48 Stunden nach dem Ereignis selbst in bedeutenden Medien nicht einmal den elementarsten Regeln eines kritischen Journalismus. Angaben über das Alter und die Herkunft des blutrünstigen Täters wurden ohne das sonst obligatorische „mutmasslich“ reportiert. Dass er Terrorist war und Islamist, galt als „mutmasslich“; nicht jedoch sein Alter und seine Herkunft aus Afghanistan, bekanntlich neben Syrien eine der in Schlepperkreisen bestempfohlenenen „Heimadressen“.

Altersangaben von Bartträgern aufgrund eigener Angaben als „minderjährig“ oder „17jährig“ sowie unkontrollierte Hinweise auf deren psychischen Zustand („Depressionen“) oder gar die Verwendung von quasseligen Begriffen wie „Integration“ sind in erster Linie als Nachrichten über die Berichterstatter von Quellenwert. Einerseits wird so die Tendenz oder andererseits die Qualifikation der Schreibenden transparent gemacht. Es sei denn, der Journalist verweise auf den zureichenden Grund solcher Angaben. In Deutschland ist es für das Flüchtlingsgeschäft von enormer Bedeutung, ob ein junger Mann als unter 16jährig durchgeht oder ob er allenfalls schon 21 ist. Für die begehrte Luxuskategorie „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ gelten in Deutschland die strengen Vorgaben des Jugendhilfegesetzes. Gemeinden sind verpflichtet, für die entsprechende Betreuung bis 60 000 Euro jährlich auszugeben, wobei weitere Kosten für Fachkräfte nicht inbegriffen sind, zum Beispiel Sozialpädagogen, auch Dolmetscher, denen es jedoch nicht zuzumuten ist, einen Flüchtling aus Ostafghanistan von einem Pakistani gemäss seiner Mundart zu unterscheiden. Mit zum Flüchtlingsgeschäft gehören Anwaltskosten, die ihrerseits wegen Sprachproblemen noch umso höher ausfallen können und nur sehr bedingt der Wahrheitsfindung dienen. Über Herkunft, Alter und Hintergründe solcher Asylbewerber gibt es in diesem Sinn keinerlei Garantie. Über diese also im Prinzip nicht verwendbaren Informationen hinaus war im Zusammenhang mit Nizza und Würzburg notorisch von Depressionen und Traumatisierungen die Rede. Solche lassen sich sogar in Biographien von Naziverbrechern problemlos nachweisen, so bei Hitlerstellvertreter Rudolf Hess oder beim Generalgouverneur in Polen, Hans Frank. Das Entlastungspotential dieser Krankengeschichten hat sich aus begreiflichen Gründen in Grenzen gehalten. Aus Opfersicht sind solche Erläuterungen eine Zumutung.

Nicht zu vergessen bleibt in der islamischen Terroristenszene, dass die entsprechenden Personen in ihrer Heimat weder als minderjährig gelten noch als nicht kombattant. In der wenig zivilisierten alpinen christlichen Schweiz des15. Jahrhunderts und noch später standen Kämpfer ab 14 Jahren im Einsatz. Gemäss dem Pfaffenbrief und dem Sempacherbrief war es diesen Kriegern immerhin verboten, Frauen zu vergewaltigen und Heiligtümer zu plündern, was vor allem darauf hinweist, dass solche Sachen vorkamen. Was die Traumatisierung durch Grausamkeiten betrifft, so ist aus kulturgeschichtlichen Gründen ein Urteil schwer möglich. Eine Sozialpädagogin des 21. Jahrhunderts ist auf diesem Gebiet in der Regel weniger abgehärtet als dies bei einem Krieger des Spätmittelalters vorauszusetzen war. Dies gilt wohl analog für einen jungen IS-Kämpfer unserer Zeit. Der Glaube, eine im Gebrauch und Missbrauch stärksten Kräfte im Menschen, kann, wie Paulus im Korintherbrief es bildlich ausdrückte, buchstäblich Berge versetzen. Menschen mit solchen Voraussetzungen kennen zwar durchaus Depressionen und Anfechtungen, aber nicht vergleichbar mit denjenigen von herkömmlichen Patienten. Die terroristische Todesssehnsucht kann sich auf eine religiöse Sicherheit berufen. Insofern macht die leichtfertige Verwendung des Begriffs „Depressionen“ als Tathintergrund den Eindruck von allerunterster Schublade, einem schäbigen Vorwand. Es läuft auf die grundlose Verhöhnung hinaus von Millionen argloser Patienten mit Depressionen; zumal solchen, die tatsächlich Opfer gesellschaftlicher, familiärer und generell systemischer Verhältnisse sind.

Die Hauptsache aber, die der Fall „Würzburg“ an den Tag gebracht hat, ist die Nichteinhaltung elementarer Regeln, die Ethik des Asyls betreffend. Beliebige Einwanderung von kulturfremden Namens- und Papierlosen, welche mit Anspruch auf dauerhaften Aufenthalt in ein Land kommen, hat nichts mit dem „heiligen Asylrecht“ zu tun, welches der Schweizer Philosoph Ignaz Paul Vital Troxler (1780 – 1866) 1833 als „die Blüthe unserer Neutralität“ ausrief: ein Hauptargument für Freiheit, Unabhängigkeit und Souveränität der Schweiz. Es bedeutete: Wir sind souverän in der Frage, wen wir als Asylanten aufnehmen, auch wenn es den Franzosen, den Preussen oder allenfalls den Russen nicht passt. Das Asylrecht bedeutete auch eine Unterhaltspflicht für einige Monate. Um dieselbe wurde im Zusammenhang mit den Polen um 1833 und 1834 heftig gestritten, so im aargauischen Grossen Rat, dem der Philosoph Troxler damals angehörte. Nach heftiger Debatte wurde den polnischen Asylanten ein Betrag von Fr. 1000.- gutgesprochen. Aargauischer Bestandteil der insgesamt 30 000 Franken, welche für die Invasion der polnischen Asylanten von den Schweizer Kantonen damals gutgesprochen wurden. Gratis war das Asylrecht auch damals nicht zu praktizieren. Was jüdische Asylanten zur Zeit des Zweiten Weltkrieges betrifft, war das Selberbezahlen des Asyls mehr die Regel als die Ausnahme. So jedenfalls hat es mir meine Vertrauensperson, der Schriftsteller und Uebersetzer Edwin Maria Landau (1904 – 2000), mehrfach erzählt. Die Härte der damaligen Zeit im Vergleich zu den Verhältnissen heute erinnert an das logische Axiom, wonach das Gegenteil des Falschen leider noch lange nicht das Richtige ist.

Die Erinnerung an das Unrecht, das jüdischen Asylbewerbern zur Zeit des 2. Weltkrieges widerfahren ist, eignet sich nicht zur Parallelisierung heutiger Vorgänge. Klar war jedoch, dass die Souveränität über die Grenzen und die Nichtbeliebigkeit der Einreise eine Haupteigenschaft eines Staates ist, der diesen Namen verdient. In dieser Hinsicht wäre vom Staat Israel von heute einiges zu lernen; ohne gleich behaupten zu müssen, es herrsche dort in vorbildlicher Weise Recht und Gerechtigkeit.

Zu den wichtigsten Lehren, die man in Israel aus der Geschichte gezogen hat, gehört die Einsicht in die Falschheit der Utopie vom Ewigen Frieden, an welche noch der deutsche Philosoph Immanuel Kant als Bedingung des Zusammenlebens der Menschen geglaubt hat. Ein Hauptbestandteil dieses Dogmas war nach Kant das sogenannte „Vertrauen in die Denkungsart des Feindes“. Dieses Vertrauen beruht auf einem Irrtum über die Natur des Menschen, der entgegen einer Auffassung von Rousseau nicht schon „von Natur aus gut“ ist. Dies hat auch Kant im Prinzip gewusst, insofern er an anderer Stelle seiner Ethik das „elementar Böse“ keineswegs unterschlägt. Auf der Basis aber des „Vertrauens in die Denkungsart des Feindes“ ist in keinem Land Sicherheit zu gewährleisten. In dieser Hinsicht waren „Nizza“ und „Würzburg“ Lektionen, die nicht so schnell vergessen werden sollten.

Klar ist, dass mit einfachen politischen Lösungen die anstehenden Probleme nicht gemeistert werden. Insofern setze ich, über die Mobilisierung von Druck hinaus, kaum Hoffnungen etwa auf die Alternative für Deutschland in unserem nördlichen Nachbarland. International schon gar nicht auf den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Dem vielgeschmähten Populismus möchte ich aber dennoch keine pauschale Absage erteilen. Gemäss Karl Popper, den persönlich kennenzulernen ich noch das Vergnügen hatte, weiss das Wahlvolk zwar schwerlich, was richtig ist. Am ehesten ist es Experte für das eindeutig Falsche, dasjenige, was es auf keinen Fall möchte, selbst wenn Experten anderer Meinung sind. Zum Denken Anlass gibt der Befund, dass bei der Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit im Krisenfall für die Sicherheit votiert wird. Es ist dies eine Grundregel der Staatspolitik. Wenn die Mafia für die Sicherheit des Gemüseladens besser garantieren kann als der Staat, dann bezahlt der Gemüsehändler halt der Mafia die Steuer oder zumindest das Schutzgeld. In diesem Sinn sind die europäischen Rechtsstaaten wie auch der Sozialstaat heute wie selten gefordert.

Der Titel „Vertrauen in die Denkungsart des Feindes“, einen philosophischen Irrtum Kant betreffend, bedeutet wiederum keine pauschale Feinderklärung alles Fremden und Unbekannten. Es genügt, dass die Möglichkeit des unbekannten Feindes nie auszuschliessen ist, im Einzelfall, wie die Geschichte des Terrorismus beweist, konkret einzuschliessen, will man politische Macht mit Verantwortung verbinden.

 

15 Gedanken zu “Vertrauen in die Denkungsart des Feindes?

  1. „Schon gar nicht setze ich auf den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump“, schrieb ich im Juli, auch enttäuscht darüber, dass mir dieser Kandidat, übrigens ein Keynesist und kein klassischer Republikaner, gar nicht valabel erschien. Jetzt, da er gewählt ist, lässt er vom Einreiseverbot für Muslime, seinem Schnellschuss aus dem Juli, nichts mehr hören, und selbst den Klimawandel anerkennt er so, wie diejenigen, die es lustlos tun, ebenfalls handhaben. Usw. Ich schrieb heute im Blog der Basler Zeitung: Trump hat kein Fettnäpfchen ausgelassen, nur dem Antisemitismus hat er nicht zugedient. Dass einige rechtsextreme Idioten dann den Hitlergruss nach ihm ausstreckten, davon hat er sich übrigens unverzüglich distanziert.

  2. Die tatsächlich psychisch kranken Menschen werden sich bedanken, wenn jeder Terrorist als psychisch krank bezeichnet wird. Damit werden diese „echt“ Kranke diskreditiert Und die Terroristen, sofern sie ihre Attentate überleben, natürlich auf unsere Kosten therapiert! Verkehrte Welt.

    • @Frau Plüss. Kann Ihnen nur recht geben, betonte dies auch im Hauptkommentar. Zwischenzeitlich ist nicht nur „München“ passiert, auch „Reutlingen“ und „Ansbach“, wobei der dortige kriminelle syrische Asylbewerber ebenfalls in psychiatrischer Behandlung war. Aufgrund sprachlicher und kultureller Probleme kommt eine solche „Behandlung“ nicht nur teuer zu stehen, sie hat auch extrem niedrige Erfolgsaussichten. Dass potentielle Selbstmordattentäter mit Sprengstoff zum Beispiel durch Psychopharmaka eingedämmt werden können, ist aufgrund von elementarem gesundem Menschenverstand (man muss dafür nicht Experte sein) auf Dauer auszuschliessen. Im übrigen sollten wir uns vorschneller Spekulationen über die verschiedenen Täterschaften enthalten. Das einzige, das sicher ist, ist, dass Deutschlands Politik der letzten zwei Jahre falsch war. Schlagworte wie „Willkommenskultur“ und „Vielfalt“ nimmt niemand mehr ernst. Dabei bleibt es aber zutiefst plump, wenn in österreichischen Blogs jetzt zur Wahl Hofers aufgerufen wird und in Deutschland ein AfD-Politiker twitterte, dies alles wäre nicht passiert, wenn sie „an der Macht“ wären. Solche Aussagen und Versprechen sind schlicht verantwortungslos, verhindern ein vernünftiges und notwendiges politisches Umdenken eher als dass sie es fördern.

  3. Zu den Sonntagszeitungen. Dass man beim Täter in München ein Buch über Amoklauf gefunden hat, wofür einer der Autoren heute in der Schweizer Boulevardzeitung Werbung macht, ist zwar interessant und durchaus ein Indiz, aber kein Argument, dass jede dort geschriebene Zeile einen Einfluss auf die Tat habe und dass etwa Columbine usw. die Vorbilder gewesen seien. Ferndiagnosen sind in keiner Weise hilfreich. Und die Aussage, die Täter seien kaputte Typen, kann man auch ohne ein Buch machen, wobei der Befund „kaputte Typen“ die Hintergründe bei weitem nicht ausreichend erklärt.

  4. „……ist das eine, wie es aber zusammenhängt, ….“ Da kann ich schon unterscheiden.

    Wenn dieser Gutjahr in der Welt herumreist, ist er ja ein richtiger Goldjunge, immer zur rechten Zeit am rechten Ort zu erscheinen. Aber ich will das mal so stehen lassen.
    Ich habe mal ein Video von ihm gesehen. Mir ist der Mann nicht besonders sympathisch.

    Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber all diese terroristischen Anschläge werden gesteuert und zwar bewusst. Vor allem will man uns Angst einjagen, um so schneller an seine Ziele zu gelangen. Fragen Sie mich bitte jetzt nicht welches Ziel, aber ich denke dabei an einen völligen Zusammenbruch unserer Gesellschaft, sozial, sowie wirtschaftlich.

    Wir sind ja schon auf dem besten Wege und die nächsten Jahre werden die Erkenntnisse klar zu Tage legen.

    Den 2. französischen Anschlag habe ich im April für das gleiche Jahr 2015 vorausgesagt. Dann den nächsten für Deutschland . Ich dachte an Berlin. Na bitte – ob Berlin oder München. Was spielt das für einen Rolle?
    Ich habe dies auch mehreren Politikern gegenüber geäußert.
    Mit Mutter Teresa , Verzeihung, kann ich gar nichts anfangen. Aber ich akzeptier jede Meinung.

  5. Ja, vor allem der Hinduismus mit seiner Wiedergeburt und mit dem besondereren Karma, wenn man dann noch an besonderen Ort, wie der Stadt Varanasi verbrannt wird.
    Je ärmer das Volk, desto größer die Verdummung durch ihre Religionen, in diesem Fall dem Hinduismus, von dem es ja tausende von Formen geben soll. Ich lese gerade ein Buch über den medizinischen Tourismus in Indien, der ist mit Geschäftemacherei, Korruption und sogar der Religion auf engste verknüpft.
    Einfach grauenhaft. Hier das Luxuskrankenhaus – auf der anderen Straßenseite die Löcher für die Armen. Ich kann nicht nachvollziehen, mich als Tourist dran zu „ergötzen. “

    Weder bei Spiegel noch bei „Der Zeit“ hat es je eine“ journalistische Unschuld“ gegeben.
    Sie haben früher nur etwas seriöser über die Geschehnisse berichtet, aber schon immer versucht, die Ereignisse für sich zurechtzurücken.
    Inzwischen kann man keine Zeitungen mehr lesen. Ich versuche, mich an der Quelle schlau zu machen.

    Erst kürzlich „Die Zeit“ :“Die Rechtspopulisten sind verantwortlich für den Brexit.“ Na so what
    Der gesamte Medienbereich ist inzwischen versucht.
    Dazu hat Wolfgang Hermes ein Buch geschrieben.“ Die Gefallsüchtigen.“

    Ja und dieser Gutjahr war natürlich auch in München wieder zur Stelle, wie auch in Nizza, was in den Nachrichten nicht einmal erwähnt wurde.Was hat der Junge für’n Riecher, immer am richtigen Ort zu sein.

    Diese angeblich “ terroristischen Anschläge“ sind nicht ganz koscher und wer weiss, von wo aus sie gelenkt und ausgeheckt werden.

    Wenn Sie jetzt von einem eventuell depressiven Menschen in München sprechen, denke ich sofort an den Piloten, der eine Maschine über Frankreich um Absturz brachte.
    Der soll ja auch depressiv gewesen sein. Auch dieser Fall ist inzwischen „eingeschlafen“
    Aber ich traue der Sache ganz und gar nicht. Niemandem.

    Keine Ahnung, wer David Klein ist. War doch auch ein Musiker?

    • @corvusalbusberlin
      1) Ich kenne Richard Gutjahr und kann Ihnen sagen, er ist immer weltweit unterwegs. Kürzlich war er wieder hier in der Schweiz an einer Journalistentagung. Dass er jetzt in Nizza und dann in München war, ist nichts Ungewöhnliches.
      2) Welche Mächte vermuten Sie hinter den Anschlägen, die „nicht ganz koscher“ sein sollen?
      Beste Grüsse

      • @ Corvus Albus. Dass alles mit allem zusammenhängt, lieber weisser Rabe (corbus albus) aus Berlin, ist das eine, wie es aber zusammenhängt, doch ein ganz anderes. Es braucht keine Theorie von Hintermännern, wenn man auch nur einen herrschenden Zeitgeist richtig analysiert, dann läuft leider allzu viel von selbst, ohne Bedarf nach einem Verschwörungszentrum. Wahrscheinlich meinen Sie dies, da Sie schreiben, es sei was „nicht ganz koscher“ hinter den Anschlägen. Die Wortwahl ist in diesem Zusammenhang eher nicht glücklich.

        Dass der SPIEGEL schon bessere Zeiten hatte, bin ich mit Ihnen einig, wiewohl mein Vorwurf wegen „Ali-David“ in diesem Fall etwas voreilig war, da der Täter selber mit der Losung „Ich bin Deutscher!“ offenbar Mühe mit seinem Ali-Namen gehabt haben könnte. Dass übrigens jetzt ein Zusammenhang mit Breivik unterstellt wird, ist wiederum eine unverantwortliche Spekulation, liegt wohl nicht näher als der bestrittene IS-Hintergrund.

        Obwohl ich selber alles andere als ein Merkel-Anhänger bin, hat sie für mich in ihrer heutigen Kurzanalyse von Nizza, Würzburg und München einen durchaus wohlberatenen Eindruck gemacht. Fehlerlos wie zu ihren besten Zeiten. David Klein ist übrigens ein engagierter Mitarbeiter dieser Seite. Dass der SPIEGEL den Ali ausschliesslich „David“ nannte, hat mich auch seinetwegen empört. David Klein ist bekannt für seine Witterung betr. Antisemitismus und dass er berechtigte Kritik an islamischem Extremismus nicht damit verwechselt haben möchte.

        Wäre des SPIEGELS David S., wie es bei Kriminalberichterstattungen vorkommt, ein rein fiktiver Name für den Täter gewesen, wäre das vom Eindruck her gemeiner antisemitischer Sprachgebrauch gewesen. Im weiteren muss man wirklich noch die Untersuchungen abwarten. Was zum Beispiel morgen in den Sonntagszeitungen steht, kann wohl noch kaum zum Nennwert genommen werden. Auch wir auf diesem Blog müssen bei so heiklen Fragen dann und wann behutsamer argumentieren. Sicher aber scheint, dass es in Sachen Sicherheit enger wird und dass die einzelnen Länder wieder zum Beispiel von Israel lernen müssen, dass man letztlich die Sicherheit nicht delegieren kann, weder an die Vereinigten Staaten noch an die Europäische Union, wiewohl es ohne Zusammenarbeit auch wieder nicht geht.

  6. Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Nach dem Bibelspruch habe ich gesucht. Ich gehöre jedoch keiner organisierten Religion an und stehe allen diesen sehr skeptisch gegenüber. Nochmals vielen Dank.

    • DER SPIEGEL NENNT ZUR VERMEIDUNG VON ISLAMOPHOBIE DEN TÄTER VON MÜNCHEN DAVID!

      @corvusalbusberlin. Ihre Skepsis ist mehr als begreiflich. Würde man die Bibel und andere heilige Bücher jenseits von Fanatismus lesen, wäre wohl einiges an Substanz herauszuholen. Derzeit herrscht Aufatmen, wiewohl das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, dass der in Behandlung stehende Münchner Täter Ali Somboly, ein Name, der auf eine angesehene Iraner Familie verweist, wahrscheinich kein IS-Täter war. Und allenfalls tatsächlich ein Depressiver, wobei ich in meinem oben stehenden Artikel diese Art Patienten von pauschalen Verdächtigungen entlasten wollte. Gewiss kann der Befund der Depression allein ihn nicht zur Tat veranlasst haben, so wenig wie die Waffe, die ein zu allem entschlossener sich eh beschaffen kann.

      Sollte der junge Ali aber tatsächlich Leute per Facebook an den Tatort gelockt haben, wird „Depression“ auch nicht mehr als Ausrede gelten können. Noch was anderes: Der Spiegel hat, offensichtlich zur Vermeidung von Islamophobie, noch heute Samstag um 13 Uhr, als der Name Ali Somboly längst öffentlich war, den Täter D a v i d S. genannt. Die Ersetzung von Ali durch David ist als Mittel gegen Islamophobie auf hinterhältigste Art „gut gemeint“, weil sie nämlich „vergessen“ haben, dass vor 80 Jahren bei Julius Streichers „Stürmer“ Kriminelle „idealtypisch“ mit jüdischen Vornamen vorgestellt wurden. Ich bin gespannt, was mein schreibender junger Kollege David Klein über diese noch am 23. Juli 2016 vorgenommende Umbenennung von Ali in David kommentieren würde. Wäre nicht die Situation mit den neun Opfern absolut himmeltraurig, man müsste sagen, dass DER SPIEGEL seine journalistische Unschuld auf offenkundige Weise verloren hat, gesetzt den Fall, dass es dieselbe überhaupt jemals gab.

      • Noch zur Präzisierung: der Vorname David scheint keine reine Erfindung des „SPIEGEL“ zu sein, sondern vom Täter Ali Somboly selber genutzt worden zu sein. An einer Pressekonferenz war u.a. auch von einem Ali David Somboly die Rede. Klar scheint, dass die einseitige Verwendung von „David“ im Spiegel sicher nicht aus purer Unschuld erfolgte. Wahr ist auch, dass in diesem Fall im Verlauf der Untersuchung noch viel an den Tag kommen kann, wie in den Fällen „Würzburg“ und „Nizza“ auch. In allen drei Fällen wurde bis anhin ein depressiv-pathologischer Hintergrund auf eine Art und Weise betont, dass man den Verdacht, es handle sich um einen Vorwand, schwerlich von der Hand weisen kann.

    • Die Aussagen der Bibel über die Fremden können nicht pauschalisiert werden. Die in der Bibel vor allem im Alten Testament hochgehaltene Gastfreundschaft setzt jedoch totale Integrationsbereitschaft voraus, zum Beispiel das Einhalten der jüdischen Speisegesetze. Nur für den voll Assimilierten gilt die Gerechtigkeit. Andererseits gilt die Warnung bei Jesus Sirach 11,34: „Nimmst du einen Fremden auf, wird er alles durcheinander bringen, selbst auch in deiner eigenen Familie.“ Dieses für die Schweiz von 1848 charakteristische Zitat verwendete der radikalliberale Luzerner Revolutionär Jakob Robert Steiger (1801 – 1862) 1847 gegen den von einem eingebürgerten Deutschen (Konstantin Siegwart-Müller) angeführten Sonderbund. Generell fürchtete man damals eine Einmischung des Auslandes, weshalb die Schweizer Radikalliberalen, zwar gewiss nich Grosskapitalisten wie Escher, auf diesem Gebiet sehr misstrauisch waren. Dies wirkte sich zwar noch 1866 auf die Debatte der Einbürgerung der Juden aus, als sich der von mir in meinem Artikel zitierte Philosoph Troxler, 1833 ein verdienstvoller Pionier des Asylrechts, wie viele andere gegen den Handelsvertrag mit Frankreich wandte, welcher die Emanzipation der Juden zur Bedingung setzte. Der schweizerische Nationalismus des 19. Jahrhunderts geht zum Teil auf das Misstrauen gegen die Heilige Allianz zurück, ein 1815 beim Wiener Kongress geschlossenes antidemokratisches Bündnis der damaligen Monarchien, das zwar für eine Generation den Frieden gewährleistete, aber an Freiheit und Freiheiten nur bedingt interessiert war. Und noch von 1848 bis 1866 waren im schweizerischen Bundesstaat nur Christen vollberechtigt.

      PS. Im Sinne der Losung „Liberal, was sonst?“ würde ich im Allgemeinen vor Bibelzitaten zur Lösung politischer Probleme warnen. Von heutigen Pfarrern und Kirchenvertretern wird übrigens die Bibel regelmässig höchst einseitig zitiert unter bewusster Ausklammerung des Ungemütlichen. Auch neigt man dazu, brutale Stellen durch zensurierende Übersetzung zu entschärfen. Wahr bleibt, dass Bibelstellen, die als Hassbotschaften verwendet werden können, regelmässig auf damalige historische Situationen zurückgeführt werden können. Wie weit das beim Koran auch der Fall ist, der klar noch stärker feindibildorientiert ist, möchte ich hier offen lassen. Selber plädierte ich noch 1989 in einer Studie über Fundamentalismus für einen „Irenismus“ zwischen Christentum, Islam und Judentum, gemeint: Jeder soll beim andern zuerst das Positive sehen. Der Irenismus muss jedoch dort aufhören, das ist meine heutige Auffassung, wo die Selbsttäuschung beginnt.

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