Küchenpsychologie eines Neiders

© Die Weltwoche; 23.06.2016; Ausgabe-Nr. 25; Seite 59 wp-1466690977967.jpg

Dass Roger Schawinski über Narzissten schreibt und mit diesem Wort andere Menschen meint, ist Satire auf höchstem Niveau. Was er in dem Buch über mich behauptet, ist weitgehend falsch. Von Jörg Kachelmann

Roger Schawinski hat recht. Ich weiss nicht, ob das schon zur Hybris reicht, aber ich habe mich ihm schon nach kurzer Zeit überlegen gefühlt, auch als junger freier Mitarbeiter, zuständig nur für Wettervorhersagen.

Jede Begegnung mit Schawinski nach einer Sendung war anstrengend – was sich bis heute nicht verändert hat für alle, die ihm über den Weg laufen: «Wie bin i gsii?» Roger Schawinski hätte im englischsprachigen Raum nichts werden können. Jemand, der nie «how are you?», aber stattdessen immer «how was I?» fragt, würde dort in der Schublade für die Kurligen landen. Mir hat es immer leidgetan, sein stetes Bedürfnis, bestätigt zu bekommen, dass er der «Sibesiech» ist, der das Radio in der Schweiz und so viele Dinge mehr erfunden hat. Ich brauchte keinen Parkplatz mit meinen Initialen und kein dickes Haus «in Züri». Wozu auch?

Auch bei der alljährlichen Verhandlung über das Honorar tat mir Roger Schwawinski jeweils leid. Es war ein stundenlanges Feilschen um wenige Franken, es war ihm wichtig, dass mehr Leistung weniger kostet, den anwesenden Mitarbeitern war das periodische Schauspiel sichtlich unangenehm. Ich hatte immer einen Bruchteil des Geldes von Roger Schawinski – vielleicht auch deshalb, weil es in meinem Unternehmen immer okay war, dass Menschen und Lieferanten mit der Zeit mehr Geld bekamen, sofern dieses vorhanden und verdient war.

Schawinski und ich haben uns nur ein einziges Mal privat gesehen, ich war mit allen Radiomitarbeitern an eine private Feier in seinem Garten eingeladen, wir hatten oft jahrelang keinen Kontakt. Umso verwunderlicher, dass er sich nach den Ereignissen von 2010 plötzlich als «Freund von Kachelmann» bezeichnete und abseitiges küchenpsychologisches Wissen über mich absonderte – um sich auf diesem Weg erfolgreich in deutsche Talkshows zurückzubringen.

Und jetzt das Buch.

Allein, dass Schawinski ein Buch über Narzissten schreibt und mit diesem Wort andere Menschen meint, ist Satire auf höchstem Niveau. Wir warten auf das empörte Buch von Berlusconi über Korrupte oder die Abrechnung von Donald Trump mit Populisten.

Erfundene Klatschgeschichten

Schawinski kennt mich nicht, ist kein Psychologe oder Psychiater und reiht Unwahrheit an Unwahrheit (ich habe nie ein Volontariat gemacht beim Sonntagsblick; ich bin nie auf Roger Schawinski zugegangen, er ist – umgekehrt – auf mich zugekommen, und zwar erst nach meinem Auftritt bei der Zürivision, nicht davor; er hätte mich dorthin auch gar nicht geholt haben können, weil er mich damals noch gar nicht kannte – das ist das Besondere bei Schawinski. Wenngleich er mich von Anfang an ganz schrecklich fand, so will er mich doch wenigstens entdeckt haben: «Ich bis gsii! Dä Roschee!»).

Die Räubergeschichten im «Schawi»-Buch sind damit nicht zu Ende. Ich gründete meine Firma schon 1990, nicht mal ein einfacher Faktencheck mag ihm gelingen. Ich wollte auch kein Geld von ihm.

Die von Schawinski kolportierten Klatschgeschichten über meinen Umgang mit Frauen und der Welt sind mangels Wahrheitsgehalt selbst den Schmierblättern Bild und Bunte verboten worden, wo der lustige Roschee seine Inspiration für seinen Text geholt haben muss, der von Blödsinn nur so trieft: Nicht ich, sondern meine «sehr junge» (das schien ihm wichtig, dem Armen) Frau brachte den Begriff «Opferabo» in die Welt, wie er bei Wikipedia hätte lesen können.

Schawinski liegt weiter falsch, wenn er behauptet, dass meine Klage gegen Claudia D., die mich der Vergewaltigung beschuldigt hat, vor dem Bundesverfassungsgericht gescheitert sei. Richtig ist: Die Klage ist vor dem Oberlandesgericht Frankfurt hängig, wird im Sommer beschieden, und der Vorsitzende Richter hat in öffentlicher Verhandlung angedeutet, dass sie Hand und Fuss habe.

Ein Grossteil des Schawinski-Textes ist entweder falsch oder frei erfunden. Er hat recht, dass ich es abgelehnt habe, in seine Sendung im Schweizer Fernsehen zu kommen mit einer kurzen englischen Formel, die mit go anfängt und yourself aufhört. Jeder Mensch mit Prinzipien muss sich zwangsläufig Schawinski überlegen fühlen, der ausgerechnet zu dem gebührenfinanzierten Arbeitgeber gegangen ist, den er früher so sehr beschimpft und verachtet hat. Ich bleibe mein Leben lang konsequent. Für kein Geld der Welt würde ich noch für ARD, Bild, Bunte, Schawinski arbeiten.

Schawinski macht für etwas Rampenlicht und seinen zweifelhaften Ruhm alles, selbst ein peinlich zusammengepfuschtes Buch, das sicher nicht nur mich ungerecht behandelt. Und obwohl er durch all das nicht vergessen gehen wird, macht ihn das nicht milde. Er ist ein böser, alter, neidischer Mann geworden. Und hat nicht einmal eine «sehr junge» Frau und einen zweijährigen Bueb, die ihm jeden Tag deutlich machen, was wichtig ist und was nicht. Geld ist nicht wichtig. Fernsehen nicht. Schawinski nicht.

Wer sagt’s ihm?

Jörg Kachelmann, 57, ist Meteo-Unternehmer.  Roger Schawinski (Bild): Ich bin der Allergrösste. SDA-Roger-Schawinski-Verkauf-Radio-24-Archiv-Warum   Narzissten scheitern. Kein   &   Aber. 224 S., Fr.   25.90

3 Gedanken zu “Küchenpsychologie eines Neiders

  1. Schön geschrieben, durchgängig, das bestehende Bildnis abrundend.
    Wer sagt’s IHM zu Recht, dass ER böse sei?

  2. Schawinski ist mir seit jeher auf den Wecker gegangen. Dank Kachelmann verstehe ich jetzt noch besser, warum?
    Bücher haben einen gewaltigen Vorteil: man kann sie auch schlicht und einfach nicht kaufen.

  3. Schawinski war früher als Journalist, der recherchiert, noch stark, hat es selbst als Gesprächsmoderator im Fernsehen vor allem noch vor 10 Jahren ausgezeichnet gemacht, ist aber unterdessen nicht besser, sondern leider schlechter geworden. Ich habe sein autobiographisches Buch gelesen, das in Sachen Hintergründe der Mediengeschichte einiges bringt, auch über das Milieu, aus dem er herkommt, aber trotzdem zeigt, dass ihm der Atem für das Buchschreiben irgendwie abgeht, ausserdem die fehlende Distanz zu sich selber, die man als autobiographischer Autor haben sollte. Dass und wie Kachelmann sich hier wehrt, scheint mir legitim

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