Peinliche Selbstentblössung

Foto Alex BaurVon Alex Baur – Die medienwirksam inszenierte Verfluchung und virtuelle Hinrichtung von Roger Köppel und der Weltwoche sollen nun plötzlich nur ein Jux gewesen sein. Wirklich? Selten hat man eine so gnadenlose Selbstpersiflage auf der Bühne gesehen – allerdings eine unfreiwillige und unvollendete. So gesehen war das Stück fast schon wieder gut – aber eben nur fast.

Mit allen Kräften sollst du deine Gegner bekämpfen, das hat mir meine Mutter von klein auf eingebläut – doch hüte dich davor, sie zu demütigen. Ich habe mich seither (so gut wie möglich) an diese Regel gehalten. Doch beim „Entköppelungs-Spektakel“ des Neumarkt-Theaters, dem ich gestern Abend in Zürich beigewohnt habe, kam ich nicht umhin, eine Ausnahme zu machen. Beim besten Willen, ich konnte es mir einfach nicht verklemmen: Ich verspürte Mitleid.

Mitleid mit dem Hauptdarsteller (sein Name sei hier gnädig verschwiegen), der dauernd aus seiner Rolle (des Voodoo-Priesters) fiel und seinen Text (bei schlechten Lichtverhältnissen) immer wieder stammelnd ablesen musste (das mit 464 Franken pro Eintritt subventionierte Neumarkt-Theater kann sich nicht einmal eine Souffleuse leisten); Mitleid mit Regisseur Philipp Ruch (als einziger versuchte er immer wieder krampfhaft zu lachen); Mitleid mit Theater-Direktor Peter Kastenmüller (in einer komplizierten Rede, die niemand richtig verstand, versuchte er zu erklären, warum sich das Theater nur theoretisch von diesem Stück distanziere, weil sonst die lebenswichtigen Subventionen gekürzt werden könnten); Mitleid mit seinem Buchhalter Michel Binggeli (er heisst offenbar wirklich so), der Kastenmüller mehr schlecht als recht sekundierte. Mitleid mit den Kollegen vom Fernsehen, die mit all ihrer Bagage dem Spektakel folgen mussten, das auf die Strasse verlagert wurde, nachdem sich die Theaterdirektion aus der Verantwortung gestohlen hatte. Und sogar ein wenig, allerdings nur ein ganz klein wenig, Mitleid mit dem Publikum, das 35 Franken bezahlt hatte in Erwartung einer grossartigen Vernichtung des ach so tief verhassten Dämons Köppel und stattdessen eine Selbstpersiflage präsentiert bekamen, der ihre Weltwoche-Phobie der Lächerlichkeit preisgab.

Und Mitleid ist bekanntlich die härteste Form der Demütigung.

Ich muss einräumen: Ich nahm die Sache anfänglich nicht so locker und ich bleibe bei meiner Forderung, dass Roger Köppel unbedingt Strafanzeige gegen die Leitung des Neumarkt-Theaters und Regisseur Philipp Ruch einreichen muss. Dies nicht zuletzt auch im Interesse und zum Schutz der Journalisten und Autoren, die wir uns für die Weltwoche engagieren. Ruchs Aktion ist ein direkter Angriff auf die Meinungs- und Medienfreiheit, der nicht unwidersprochen bleiben darf.

Es ist  auch nicht der Ruchs erster Mordaufruf gegen Andersdenkende („Humaner Töten“, Weltwoche Nr. 38/2015). Seine im Vorfeld des Spektakels medienwirksam lancierten Beschimpfungen und Verwünschungen sind alles andere als harmlos und führten zu zahlreichen durchaus ernstzunehmenden Drohungen gegen unsere Redaktion (und wenn Ruch den Wunsch, Köppel möge im Rollstuhl enden, auf Intervention von Behinderten-Organisationen zurückzog, zeugt dies letztlich nur von Feigheit und nicht von Einsicht). Nachgerade hinterhältig ist Ruchs Drohung, man werde „mit stinkenden Fischen“ Köppels Privathaus in Küsnacht heimsuchen (wo neben seiner Frau noch drei kleine Kinder leben). Das hat mit Kunst nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun.

Was wir im Theater dann tatsächlich gesehen haben, war eine gnadenlose Selbstentblössung. Es fing an mit der erwähnten Distanzierung der Theaterdirektion vom Stück, die vor allem eines war: feige. Nach Protesten aus zugeneigten Kreisen – sie hatten nicht grundsätzliche Bedenken, wie sie stets betonten, ihnen schwante bloss eine „kontraproduktive Wirkung“ – wurde die gross angekündigte Provokation bis zur Unkenntlichkeit verwedelt und zum Jux umgedeutet. Keiner hatte den Mut, die Übung durchzuziehen, doch auch keiner fand den Mut, sie abzubrechen. Klägliches Mittelmass.

Das Köppel-Exorzismus-Ritual, das – aus erwähnten Gründen – im Freien abgefeiert wurde, war in seiner grotesken Anlage an sich selbstredend und muss nicht gross kommentiert werden. Journalist Köppel soll vom Geist des Kriegsverbrechers, SA-Obergruppenführers, Gauleiters und Rassen-Hetzer Julius Streicher besessen sein und von diesem befreit werden. Die gute alte Nazi-Keule – was will man dazu noch sagen? (Sie fällt in der Regel auf den Absender zurück.) Ebenso unbeholfen mutete das Leitmotiv des Exorzismus an: Ein politisch-ideologischer Gegner wird mit Zaubersprüchen und Verwünschungen aller Art virtuell eliminiert – was will man dazu noch sagen? Von Schülertheater zu reden wäre eine Beleidigung für unsere Jugend und das Schülertheater.

Die peinliche Selbstentblössung der Köppel- und Weltwoche-Hasser war offensichtlich unbeabsichtigt – und leider auch unvollendet. Es fehlte dann doch noch der letzte Kick, der kleine aber konsequente Schritt zum Finale: Eine öffentliche Weltwoche-Verbrennung! Schade. Vielleicht wäre dann beim einen oder anderen der Groschen gefallen, hätte er vielleicht bemerkt, wie nahe er doch selber am Abgrund steht, den er bei seinem geistigen Widersacher verortet hatte.

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4 Gedanken zu “Peinliche Selbstentblössung

  1. Pingback: Von Schönheit, Politik und Geld

  2. Ich mag die SVP, deshalb bin ich als Auslandschweizer Mitglied, unseren NR Alfred Heer, unseren BR Ueli Maurer und die Weltwoche.

    Deshalb werben wir darin für die israelische NGO http://israellawcenter.org/ und hatten auch Erfolg mit Inseraten gegen Israel-feindliche jüdische Organisationen wie JVJP.CH und NIF.

    Auch Herrn Roger Köppel mag ich. Ich lese gerne seine Artikel und mich freut es, dass die Weltwoche keine antisemitische Zeitung ist.

  3. Wenn einem die Argumente ausgehen, dann greift man die Person an, die eine von der eigenen Meinung abweichende Meinung vertritt. Man nennt das „ad hominem“ oder Bashing. Im Extremfall zu vergleichen mit Terrorismus der dann auch zu physischer Bedrohung wird.
    Es genügt, einige Monate zurückzublenden um die Folgen zu sehen: Charlie Hebdo und Bataclan. Dass der Steuerzahler so etwas bezahlen muss, ist ein Hohn.

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