Retten, was noch zu retten ist – Desasterkommunikation

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[Vorwort aus dem Buch „Retten was noch zu retten ist“ – Desasterkommunikation – von Valentin Landmann, des bekanntesten Strafverteidigers der Schweiz.] 

Wir alle wissen, wie Märchen anzufangen pflegen: „Es war einmal ….“. Und so könnten wir, wenn wir über gravierende und publikumswirksame (Rechts-)Fälle reden, mit der Aussage beginnen: „Es war einmal eine Gesellschaft, in der die Angeklagten unschuldig waren bis zum Beweis des Gegenteils, die Staatsanwälte ihre Fälle einklagten, ohne auf die Gunst der Medien zu schielen, und die Richter frei von jeglicher öffentlicher Beeinflussung ihre Urteile fällten.“

Aber eben: So etwas gibt es bestenfalls im Märchen, die heutige gesellschaftliche Realität schaut anders aus. Hier herrscht das Gesetz der Medien, das besagt „Schuldig bis zum Beweis des Gegenteils“. Staatsanwälte zelebrieren sich vor laufender Kamera und eingeschalteten Mikrofonen oder laden die Medien sogar dazu ein, bei den Festnahmen mutmasslicher Straftäter „live“ mit dabei zu sein. Und die Richter leben und urteilen nicht in einem Elfenbeinturm gebaut aus abstrakten Gesetzesnormen, sondern sie schauen fern, hören Radio, blicken auf Webseiten und lesen Zeitungen  – kurzum, sie sind den gleichen Einflüssen ausgesetzt wie wir alle.

Darüber mag man sich ärgern oder gar empören, und man mag es – um beim Thema zu bleiben – verurteilen. Aber dies ändert nichts daran, dass es die heutige gesellschaftliche Realität ist. Eine Realität, mit der jeder von uns in der einen oder andern Form konfrontiert wird: als blosser Betrachter oder als Direktinvolvierter in der Rolle des Angeschuldigten, Verteidigers, Klägers oder Richters.

Deshalb ist es wichtig, sich mit den Regeln auseinanderzusetzen, die in diesem medialisierten Gesellschaftssystem herrschen. Denn diese Regeln unterscheiden sich in zwei entscheidenden Bereichen diametral von jenen, welche uns der Rechtsstaat in Form von Verfassung, Gesetzen und Verordnungen vorgibt.

Da ist erstens die bereits angesprochene Schuldvermutung der Medien, welche Verdächtige mit Wonne an den Pranger stellen, oft bevor überhaupt eine eigentliche (Straf-)Untersuchung gegen sie eingeleitet wurde. Dass dann am Ende von solchen vorverurteilenden und oft die Persönlichkeitsrechte mit Füssen tretenden Medienberichten der Satz zitiert wird „Es gilt die Unschuldsvermutung“, mutet angesichts von allem, was zuvor gesagt, gezeigt oder geschrieben wurde, wie blanker Hohn an.

Der zweite gravierende Unterschied zwischen Rechts- und Mediensystem hat mit dem Tempo zu tun. Denn in unserem Justizsystem mahlen die Mühlen, da sie zunächst die Spreu gewissenhaft vom Weizen zu trennen trachten, in aller Regel langsam. Die Medien hingegen operieren, vor allem seit dem Beginn des Online-Zeitalters, nach dem Grundsatz: „Schiesse zuerst, ziele später“.

In Kombination führen diese beiden Elemente dazu, dass unschuldig Angeklagte in der Regel zwar vor Gericht freigesprochen werden – aber dass ihnen dies nicht mehr viel nützt. Denn bis zu diesem Freispruch verstreichen meistens mehrere Jahre – und das letztinstanzliche „Unschuldig“ wird von den Medien bzw. der Öffentlichkeit dann kaum mehr gehört. Demgegenüber findet der in seinen Folgen oft viel desaströsere Reputationsschaden innerhalb von Stunden oder Tagen statt.

Es gibt zwar den Satz „Ist der Ruf erst einmal ruiniert, so lebt sich‘s völlig ungeniert“.
Aber dies glauben höchstens jene, die noch nie selber von den Medien an den Pranger gestellt wurden. Anders werden es all jene sehen, deren Kinder nach einer solchen Berichterstattung weinend nach Hause gekommen sind, weil sie auf dem Pausenplatz wegen der (angeblichen) Sünden ihres Vaters drangsaliert wurden. Oder jene, die aufgrund negativer Schlagzeilen plötzlich „persona non grata“ waren und nicht mehr zu den Parties der „Freunde“ eingeladen wurden. Oder jene, die nach einer Medienschelte schon einmal ein Restaurant betreten haben und merkten, wie es plötzlich still wird und wie dann hinter dem eigenen Rücken getuschelt wird.

Wer solches erfahren hat, der weiss, dass ein Reputationsschaden extrem belastend ist –

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Valentin Landmann [Foto: Bilanz]

und zwar nicht nur für die eigene Person, sondern meistens für die ganze Familie.

Natürlich gibt es auch heute noch durchaus brillante Rechtsanwälte, denen

dies egal ist. Sie sehen ihre Aufgabe allein darin, ihren Mandanten im Rahmen des Gesetzes und der dazu gehörenden Verfahren zum Recht zu verhelfen. Diese Anwälte scheuen die Medien, die nach völlig anderen Grundsätzen operieren, wie der Teufel das Weihwasser. Und so lange es um Fälle geht, die unterhalb des Radars der öffentlichen Wahrnehmung stattfinden, spielt dies auch keine Rolle.

Aber bei Personen des öffentlichen Lebens – egal ob sie Politiker, Künstler, Sportler oder Wirtschaftsführer sind – wird dies in aller Regel nicht der Fall sein. Ebenso wenig wie bei Firmen, die in der Öffentlichkeit bekannt sind und in einen Rechtsstreit hineingezogen werden. Dort werden die Medien mit Sperberaugen hinschauen und alles an die Öffentlichkeit zerren, was sie finden können – oder zu finden glauben.

Deshalb hat die überwiegende Mehrheit der (guten) Rechtsanwälte schon längst erkannt, dass es in solchen, medienwirksamen Fällen zwei Handlungsebenen gibt: jene im Gerichtssaal und jene auf der Bühne der öffentlichen Meinung. Für diese Anwälte ist es eine Selbstverständlichkeit, dass zu einer optimalen Vertretung ihres Mandanten neben der richtigen Prozessstrategie auch eine adäquate Kommunikationsstrategie gehört.

Dies ist allerdings leichter gesagt als getan. Denn: Was ist die richtige Kommunikationsstrategie? Wann soll man mit den Medien reden, wann schweigen? Mit welchen Journalisten soll man den Kontakt pflegen und welche soll man meiden? Was soll man sagen? Und wie sagt man es, damit es glaubhaft ist und verstanden wird? Was kann man mit einer derartigen Kommunikation ausserhalb des Gerichtssaals erreichen und welche Hoffnungen wären völlig unrealistisch? Diese Fragen sind schwierig zu beantworten. Denn Medienarbeit ist noch weniger als Rechtsberatung eine „exakte“ Wissenschaft, bei der feste Formeln und physikalisch-mathematische Gesetze gelten.

Was Medienarbeit braucht, ist deshalb vor allem eines: Erfahrung! Die Erfahrung, wie Medien funktionieren, was im Umgang mit ihnen die „go‘s“ und die „no go‘s“ sind, wer die wichtigen Spieler sind und wie man mit ihnen am glaubwürdigsten und erfolgversprechendsten kommuniziert.

Genau diesen Fragen ist das vorliegende Buch gewidmet. Der Autor setzt sich darin mitRetten, was zu retten ist allen wichtigen Aspekten auseinander, die für eine erfolgreiche öffentliche Kommunikation in desaströsen Rechtsfällen berücksichtigt werden müssen. Und er tut dies nicht aus einer akademisch-theoretischen Perspektive, sondern auf der Basis seiner langjährigen Erfahrung als Strafverteidiger, der immer wieder mit Rechtsfällen von höchstem medialem und Publikumsinteresse konfrontiert war.

„Retten, was noch zu retten ist“, ist damit ein praxisnahes, gut verständliches Sachbuch für alle, die sich für erfolgreiche Prozessführung im heutigen gesellschaftlichen Umfeld interessieren. Sei es als Rechts-, Bezirks- oder Staatsanwälte, als Richter, als Betroffene und als Journalisten. Oder sei es auch ganz einfach als Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, die wissen wollen, wie Rechtssprechung in unserer heutigen medialisierten Gesellschaft funktioniert.

[1] Sacha Wigdorovits war während zwanzig Jahren Journalist, unter anderem als USA-Korrespondent der SonntagsZeitung, stellvertretender Chefredaktor der Luzerner Neusten Nachrichten und Gründer von 20Minuten. Er leitet heute die Kommunikationsagentur Contract Media in Zürich, die in der Vergangenheit in zahlreichen Fällen, wie zum Beispiel den Flugzeugabstürzen von Flug SR 111 in Halifax und dem Crossairabsturz in Bassersdorf sowie dem Reaktorunglück in Fukushima, in der Krisenkommunikation tätig war.

4 Gedanken zu “Retten, was noch zu retten ist – Desasterkommunikation

  1. Ich habe das Buch gekauft. Leider, im Rückblick. Das Buch langweilt mit endlosen Sätzen und vielen Banalitäten, ohne aber spannend oder hilfreich zu sein. Ich hätte mehr erwartet, der Autor wird in diesem Buch seinem Ruf nicht gerecht.

  2. Diesen Beitrag nehme ich als hilfreich wahr. Man ist auf das Buch von Autor Valentin Landmann insofern noch gespannt, als es über die hier gegebene Zusammenfassung hinaus auch um die Detailanalyse geht, Hintergründe mit Beispielen und das allfällige Vorgehen.

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