Göring begreifen

Die Göring-Biographie des britischen Zeitzeugen Leonard Mosley ist ein irritierendes aber Foto Alex Baurhervorragendes Stück Journalismus, das Roger Köppel zu Recht gelobt hat. Dass er das Nazi-Regime damit verharmlose, ist eine böswillige Unterstellung – die allerdings einiges sagt über das primitive Niveau, auf dem der Journalismus heute stattfindet. Von Alex Baur 

Professor Philipp Sarasin scheint über prophetische Fähigkeiten zu verfügen. Auf einem Blog disqualifizierte der Zürcher Historiker die 1973 erschienene Göring-Biographie des britischen Journalisten Leonard Mosley als überholtes, ja gar revisionistisches Machwerk – ohne dass Sarasin das Buch je zur Hand genommen, geschweige denn gelesen hätte. Herr Professor weiss es auch so: dieses Buch sollte man gar nicht lesen, und wer daraus zitiert, verbreitet „Geschichtslügen“.
41Wkr12u3DL._SL500_SX296_BO1,204,203,200_Anlass zur Sarasins Schelte bot ein Editorial von Roger Köppel, in dem unter anderem Mosleys Göring-Biographie thematisiert wurde. Dem Chefredaktor und Besitzer der Weltwoche war das Buch über die Festtage zufällig in die Hände geraten. Nach Köppels Einschätzung entwirft Mosley in einem „verminten Gelände“ ein erstaunlich differenziertes, irritierendes aber auch faszinierendes Bild des neben Adolf Hitler vielleicht meistgehassten und -verspotteten Mann des 20. Jahrhunderts. So wie ich den Text lese war Köppel nicht von Göring, sondern von Mosleys Leistung beeindruckt.

Die Reaktionen liessen nicht auf sich warten. Auf Twitter brach ein regelrechter Shitstorm über den vermeintlichen Nazi-Versteher oder gar – wenn schon denn schon – verkappten Nazi-Verehrer Köppel hinein. Offensichtlich hatte keiner der Shitstormer Mosleys Buch gelesen. Who cares. Die meisten, so ist aus den hingeschissenen Gemeinplätzen zu schliessen, hatten sich nicht einmal Köppels Editorial zu Gemüte geführt. Mit ein paar aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten und einem klicksicheren Titel („Roger Köppel verharmlost Nazi-Führer“) holte Stefan Schmid in der Aargauer Zeitung das Versäumnis nach. Offensichtlich hatte auch Schmid Mosleys Buch nicht gelesen. Zuviel Wissen erschwert das Schreiben und trübt das klare Vorurteil.

Immerhin gab es dann doch noch einen, der es genauer wissen wollte. Letzte Woche verfasste Andreas Tobler im Tages-Anzeiger eine Kritik von Mosleys Buch. Und Tobler stellte dabei doch fest: Der britische Journalist Mosley, der in den 1930er Jahren als Korrespondent in Deutschland stationiert war, hatte Göring mehrmals persönlich getroffen (letztmals als Berichterstatter beim Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal), er hatte zahlreiche Personen aus seinem nächsten Umfeld interviewt. Immerhin wusste Mosley – anders als Sarasin und Schmid – wenigsten, über wen er schrieb.

Und was er über den eitlen und morphinsüchtigen Reichsmarschall schrieb, war keineswegs nur schmeichelhaft. Die verbrecherische, skrupellose und opportunistische Ader von Hitlers Stellvertreter blieb ihm keineswegs verborgen. Nur bekommen Mosleys Leser auch eine wenig bekannte Seite des Kriegsverbrechers präsentiert, bei dem amerikanische Gerichtspsychiater im Kerker zu Nürnberg einen aussergewöhnlich hohen Intelligenzquotient feststellten.

Tobler kritisiert vor allem, Mosley habe sich zu sehr auf Quellen aus Görings Umfeld gestützt und dessen Rolle bei der Judenvernichtung zu wenig thematisiert. Man kann diese Kritik gelten lassen, doch sie mindert die Qualität des Buches nicht wirklich. Wie verbrecherisch die Nazis waren, darf als bekannt vorausgesetzt werden, und wer es nicht wahrhaben will, der wird es eh nie begreifen. Über die Banalität der Bösen haben schon andere Zeitgenossen hervorragende Werke geschrieben.

Nüchterne, lebensnahe und detaillierte Portraits jener Menschen, die sich hinter der Fratze des Monsters versteckten, sind jedoch rar. Und Mosley ist es auf bewundernswerte Art gelungen, diese fast unlösbare Aufgabe zu lösen.

Ich bin weder Prophet noch Historiker, und anders als Professor Sarasin, der allerdings auch kein Fachmann für den 2. Weltkrieg ist, masse ich mir kein allgemeingültiges und abschliessendes Urteil an. Mosleys Göring-Biographie enthält zweifellos Passagen, über die man streiten kann, alles andere wäre lebensfremd. Und es wäre ein Armutszeugnis für die Geschichtsforschung, wenn sie den einen oder anderen Aspekt heute nicht anders gewichten würde als vor 40 Jahren. Nur eben: Mosley kannte die Quellen zu einem guten Teil persönlich, über die heutigen Historiker nur noch aufgrund vergilbter Akten berichten können – was nie archiviert wurde, existiert für sie nicht.

Und immerhin habe auch ich mir schon das eine oder andere Buch zum Thema zu Gemüte geführt. Unter anderem die hervorragende und allgemein anerkannte Hitler-Biographie von Ian Kershaw. Und ich stelle doch fest: Obwohl der Historiker Kershaw und der Journalist Mosley in Stil und Methodik ganz anders an ihren Stoff herangehen, decken sich ihre Wahrnehmung und Einschätzung von Hitlers System und seiner Entourage zumindest in den grossen Zügen.

Wenn wir aus der Geschichte lernen wollen, um die Wiederholung einer derartigen Katastrophe zu vermeiden, reicht es nicht, die Nazis zu verdammen und ihre Gegner zu verherrlichen. Das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg waren unendlich viel komplizierter gestrickt, als sich viele Leute dies heute vorstellen. Die Trennlinie zwischen Gut und Böse war nicht so eindeutig, wie Hollywood-Filme dies vorgaukeln, die Rollen oft ambivalent. Das Nazi-Regime war viel chaotischer aufgebaut, als man gemeinhin denkt, es gab aber auch Bereiche, in denen sich rechtsstaatliche Mechanismen erstaunlich lange hielten. Die Fehden unter den Nazi-Grössen waren legendär, vieles war dem Zufall überlassen, die verheerendsten Entscheide fussten oft mehr auf Fehleinschätzungen und Missverständnissen denn auf einer langfristig durchdachten Strategie. Das gilt insbesondere für den Holocaust, dessen wahres Wesen und Ausmass sich erst im Laufe des Russland-Feldzuges herauskristallisierte.

Göring war nicht der einzige in Hitlers Entourage, der den Krieg gegen England mit allen Mitteln verhindern wollte und den Angriff gegen Russland ablehnte. Seine Bedenken waren nicht humanitärer Natur. Als unbestrittenermassen waghalsiger und erfolgreicher ehemaliger Kampfpilot waren ihm solche Skrupel, wenn er sie denn je hatte, spätestens über den Leichenfeldern des Ersten Weltkrieges abhandengekommen. Offenbar hatte er früh erkannt, dass Deutschland einen solchen Krieg nicht gewinnen konnte.

Gemäss Mosley war Göring, der den geistreichen Disput schätzte, die „unnötige“ Brutalität zuwider. Wenn es ihm nützte, wie etwa im Fall des Luftwaffenoffiziers Erhard Milch, konnte er auch mal Juden beschützen. Auf der anderen Seite unternahm er nichts, um die Katastrophe zu verhindern. Sein Streben nach Macht war, ähnlich wie seine Fress- und Drogensucht, mächtiger als alles andere. Der Reichsmarschall war demnach kein „genuiner“ Antisemit, sondern ein gnadenloser Opportunist. Macht es die Sache etwa besser? Oder eigentlich noch viel schlimmer?

Mosley schienen solche moralischen Einordnungen kaum zu interessieren. Und genau das macht Lektüre des Buches so faszinierend. Abgesehen davon kann er schreiben. Als Vollblutjournalist interessieren ihn Geschichten, Beobachtungen, Bilder und Anekdoten mehr als Zahlen, Daten und abstrakte Überlegungen. Er will nicht belehren, sondern dem Wesen von Menschen und einer Epoche auf den Grund gehen. Mosley suchte stets die Information aus erster Hand, ging so nah wie nur möglich an seine Quellen heran.

Vor dem Krieg sass er mit Goering am Tisch, nach der deutschen Niederlage gelang es dem Briten, das Vertrauen von nahen Angehörigen des Verfemten zu gewinnen, die andere wie Aussätzige mieden. Zweifellos brachte er damit ein Stück weit auch deren Sicht der Dinge ein, die vielleicht auch mal beschönigend sein kann oder etwas weglässt. Die „andere Seite“, vor allem die Anschuldigungen des Nürnberger Prozesses, fliesst ebenso in die Biographie ein. Und es entsteht nie der Eindruck, dass er Göring verherrlichen oder gar rehabilitieren wollte.

Misst man Mosleys Werk an den Ausscheidungen der selbsternannten Twitter-Experten, kann einem schwindlig werden. Heute wäre es auch kaum noch denkbar, dass ein ausländischer Zeitungs-Korrespondent – eine ohnehin aussterbende Spezies – mit einem eitlen Potentaten zu Tische sitzt (bei Goebbels, einem Pionier der modernen Public Relations, wäre dies schon damals kaum möglich gewesen). Dass sich ein Rechercheur die Zeit nimmt, mit möglichst vielen Zeugen zu reden und Primärquellen zu erforschen, ist erst recht rar geworden. Heute kommen Journalisten kaum noch aus ihren Newsrooms heraus. Die Meldungen, die sie zu neuen Meldungen verwursten, wurden nicht selten bereits zuvor schon mehrfach verwurstet, ein jeder plappert dem andern nach, und mit jeder Neuverwurstung schwindet der Bezug zur realen Welt. Heerscharen von Pressesprechern und Anwälten, die netten kleinen Goebbels aus der Propagandaabteilung, wachen streng darüber, dass auch ja nichts Authentisches unkontrolliert an die Öffentlichkeit dringt.

Leider ist Roger Köppel nicht nur Journalist, sondern auch Politiker, und als solcher muss er sich des Shitstorm-Potentials bewusst gewesen sein, welches im Namen Göring steckt. Mag sein, dass auch ein kalkulierter Schuss Provokation in seinem Editorial steckte. Im Kern handelt es sich aber um ein Plädoyer für unabhängigen Journalismus, der sich nicht von wohlfeilen Vorurteilen leiten lässt. Es geht um die Freiheit, die Dinge auch mal aus einer verpönten oder zumindest ungewohnten Perspektive zu beleuchten. Um nichts anderes. Der Shitstorm, der darauf folgte, hat Köppel auf unfreiwillige Art Recht gegeben.

2 Gedanken zu “Göring begreifen

  1. Pingback: Zitate | abseits vom mainstream - heplev

  2. Die Frage ist doch nicht, ob man die Person hinter einer Biographie „versteht“. Sie sollte historisch möglichst genaue Fakten zu einem objektiven Bild vereinen, Ob der Leser danach Sympathien hegt oder Verachtung sollte ihm überlassen bleiben. Görings wahren Charakter können nur authentische, zeitgenössische Darstellungen liefern.
    Die meisten „neueren“ Geschichtsabhandlungen gerade 1914-1945 sind – verständlicherweise – höchst unzuverlässig. So will man die letzten Worte Jesu kennen, streitet sich aber noch über die wahren Ursachen des WK I.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s