«Fukushima hat mich bestärkt»

Erschienen in: ©Sonntagsblick; 22.11.2015; Seite 10 –  Das Interview veröffentlichen wir mit der Einwilligung der Redaktion! Herzlichen Dank. 

Sie befürwortet AKW und will aus Atommüll Energie gewinnen: Die US-sbli_20151122_0_0_m10
Forscherin Leslie Dewan über Halbwertszeiten, die Schweizer Pläne zum Atomausstieg und ihren Kleinmädchentraum. INTERVIEW: SILVIA TSCHUI FOTOS: SOPHIE STIEGER

Frau Dewan, wo waren Sie am …

Leslie Dewan: … am 11. März 2011, als die Nuklearkatastrophe in Fukushima passierte? Oh Gott, es war grauenvoll. Alle Studenten sollten am Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine Präsentation halten über unseren Forschungsstand – und dann das.

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben alles abgesagt und uns vor den Computern versammelt. Die nächsten Stunden haben wir alle paar Sekunden «refresh» für die News gedrückt.

Hat Fukushima Sie in Ihrer Forschung beeinflusst?

Es hat mich erschüttert. Ich war während der laufenden Berichterstattung felsenfest davon überzeugt, dass es nie zu einer Kernschmelze kommen kann. Ich habe mich ständig beruhigt: Ich kenne die Sicherheitsmassnahmen, ich kenne diese Reaktoren. Ich war unfassbar geschockt, als es dann doch so weit kam.

Haben Sie daraufhin nie daran gedacht, sich aus der Nuklearforschung zurückzuziehen?

Nein, unser Reaktor funktioniert ja ganz anders. Eine Kernschmelze ist gar nicht möglich. Fukushima hat mich eher noch bestärkt.

Wie unterscheidet sich Ihre Technologie von herkömmlichen Reaktoren?

Wir betreiben unseren Reaktor mit ausgebrannten Brennstäben aus normalen Reaktoren. Mit nuklearem Abfall also, der sonst jahrtausendelang gelagert werden müsste. Das grösste Problem der Nuklearwirtschaft könnte man so elegant vermindern.

Was geschieht mit diesem Abfall in Ihren Reaktoren?

In herkömmlichen Reaktoren entstehen beim Zerfallsprozess Stoffe, welche die chemische Reaktion stoppen. So kann man bloss vier Prozent der Energie nutzen. Wir pulverisieren die Brennstäbe und vermischen sie mit einem Salz, das bei einer Temperatur von 560 Grad Celsius flüssig wird. Aus dieser Flüssigkeit können wir die Giftstoffe herausfiltern. So bleibt die chemische Reaktion zur Energiegewinnung über Jahrzehnte erhalten.

Es bleiben aber trotzdem radioaktiv strahlende Giftstoffe übrig.

Ja. Aber deren Halbwertszeiten sind stark verringert: Sie liegen bei 30 bis 40 Jahren und nicht mehr bei 24 000 Jahren, wie das bei Plutonium 239 der Fall ist. Nach acht Zerfallszyklen ist der Müll so gefährlich wie Sand am Strand – also nach 200 bis 300 Jahren. Und eine sichere Lagermöglichkeit für 500 Jahre zu finden, ist relativ einfach. Eine für eine Million Jahre zu finden, ist viel schwieriger – und wahnsinnig teuer.

Klingt zu gut, um wahr zu sein. Bleibt gar kein langfristig strahlender Abfall übrig?

Doch. Aber wir können den existierenden Abfall auf vier Prozent reduzieren. Es bleiben 190 Kubikmeter langfristig strahlender Abfall – geht man von der momentanen Menge Atommüll in den USA aus. Das entspricht einem gefüllten Raum von sieben mal sieben mal vier Metern Höhe.

Und was soll damit geschehen? Sichere Werte werden erst nach Millionen von Jahren erreicht.

Das ist, ehrlich gesagt, ein Problem, mit dem ich mich weniger beschäftige, aber eine Reduktion ist eine gute Sache.

Die Schweiz plant den Atomausstieg – was halten Sie davon?

Ich will hier nicht die Amerikanerin sein, die anderen sagt, was sie zu tun und lassen haben. Aber ich finde atomare Energie eine saubere und gute Sache. Ich muss bei politischen Fragen auch aufpassen. Schliesslich will ich niemanden vergraulen.

Sie tragen eine riesige politische Verantwortung – sind Sie sich dessen bewusst?

Jetzt machen Sie mir Angst. Inwiefern ist meine Verantwortung politisch?

Indem Sie behaupten, das nukleare Abfallproblem lösen zu können, geben Sie der Nuklearindustrie grünes Licht zum Bau neuer AKW.

Oh, aus dieser Perspektive habe ich das tatsächlich noch nicht betrachtet. Aber Fakt ist natürlich auch, dass dies unabhängig von meiner Forschung bereits geschieht: China will in den nächsten Jahren rund achtzig neue AKW bauen.

Hat die chinesische Regierung Interesse an Ihrer Forschung bekundet?

Insofern, als sie in eine ähnliche Richtung investiert – bloss extensiver. Hunderte von chinesischen Wissenschaftlern forschen an ähnlichen Schmelzsalz-Reaktoren. Da gibt es natürlich einen wissenschaftlichen Austausch. Die Obama-Regierung ist auch interessiert. Letzten Monat habe ich einen Vortrag im Weissen Haus gehalten.

Sie haben im Weissen Haus vorgetragen?

Ich war wahnsinnig nervös. Leider konnte ich Barack Obama nicht die Hand schütteln.

Sie haben erst sechs Millionen Dollar. Wenig für solch ein Projekt. Wie viel brauchen Sie noch?

Etwa 250 Millionen Dollar bis zum fertigen Prototyp.

Woher soll das Geld kommen?

Nachdem die Obama-Administration Interesse bekundet hat, bin ich zuversichtlich, dass vermehrt Investoren einsteigen. Elegant ist auch, dass unsere Abfallprodukte in der Medizinaltechnik sehr gefragt sind. So generiert unsere Entwicklung bereits Geld.

Wie teuer ist es überhaupt, solch einen Reaktor zu bauen?

Nach der Entwicklungsphase? Der Bau eines fertigen und getesteten Reaktors kommt schliesslich auf knapp zwei Milliarden Dollar zu stehen. Das ist viel Geld, aber um über die Hälfte billiger als der Bau eines konventionellen Kernkraftwerks.

Und falls technische Probleme entstehen?

Die fertige Grundtechnologie stammt aus den 1950er-Jahren. Damals war die Technik im Vergleich zu den heutigen Reaktoren zu teuer und verschwand in den Schubladen. Wir versuchen, diese Grundidee wirtschaftlicher zu machen. Falls es aber wider Erwarten nicht klappen würde, existiert Plan B bereits.

Trotzdem: Auch bei Ihren Reaktoren bleibt radioaktiver Restmüll. Warum forschen Sie nicht zum Thema erneuerbare Energien?

Wegen der Eisbären. Ich verfolge eigentlich nur meinen Kleinmädchentraum: Ich will die Eisbären retten! Ihre Lebensgrundlage soll nicht schmelzen. Ich bin im tiefsten Inneren Umweltaktivistin. Deshalb war mir früh bewusst, dass wir Alternativen zur Kohleverbrennung brauchen. Auf Nuklearenergie kam ich dann aber erst am MIT.

Und wie ging das vonstatten?

Die Archäologen am MIT sind schuld. Die hielten ein Seminar darüber, wie alte Kulturen radioaktiven Müll für künftige Generationen bezeichnet hätten. Es spielt da ein Paradoxon: Je mehr man warnt, desto eher denken die Menschen, dahinter würden sich geheime Schätze verbergen. Diese Problematik führte dazu, dass ich mich zum ersten Mal mit Nuklearenergie auseinandersetzte. Mir ging auf, wie elegant – weil energiereich und sauber im Vergleich zu Kohle – nukleare Lösungen sind. Wenn man das Abfallproblem löst.

Am MIT haben Sie zunächst Ingenieurswesen studiert. Hat die Elite-Universität bei Boston starre Strukturen?

Im Gegenteil. Das MIT ist grossartig, weil alle dort komplett verrückt sind. Am ersten Tag raste jemand auf dem Sofa den Gang entlang – er hatte einen Rasenmähermotor darunter installiert. Da wusste ich: Endlich bin ich zu Hause. Hier sind alle so seltsam wie ich.

Apropos zu Hause: Sind Ihre Eltern auch Wissenschaftler?

Mein toller Vater ist Ingenieur. Ihm verdanke ich mein Interesse am Ingenieurswesen. Ich bespreche meine Forschung immer mit ihm.

Waren Sie eine Art Wunderkind?

Nicht im Geringsten. Ich habe einfach ein Flair für Zahlen, das sich schon früh zeigte. Und ich hatte wunderbare Lehrer. Meine Physiklehrerin hat mich bekräftigt, ans MIT zu gehen. Sie sollten mich aber einmal bei Sprachen sehen – auweia!

Sie tragen einen Verlobungsring …

Ja, seit letztem Silvester. Mein Verlobter ist auch Wissenschaftler.

Diskutieren Sie schon zum Frühstück über Reaktoren?

Und wie! Gestern hat er mich sogar um zwei Uhr nachts angerufen, weil er mir unbedingt noch Daten einer seiner Versuchsreihe mitteilen wollte.

Und was tun Sie, wenn Sie mal nicht über Halbwertszeiten reden?

Ich gehe rennen. Fast jeden Tag. Und ich versuche, ab und zu Freunde zu treffen, schaffe das aber zu wenig. Am besten ist immer das Pub-Quiz beim MIT, da kommen die absurdesten Wissenschaftsfragen. Allerdings kann ich mich grade nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal da war.

Haben Sie überhaupt Freunde, die keine Wissenschaftler sind?

Moment – doch! Eine ist sogar Atomgegnerin: Sie ist Yogalehrerin. Und eine andere ist Kinderbuchautorin in New York.

Apropos: Planen Sie, die Ingenieurs-Familientradition weiterzuführen?

Oh Gott, nein! Ich wäre eine schreckliche Mutter! Das weiss ich einfach intuitiv.

Sie sind aussergewöhnlich clever und sehr schön. Sie können doch nicht freiwillig Ihre Gene der Welt entziehen!

Doch! Zum Glück plant mein Bruder, Hunderte von Kindern zu zeugen. Er ist auch Wissenschaftler. Und ich bin so glücklicherweise aus dem Schneider. Ich halte mich übrigens nicht für ausserordentlich clever. Ich habe lediglich ein Talent dafür, Dinge zu entwickeln. Dafür sind meine sozialen Fähigkeiten leider rudimentär.

Ach was, Sie wirken offen und lustig!

Da konnte ich Sie wohl für fünf Minuten täuschen. Und das mit der Schönheit haben übrigens auch Sie gesagt.

Ach, kommen Sie! Sie werden ja sogar so angekündigt: «Sie ist nicht nur klug, sondern sieht auch super aus», heisst es jeweils.

Das nervt. Bei einem Mann käme nie jemand auf die Idee, sein Äusseres in die Waagschale zu werfen. Andererseits gebe ich es schon zu: Wenn es meiner Arbeit etwas nützt, stürze ich mich für einen Fototermin auch ins Abendkleid.

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Leslie Dewan über …

Schlaf Ich versuche, sechs Stunden reinzubekommen. Meistens scheitere ich. …Barack Obama Mann, bin ich froh, ist der zwei Mal gewählt worden. … weibliche Wissenschaftler Ich hasse den Begriff. Es sollte schlicht Wissenschaftler heissen. Ich bin Feministin, ganz klar. … Reichtum Ich zahle mir ein normales Gehalt – persönlicher Reichtum interessiert mich nicht. … die USA Oft zweifelhafte Aussenpolitik, dafür die viel zitierte Freiheit und Vielfältigkeit. … Europa Wunderbarer Kaffee. … Patriotismus Wird oft mit Überwachung verwechselt.

Zur Person

Die Nuklearingenieurin Leslie Dewan (32) will mit ihrer Firma Transatomic Power die Welt retten. Atommüll soll dereinst ihren Schmelzsalzreaktor betreiben. Die Wissenschaftlerin ist in Boston aufgewachsen und lebt in Cambridge (USA) nahe dem Massachusetts Institute of Technology (MIT). Dort sitzt sie als jüngste Frau im Verwaltungsrat. Das «Forbes»-Magazin kürte Leslie Dewan 2013 zu einem der 30 einflussreichsten Köpfe der Welt unter 30 Jahren. Vor ein paar Tagen trat Dewan am Symposium «Zurich.Minds» auf.

Die Arbeit Leslie Dewans Hauptaufgabe ist es, ein günstiges Material zu entwickeln, in welchem sie innerhalb des Reaktors die strahlende Salzlösung während siebzig Jahren sicher aufbewahren kann.

Die Reden Vor einem Monat im Weissen Haus begeisterte Leslie Dewan genauso wie vor zwei Wochen in Zürich.

Der Geschäftspartner heisst Mark Massie, ist 31 und spezialisiert auf die Entwicklung der Abläufe innerhalb Reaktoren.

Die Firma Transatomic Power heisst das Start-up in Cambridge (USA) direkt neben dem Massachusetts Institute of Technology (MIT).

 

 

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