Der Zürcher an sich

Foto Alex BaurZürcher seien arrogant, denken viele Basler. Da ist etwas dran, aber anders als man denkt. Sich als Zürcher zu fühlen ist eine Gemütslage, die nichts mit der Herkunft zu tun hat und jedem Neuzuzüger offensteht. von Alex Baur 

„Wir Zürcher sind nicht arrogant“, pflegte meine Urgrossmutter zu sagen, „wir sind bloss besser“. Sie sagte das jeweils todernst, und wer den Witz nicht verstand und die Selbstironie nicht erkannte, der war ihrer Meinung nach selber schuld. Insofern war sie natürlich schon etwas arrogant. Meine Urgrossmutter witzelte auch gerne über meine Grossmutter, die in Luzern lebte und die ihr schrecklich altmodisch und provinziell vorkam. Meine Urgrossmutter war halt eine typische Zürcherin.

Zwar war meine Urgrossmutter (im Gegensatz zu meiner Grossmutter) gar nicht in Zürich geboren und aufgewachsen, sondern im Aargau. Doch der typische Zürcher – und das war offenbar schon vor hundert Jahren so – muss nicht ein Eingeborener sein. Woraus wir lernen: Das zürcherische Wesen ist nicht eine Frage der Herkunft oder Geburt. Es handelt sich vielmehr um eine Geisteshaltung, die man sich aneignen und, wie das Beispiel meiner Grossmuter zeigt, auch wieder verlernen kann.

Den typischen Zürcher erkennt man erst einmal an seinem Dialekt (vulgo „Zürischnurre“). Es gibt diesen Dialekt in verschiedenen Varianten. Die Winterthurer reden etwas gespreizter, die Oberländer eine Spur bedächtiger, an der „Goldküste“ oder oben am „Züriberg“ parliert man distinguierter als im „Chreis Cheib“ entlang der Langstrasse. Die Restschweizer nehmen diese feinen Unterschiede aber kaum zur Kenntnis, viele misstrauen den Zürchern einfach prinzipiell.

Ich selber zum Beispiel bin im Tessin und im Aargau aufgewachsen. Wenn ich als Kind meine Verwandten in Zürich besuchte, war es mir stets etwas unheimlich. Die Zürcher nahm ich als unfreundlich war, und es schien mir, dass sie schneller redeten, als ich denken konnte. Später zog ich nach Zürich, nach ein paar Jahren fühlte ich mich selber als Zürcher, und ich kann heute entwarnen: Alles nur ein Missverständnis! Die Zürcher sind bloss etwas direkter als in der Schweiz üblich. Ja, vielleicht auch etwas schneller als die Berner. Aber das ist bloss eine Frage der Übung.

Die prägnanteste „Züri-Schnure“ zelebriert heute zweifellos der Musik-Kabarettist Blues-Max – und der stammt bezeichnenderweise aus dem Thurgau und redete als Kind mal ganz anders. Oder denken wir doch an die legendäre „Kleine Niederdorfoper“, wo der gebürtige Solothurner Ruedi Walter und die St. Gallerin Ines Torelli als erste die Hauptrollen bekleideten. Sogar die Zürcher Stadtpräsidentin stammt bekanntlich aus dem Aargau (ihre beiden Vorgänger waren Innerschweizer und, Gott behüte uns, sogar katholisch).

Namentlich in der Stadt Zürich sind die alteingesessenen Geschlechter eher rar geworden, sie haben nicht mehr viel zu vermelden. Das sieht man am deutlichsten beim Sechseläuten, dem geschichts- und prestigeträchtigen Fest der Zünfte. Schaut man sich die Zunftleute (recto: Zoifter) aber etwas genauer an, wird man schnell feststellen, dass die meisten von ihnen sich längst in eine steuergünstige Vorortgemeinde verzogen haben. Dem normalen Stadtzürcher bedeutet das Sechseläuten nicht viel, dem Züribieter, der traditionell eh eine gewisse Distanz zur Stadt wahrt, erst recht nicht (sofern er kein Zoifter ist). Das Sechseläuten wird deshalb vor allem für die Fremden gefeiert, aber man feiert natürlich nicht ungern mit.

Der typische Zürcher, auf dem Land wie in der Stadt, sieht sich selber kolossal international – sozusagen auf einer Linie, die von New York über London-Paris via Zürich direkt nach Tokyo rund um den Erdball nach Eläi führt. Es ist sicher kein Zufall, dass der grosse internationale Flughafen der Schweiz nicht in Bern, Basel oder Genf liegt, sondern eben in Zürich.

Vor allem die Basler regen sich immer wieder auf über die Zürcher, die sich in ihren Augen aufführen, als würden sie am Nabel der Welt zu leben. Die Abneigung ist allerdings einseitig, in Zürcher spürt man keinerlei Ressentiments gegenüber den Baslern. Man nimmt sie gar nicht wahr (was die Basler natürlich erst recht zur Weissglut treibt). „Basel“, hätte meine Urgrossmutter vielleicht gespottet, „das ist doch dieser beschauliche Flecken an diesem Fluss da, da wo sie die feinen Basler Tirggel machen.“

Ja, die Zürcher wirken manchmal tatsächlich etwas arrogant. Doch der Anschein täuscht. Die eine Hälfte der Arroganz ist (selbst)ironisch gemeint – und die andere Hälfte ist zugewandert, aus dem Aargau, aus Basel, Genf, Istanbul oder Buenos Aires. Und immerhin hat jeder, dem die Zürcher überheblich vorkommen, die Möglichkeit, selber einer zu werden.

Ein Gedanke zu “Der Zürcher an sich

  1. Baurs Urgroßmutter hätte ich gerne gekannt. Diese Frau hätte mir mit ihrer feinen Ironie wahrscheinlich sehr gut gefallen.

    In einem Punkt ist Baur allerdings nicht ganz auf dem Laufenden. Die Beschreibung der heutigen Zürcher Population als „heruntergekommene“ Bündner und Zentralschweizer, zu weit gewanderte Thurgauer und Sanktgaller sowie „hergelaufene“ Aargauer – unter annäherndem Aussterben der „richtigen Zürcher“ – gilt in gleichem Maße für die Stadtbasler Population.
    Schlußfolgerung: da klopfen sich also Thurgauer und Thurgauer, Sanktgaller und Sanktgaller, Aargauer und Aargauer „d Seyblootere“ auf den Kopf. Und die echten Zürcher werden wohl mit den echten Baslern an der Côte d’Azur oder in St. Moritz in aller Ruhe „e Cüpli“ schlürfen.

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