Roger De Wecks interne Macht ist begrenzt

Die SRG Ostschweiz lud am 22. September 2015 Vertreter der Medienbranche, der Politik und der Wissenschaft zu einer öffentlichen Debatte über den medialen Service Public nach St. Gallen. Mit dabei war auch SRG-Generaldirektor Roger de Weck.
Es war das erste Podium dieser Art nach der Abstimmung über die RTVG-Vorlage vom 14. Juni, die durch Zufallsmehr von rund 3’200 Stimmen gewonnen wurde.

Photos SRG

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Entgegen früheren Gewohnheiten, als SRG rhetorisch eher schwache, bühnenunerfahrene Kritiker einlud, die kaum zu Wort kamen, war die Seite der SRG-Kritiker diesmal prominent besetzt mit Philipp Landmark, CR St. Galler Tagblatt und Ostschweiz am Sonntag, und André Moesch, GL elekt. Medien, NZZ-Mediengruppe Regionalmedien Ostschweiz. Beide nützten die Chance, ihre Kritik hart und pointiert zu deponieren.

In ihren Referaten befürworten beide Kritiker den Service public, jedoch ohne Staats-Journalismus (Landmark) und geben zu bedenken, dass Service public koste – zu viel koste, wie Moesch hervorhob.
Roger de Weck erzählte das Gleiche, was er auch vor der o. g. Abstimmung zu sagen pflegte: SRG schade den privaten Medienunternehmern nicht, es sei wichtig für den Zusammenhalt des Landes, es stehe für Solidarität, müsse sich gegen starke Konkurrenz aus dem Ausland behaupten, fördere die Kultur usw. usf. Wer es noch nicht auswendig kann, kann es hier anhören:

Anschliessend fand unter der konstruktiven Moderation von Stefanie Hablützel eine Diskussionsrunde statt. Es diskutierten: Edith Graf-Litscher, Thurgauer Nationalrätin und Mitglied der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF), Bernard Maissen, Chefredaktor der SDA und Mitglied der eidgenössischen Medienkommission, und Prof. Dr. Matthias Künzler, Dozent an der HTW Chur und Forschungsleiter des Instituts für Multimedia Production IMP.
Die Diskussion kann man auch hier hören.
Höflich wie de Weck ist, versprach er die Kritik der Herren Landmark und Moesch ernst zu nehmen, aber auch wenn er es nicht tut, muss er keine Konsequenzen fürchten. De Weck wirkte sehr gelassen. Seine Anspannung, wie sie ihm vor der Abstimmung anzumerken war, ist verflogen.
Nun ist de Weck als SRG-Direktor mächtiger denn je. Nach aussen, vor allem. Das muss nicht negativ sein.
De Weck ist der beste Direktor, den die SRG je hatte. Darüber hat schon Kurt W. Zimmermann vor einiger Zeit ausführlich geschrieben.

De Weck ist ein kluger Stratege und – als Entscheidungsträger in der Sache Service public – das kleinere Übel als die Politiker. Für die SRG wird er die besten Deals herausholen, national wie international. Seine Kompetenzen zweifelt keiner an. Er sitzt so fest im Sattel wie noch nie.

Wer könnte ihm schon gefährlich werden?

Der Verlegerverband? Deren Präsident, zwar unter vorgehaltener Hand, aber weit und breit, wird als senil bezeichnet, kannibalisiert sich gerade sehr erfolgreich selbst. Das Innovativste, was in letzte Zeit aus seinem Köcher kam, war der Hashtag #sagesderschweiz

Von Verlegerverband hat de Weck nichts zu befürchten. Die seit Jahren gleichen verbalen Kriegserklärungen des Verlegerverbandspräsidenten Lebrument nimmt die Branche gelangweilt zur Kenntnis und falls zufällig irgendwo Platz in der Zeitung frei ist, wird es auch abgedruckt.
Die Politiker? Zu viele Köche verderben bekanntlich den Brei – am besten sollten sie gar nichts (mehr) unternehmen. Medienkommissionsmitglied Maissen brachte es auf dem Punkt: In der Kommission sitzen 13 Leute die 15 Meinungen haben. So ist schon eine Einigung auf die Definition Service public Mission Impossible.
Hört man der Frohnatur Edith Graf-Litscher und auch sonstigen Politikern zu, wie sie über Service public schwadronieren, dann ist eher Roger de Weck zu vertrauen – er wird garantiert weniger Schaden anrichten.
Aufgabe der Politik ist, zu definieren, wie viel Gelder die SRG bekommen soll. Aber bis man sich auch da einigt, wird noch sehr viel Wasser den Rhein abwärts fliessen.
Die kritische (Medien)-Wissenschaftler? Ach, der Witz ist auch nicht mehr lustig. Sie beobachten, können nichts Konkretes sagen. Laut Prof. Dr. Matthias Künzler ist sogar die Beobachtung der SRG schwierig. Was das Nichtwissen den Steuerzahler kostet, will keiner wissen.
Kontrolle soll, so der einzig brauchbare Satz von Prof. Künzler, durch die Öffentlichkeit statt finden. Also durch die Gebührenzahler – Politiker schloss er ausdrücklich aus. Und wie soll das geschehen? Genau hier ist das Talent von Monsieur de Weck gefragt. Er muss einen Weg finden, wie das Publikum seine Anliegen direkt deponieren kann und sie intern thematisieren bzw. in strategische Entscheide einbeziehen. Vielleicht wäre ein Publikumsrat (aus dem wiederum Politiker ausgeschlossen sind) hilfreich.
Auch wenn de Weck öffentlich sagt, die VOX-Analyse bescheinige der SRG, die Mehrheit des Publikums sei mit deren Arbeit zufrieden, so weiss er ganz genau, dass dies nicht der Fall ist.

Das historisch knappe Abstimmungsresultat und die Ärgerbekundungen während der Abstimmungskampagne an seine Adresse, haben bei ihm bleibende Spuren hinterlassen und er ist sich bewusst, dass er den Kurs ändern muss. Aufs Publikum zugehen. Die Kritiker ernst nehmen. Fehler eingestehen. Gewiss ist er fähig, eine interne Reform durchzuführen. Nur:

De Wecks interne Macht ist begrenzt.

Und das ist problematisch. SRG-Generaldirektor de Weck amtet erst seit 5 Jahren und seine Zeit ist begrenzt – er ist nicht auf Lebenszeit gewählt worden. Er kann zwar die SRG strategisch auf dem Markt gut positionieren, was ihm bis jetzt zweifellos gelungen ist, aber viel schwieriger wird es, die SRG-Mentalität zu ändern. Falls der Wechsel mittelfristig überhaupt möglich ist. Denn die SRG-Mitarbeiter waren Jahrzehnte lang sehr privilegiert und haben ihr Tun nie in Frage gestellt – nie in Frage stellen müssen. Sie hatten Autorität, die schleichend in eine Art Gotteskomplex mutierte. Wer jemals das zweifelhafte Vergnügen hatte mit Nachrichtenchef TV, Gregor Meier, zu diskutieren, weiss wovon die Rede ist. Gegen diese Arroganz, die Meier und Co. bis tief ins Rückenmark verinnerlicht haben, kommen die Talente von Monsieur de Weck nicht an. Zwar gibt es auch Kräfte bei SRG, bspw. Franz Fischlin, die ihr Tun hinterfragen und auf sachliche Kritik konstruktiv eingehen, aber sie sind rar. Solche Kräfte müsste De Weck fordern.

Eine SRG interne Reform ist bitter nötig.

De Weck wiederholt unermüdlich: die SRG sei für den Zusammenhalt der Schweiz „extrem wichtig“. An seinen eigenen Worten gemessen, steht er nun in der Pflicht, er, der als elitär wahrgenommene SRG-Chef, an die Spitze eines Volksunternehmens – wie störend der Begriff in den liberalen Ohren auch tönt -, das Volk und das Unternehmen zu versöhnen. Solche Prozesse sind schmerzhaft – da sie nicht immer sachlich oft aber emotional geführt werden – aber machbar. Konkret heisst es: Die (vor Abstimmung am 14.06. orientierte) summum malum -„SRG-Politik“, sei durch summum bonum zu ersetzen. Wenn es de Weck nicht gelingt, wem dann?

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