André Moesch: Service public kostet (zu viel!)

Medienforum SRG, Einstein, St.Gallen, “Wir erbringen Service public”

Referat von André Moesch, Geschäftsleiter Elektronische Medien, NZZ-Mediengruppe

Interview mit Andre Moesch, Leiter Elektronische Medien im Haus Tagblatt, im neuen Studio des TVO. 10.05.2013 Bild: Urs Jaudas - schnitt -

André Moesch

Regionalmedien Ostschweiz
Über was reden wir heute? Vor allem über das Geld. Ich weiss, der Titel ist ein anderer, aber Service Public an sich wäre gar kein Diskussionsthema, grundsätzlich findet Service jeder gut. Aber eben, dieser Service kostet und viele meinen, er koste zuviel. Dehalb ist die RTVG-Abstimmung ja auch schier bachab gegangen. Da manifestierte sich ein breites Unbehagen gegenüber der Institution SRG, das hat uns in seiner Heftigkeit doch alle überrascht. Und hätten die Privaten Radios und TVs (nicht die Verlage!) dieses neue Radio- und Fernsehgesetz nicht unterstützt, es hätte niemals für ein Ja gereicht.

  • Eben über diese Privaten soll ich ja reden. Wir haben hier in der Ostschweiz ja eine wunderbare Konstellation in Sachen Service Public und Kosten, dem wollen wir hier mal nachspüren. Zwei elektronische Medien, im Besitz je einer bundesrätlich unterschriebenen Konzession. Auf der einen Seite Radio FM1. Eine Erfolgsgeschichte. Entstanden aus dem Zusammenschluss der mehr schlecht als recht existierenden Sender Radio aktuell und Radio Ri vor 8 Jahren, seither steigen die Hörerzahlen jedes Jahr, heute liegen wir bei über 230’000 Hörerinnen und Hörern pro Tag, das sind mittlerweile mehr als SRF3 in der Ostschweiz hat. Einer der wenigen Privatsender in der Schweiz, der das geschafft hat. Und wieviel Gebührengelder bekommt FM1? Schätzungen? 0 Franken. Aber FM1 geht es dennoch gut, Erfolg bringt Werbekunden, (welche ihrerseits Erfolg haben dank den vielen Hörern), FM1 schreibt wirtschaftlich gesehen ordentliche Gewinne.
  • Dann das zwei Medium, in denselben Räumen wie FM1 an der Bionstrasse: TVO, das Ostschweizer Regionalfernsehen. Gebeutelt von einem jahrelangen, unsinnigen juristischen Streit um die Konzession, das hat Millionen und viel Zeit und Energie gekostet. Seit 2012 ist die Konzession endlich da, seither erholt sich TVO, hat ein ambitiöses Programmkonzept mit einem täglichen, einstündigen, regionalen Livemagazin umgesetzt. Auch hier steigen die Zuschauerzahlen, wir sind jetzt bei 90’000 pro Tag. Und wieviel Gebührengelder bekommt TVO? Schätzungen? 2,3 Millionen Franken im Jahr. (Ist das viel? Wir sind sehr glücklich über dieses Geld, aber wirklich viel ist es nicht, ich glaube nicht, dass die SRG eine tägliche stündige Regionalsendung mit diesem Budget machen würde. Immerhin: mit dem neuen RTVG dürfte es jetzt eine leichte Erhöhung dieses Betrags absetzen.) Zusammen mit den Werbeerträgen reicht es gerade so, TVO ist kein Gewinnbringer. Und Interessant: TVO braucht dieses Geld ausschliesslich für den harten Kern des Service-Public: für Informationssendungen, nicht für Unterhaltung.
  • Spannend, nicht? Das nicht gebührenfinanzierte Radio floriert, das gebührenunterstützte Fernsehen hat Mühe. Hat das vielleicht etwas mit dem Service Public zu tun? Durchaus. Zunächst aber gibt’s einfach auch sehr grundsätzliche Unterschiede zwischen diesen Medien: es ist viel einfacher (und günstiger), erfolgreiches Regionalradio zu machen, als erfolgreiches Regional-TV. Ein Mainstreamradio, wie wir es machen, ist in erster Linie ein Unterhaltungs- und Begleitmedium, es erreicht mit den 25-45jährigen die Zielgruppe, welche die Werber lieben, diese Zielgruppe will lieber kompakte News, als ausführliche Hintergründe.
  • Da hat es das Regional-TV viel schwerer. Fernsehen (und ich spreche nicht von Video) ist heute ein 50+-Medium, diese Leute wollen Information und sie wollen inhaltliche Qualität. Und Fernsehen ist per se einfach teuer, eine Viertelstunde TV braucht 10x mehr Personal als eine Viertelstunde Radio.
  • Heisst das nun, TVO macht Service Public Regional und FM1 nicht? Weit gefehlt! Beide machen Service Public Regional, einfach auf unterschiedliche Art und für ein unterschiedliches Publikum. Wer etwa FM1 vorwirft, es sei seicht, verwechselt die Verpackung mit dem Inhalt und übersieht, was dieser Sender für die regionale Identität getan hat. Die Wahrnehmung der Region, der regionale Dialekt, Identifikationsfiguren am Mikrofon, die Nachrichten und Themen aus der Region – ich sag jetzt mal etwas pathetisch: FM1 hat die Ostschweiz gestärkt. Und TVO tut dasselbe, einfach bei den etwas älteren. Und zum Teil auch mit Themen, die im TV einfach besser funktionieren, wie zum Beispiel Politdebatten im Vorfeld der Wahlen.
  • Einige Erkenntnisse, die ich aus alldem zum Thema Service Public ziehe:
  • Erkenntnis 1: Ja, es braucht gebührenfinanzierten Service Public bei Radio und Fernsehen. Sonst wird vieles Wertvolle einfach verschwinden. Wie zB regionale Fernsehberichterstattung. Die ist aus dem Werbemarkt heraus schlicht nicht zu finanzieren.
  • Erkenntnis 2: Nicht jeder Service Public braucht automatisch Gebührengeld: FM1 funktioniert sehr gut ohne, hat dieselben Auflagen in der Konzession wie TVO. Wenn man den absolut berechtigten Grundsatz des haushälterischen Umgangs mit Gebührengeldern anlegt, dann wäre es doch unsinnig, FM1 da noch Subventionen reinzuschaufeln (auch wenn ich selbstverständlich wüsste, was ich mit dem Geld anfange: mehr Personal, bessere Löhne, der Wünsche sind genug).
  • Daraus Erkenntnis 3: oder besser Frage: wieso werden diese Grundsätze nur bei den Privaten angewandt und offensichtlich nicht bei der SRG? Wieso wird ein SRF3 mit geschätzten 60-80 Millionen aus Gebühren finanziert, wo doch Private gerade dieses Segment bestens und erfolgreich abdecken? Wie gross ist der effektive Mehrwert eines Popsenders wie SRF3 für den Gebührenzahler und ist es diesen Betrag wert? Diese Frage muss erlaubt sein und genau darum wird es in dieser kommenden ServicePublic Debatte gehen.
  • Denn: das Unbehagen, das sich in dieser RTVG-Abstimmung gezeigt hat, kommt genau aus diesen Überlegungen: die SRG ist in den vergangen Jahren einfach zu stark gewuchert, hat zuviele Angebote kreiert, die geradesogut von Privaten ohne Gebührengeld hätten realisiert werden können (ich sage nur Radio SwissPop), vorausgesetzt die SRG verzerrt eben gerade nicht die Marktbedingungen unter Einsatz von Gebührengeld. Diese Marktverzerrung, die daraus resultiert, ist ungesund.
  • Ich bin überzeugt: Es braucht die SRG. Aber die SRG sollte sich auf den Kern des Service Public konzentrieren, die teuren, gesellschaftlich wichtigen Leistungen im Bereich Information, Kultur, Zusammenhalt der Landesteile, dafür soll sie selbstverständlich Gebührengelder erhalten, aber klar weniger als bisher, denn ihre restlichen Aktivitäten im Bereich Unterhaltung etc. kann sie wie die Privaten aus Werbegeldern finanzieren. Und sonst ist es, ehrlich gesagt, auch nicht schade darum. Ich bin überzeugt, mit einem solchen Schritt wird die ServicePublic-Diskussion   Was wiederum dringend notwendig ist, damit die Mediendiskussion im 21. Jahrhundert ankommt, bei Online, Google, Facebook und Co.

Referat als PDF-Datei und im Wortlaut!

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