Philipp Landmark: Service public – aber bitte kein Staats-Journalismus

Medienforum SRG, Einstein, St.Gallen, „Wir erbringen Service public“

Philipp Landmark, Chefredaktor Tagblatt Medien

von Philipp Landmark, Chefredaktor St. Galler Tagblatt und Ostschweiz am Sonntag
Für die Diskussion am heutigen Abend müssen wir uns auf eine Service-public-Definition einigen. Ich bin Anhänger einer durchaus grosszügigen Auslegung von Service public.
Relevant ist alles, was dem Zusammenleben in unserem Land förderlich ist. Das geht weit über das Auseinanderbeineln von politischen Vorlagen hinaus. Service public heisst auch, unsere Wirtschaft zu verstehen helfen oder Sport- und Kulturereignisse zu spiegeln, weil diese identitätsstiftend sein können. Und eben, weit definiert: die Cervelat-Prominenz gehört zur Schweiz, also kann man auch ein gebührenfinanziertes „Glanz & Gloria“ mit einem öffentlichen Interesse begründen. Vielleicht aber sollte die Sendung einfach weniger eine SRG-interne Nabelschau sein.
Erbringt das St.Galler Tagblatt mit seinen Regionalausgaben und mit der Ostschweiz am Sonntag einen Service public?
Selbstverständlich.

Gerade jetzt, vier Wochen vor den eidgenössischen Wahlen, spüren wir, wie wichtig unsere Arbeit für den demokratischen Diskurs ist. Wir liefern Entscheidungsgrundlagen und Einblicke, die andere so nicht bieten können, wir ermöglichen – auch mit dieser am Donnerstag erscheinenden Wahlbeilage – eine strukturierte Übersicht über das Kandidatenfeld. Ohne uns würde die Ostschweiz wohl nicht gleich untergehen, die Sitze unter der Bundeshauskuppel würden auch so besetzt. Aber es würden die wichtigste Informationsquelle und der beliebteste Marktplatz der Meinungen fehlen. Diskutieren sie mal nur schon fünf Minuten mit dem Verfasser eines nicht publizierten Leserbriefs, und sie werden wieder ans gedruckte Wort glauben, so als ob es den Strukturwandel in der Medienbranche nicht gäbe. Und sie werden erfahren, wie unglaublich wichtig es ist, dass das St.Galler Tagblatt gerade diese Meinung transportiert.

Dieses Standing hat sich das Tagblatt nicht von heute auf morgen erworben, sondern über Generationen erarbeitet. Wir gelten als seriös und kompetent; dass wir manchmal etwas brötig seien, halte ich für ein Gerücht. Aber: Unser Service public umfasst z.B. bei der erst kürzlich in diesem schönen Raum durchgeführten Podiumsdiskussion zur St.Galler Ständeratswahl nicht nur einen Apéro, sondern auch Büürli und erstklassige Bratwürste!
Jedenfalls, und dies ganz ohne Senf: Wir gelten vor allem als eigensinnig und unbestechlich. Glaubwürdigkeit ist unser höchstes Gut, und darum müssen wir auch in Zukunft unabhängig sein.

Unabhängig einerseits vom Staat, dem wir schliesslich auf die Finger schauen sollen: Deshalb bin ich ein vehementer Gegner von direkter Presseförderung. Es darf niemals so weit kommen, dass eine staatliche Stelle oder auch eine staatlich mandatierte Stelle nach welchen Kriterien auch immer die Qualität von Journalismus beurteilt. Es würde zu hilflosen Versuchen führen, intellektuelle Leistungen messbar zu machen und zum Zwang, eine wie auch immer definierte Ausgewogenheit dokumentieren zu müssen. Intelligenten, einzigartigen, originellen und kraftvollen Journalismus wird man so abwürgen und gleichzeitig wertvolle Ressourcen mit sinnlosem Erbsenzählen beschäftigen.

Keine Angst, Rechenschaft ablegen müssen wir gleichwohl: An 360 Tagen im Jahr legen wir sauber gedruckt unseren Rechenschaftsbericht ab. Geliefert an unsere 285’000 Leserinnen und Leser, die entscheiden, ob sie uns freiwillig wieder 435 Franken, also etwas mehr als die Mediensteuer kostet, einzahlen.

Unabhängig müssen wir aber auch von wirtschaftlichen Sachzwängen bleiben, obwohl wir einen in unserer Epoche beispiellosen Strukturwandel durchlaufen und unsere Werbeeinnahmen dramatisch einbrechen. Wir müssen auch in dieser Situation weiterhin rentieren, ohne unsere Glaubwürdigkeit kurzfristigen Gewinnen zu opfern oder überhastete Einsparungen zu machen – das ist gerade in der jetzigen Zeit ein komplexer und schmerzhafter Spagat.

Ich behaupte nicht, dass wir in unserem Haus alles richtig machen. Ein faires Urteil darüber wird wohl ohnehin erst im Rückblick möglich sein. Wir haben uns aber auf die Fahne geschrieben, auch in Zukunft unser Geld mit gutem, relevantem Journalismus verdienen zu wollen. Also auch in Zukunft einen wichtigen Beitrag zum Service public leisten zu wollen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die klassischen Medienhäuser die kommenden Herausforderungen meistern können – wenn uns die Medienpolitik in diesem Land nicht unnötigerweise unsere Handlungsoptionen noch zusätzlich einschränkt.
Dies aber geschieht gerade.

Man kann es anerkennend formulieren: Roger de Weck ist ein schlauer Fuchs und – nach Markt-Kriterien gemessen – ein erfolgreicher Medienmanager. Das staatliche Medienimperium wird unter seiner geschickten Führung immer grösser und dominanter und schwingt sich nun, dank spektakulärer Allianzen, in ungeahnte Sphären empor.
Dafür gibt es allerdings weder eine Legitimation, noch besteht dafür eine Notwendigkeit.
Die Sonderstellung der SRG soll hier nicht in Frage gestellt werden. Die Raison d’être der SRG ist es aber, mit Radio- und Fernsehprogrammen einen Service public sicher zu stellen, den es sonst nicht gäbe. Das tut die SRG auch zu einem gewissen Grade. Man könnte sich wohl manches durchaus anders vorstellen, aber das ist auch Geschmackssache.

Entscheidend ist aber: Die SRG bekommt weit über eine Milliarde Franken aus der Mediensteuer, damit sie sich genau nicht nach dem Markt ausrichten muss. Sie versucht dies dennoch, weil sie ihren inzwischen gigantischen Betrieb auch mit mehreren hundert Millionen Franken an Werbegeldern finanziert. Diese Möglichkeit, am Werbemarkt zu partizipieren, erweist sich immer mehr als Strickfehler im Konstrukt SRG. Ein grundsätzliches Werbeverbot für die SRG würde eine wesentliche Klärung der Verhältnisse bringen.

Würde, denn inzwischen sehen wir uns mit einem neuen fait accompli konfrontiert. Die neue, staatlich dominierte Werbeallianz von SRG, Swisscom und Ringier wird es der SRG ermöglichen, auf digitalem Wege personalisierte Werbung auszuspielen. Das Online-Werbe-Verbot wird toter Buchstabe bleiben, so wie auch die Beschränkung der redaktionellen Online-Aktivitäten der SRG eine Alibi-Übung ist.
Service public erbringt nicht ein Medium alleine. Wenn der SRG der Service public in diesem Land tatsächlich etwas wert ist, dann muss sie lernen, sich zurückzunehmen. Die SRG ist innerhalb der Schweiz ein Mediengigant, dem gewollt eine Sonderrolle zukommt. Diese mit Steuergeldern finanzierte Sonderstellung darf aber nicht dazu missbraucht werden, andere Medien im Land, die sich privatwirtschaftlich finanzieren müssen, zu erdrücken. Oder noch schlimmer: Sie zu abhängigen Satelliten zu machen.
Die Ankündigung, dass andere Medienhäuser auch ein bisschen an der grossen Werbe-Allianz partizipieren dürfen, klingt nett. Zu Ende gedacht würde es zu einer im Wesentlichen staatlich kontrollierten Monopolsituation auf dem Werbemarkt führen. Das kann ernsthaft niemand wollen.

Ähnlich verhält es sich mit der Idee, dass private Medienhäuser Material aus der SRG-Produktion zweitverwerten dürfen. Würde dies trotz etlicher praktischer Hürden funktionieren, dann würde die ohnehin schon dominante Position des staatsnahen SRG-Journalismus zusätzlich gestärkt. Das wäre dann in meinen Augen kein Service public mehr, sondern ein Bärendienst an unserer Demokratie.
Wollen wir vielfältigen und qualitativ ansprechenden Journalismus in diesem Land, dann müssen wir zu einem respektvollen Nebeneinander von privaten Medienhäusern und der SRG finden. Respektvoll heisst u.a., dass man der SRG innerhalb eines klarer zu definierenden Rahmens jene redaktionelle Freiheit zugesteht, die wir für uns selbst auch reklamieren. Respektvoll heisst aber auch, dass die SRG ihre privilegierte Stellung nicht dazu missbraucht, die Marktgegebenheiten auf den Kopf zu stellen.

Damit sind nicht alle Probleme gelöst, doch es wäre die Voraussetzung geschaffen, dass weiterhin viele unabhängige Redaktionen mit Fug und Recht behaupten können: „Wir erbringen Service public.“

Referat als PDF-Datei und im Wortlaut

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