Leutschenbachs Jubelchor

© Die Weltwoche Ausgabe-Nr. 22, vom 28.05.2015; Seite 14886d45f293

Von Florian Schwab* – Schweizer Medienwissenschaftler ergreifen beherzt Partei im Abstimmungskampf. Wortreich verschweigen sie ihre eigenen finanziellen Verstrickungen mit dem SRG-Apparat. 

Professoren und Wissenschaftler verteidigen die SRG im Abstimmungskampf um das Radio- und Fernsehgesetz (RTVG). So bescheinigt etwa Mark Eisenegger, Herausgeber des «Jahrbuchs Qualität der Medien», als Nachfolger von Kurt Imhof an der Universität Zürich dem Staatsfunk in einem NZZ-Artikel «überdurchschnittliche» Qualität. Der «Sache dienlich» sei es, einen «starken öffentlichen Rundfunk zu erhalten». Im gleichen Medium ergreift Edzard Schade pro SRG das Wort. Wie auch Eisenegger wurde er am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ) ausgebildet und amtet heute als Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur. Zuvor stand er jahrzehntelang im Sold der SRG als Redaktor, Historiker und Buchautor – was in dem Beitrag unerwähnt bleibt.

Die Schützenhilfe der Medienwissenschaftler für die SRG beschränkt sich nicht auf das NZZ-Feuilleton. An einem Anlass des Ja-Komitees bestärkten sich Mark Eisenegger und sein ebenfalls am IPMZ gross gewordener Freiburger Kollege Manuel Puppis gegenseitig in ihrer SRG-Zuneigung. In den sozialen Medien weibelt derweil vor allem Vinzenz Wyss,

Vinzenz Wyss

Vinzenz Wyss

Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), als glühender Verteidiger des öffentlichen Rundfunks. Als die Sonntagszeitung Unregelmässigkeiten bei den Vergütungsbelegen von Generaldirektor Roger de Weck in den Jahresberichten thematisierte, eilte Wyss dem Bedrängten zu Hilfe. Er tadelte den Artikel als «Falschmeldung» – diese Aussage musste er später zurücknehmen und sich bei dem betroffenen Journalisten entschuldigen. Auch in Wyss’ akademischer Laufbahn nimmt das IPMZ eine prominente Rolle ein.

Selbst in streng fachlicher Hinsicht sind manche Medienwissenschaftler kompromissfreudig, wenn es um die SRG geht. So nimmt sich seit 2013 ein Team unter Professor Michael Latzer (IPMZ) im Auftrag des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) der Fragestellung an, ob sich das Internetportal der SRG innerhalb der Grenzen der Konzession bewege. Anfangs wiesen die Forscher bei rund fünfzig Prozent der Online-Nachrichten einen Verstoss gegen die Konzession nach. Wie der Tages-Anzeiger kürzlich aufdeckte, lockerten Latzers Leute jedoch auf Anweisung des Bakom ihre Kriterien, wodurch die Quote der Konzessionsverletzungen «dann schlagartig auf rund 10 Prozent» gesunken sei. So sind ihre Ergebnisse über die Zeit nicht vergleichbar. Trotzdem konnte sich – gestützt auf die Forschung – der staatliche Medienkonzern wie folgt rühmen: «Die SRG erfüllt die Onlinevorgaben der Konzession.» Der Professor spielt mit.

Brisanterweise reicht die SRG-Protektion unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit bis in die vom Bundesrat ernannte Eidgenössische Medienkommission (Emek). Deren Präsident Otfried Jarren ist für seine SRG-Freundlichkeit bekannt. Ohne zu murren, ordnete er sich und seine Fachgruppe dem Diktum von Leuthard und de Weck unter, die Diskussion über die Inhalte des Service public erst dann zu führen, wenn dessen Finanzierung mittels RTVG unverrückbar gesichert ist. Zu «tagesaktuellen Themen und Ereignissen» äussere sich die Kommission nicht, so die Begründung.

Fördergelder, Ämter, Kurse

Welch ein Kontrast zu Deutschland, wo gerade zwei neuere wissenschaftliche Gutachten mit dem dortigen Rundfunksystem – jenem der SRG nicht unähnlich – hart ins Gericht gehen und gar seine Abschaffung fordern. Der Laie staunt, und der Fachmann wundert sich: Gibt es in der Schweiz keine profilierten Medienwissenschaftler, die sich kritisch zur SRG vernehmen lassen? Ein Hochschulprofessor bestätigt unter dem Siegel der Verschwiegenheit: Es sei in der Schweiz «keine vernünftige Debatte zu SRG und Service public möglich», da die vermeintlichen Experten, also die Medienwissenschaftler, «alle aus demselben Kuchen begeisterter SRG-Fans stammen». Dreh- und Angelpunkt dieses SRG-freundlichen Filzes sei das Zürcher IPMZ, mit dem fast alle Schweizer Medienwissenschaftler von Rang und Namen irgendwie verbunden sind. «Abweichende Meinungen haben es schwer.» Eisenegger, Puppis, Jarren, Wyss, Schade, früher Imhof: Die Crème de la Crème der Schweizer Medienforschung ist über gemeinsame Publikationslisten und durch Zugehörigkeit zu Organisationen wie der von Kurt Imhof gegründeten Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft oder der Stiftung Medienqualität Schweiz untereinander verflochten.

Eine von den Wissenschaftlern des «Medienkuchens» elegant ausgeblendete Tatsache sind ihre eigenen finanziellen Verstrickungen im System öffentlich-rechtlicher Abgaben. Wie heikel das Thema ist, stellt man bei der Recherche fest. Die SRG, auch sonst als finanzielle Black Box bekannt, will nicht offenlegen, wie viel sie an einzelne Universitätsinstitute oder geneigte Professoren überweist. Selbst das Total verschweigt der staatliche Monopolist. Er orakelt lediglich vieldeutig: Die SRG arbeite in der Programmforschung mit Hochschulen und Universitäten zusammen. Zudem unterstütze man «Forschungsprojekte von Instituten, die für den Medienplatz Schweiz von Bedeutung sind».

Wie die SRG selbst zögern auch manche Geldempfänger, die erbetene Transparenz

herzustellen. Als die Weltwoche die Forscher direkt nach Finanzströmen aus dem Rundfunksystem fragt, bricht im Forschungszweig Hektik aus. Vinzenz Wyss als

Vizepräsident einer fachspezifischen Akademikervereinigung empfiehlt seinen Kollegen in einem dringlichen Schreiben, die verlangten Daten zu liefern, und geht selbst mit gutem Beispiel voran.

Otfried Jarren

Otfried Jarren

Emek-Präsident Otfried Jarren, Prorektor an der Uni Zürich, teilt knapp mit, sein Lehrstuhl habe seit 2010 total 181 885 Franken aus Bakom-Mitteln erhalten. Für die SRG selber habe er keine Aufträge ausgeführt. Wenn auch betragsmässig eher bescheiden, ist das Gehalt von SRG-Verteidiger Vinzenz Wyss doch besonders illustrativ: Als Präsident der Bildungskommission der SRG Zürich/Schaffhausen erhält er «jährlich CHF 5500 zuzüglich CHF 750 Nebenkosten». Zudem gibt Wyss an, er und zwei Forschungskollegen hätten «als Experten und auf private Rechnung» insgesamt zwölf «Kurse» (gut einstündige Unterrichtseinheiten) für die SRG ausgerichtet, von denen jeder mit 500 Franken entschädigt worden sei.

«Byzantinisches Genossenschaftssystem»

Wie sieht es diesbezüglich an Wyss’ Fachhochschulinstitut aus? Neben einer vom Bakom aus RTVG-Mitteln geförderten Studie (52 000 Franken) erhielt sein Institut seit 2010 direkte Aufträge von SRF für insgesamt 144 076 Franken. Wyss schreibt, der gesamte Forschungsetat des Instituts habe über diesen Zeitraum 2,26 Millionen Franken betragen. Daher stamme nur ein geringer Teil der Finanzierung aus SRG-nahen Quellen. Bedeutender hier sei etwa der Schweizerische Nationalfonds – eine Argumentationslinie, die Wyss in seinem Schreiben auch den Fachkollegen vorzeichnet: Es sei «gegenüber der Weltwoche zu betonen», dass die Mittel aus dem Rundfunksystem «im Vergleich etwa zum Nationalfonds und zu anderen – auch vielen Quellen aus der Privatwirtschaft – in der Regel nur einen kleinen Teil der Forschung ausmachen».

Tatsächlich? Aufgrund der Verschwiegenheit der SRG lassen sich nur die Zahlungen des Bakom an die Wissenschaftler rekonstruieren, nicht aber jene der SRG. Seit 2010 haben die Medienwissenschaftler der Universität Zürich, darunter der verstorbene Kurt Imhof,

Mark Eisenegger

Mark Eisenegger

sein Nachfolger Mark Eisenegger und Doyen Otfried Jarren, aus dieser Quelle total 1,96 Millionen Franken erhalten. Allein für seine kritisierte Auswertung der SRG-Internetnachrichten erhielt IPMZ-Mann Latzer fast 200 000 Franken aus dem RTVG-Komplex – auf denselben Professor entfallen 448 000 Franken für eine andere Analyse des Onlineangebots der SRG. An die Universität Freiburg, wo der betreffende Forschungszweig vornehmlich ein Tummelfeld ehemaliger IPMZ-Leute abgibt, flossen vom Bakom gesamthaft 1,75 Millionen Franken – fast 50 000 Franken vom Bakom erhielt der im Abstimmungskampf Partei ergreifende Manuel Puppis. Das Bundesamt legt es in seiner Förderung nicht auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Rundfunk an. «Finanzielle Leistungen aus dem Rundfunksystem», heisst es auf der Internetseite, sollen durch die Bakom-finanzierte Medienforschung «wiederum dem Rundfunksystem zugutekommen». Die Bakom-Gelder stammen aus derselben Quelle wie die Radio- und Fernsehgebühren, nämlich aus dem Radio- und Fernsehgesetz. Kein Wunder, machen die Forscher mit der langfristigen Einnahmensicherung dieser Institutionen gemeinsame Sache.

Sind die Millionenbeiträge wirklich so unbedeutend, wie die Wissenschaftler glauben machen wollen? Nachforschungen in der Datenbank des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) lassen Zweifel aufkommen. Die Suche unter Stichworten wie SRG oder SRG SSR weist dort seit 2010 ein einziges Projekt aus, und zwar eine Untersuchung über die «Geschlechtergleichheit» in der betriebswirtschaftlichen Praxis und den Programmen der SRG – vom SNF mit 269 105 Franken gefördert. Dem steht die Jahr für Jahr millionenschwere Förderung durch das Bundesamt für Kommunikation im Zentralbereich der SRG-Grundsatzfragen gegenüber.

In der Sonntagszeitung schreibt Konrad Hummler, die Debatte um das RTVG leuchte wie ein «Biomarker» die vielseitigen, auch finanziellen Abhängigkeiten im «byzantinischen Genossenschaftssystem» des öffentlichen Rundfunks aus. Störend ist, dass gerade die Medienwissenschaftler in ihrem Engagement für die Vorlage tunlichst ihre Verflechtung mit dem Apparat verschweigen. Zu Recht befürchtet Vinzenz Wyss in seinem Schreiben an die Fachkollegen Kritik an der Tatsache, dass die «Geldflüsse kaum transparent seien» und dass «gerade dann nicht explizit darauf hingewiesen» werde, wenn sich «Forschende öffentlich für die SRG bzw. für das RTVG einsetzen». Es dürfte «schwer sein, gegen dieses Narrativ rational anzukämpfen», so die Schlussfolgerung des Wissenschaftlers.
* Der Autor ist Mitglied der SRG-kritischen «No Billag»-Initiative.

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