Rede von Alt-Bundesrätin Elisabeth Kopp zum Tag des Gedenkens der Opfer der Shoah

(Bildergalerie HIER!)

Im Rahmen der Besa-Ausstellung in Luzern wurde am 27. Januar 2015, am 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, den Opfern der Shoah gedacht.

Alt-Bundesrätin Elisabeth Kopp, die von 1984 bis 1989 als erste Frau im Bundesrat El. Koppamtete und als Justizministerin oberste Verantwortliche für das Schweizer Flüchtlingswesen war, warnte in ihrer Rede vor Gleichgültigkeit und Egoismus. Diese Eigenschaften seien gefährlicher als Bedrohungen von aussen, weil sie die Gesellschaft von Innen zersetzten und die Solidarität zerstörten. Die Haltung, sich nicht zu exponieren, kein Risiko einzugehen und zuerst an sich selbst zu denken, habe den Holocaust letztlich ermöglicht.

Die ganze Rede hier zum Nachlesen:

Gedanken zum Internationalen Holocaust-Gedenktag und was wir daraus lernen könnten

  1. Januar 2015, Luzern

von Elisabeth Kopp

Vom österreichischen Philosophen Karl Popper stammt der Satz: „Der Versuch, das Paradies auf Erden zu errichten, hat stets die Hölle produziert.“

Die Nationalsozialisten bewiesen, wie treffend dieser Satz ist. „Judenfrei“ sollte das künftige Paradies auf Erden sein, und sie machten sich ans Werk.

Die Ermordung von 6 Millionen Juden durch Nationalsozialisten war ein Verbrechen, das alle Dimensionen und selbst das Vorstellungsvermögen sprengt, und in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg umfassend bekannt wurde. Belegt ist, dass bereits vor und während des Krieges Informationen über die Judenverfolgungen ins Ausland drangen. So auch in die Schweiz. Doch die Grenzen blieben zu.

Man muss sich gerechtigkeitshalber vor Augen halten, dass die Schweiz damals von den Achsenmächten umschlossen war. Der Bundesrat musste die schwierige Gratwanderung beschreiten, für unser Volk zu sorgen, um z.B. Kohle und Heizöl importieren zu können, denn die Schweiz hat bekanntlich ausser Wasser keine Rohstoffe.

Im Gegenzug gestattete er den Achsenmächten Materialtransporte durch die Schweiz. Dem Bundesrat deswegen Vorwürfe zu machen, kann nur jemand, der nie die Last der Verantwortung für ein Volk auf seinen Schultern getragen hat.

Die Politik ist die Kunst des Möglichen: oft ist es eine schwierige Kunst.

Die Schweizer Bevölkerung war grösstenteils gegen die Politik des Bundesrat. Aber nur die Faust im Sack zu machen, nützt nichts. Zu öffentlichen Demonstrationen kam es kaum. Ein kleines Volk im Balkan bewies dagegen Mut und Tatkraft. Dazu ist festzuhalten, dass Albanien, im Gegensatz zur Schweiz, am Rande Europas liegt; das schmälert indessen seine grossen menschlichen Verdienste nicht. Die Albaner retteten, und zwar Christen und Muslime gemeinsam, nicht nur die Juden in ihrem Land sondern auch die Juden, die nach Albanien geflohen waren Diese wären ohne diese Hilfe dem sicheren Tod geweiht gewesen wären. Sie bewiesen damit, dass Muslime und Christen sehr wohl zusammen arbeiten können.

Die Albaner handelten gemäss ihrem Ehrenkodex BESA: Ehre. Die Ehre ist wichtigster Bestandteil des traditionellen albanischen Sozialverhaltens. Am meisten Ehre gebührt dabei dem Gast. Diese Regel des Kanun – »Das Haus des Albaners gehört Gott und dem Gast« – zusammen mit der albanische Tradition retteten Hunderten oder Tausenden von Menschen das Leben (neben Juden auch italienischen Deserteuren). Albanien, mit einer muslimischen Mehrheit scheuten keine Mühe und Gefahr, Juden zu retten. Albanien gehört zu den seltenen Länder in denen es weder religiöse Vorurteile noch Hass gab.

Sie gingen dabei ein erhebliches Risiko ein, denn die Nationalsozialisten und ihre Verbündeten machten vor den Grenzen des Kleinstaates im Balkan keinen Halt.

Als die deutsche Besatzungsmacht eine Liste der sich in Albanien aufhaltenden Juden verlangte, verweigerte die albanische Regierung dieses Ansinnen mit der Begründung, dies sei eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Albaniens. Das brauchte Mut und Überzeugung. Doch für die Albaner war ihr Handeln selbstverständlich und zwar durch alle Bevölkerungsschichten hindurch.

Schriftsteller Sarner, der ausführlich über die Rettung der Juden in Albanien forschte, erzählt in seinem Buch verschiedene Geschichten, wie Albaner aller Religionen Juden bei sich aufnahmen, immer wieder neue Verstecke gefunden werden mussten, weil deutsche Soldaten alle Häuser durchsuchten. Die Albaner stellten den Verfolgten falsche Papiere aus, die sie als Albaner auswiesen, kleideten sie wie Albaner. Die Albaner haben dabei ihr Leben riskiert.

Die Schlacht von El Alamein, die am 23. Oktober 1942 begann, und als deren Folge General Rommel von der ägyptischen Grenze zurückgeworfen wurde, signalisierte die Wende. Sie ermöglichte den Alliierten die Landung im Süden. Churchill sagte in einer Radioansprache nach dieser Schlacht mit seinen bekannt träfen Worten: “Das ist nicht der Anfang des Endes, sondern das Ende des Anfangs“. Allerspätestens nach der Schlacht von Stalingrad im März 1943 stand der Sieg der Alliierten fest. Die Deutschen und ihre Verbündeten wurden zum Rückzug gezwungen. Weshalb die Schweizer Grenzen trotzdem zu blieben, ist schwer nachvollziehbar.

Glücklicherweise gab es Persönlichkeiten, die sich den Weisungen des Bundesrates widersetzen: Der St. Galler Polizeikommandant Hauptmann Paul Grüninger rettete Hunderte von jüdischen Flüchtlingen vor der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung, indem er verfolgten Juden half, in die Schweiz zu gelangen. Als sein Tun entdeckt wurde, wurde er vom Dienst suspendiert und seine Ansprüche auf Pension wurden ihm aberkannt. Seine Familie lebte als Folge in grösster Armut. Grüninger selber fand nie mehr eine feste Anstellung. Seine Rehabilitierung erlebte er nicht mehr.

Grosse Verdienste erwarb sich auch der Schweizer Diplomat Carl Lutz. Bekannt wurde er für seinen grossen Einsatz für die in Ungarn lebenden Juden. Er rettete rund 60 000 vor der Deportation und damit vor dem sicheren Tod, indem er Juden, die nach Palästina ausreisen wollten, Schutzpässe und Schutzbriefe ausstellte. Das Verhalten von Lutz wurde von der Polizeiabteilung in Bern als Kompetenzüberschreitung gerügt, hatte aber keine weiteren Folgen für ihn.

Aus den Glaubenskriegen, vor allem im 16. und 17. Jahrhundert, in denen unzählige Menschen den Tod fanden, kann es nur eine Erkenntnis geben: Es gibt nicht eine einzig „richtige“ Religion, sondern es gibt zahlreiche verschiedene Religionen. Und es gibt Menschen, die keinem Glauben angehören, und in ihrem Leben sehr viel Gutes tun und sehr viel Gutes bewirken. Wie eindrücklich dazu Albert Schweitzer: „Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen“.

Auch in der Schweiz fanden Religionskriege noch im achtzehnten Jahrhundert statt: Im Jahre 1834 konfessionalisierte sich der Konflikt zwischen liberalen und konservativen Kräfte. Der so genannte Sonderbundskrieg führte 1848 zur Bundesverfassung, die der heutigen Schweiz zu Grunde liegt. Seit diesem Datum leben bei uns verschiedene Kulturen, verschiedenen Sprachregionen und verschiedene Religionen friedlich nebeneinander. Ja, mehr als das: Wir empfinden es als Bereicherung, und die Minderheiten werden nicht unterdrückt, sondern wenn schon, privilegiert. Diesbezüglich ist die Schweiz ein Vorbild.

Kehren heute die Glaubenskriege zurück? Vor den entsetzten Augen der Weltöffentlichkeit finden in Mittleren Osten religiöse Säuberungen statt, werden Millionen in die Flucht geschlagen und anders Gläubige vor den Augen der Weltöffentlichkeit enthauptet. Der Mensch scheint nicht fähig zu sein, aus der Geschichte zu lernen. Doch nicht zuletzt dank der internationalisierten Medien, gibt es Zeichen der Hoffnung: gemeinsame Gebete und Proteste von Jesiden, Muslimen und Christen. Der Grossmufti von Ägypten verurteilte die Verbrechen mit aller Deutlichkeit. Niemand dürfe im Namen des Islam Gewalt ausüben, allerdings kam die Erklärung reichlich spät. Und bewirkt hat sie bisher nichts.

Einmal mehr bestätigt sich der Satz des Philosophen Karl Popper: Der Versuch, das Paradies auf Erden zu verwirklichen, hat stets die Hölle produziert

In Europa versuchte nur eine kleine Minderheit, den Juden zu helfen. Die meisten standen dem Schicksal ihrer jüdischen Nachbarn gleichgültig gegenüber. Es ist müssig darüber zu spekulieren, was geschehen wäre, wenn die grossen Europäischen Staaten sich gleich wie die Albaner verhalten hätten. Hingegen ist es notwendig, die Fragen für die Gegenwart und Zukunft zu stellen. „Nicht die Kapitulation vor dem Bösen ist der Weg zur Hoffnung, sondern der Glaube an den Willen und das Gute in jedem von uns“ ( Dr. Hisham Maizar)

Nach dem Attentat in Frankreich, über das die Medien ausführlich berichteten, wurden auch in den übrigen europäischen Staaten die Sicherheitsvorkehren verstärkt. Doch eine absolute Sicherheit wird es nie geben. Ein letztes Mal zitiere ich Karl Popper:

Wir müssen für die Freiheit planen und nicht für die Sicherheit, wenn auch vielleicht aus keinem andern Grund als dem, dass nur die Freiheit die Sicherheit sichern kann.“

Jeder einzelne von uns kann zur Sicherheit und damit zur Freiheit beitragen. Oft kommt es mir vor, dass die Menschen in Europa, verwöhnt durch die längste Friedensperiode in der Geschichte Europas und durch den Wohlstand, ganz besonders in unserem Land, eine ungesunde Selbstzufriedenheit entwickeln und nach dem Prinzip „Immer Mehr“ handeln, ohne sich Gedanken zu machen, was denn sie zum Wohl der Allgemeinheit beitragen könnten. Dann kommt mir immer wieder ein Satz des ermordeten amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy in den Sinn: „Frage nicht, was der Staat für dich tun kann, sondern was du für den Staat tun kannst.“

Es stimmt mich nachdenklich, wenn die Gemeinden Mühe haben, Personen zu finden, die in der Gemeinde Ämter übernehmen und sich so der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Zugegeben: die Arbeit ist oft mühsam und zeitraubend, sie lässt uns aber auch Einblick nehmen in das Schicksal von Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Kurz, sie fördert Verständnis und die Suche nach Hilfsmöglichkeiten und Lösungen.

Churchill sagte in einer berühmten Rede vor dem Unterhaus: “Die Demokratie sei die schlechteste Staatsform mit Ausnahme aller andern“. (Leicht abgekürzt).

In der Demokratie werden die Politiker bekanntlich vom Volk gewählt. Und die Politiker wollen wieder gewählt werden. Politiker können zwar den Menschen ihre Ideen und Vorstellungen nahe zu bringen versuchen, aber auch nicht mehr. Und die Menschen, die mit der Politik nicht zufrieden sind, müssen aktiv werden.

Sich nicht exponieren, kein Risiko eingehen, zuerst an sich selbst denken: Das scheint für Viele das Rezept zu sein, um bequem durchs Leben zu kommen. Doch das sind genau die Eigenschaften, die uns nicht weiter bringen. Weder den Einzelnen, noch die Gesellschaft noch unsern Staat. Diese Haltung ermöglichte unter anderem den Holocaust. Aus dieser Haltung auszubrechen braucht Mut.

Ohne mutige Menschen wäre unser Land gar nicht erst entstanden und ohne mutige Menschen, die auch unpopuläre Meinungen vertreten, wird es nicht bestehen können.

Es gibt sie, die Einzelnen, die sich abheben, ihr Leben riskieren, um einem andern Menschen zu retten, die eingreifen bei der Bedrohung eines Mitmenschen auf das Risiko hin, selber in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Die Albaner haben es uns gezeigt. Es gibt sie, die Menschen, die sich für die Gerechtigkeit einsetzen, selbst wenn sich persönliche Nachteile daraus ergeben. Es gibt die unbequemen Mahner, die gegen den Strom schwimmen, nur werden sie oft nicht oder zu spät gehört. Die Menschheit braucht diese Vorbilder, wenn sie nicht an Gleichgültigkeit und Egoismus zu Grunde gehen will. Diese Eigenschaften sind gefährlicher als allfällige Bedrohungen von aussen, weil sie die Gesellschaft von Innen her zersetzen. Sie zerstören die Solidarität in unserer Gesellschaft und damit das Fundament unseres Staates.

Nachdem auch Ihre Excellenz, der Botschafter von Kosovo, Herr Naim Malaj, anwesend ist, möchte ich meine Gedanken mit einem Erlebnis in Pristina, der Hauptstadt Kosovos, schliessen. Vor den ersten freien Wahlen im Kosovo nach der Unabhängigkeit wurde ich für einen Vortrag eingeladen. Natürlich besuchte ich bei dieser Gelegenheit auch die Schweizer Truppen, die sog. Swisscoys, die auch heute noch im Rahmen der KFOR-Truppen tätig sind.

Ein Gefreiter erzählte mir, er sei soeben von einem Kaffee mit einem russischen Kollegen zurückgekommen. Ich fragte ihn, ob er denn russisch könne oder sein Kollege etwas Englisch? Weder noch, war seine Antwort. Aber wenn man gemeinsam den ganzen Tag mithilft, eine zerstörte Brücke wieder aufzubauen, braucht es für die Verständigung keine Worte. Die Worte blieben tief in mir haften:

Gemeinsam über Sprach- Religions- und Staatsgrenzen hinweg, andern Menschen in Not helfen, das bringt die Menschheit weiter. Nehmen wir uns die Albaner als Vorbild. Das stärkt nicht nur den Frieden in der Welt, sondern auch den Frieden in uns selbst.

 

 

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