«Ich will die Reformation des Islam»

© Basler Zeitung; 15.01.2015; PDF: baz_20150115

Der palästinensisch-israelische Jugendarbeiter Ahmad Mansour über Islam und Aufklärung Von Daniel W. Szpilman, Luzern

Die Anschläge von Paris schockierten die Welt. Ein Raunen geht um in Europa. Wie ist der Islam zu beurteilen? Ahmad Mansour sieht nur eine Lösung. Er kämpft für sie, die Reformation des Islam ist sein Lebensinhalt.

BaZ: Herr Mansour, auf Ihrer Website steht «Wir brauchen mehr Aufklärung». Seit Jahren engagieren Sie sich für eine kritische und innerislamische Auseinandersetzung mit dem Islam. Das sind Meinungen, die man selten zu hören bekommt. Wieso ist dem so?
Ahmad Mansour: Ich glaube, dass der organisierte Islam in Europa sehr politisch ist und häufig vom Ausland imageunterstützt und teilweise finanziert wird. Diese Stimmen repräsentieren den Islam in Europa. Das hat zur Folge, dass man Meinungen wie meine nicht sehr häufig zu hören bekommt, weil sie in vielen muslimischen Verbänden unterdrückt werden. Man wird diffamiert, andere fürchten um ihr Leben. Das wird sich nicht ändern, wenn wir, die Reformatoren, keine Unterstützung der Mehrheitsgesellschaft erhalten, um uns gegen die politischen Verbände durchzusetzen.

Also sind Äusserungen wie jene von Sigmar Gabriel, dass der Anschlag in Paris «nichts mit dem Islam zu tun habe», oder jene eines Experten im WDR, dass man sich bei solchen «von Charlie Hebdo veröffentlichten Karikaturen über einen solchen Anschlag nicht zu wundern brauche» für Sie als muslimischer Reformator nicht hilfreich?
Die Äusserung von Herrn Gabriel bringt uns nicht weiter. Sigmar Gabriel macht das, weil er sich nicht die Finger verbrennen will. Er verkennt den Stellenwert der islamistischen Ideologie. Es ist bequemer, die Verantwortung abzugeben und sich so zu äussern, statt es differenziert zu betrachten. Die andere Aussage halte ich für fatal.

Der Tages-Anzeiger schrieb, dass die «Opfer von Paris die gemässigten ¬Muslime seien».
Damit wird die Opferhaltung unterstützt. Solche Aussagen führen dazu, dass sich die Menschen immer weniger mit den Inhalten auseinandersetzen.

Was wollen muslimische Verbände und Politiker mit der «Das hat nichts mit dem Islam zu tun»-Aussage erreichen?
Wie gesagt: Betrachten wir es differenziert. Die Attentate haben sehr wenig mit meinem Verständnis von Islam zu tun. Ich glaube an Gott, glaube an die Demokratie, an die Menschenrechte und nicht an einen Gott, der bestraft. Ich bin sehr kritisch und will das auch sein. Meinem Islam zufolge soll man vieles kritisch sehen, wie die Suren und die Hadithen aus dem Koran. Fragen zu stellen, ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Die Menschen müssen endlich mündig werden. Wer «das hat nichts mit dem Islam zu tun» sagt, geht dem Problem aus dem Weg. Die meisten muslimischen Verbände sowie die meisten Muslime lehnen Terror ab. Dennoch finden sich bei genauerem Hinschauen Inhalte, die problematisch sind. Wir müssen diese Inhalte grossschreiben, infrage stellen und Alternativen entwickeln. Und das können nur Muslime tun, von sich aus.

Wie kann man so eine Auseinandersetzung und Kritikförderung erreichen?
Indem man kritische Stimmen stärkt. Man kann Forderungen an die Verbände stellen und ihnen sagen, dass sie eine Debatte erlauben müssen, indem sie nicht mehr jede Islamkritik als «islamophob» abstempeln. Selbstverständlich gibt es Menschen, die Muslime hassen, selbstverständlich gibt es Rassismus. Das wird es immer geben. Aber Kritik darf nicht von vornherein als islamophob delegitimiert werden.

Im Westen gibt es viele, die bei von Muslimen verübten Anschlägen von Einzelfällen sprechen und dann auf den Anschlag von Anders Breivik oder den Ku-Klux-Klan verweisen. Diese seien auch nicht repräsentativ für das Christentum, wieso sollten es dann Terroristen für den Islam sein?
Weil es keine Einzelfälle sind. Selbstverständlich gibt es Einzelfälle wie eben Breivik. Selbstverständlich gibt es fundamentale und anti-demokratische Christen. Es gibt alles. Aber das ändert doch nichts am Problem, das der Islam hat. Was bringt mich das weiter, wenn mir ein Christ die Kreuzzüge entgegenhält und so die islamischen Probleme relativieren will? Nichts. Die Probleme gehen nicht weg. Sie sind real und gegenwärtig. Wieso muss man alles relativieren? Ich kann es nicht nachvollziehen.

Also sollte man alle Probleme isoliert voneinander betrachten?
Ich mache ein Beispiel: Wenn ich vom Problem der Gleichberechtigung in manchen Islamverständnissen spreche, kommen häufig Leute und sagen mir, dass es im Westen ja auch keine Gleichberechtigung gebe. Man schaue sich die Lohnunterschiede an.

Was antworten Sie?
Ich lehne Lohnungerechtigkeiten ab. Natürlich. Aber in meiner Arbeit widme ich mich eben islamischen Problemen und islamistischen Inhalten und nicht der Zwangsprostitution oder Lohnungerechtigkeiten im Westen. Ich will die Reformation des Islam. Menschen, die alles relativieren, halten uns Muslime für unfähig, mit Kritik umgehen zu können. Wir sind normale Menschen, die gefälligst Kritik auszuhalten haben – religiöse wie persönliche. Diese Relativierer verkennen den Stellenwert der Ideologie und sehen Muslime als «Wesen», die ausschliesslich vom Umfeld geprägt werden und ihre Handlungen danach richten. Das ist falsch. Auch in der Bibel gibt es kritische Stellen. Der springende Punkt ist aber, wie die Mehrheit der Gläubigen, die sich auf ein solches Dokument berufen, handeln. Und da unterscheiden sich die Muslime von andern Religiösen. Ich stelle Ihnen eine Frage: Was wollen die Relativisten mit den ewigen Entschuldigungen erreichen?

Vielleicht haben sie Angst, vielleicht wollen sie Muslime schützen oder aber sie sind tatsächlich überzeugt, dass der Islam in seiner Form vollkommen ist. Ich kann Ihnen die Frage nicht beantworten. Sagen Sie es mir.
Die Leute haben keine Lösungs¬ansätze. Ganz einfach. Die Versteher müssen einsehen, dass die Probleme mit manchen Muslimen auch mit der Kultur und der Religion zu tun haben. Indem sie sagen, dass der Islam Frieden oder vollkommen ist, tun sie das, was die Salafisten machen. Sie verallgemeinern und führen undifferenzierte Debatten.

Sie sagten in einem Interview, Sie hätten das Gefühl, dass viele Journalisten nicht verstehen oder wahrhaben wollten, dass es problematische Inhalte in manchen Auslegungen vom Islam gibt. Warum ist das so?
Es ist leichter, sich mit Sport und der Wirtschaft zu befassen, als kritische Fragen zu stellen. Über den Islam zu debattieren ist, wie wir in Paris gesehen haben, gefährlich. Nicht alle haben die Motivation, den Mut und die Zeit dafür.

In diversen Zeitungen stehen Sie für diese Meinungen ein. Was für Reaktionen erhalten Sie?

Ich werde nicht im Stich gelassen. Es gibt viele, die gut finden, was ich mache. Auch Muslime. Ich bekomme aber auch Drohungen. Man sagt, dass ich den Islam zerstöre und meinen Arsch an Islamfeinde verkauft habe. Ich sei ehrenlos, wolle den Islam beschmutzen.

Wie geht man mit solchen Drohungen und Äusserungen um?
Gar nicht. So was leite ich der Polizei weiter. Ich will keine Diskussionen mit Menschen führen, die verloren sind, sondern jene erreichen, die es noch nicht sind. Um die geht es. Wir befassen uns hauptsächlich mit den IS-Kriegern, mit denen, die ausreisen und zurückkehren. Aber was ist mit denen, die hierzulande radikalisiert werden? Sie brauchen muslimische Vorbilder, die an die Demokratie glauben und sich für eine kritische Debatte einsetzen. Wir müssen uns auf die Jugendlichen konzentrieren, die offen für radikale Tendenzen sind oder den Weg der Radikalisierung bereits eingeschlagen haben. Das sind viele. Aber noch sind sie zu retten.

Lamya Kaddor, Vorsitzende des liberal-islamischen Bundes, sagt, dass viele muslimische Jugendliche keine Alternative hätten, weil sie schlecht in der Schule und Versager seien und deswegen in den Jihad nach Syrien zögen. Viele Menschen finden Erklärungen, um solche Handlungen nachvollziehbar machen zu können. Wieso tun sie das?
Menschen haben immer Alternativen. Es ist wie bei der häuslichen Gewalt, sie ist schicht- und bildungsunabhängig. Islamisten gibt es an der Uni, unter Ärzten, Anwälten, in der Gosse. IS-Gotteskrieger, Hamas-Anhänger und Boko-Haram-Schlächter sind nur die Spitze des Eisbergs. Was ist mit denen, die unter uns leben, deren radikale Auffassungen teilen, aber nicht in den Jihad ziehen? Dort muss man ansetzen. Es reicht nicht, dass Politiker in Paris zusammenstehen und ein Zeichen setzen wollen. Sie müssen die Debatte ankurbeln und die islamistischen Inhalte infrage stellen.

Sie sprachen von Vorbildern. Der intellektuelle Islamwissenschaftler Tariq Ramadan doziert an Universitäten wie Oxford und Rotterdam. Er ist der Inbegriff eines Intellektuellen, ein potenzielles Vorbild, und doch macht er die Weltbank für alle Probleme in islamischen Ländern verantwortlich und distanziert sich nicht von Steinigungen.

Ramadan ist kein Vorbild. Er präsentiert keine Lösungen. In seinem religiösen Denken hat er eine politische Dimension erschlossen. Das ist gefährlich. Indem er sich nicht von Inhalten distanziert, die die Basis für weitere Radikalisierungen schaffen können, handelt er unverantwortlich. Es ist schade, dass er so viel Aufmerksamkeit erhält und muslimische Intellektuelle repräsentiert.

Müssen sich Muslime überhaupt von Steinigungen distanzieren?
Wenn ein Muslim aus der Basis Farbe bekennen und zeigen will, dass ihm was daran liegt, dass es keine Steinigungen gibt: ja. Muslime, die sich ganz klar zur Demokratie bekennen, müssen sich nicht distanzieren.

Wie beurteilen Sie die Zukunft Europas, angesichts wachsender Spannungen?
Es wird schwere Tage und noch mehr Anschläge geben, davon bin ich leider überzeugt. Aber wir dürfen das Feld dem politischen Islam nicht überlassen. Langfristig wird die Demokratie siegen. Aber dafür braucht es Reformatoren und Leute, die mutige Fragen stellen. An sich selbst, an ihre Prediger, ja selbst an Gott. Daran glaube ich.

***

Muslimischer Reformator
Ahmad Mansour ist ein Einzelgänger – das war er immer. 1976 kam Mansour als Sohn arabischer Israelis in Israel zur Welt. Im Schulalter lernte er einen islamischen Imam kennen, der ihn für den Fundamentalismus gewinnen wollte. Sein Psychologie-Studium in Tel Aviv, der Kontakt zu jüdischen Israelis und zur westlichen Lebensweise verhinderten die Radikalisierung. Seither kämpft Mansour für eine Reformation des Islam, gegen Antisemitismus und gegen das Patriarchat im Islam. Er ist ein Mann, bei dem der Zweifel und nicht der Glauben herrscht. Seit 2004 lebt er in Deutschland.

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2 Gedanken zu “«Ich will die Reformation des Islam»

  1. Sehr geehrter Herr Mansour, als deutsche Christin sage ich Ihnen Dank! Sie lassen in mir wieder Hoffnung aufkommen, dass der Glaube an den gütigen Gott die Welt retten kann. Herzlichst Maria Leuschner

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