Antisemitismus à la carte

imageDavid Klein 

Roger Schawinski hat seine Meriten, das ist unbestritten und muss an dieser Stelle nicht vertieft werden. Thiel hingegen ist mit seiner selbstgewählten Rolle als Koran-Exeget restlos überfordert. Im Interview sind beide grandios gescheitert.

Nichtsdestotrotz entstand eine erfrischend unschweizerische Sendung mit hohem Unterhaltungswert. Die beiden Streithähne haben die hiesige Talk-Showlandschaft aus dem Dauertiefschlaf gerissen und wurden im medialen Nachspiel in Höhen des Quotenolymps katapultiert, die beide nie mehr erreichen werden. «Ein unfassbarer Rekord, der wohl noch für viele Jahre Bestand haben wird», schwärmt Schawinski in seiner Stellungnahme in der «SonntagsZeitung» vom 28. Dezember. Diese hinterlässt einen schalen Nachgeschmack.

«Thiel schleuderte mir in der ersten Minute «Papierjude» entgegen», beklagt sich Schawinski dort. Laut «20 Minuten» hätte Thiel ihn damit «antisemitisch in die Ecke getrieben» und «schamlos destabilisiert».

Doch Thiel hat Schawinski nichts «entgegen geschleudert», sondern lediglich eine Frage gestellt, wenn auch eine provokative. Das Thema der Sendung war Thiels Islam-Schelte in der «Weltwoche». Zur Verteidigung gegen Kritik am Islam wird regelmässig bekräftigt, dass es «den Islam» und «die Muslime» gar nicht gibt. Tatsächlich gibt es unter anderem säkulare, gemässigte oder radikalisierte Muslime, sunnitische und schiitische Auslegungen des Islam, wobei es allein innerhalb der Sunniten vier verschiedene Rechtsschulen (Madhahib) gibt (schafiitisch, hanafitisch, malikitisch und hanbalitisch), dazu Wahhabiten und Salafisten, beides extreme sunnitische Ausprägungen und ausserdem die sogenannten Islamisten des Islamischen Staats (IS), Boko Haram, Al-Shabaab, Hisbollah, Hamas und viele andere. Mit Ausnahme der Säkularen halten sich alle strikt an den Koran und die Sunna (Gesamtheit der Aussprüche, Entscheidungen und Verhaltensregeln des Propheten Mohammed).

In Anbetracht dieser Fülle von Varianten, den Islam zu praktizieren, scheint Thiels Frage, wie Schawinski sein Judentum lebt, ob als Papier-Jude, Agnostiker-Jude oder gläubiger Jude, durchaus nachvollziehbar. Schawinski will die Frage jedoch partout als «bewusste antisemitische Attacke» («20 Minuten») verstanden wissen.

«Der Hass gegen Juden hat in der Schweiz eine Dimension angenommen, die ich so noch nie erlebt habe», sagt Dr. Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerisch Israelitischen Gemeindebunds (SIG) gemäss «20 Minuten». Auf Facebookseiten, die für die Zürcher Pro-Gaza Demo im Juli 2014 mobil machten, fanden Kommentare wie «nur ein toter Jude ist ein guter Jude», «die einzige Medizin gegen Juden war Adolf Hitler» oder «wir müssen die Juden ausrotten», regen Zuspruch. Die von der Zürcher Stadtverwaltung genehmigte Marschroute sollte ins «Judenviertel» verlegt werden. Dort könne man den «Scheissjuden» und «Israelsympathisanten» «die Fresse polieren» und «jeden Zionisten im Judenviertel steinigen». Dr. Kreutner in «Schweiz Aktuell» vom 17. Juli 2014: «Alle diese Äusserungen stammen von Muslimen».

Bezeichnenderweise äusserte sich Schawinski, der Thiels vergleichsweise harmloser Frage nun zu seinen Gunsten den Antisemitismusstempel aufdrücken will, zu diesem exorbitanten, vorwiegend muslimischen Antisemitismus mit keinem Wort. Geschweige denn, gab es dazu einen «Schawinski».

«Viele Juden reagieren mit demselben Reflex. Sie deuten eine Zurücksetzung oft vorschnell als Antisemitismus und begeben sich damit noch etwas weiter in die innere Emigration», schreibt Schawinski in seiner Biographie «Wer bin ich?». Nun ist er selbst der Versuchung erlegen, anstelle von gesunder Selbstreflexion die Antisemitismuskeule zu schwingen, um die eigene Unzulänglichkeit zu relativieren.

Schawinski, der in seiner Biographie von «offenem, unverblümtem Antisemitismus in gehobenen Kreisen» berichtet, war sich jedoch nicht zu schade, den notorisch antiisraelischen «Orientalisten» Arnold Hottinger, in gut informierten Kreisen als «Arnold of Arabia» bekannt, als Kronzeugen für sich selbst aufzubieten. Hottinger ist zusammen mit Daniel Vischer und Geri Müller ein prominentes Mitglied der internationalen palästinensischen Organisation BDS (Boykott-Desinvestition-Sanktionen gegen Israel). Dort fördert und betreibt er aktiv die Delegitimierung Israels durch Verleumdung, Hetze und Agitation, die nicht selten in massiven Drohungen gegen jene mündet, die sich der BDS-Ideologie widersetzen. So wurde Ex-Beatle Paul McCartney 2008 von Omar Bakri, einem syrischen Terroristen und wie Hottinger enthusiastischer BDS-Unterstützer, mit dem Tod bedroht, sollte er in Israel auftreten.

Schawinski sollte dezidiert gegen Antisemitismus – auch muslimischen – Stellung beziehen, statt Antisemitismus à la carte zu betreiben und sich hinter Multikulti-Floskeln, einer «ethischen Haltung» («20 Minuten») und seiner inflationär bemühten «Emotionalität» zu verstecken.

«Ausführlich und hervorragend formulierter» Zuspruch von «prominenten Persönlichkeiten, hinauf bis in die höchsten politischen Sphären», der laut Schawinski 90 Prozent seiner erhaltenen Mail-Reaktionen zum Thema ausgemacht haben soll, würde weitgehend ausbleiben, dafür würde die eigene Glaubwürdigkeit und Integrität erheblich gestärkt.

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2 Gedanken zu “Antisemitismus à la carte

  1. Zum trefflich recherchierten Kommentar von David Klein erlaube ich mir hinzuweisen auf Expertisen von Islamexperten wie Mark Gabriel („Israel in Gefahr“, 2013), oder auch Hamed Abdel-Samad („Mein Abschied vom Himmel“, 2009). – Zum Beispiel im Hinblick auf die kanonisierte abrogierte Auslegung des Korans, welche die jüngeren, gewalttätigen Suren als gültig erklärt. auf Kosten der früheren, friedfertigen ! – Damit erhält Thiel Recht sozusagen. Wenn auch in künstlerischer Freiheit auf seine ureigene, autodidaktisch-kritisch-satirische Weise. Diesem Gegenüber hat sein bemühender Antipode Schawinski wirklich nichts Inhaltliches entgegenzusetzen (er hat den Koran nicht einmal ganz gelesen). – Ausser persönlicher Attacke, vielfach unter der Gürtellinie, koste was es wolle (seine miserable, aber kommunikativ scheinbar gut verkaufbare Marke). – Dazu vielleicht noch der Begriff Taquia (Täuschung), d.h. die ebenfalls vom Propheten kanonisierte Strategie cum Taktik, welche dem rechtgläubighen Djihadisten in Unterzahl erlaubt, wenn nicht vorschreibt, seinen Glauben zu verleugnen, wenn es im heiligen Kampf um sein Leben geht. Sehr wohl mit dem impliziten sakrosankten Endziel der Welteroberung mittels der Einführung der Scharia. Motto: Unter diesem Umstand ist ein lebender Dhijadist nützlicher als ein toter. Das heisst mit anderen Worten allerdings auch, dass Djihadist und verheissene Jungfrauenschar sich etwas gedulden müssen. Wenn solche und verwandte Problematik im Dialog mit unseren muslimischen Mitmenschen von uns säkularen und/oder christlichen Abendländern nicht angesprochen wird, ist das mit den Worten der unerschrockenen, muslimischen Vorkämpferin für einen fortschrittlichen Islam in der Schweiz, Frau Saida Keller-Messahli: „Reine Pflege der Gemütlichkeit“ (Zitat). Aber sogar Schwaniski hat es glänzendst fertig gebracht mit hochrotem Kopf und hirnlosem Gebrüll diese selbstgefällige Gemütlichkeit gründlichst zu vermiesen. Sowie – es wäre zu hoffen – diejenige von SRF und jeglicher Mainstream-Arroganz s.l.

  2. Ich habe mir das Interview angesehen. Wenn ich auch des schwyzerdütschen nicht wirklich mächtig, hat sich Thiel nach meinem Eindruck besser präsentiert als der fast immer überschäumende Schawinski. Ob letzterer der bessere Korankenner ist, wage ich zu bezweifeln. Wenn sich zum Thema Islam nur diejenigen äußern dürfen, die auf dem Kenntnisstand eines Tilman Nagel sind, dann dürfte kaum einer das Wort ergreifen. Nagel schreibt über BP-Wulffs Wort, dass der Islam zu Deutschland gehöre: „Der Bundespräsident machte sich auf diese Weise die islamische Sicht der Weltgeschichte zu eigen: Der Islam ist von Allah dazu bestimmt, die Herrschaft über die ganze Erde zu gewinnen; zuerst war Deutschland christlich-jüdisch, jetzt aber ist der Islam, die endgültige Wahrheit, ein Teil Deutschlands geworden.“ (Angst vor Allah, S. 31)

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