Das Zeugenhaus – Deutsche (Un)Schuld

imageVon David Klein

«Ein Film, der nichts sagt und nichts will», schreibt die WELT über den in jeder Hinsicht missratenen ZDF-Film «Das Zeugenhaus». Doch der von Oliver Berben produzierte Film, den die WELT als «eine Art Ohnsorg-Theater» bezeichnet, will durchaus etwas: Den Nationalsozialismus relativieren.

Seit einigen Jahren hält sich ein höchst fragwürdiger Trend des öffentlich-rechtlichen Deutschen Fernsehens, im grossen Stil und mit aufwändigen Mehrteilern zur besten Sendezeit, Revisionismus bezüglich des Zweiten Weltkriegs zu Gunsten der Deutschen zu betreiben. Zwar werden in «Event-Filmen» wie «Die Flucht» (ARD), «Die Gustloff» (ZDF), «Unsere Mütter unsere Väter» (ZDF) oder «Das Zeugenhaus» (ZDF) die Verbrechen der Nazis thematisiert. Die ProtagonistInnen sind jedoch regelmässig Sympathieträger, die durch ihre Zweifel und Zerrissenheit die Schuld der Deutschen relativieren sollen, während der millionenfache Mord an den europäischen Juden zur Randerscheinung verkommt.

Ein Vorreiter dieser öffentlich-rechtlichen Entschuldungs-Propaganda war Bernd Eichingers «Der Untergang».

Hier erleben wir Hitler als tatterigen Vegetarier, freundlich und zuvorkommend zu Mensch und Tier. Umgeben ist er von seinen Generälen und Offizieren, allesamt aufrechte Recken, die bis zur letzten Sekunde unter Einsatz ihres eigenen Lebens Menschen in Not retten, sodass sich das geschichtlich weitgehend ungebildete Publikum zwangsläufig fragen muss, warum der arme Adolf mit seiner trutzigen Garde und Schäferhündin «Blondi» in einem Bunker darben muss.

Auch das «Zeugenhaus» ist mit allerlei skurrilen, aber nicht unsympathischen Charakteren bevölkert. Udo Samel gibt Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann als kauzigen Pumuckl, Matthias Brandts Erwin Lahousen, General der Deutschen Wehrmacht, trieft förmlich vor Selbstzweifeln und Mitgefühl, Gisela Lemberger (Gisela Schneeberger), Görings Privatsekretärin, hat stets einen flotten Spruch auf den Lippen und Tobias Moretti spielt den Gründer der Gestapo, Rudolf Diels, als schelmischen Womanizer. Selbst Henriette von Schirach (Rosalie Thomass), Gattin des Reichsjugendführers Baldur von Schirach, die sich in ihrer Naivität im «Gästebuch» des Zeugenhauses mit einer putzigen Zeichnung verewigt, kann man nicht wirklich böse sein. Einzig der fiktive jüdische Bernstein (Samuel Finzi), Chef der US-Spionageabwehr CIC in Nürnberg, kommt als desillusionierter Morphium-Dealer der Gräfin Belavar (Iris Berben), Hausherrin des Zeugenhauses, schlecht weg.

«Es entspringt sicher dem verständlichen Distanzstreben der Nachgeborenen und ihrer Historiker, das Naziregime ins Abnorme zu verbannen und so dem in der NS-Historiographie äusserst populären und in unterschiedlichen Spielarten praktizierten Schuldreduktionismus Vorschub zu leisten», schreibt der Historiker Götz Aly in seinem Buch «Hitlers Volksstaat».

Nach Aussagen wie «Wir Deutsche haben auch gelitten», bekommt Hitler-Fotograf Heinrich Hoffmann von Drehbuchautor Magnus Vattrodt denn auch die ultimative Rechtfertigung in den Mund gelegt: «Hitler war auch nur rein Mensch».

Ja, was denn sonst? «Natürlich war Hitler ein Mensch, er war sicher kein Kamel», wie Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einst treffend bemerkte.

Hitler war genauso ein Mensch wie der 25-jährige Kurt Engels, Kommandant des KZ Izbica, einem Drehkreuz der Nazis für Juden in Richtung der Vernichtungslager Belzec und Sobibor. Ein Mensch, der die täglichen Massenerschiessungen der jüdischen Bevölkerung und der aus ganz Europa deportierten Juden als «Paradeschiessen» beschrieb. Engels wurde zwei Monate nach Kriegsende «entnazifiziert» und eröffnete 1955 in Hamburg das beliebte «Café Engels». Aber auch die «ganz normalen» Deutschen, die ihre ehemaligen jüdischen Nachbarn denunzierten und auf offener Strasse anspuckten, die in Köln die öffentlichen Massentötungen der Nazis bejubelten und im Hamburger Hafen angesichts der täglich per Schiff gelieferten «Judenkisten» mit geraubtem Hausrat der ermordeten Juden in einen regelrechten Kaufrausch verfielen, alle waren sie Menschen.

Hätte Hitler Kinder gehabt, würden sie sich an ihren Vater wohl mit der gleichen menschlich-verklärten Zuneigung erinnern wie Wolf-Rüdiger Heß, Sohn von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß, der verbissenen um eine posthume Ehrenrettung des Vaters kämpfte. Oder SS-Reichsführer Heinrich Himmlers Tochter Gudrun «Püppi» Burwitz, die der Ideologie ihres Vaters unbeirrt treu blieb und sich bis heute aktiv als Galionsfigur rechtsextremer Kreise betätigt. Hitlers Kinder würden vermutlich auch erlesen wohnen, wie Klaus von Schirach, Sohn von Baldur von Schirach, der in einer herrschaftlichen Villa in einem der besten Viertel Münchens residiert, während Holocaustüberlebende heute noch vor deutschen Gerichten um die Restitution ihres arisierten und geraubten Besitzes kämpfen müssen.

Leider wurde Hitler als Mensch geboren. Als Kamel hätte er garantiert weniger Schaden angerichtet.

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4 Gedanken zu “Das Zeugenhaus – Deutsche (Un)Schuld

  1. Die Deutschen werden also von linken, antideutschen Filmemachern als zu gut dargestellt? Was für eine absurde Behauptung.

  2. Der NS steht da nicht allein. Bislang traten diese Phänomene bei Ende aller sozialistischen Diktaturen auf. Zuletzt wiedermal in Deutschland nach 1989. Anderswo in Europa auch. In anderen Gegenden der Welt (Korea z.B.) wird es keinen Deut anders sein. Jede dieser Sozialistischen Diktaturen kann ein einzigartiges gigantisches Verbrechen gegen das Menschengeschlecht für sich verbuchen. Die Unterschiede manifestieren sich „nur“ in der Zahl. Was der einen 6 Mio. sind, ist der anderen 20 Mio. Den Opfern ist es aber egal, warum, wie und wo. Ich frage mich immer, warum die „Erklärer“ nicht als die Bestien erkannt werden.

    Alles dies kann man oftmals durch lesen einschlägiger Werke wie „Mein Kampf“, „Mao-Bibel“, „Was tun?“ und auch „Koran“ voraussehen, mindestens aber ahnen. Man kann lesen, will aber nicht. Und sog. „Intellektuelle“, die es dennoch tun, verharmlosen das Gelesene gegenüber dem staunenden Publikum. Um hinterher ebendies zu beschimpfen.

  3. „Leider wurde Hitler als Mensch geboren. Als Kamel hätte er garantiert weniger Schaden angerichtet.“

    Eine Beleidigung für liebevolle, nützliche Lebenswesen namens Kamel.

    Hitler reflektierte inneres Empfinden des weiten und breiten Durchschnitts des Kleinbürgertums. Eingeschlafen reagieren die Menschen auf alles das was sie nicht wahrnehmen wollen oder können. Jede populistische Ideologie kennt die Schlafmitteln für uns, brave Vertreter des schuldenfreien Kleinbürgertums. So wurde leicht die Lüge die Wahrheit und die Wahrheit wollte oder konnte kaum jemand wahrnehmen.

    V.

  4. Hat dies auf umermuedlich rebloggt und kommentierte:
    Was mich verstört, ist, dass es dieses Nebeneinander von verständnisvoll, liebevoll, höflich und zuvorkommend mit Grausamkeit, Brutalität und Verbrechen gibt. Wenn ich als Lehrer die Nazis als Nur-Bestien darstelle, gibt es keine Erklärung für deren Anhängerschaft. Sebastin Haffner hat es in seinen „Anmerkungen zu Hitler“ verstanden. Die Kapitelüberschriften lauten: Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen, Verrat.
    Man soll sich nicht blenden lassen, von den positiven Seiten eines Menschen. Skeptisch bleiben, auch wenn sich Erfolge einstellen (die wirtschaftlichen in den ersten Jahren der Hitlerherrschaft) Kurz: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Bei Hitler waren es allerdings schon vor seiner Reichskanzlerschaft ganz widerwärtige Dinge, keine guten Vorsätze.

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