Episoden aus dem Holocaust Gedenkjahr

Ungarn

2014 hätte das Holocaust-Gedenkjahr in Ungarn werden sollen. Die Regierung plante zahlreiche Veranstaltungen, Ehrungen, ein Museum, Gedenkstätten und ein Denkmal. Die jüdischen Organisationen machten anfänglich mit und zogen ihre Beteiligung im Lauf der Zeit zurück. Ein Überblick über das Geschehene und was übrig blieb.

Miklós Klaus Rózsa, Budapest

Bereits 2012 wurde ein hochrangiges Komitee für die Planung und Abwicklung der Feierlichkeiten eingesetzt. Schliesslich waren die Differenzen so gross, dass sich die jüdischen Organisationen aus dem gemeinsamen Organisationskomitee zurückzogen. Mehr noch: Der MAZSIHSZ, die Dachorganisation der jüdischen Verbände in Ungarn, verweigert seither jede Zusammenarbeit mit der Regierung. Alle Organisationen verzichten auf die bereits gesprochenen Gelder und zahlten auch schon ausbezahlte Summen in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro zurück. Die ständigen Meinungsverschiedenheiten waren evident, doch den Ausschlag für diesen radikalen Bruch gab die heimliche Planung eines „Mahnmals zur Erinnerung an die deutsche Besetzung Ungarns vor 70 Jahren“ auf dem Freiheits-Platz, in Sichtweite des Ehrenmals für die bei der Befreiung Budapests gefallenen Rotarmisten. Auch ein eilig einberufenes Krisenmanagement der Orbán-Regierung konnte den Dachverband nicht zu einem Umdenken bewegen.

Warum ist ausgerechnet dieses Denkmal so umstritten, dass es zu einem Dauerstreit inklusive Dauermanifestation kam? Erstens ist es potthässlich und unsäglich kitschig. Dieses Denkmal soll an die Besetzung Ungarns durch Deutschland im Jahr 1944 erinnern. Im Zentrum des Mahnmals steht eine Statue des Erzengels Gabriel. Gabriel, in einer demütigen Geste, spreizt die Arme während sich ein Reichsadler – Deutschland symbolisierend – auf ihn stürzt. Gabriel als Symbol der Unschuld Ungarns? Zu dieser Zeit war Ungarn schon längst ein Verbündeter Deutschlands. Namhafte Historiker sprechen von einer krassen Geschichtsfälschung. Ungarns Schuld an der Ermordung einer halben Million ungarischer Juden und Roma soll relativiert werden. Ohne die tatkräftige Unterstützung Eichmanns durch die ungarischen Behörden wäre die Deportationsmaschinerie niemals so geschmiert gelaufen.

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Dauerprotest auf dem Freiheits-Platz

Als die Arbeiten zum Denkmal begonnen hatten, mobilisierte eine bestehende facebook-Gruppe namens „Toleranz“ zur ersten Manifestation. Etwa 300 Menschen, darunter einige Holocaust- Überlebende, Schauspieler und Dramaturgen, nahmen am 9. Februar an einer Kundgebung teil. Am nächsten Tag kamen sie wieder und demontierten das Baugerüst, fein säuberlich. Die Polizei schritt nicht ein, da die Demontage des Gerüstes sei keine Sachbeschädigung darstelle. Das wiederholte sich einige Tage lang. Zwischenzeitlich erstellten die Demonstranten gegenüber der Baustelle sogar eigene kleine Gedenkstätten mit Symbolen wie Koffer, Bücher, Bilder von Deportierten, Briefen und Steinen. Diese Gedenkstellen stehen heute noch dort und füllen die ganze Breite der Strasse aus. Und aus der Kundgebung der ersten Tage wurde eine Dauerdemonstration: Seit einem halben Jahr versammeln sich täglich Menschen vor dem, zwischenzeitlich fertig gestellten Denkmal zu Protest und Diskussion. Es ist ein Ritual: Gegen 18 Uhr erscheinen etwa 50 Polizisten und stellen sich rund um das Denkmal auf. Eine halbe Stunde später kommen die Demonstrantinnen und tanzen um die Polizisten herum, händehaltend. Das Ganze verläuft bis heute ohne Konfrontation. Hingegen kommt schon mal vor, dass ein Polizist einer älteren Dame beim Aufhängen eines Plakates behilflich ist.

Bald entstand eine weitere facebook-Gruppe „Lebendiges Denkmal“. Diese trifft sich fünf Mal wöchentlich hinter dem Denkmal auf der Wiese, mit Stühlen und Lautsprecher zu einer Art „Speakers Corner“. Zu einem vorgegebenen Thema, welches gesellschaftspolitisch ist, aber nicht zwingend mit dem Mahnmal zu tun hat, diskutieren ein Referent oder eine Referentin und die Zuhörerinnen in den Abend hinein. Diese Diskussionsrunde hat sich zu einer wirklich spannenden Sache entwickelt. Ab und an erscheint ein prominenter Künstler, wie der Dirigent Adam Fischer und studiert mit den anwesenden Demonstrantinnen ein Gesangsstück ein, das am Abend seine Uraufführung erlebt.

Kaum anzunehmen, dass die Regierung mit dieser Entwicklung glücklich ist. Einen Erfolg haben die Proteste sowieso bewirkt: Der angekündigte Staatsakt zur Eröffnung wurde sang und klanglos „vergessen“. Zu gross war wohl die Angst, dass es zu noch grösseren Protesten kommen könnte. Die Statuen wurden im Juli klammheimlich mitten in der Nacht angeliefert, der ganze Platz von der Polizei abgeriegelt. Bereits einige Stunden später waren die Demonstranten schon wieder da und bewarfen das Mahnmal über den Köpfen von Polizisten eifrig mit Eiern. Einige Personalien wurden zwar aufgenommen, aber niemand am Eierwerfen gehindert. Der Polizeisprecher erklärte, dass gemäss einem Gerichtsurteil das Werfen von Eiern nicht strafbar sei. Immerhin hat die Regierung ihre Strategie, Proteste gegen die Regierungspolitik hinzunehmen und die Polizei zu einem – im europäischen Vergleich – sehr zurückhaltenden Agieren anzuhalten, seit über vier Jahren durchgezogen. Vermutlich in der nicht unbegründeten Annahme, dass Polizeigewalt zur Eskalation führt. Die einzigen zwei Zwischenfälle waren antisemitische Beschimpfungen durch Neonazis. Als es im Juli zu Handgreiflichkeiten kam, griff die dauernd präsente Polizei sofort ein und nahm den Rechtsextremen mit.

Auf der offiziellen Homepage der ungarischen Regierung zum Holocaust-Gedenkjahr hören die Eintragungen im Juni 2014 auf. Die nicht stattgefundene Einweihung des umstrittenen Denkmals im Juli wird schon gar nicht mehr erwähnt. http://holocaustmemorialyear2014.gov.hu/index

Was macht man mit einem Nazi-Bürgermeister?

Aufgefallen ist er am 4. Juli an der alljährlichen Budapest Pride, der LGTB-Parade an der einige Tausend sexuell anders orientierte Menschen teilgenommen haben.  Die Rede ist von Mihály Zoltán Orosz, Bürgermeister der 4000 Seelen Gemeinde Érpatak. Erschienen in einem uniformähnlichen Kostüm mit Federhut legte er sich mit Polizisten an, die den Umzug zu schützen hatten. Vor genau solchen Leuten wie ihm. Er bestand darauf, dass ihn die Polizisten am Umzug mitlaufen lassen, ja, er hätte gar das Recht auf einem Lovemobil mitzufahren, um die „Schwulen und Lesben“ aus der Nähe zu sehen. Er beschimpfte die Beamten, die ihm den Zutritt weiterhin verweigerten und brüllte Verwünschungen gegen die fröhliche Menge. Irgendwann wurde er von der Polizei in eine Nebengasse verfrachtet.

Ja und genau dieser Bürgermeister machte einen Monat später wieder von sich reden:

Er sass zu Gericht und befand Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und Israels Ex-Präsidenten Schimon Peres schuldig des „Völkermordes“ und verurteilte sie zum Tode durch den Strang. Das Urteil liess er sofort vollstrecken, der Henker wartete bereits auf der Dorfstrasse neben einem Galgen und die Verurteilten waren in Form von Strohmännchen auch schon dort. Derweil regelte der Dorfpolizist den nicht vorhandenen Verkehr und die beiden Puppen wurden gehängt. Das Publikum, bestehend aus einigen Dutzend Anwohnern und einer Drei-Mann-Delegation der rechtsextremen Jobbik Partei und der noch weiter rechts stehenden (geht das überhaupt?) „Jugendbewegung der 64 Burgkomitate“, applaudierte begeistert. Der Galgen kam nicht zum ersten Mal zum Einsatz: Orosz liess am 18. Juni die Staatsanwaltschaft von Nyiregyháza hinrichten, die gegen ihn bereits mehrere Verfahren eingeleitet hatte. Israels Botschafter Ilan Mor protestierte umgehend: „Eine sehr gefährliche rote Linie wurde überschritten, Antisemitismus und Aufrufe zum Mord sind inakzeptabel!“ Nun hat der Staatsanwalt in Nyiregyháza wieder zu tun: Auf Weisung der Oberstaatsanwaltschaft soll gegen den Mann wegen Verdachts der „Hetze gegen eine Gemeinschaft“ ermittelt werden. Ach ja, das Aussenministerium entschuldigte sich auch.

Im Vorfeld dieser Inszenierung, am 24. Juli, hat die Jobbik mit mehreren hundert Menschen vor der israelischen Botschaft in Budapest gegen den “zionistischen Völkermord” demonstriert und die Einstellung der diplomatischen Beziehungen zu Israel gefordert. Gegendemonstranten der Gruppe „Ungarn gegen Nazis“ stellten sich schützend vor der Botschaft auf. Einige Tage später fand eine Pro-Israel-Kundgebung bei der grossen Synagoge an der Dohány Strasse in Budapest statt. Zu Zwischenfällen kam es nicht.

Miklós Klaus Rózsa (mkr) lebt als Journalist, Publizist und Fotograf in Zürich und Budapest.  

 

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