Nie wieder Krieg!

imageDavid Dürr

Ging es Ihnen auch so wie mir, als sich kürzlich vor den laufenden Kameras der Welt diese beiden vollschlanken alten Männer eng umschlungen in den Armen lagen? Ich war unschlüssig, ob ich mich peinlich berührt abwenden oder ob ich in schallendes Gelächter ausbrechen soll. Gedacht war die seltsame Inszenierung natürlich weder für das eine noch das andere, sondern um Ergriffenheit und Andacht hervorzurufen.
Ich fragte mich dann noch, ob die beiden das zuerst geübt haben, der deutsche Staatspräsident Gauck und sein französischer Berufskollege Hollande. Vielleicht musste es jeder in den Tagen zuvor bei sich zu Hause ausprobieren, Gauck im Schloss Bellevue in Berlin, Hollande im Palais de l’Élysée in Paris. Ich stellte mir vor, dass man ihnen jeweils einen Versuchs-Gegenpart hinstellte, mit dem sie dann die Umarmung üben konnten. Diese durfte nicht zu kurz sein, einige Schweigeminuten musste sie schon halten. Zu lange – das merkte man erst während der Proben – konnte sie aber auch nicht sein, sonst tat es im Rücken weh. Denn die Umarmung musste sich auf den Oberkörper beschränken, wogegen Unterleib und Beine auf staatsmännischer Distanz bleiben sollten, sodass sich eine recht unangenehm gebückte Haltung ergab.
Ich bin fast sicher, dass jeder der beiden während ihrer jeweiligen Proben einmal unwirsch die Frage stellte, was denn diese skurrile Inszenierung an der Gedenkfeier zum Kriegsbeginn 1914 auf dem Soldatenfriedhof Hartmannswillerkopf soll. Die Hofchoreographen haben dann sicher etwas von herzlicher Versöhnung alter Erbfeinde geantwortet. Und um dies möglichst echt erscheinen zu lassen, sollen sich die Protagonisten genau dies während der Umarmung auch wirklich vorstellen, ganz fest: François bzw. Joachim, du warst einmal ein ganz fieser Kerl, aber jetzt hab ich dich wirklich gern. Komm in meine Arme, schmiege dich an meine Wangen, spüre meine heissen Versöhnungstränen!
Was aber wohl keiner der beiden Präsidenten fragte und auch keiner der Choreografen und Protokollchefs, auch keiner der mit all diesen Gedenkfeiern befassten Regierungsstäbe, Parlamentsausschüsse oder Militärgremien – war etwas ganz anderes und vielleicht sogar noch wichtigeres: Warum bloss werden Veranstaltungen zum Gedenken an den unheilvollen Weltkrieg von 1914 just von denen zelebriert, die diesen Krieg angezettelt und ausgetragen haben, die seither auch gleich noch einen zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen haben und die gerade jetzt wieder daran sind, in Osteuropa die kriegerische Konfrontation zu suchen: Die Staats- und Regierungschef der europäischen, amerikanischen und asiatischen Grossmächte. Die Kaiser, Zaren, Könige und Präsidenten all dieser aggressiven Nationalstaaten. Diese Machtzentralen, die zusammen mit ihren Kriegsministern und Generälen noch immer einen Grund gefunden haben, Milliarden an Steuergeldern in die Rüstung zu stecken und gegen irgendeinen Gegner dann auch einzusetzen. Was haben all diese Kriegstreiber an den Gedenkfeiern zu suchen? Und erst noch auf den Ehrenplätzen und an den Rednerpulten? Geht es dort nicht darum, dass es nie mehr Krieg geben soll?
Ach übrigens – was Hollande und Gauck bei der gespielten Versöhnungsumarmung wohl wirklich gedacht haben? Gauck vermutlich: Wenn er nur ein besseres Aftershave hätte! Und Hollande: Oh mein Rücken!

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Ein Gedanke zu “Nie wieder Krieg!

  1. Schon die Überschrift hat etwas von Kindergarten. Alle springen fröhlich um das Apfelbäumchen, während weltweit Kriege geführt werden. Krieg ist Krieg, ob weltweit, oder lokal. Wobei „lokal“ sehr weiträumig sein kann.

    Und zum aktuellen Anlaß, muß man die beiden Herren doch auch befragen, wer eigentlich angefangen hat. Mir ist nicht bekannt, daß sich der Franzose für das Drängen der Franzosen nach Krieg (Revanche für 1871) entschuldigt hat. Überhaupt hat sich noch kein damaliger Alliierter für 1914 entschuldigt. Obwohl keiner davon unschuldig war. England hat gar den Deutschen den Krieg erklärt und nicht umgekehrt.

    Es bleibt allein dem deutschen Grüß- und Entschuldigungsaugust vorbehalten, sich pflichts(?)schuldig zu entschuldigen. Es fehlt eigentlich nur noch, daß sich sein Nachfolger spätestens 2019 für die Pariser Vorortverträge entschuldigt und auch bedankt. Immerhin haben die doch dafür gesorgt, daß sich Deutschland (wie gewünscht) erneut und nachhaltig schuldig machen konnte.

    Und was den Entschuldigungsort anbelangt: Immerhin konnten die Deutschen die Reichsgrenzen im Westen erfolgreich verteidigen, ohne daß ihnen „Beutefranzosen“ in den Rücken gefallen wären. Die eigentliche tiefe Schmach für Frankreich. Damit wurde der Sieg reichlich schal. Die Elsässer haben es seitens ihrer „Landsleute“ büßen dürfen, als sie dann wiedermal „heimgeholt“ wurden. Sie büßen es bis heute. Aber wie alle Deutschen, büßen sie gerne.

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