Misshandlung im Altersheim – was tun?

Über „Misshandlung im Altersheim“ diskutierte gestern Abend auch der „SalonBale„. Das Thema beherrscht seit Wochen nicht nur die lokale Berichterstattung. Sogar 10vor10 berichtete.SalonBale

Auslöser waren die Artikel der Basler Zeitung. Entgegen manchen Meldungen und Meinungen, hat BaZ-Reporter Daniel Wahl nichts Neues entdeckt, sondern beschreibt die immer grösser werdende Kluft zwischen:

a) von PR-Abteilungen nach aussen kommunizierten und

b) tatsächlichen

Zuständen, die in der Betreuungsindustrie vorkommen.

Es ist Tatsache, dass die grösste Mehrheit der Pflegenden äusserst gute Arbeit leistet. Und Himmel weiss, sie sind nicht überbezahlt. Die Alters- und Pflegeheime sparen oft beim pflegenden Personal, dafür leistet man sich luxuriöse Verwaltungen.

Der Baselbieter SVP-Chef Oskar Kämpfer sagte gestern Abend, die Institutionen hätten kein vernünftiges Qualitätsmanagement (QM) und dass offensichtliche Probleme (fehlende Medikamente, blaue Flecken bei den Gepflegten…) zu wenig, bzw. dürfen erst gar nicht thematisiert werden.

Kämpfers Aussage entspricht nicht ganz der Realität. Solche Missstände passieren trotz hervorragendem Qualitätsmanagement.

Ein Beispiel aus der Region: Betroffen war vor ein paar Jahren das Wohn- und Bürozentrum für Körperbehinderte (WBZ) aus Reinach. Dort hatte ein Physiotherapeut monatelang behinderte Bewohnerinnen/Mitarbeiterinnen sexuell belästigt/missbraucht. Und obwohl das WBZ ein gut funktioniertes QM hat, blieben seine Handlungen lange Zeit „unentdeckt“, (viele vermuteten es zwar, aber man sah gerne weg). Erst als der Physiotherapeut sich vor einer Küchenangestellten entblösste, reichte die WBZ-Leitung Strafanzeige ein und entliess ihn fristlos. Meines Wissens nach, wurde er später auch verurteilt.

Solche Fälle sind klare Ausnahmen. Aber, wie geht man mit solchen Verfehlungen Einzelner um? Dass die Kontrollen durch den Kantonsarzt ineffizient sind, zeigt sich im Fall von „Schlossacker“ in Binningen. Auch das ISO-Qualitätsmanagement eignet sich für die Erfassung zwischenmenschlicher – subjektiv erlebter – Auseinandersetzungen/Beziehungen schlecht und kann sie schon gar nicht lösen.

Es handelt sich tatsächlich um nicht vorhandene „Diskussions-, Streit- und Fehlerkultur“ in solchen Institutionen. Das liegt aber nicht an einzelnen Heimen, sondern es ist ein Systemfehler. Fehler dürfen nicht eingestanden werden – den sie könnten etwas kosten. Mit Weiterbildung, Fallbesprechungen etc, wie es die Baselbieter FDP-Chefin Christine Frey vorschlägt, ist jedoch nichts gelöst.

Es braucht eine Ombudsstelle für Kinder-, Behinderten-, Alters- und Pflegeheime. Kantonal, oder noch besser für Beider-Basel.

Der Ombudsmann müsste mit ausreichenden Kompetenzen ausgestattet sein. Kein zahnloser Papiertiger, wie es Franz Bloch ist. Die Meldungen der Missstände müssten unbürokratisch (telefonisch oder über ein Onlineformular) möglich sein. Er dürfte Kraft seines Amtes unangekündigt Abklärungen vor Ort machen und den Meldungen zeitnahe nachgehen. Eine offizielle Telefon-Nummer und klare Angaben auf der Internet-Seite des Kantons wären unabdingbar. Verfehlungen wären auch laufend zu erfassen und auf der Webseite des Kantons transparent zu machen.

Der/die Ombudsmann/-frau sollte eine gestandene Person, vorzugsweise mit Persönlichkeit, sein – bitte keine aktiven Politiker oder Karrieristen und schon gar nicht eine Auslagerung an irgendeine x-beliebige Organisation.

Eine Ombudsstelle würde auch den Pflegenden, die Fehlverhalten ihrer Kollegen feststellen helfen, da die Hemmschwelle einen Kollegen intern zu melden, sehr hoch ist.

Auch darf man nicht vergessen, dass die Misshandelten Angst haben etwas zu sagen. Oft ist auch die Scham da – das nützen die Täter schamlos aus. Wie der Physiotherapeut des WBZ. Er war damals jung (ca. 35), verheiratet, zwei Kinder, gut aussehend, sehr freundlich – so ist es für Aussentehende schwer nachvollziehbar, dass so jemand sexuelle Befriedigung bei einer Frau sucht, die nicht einmal selbst auf die Toilette gehen kann und mit halb gelähmtem Gesicht alles andere als attraktiv ist.

Vom Täter heisst es oft, er/sie (das Opfer) habe seine Hilfe falsch interpretiert.

Fälle, wie der Fall des Sozialtherapeuten H. S., der 122 Behinderte missbrauchte, gilt es zu verhindern. Auch in seinem Fall, vermuteten (wussten) es offensichtlich viele, aber gehandelt hatte niemand. Keiner macht es gerne. Man macht sich nicht unbedingt beliebt, wenn man solche Fälle anzeigt/meldet.

Ich sehe die Kantone in der Pflicht dringend zu handeln, weil die Kantone die Kinder-, Behinderten-, Alters- und Pflegeheime mitfinanzieren. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen, die nicht in der Lage sind sich selber zu wehren, leiden müssen.

Eigentlich müsste Gesundheitsdirektor Thomas Weber handeln, aber ihm sind die Schutzbedürftigen scheinbar egal und der Gesundheitskommission im Kanton BL ebenfalls. Aber ich lasse es jetzt, das ist ein Fall für sich.

P. S. Die Missstände haben, wie Gesundheitsdirektor Carlo Conti richtig sagte, mit IV-Bezügern, die das Altersheim beschäftigt, nichts zu tun, es „hat mit menschlichem Unvermögen im Einzelfall“ zu tun.

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