Kriminalfall Mörgeli: Von A bis Z in die Intrige verstrickt

Neue Dokumente zeigen: SP-Bildungsdirektorin Regine Aeppli und Hochschulamtschef Sebastian Brändli gaben nicht nur die Entlassung vonphilipp-gut Christoph Mörgeli vor. Sie waren jederzeit und schon von Beginn weg über die Mobbingkampagne gegen den SVP-Politiker informiert. Von Philipp Gut – Weltwoche Nr. 18/2014

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) bewegt sich und nimmt die richtige Fährte auf. Unter dem Titel «Regine Aepplis heikle Rolle im ‹Fall Mörgeli›» fragte sie letzten Samstag, «ob der Entscheid zu Mörgelis Entlassung politisch motiviert war». Diese Frage stelle sich umso mehr, als SP-Bildungsdirektorin Regine Aeppli «bereits mehrere Male mit heiklen Äusserungen» aufgefallen sei. Die «zwei zentralen Fragen» lauten gemäss NZZ: «Wer hat die Affäre durch eine Indiskretion ins Rollen gebracht? Und wer hat wann über das Schicksal Mörgelis entschieden?»
Tatsächlich steht Regierungsrätin Regine Aeppli zunehmend im Zentrum der Vorgänge, die einst als Fall Mörgeli begonnen hatten, sich zur Zürcher Universitätsaffäre weiteten und jetzt sogar die Regierung erreichen. Die Anzeichen verdichten sich, dass Regine Aeppli und ihr ebenfalls der SP angehörender Hochschulamtschef Sebastian Brändli von Anfang an und damit weit früher als bisher bekannt an der Mobbing-Intrige gegen Christoph Mörgeli, den ehemaligen Konservator am Medizinhistorischen Institut, beteiligt waren. Aeppli ist, neben ihrem Amt als oberste Bildungspolitikerin des Kantons, auch Präsidentin des Universitätsrats, des strategischen Führungs- und Kontrollorgans der Hochschule. Sekretär des Uni-Rats ist Sebastian Brändli. Diese zweifache Doppelrolle macht den Fall noch brisanter, als er ohnehin schon ist. Denn weder das Bildungsdepartement noch der Universitätsrat ist in irgendeiner Weise befugt, personalrechtliche Massnahmen gegen Uni-Professoren einzuleiten. Doch genau dies haben Aeppli und Brändli getan, wie die Weltwoche aufgrund von Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft aufzeigte («Anweisungen von ganz oben» Weltwoche Nr. 16/2014) und wie neue Recherchen belegen.

Aus den erwähnten Ermittlungsakten geht zweifelsfrei hervor, dass Hochschulamtschef Sebastian Brändli und damit mutmasslich auch seine Vorgesetzte und Parteikollegin Regine Aeppli über die Ereignisse am Medizinhistorischen Institut und Museum zu jeder Zeit informiert waren. Der neue Institutsdirektor Flurin Condrau, der sein Amt im Februar 2011 antrat, suchte und fand den Kontakt zur Bildungsdirektion von Beginn weg. Er korrespondierte mündlich und schriftlich über alle Instanzen hinweg mit Hochschulamtschef und Uni-Rats-Sekretär Brändli, den er seit gemeinsamen Studientagen kennt. Flurin Condrau versorgte Brändli aus erster Hand mit Universitätsinterna über die Mobbingkampagne gegen seinen Untergebenen Christoph Mörgeli.
Bei seiner Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft am 5. November 2013 sagte Brändli aus, Flurin Condrau habe ihn bereits im Mai 2011 – also rund siebzehn Monate vor Mörgelis Entlassung – gefragt, «ob er einen Bericht betreffend den Stand der Sammlung in Auftrag geben könnte». Offenbar ermunterte Brändli seinen Studienfreund Condrau dazu, denn Tatsache ist: Dieser Bericht ist bald darauf wirklich «in Auftrag gegeben» und erstellt worden. Eine Kommission unter der Leitung des deutschen Professors Robert Jütte durchstreifte die unter Mörgelis Obhut stehenden Magazine, ohne den verantwortlichen Konservator mitzunehmen oder auch nur anzuhören. Das Resultat fiel vernichtend aus. Der Bericht landete unter Verletzung des Amtsgeheimnisses beim Tages-Anzeiger, der den Fall ins Rollen brachte.
Brändli beriet Condrau
Neu und belastend für die Beteiligten ist das Faktum, dass Hochschulamtschef und UniRats-Aktuar Sebastian Brändli von A bis Z über die gegen Mörgeli gerichtete Intrige im Bild war. Mehr noch: Brändli spielte gegenüber Condrau eine Art Beraterrolle, wie er selber in den Einvernahmeprotokollen der Staatsanwaltschaft deutlich macht. So wusste Aepplis Bildungsdirektion bereits über den (amtsgeheimen) Bericht der sogenannten Jütte-Kommission Bescheid, bevor dieser überhaupt geschrieben war.
Doch nicht nur das. Es gab in der Affäre noch einen zweiten, ebenfalls geheimen Bericht, der Christoph Mörgeli in schärfsten Tönen attackierte und der ebenfalls aus dem Institut heraus zum Tages-Anzeiger fand: den Akademischen Bericht 2011, verfasst von Institutschef Flurin Condrau. Normalerweise dienen solche Berichte der nüchternen Jahresbilanz der Institute und Seminare. Nicht so in diesem Fall: Condrau machte daraus eine fulminante Abrechnung mit einem einzelnen Institutsmitarbeiter und dessen politischer Haltung: mit Christoph Mörgeli, Nationalrat der SVP. Jetzt zeigen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft: Auch diesen Bericht, den die Universitätsleitung sperren liess, weil er gegen einen einzelnen Untergebenen gerichtet war und dessen Persönlichkeitsrechte tangierte, schickte Flurin Condrau umgehend an seine Verbündeten im Bildungsdepartement.
Die Quelle für diese Vorgänge, die einmal mehr das Amtsgeheimnis verletzen, ist völlig unverdächtig. Es ist Hochschulamtschef Sebastian Brändli persönlich. In der Einvernahme sagte Brändli, Condrau habe ihm den erwähnten Akademischen Bericht im Mai 2012 per E-Mail zugeschickt «und erzählt, was darin steht». Das klingt, als ob es sich um einen harmlosen Schwatz gehandelt hätte. In Tat und Wahrheit war der Bericht geheim, und Brändli hätte ihn nicht sehen dürfen. Man geht wohl nicht falsch in der Annahme, dass der Bildungsbeamte auch seine Chefin Regine Aeppli auf dem Laufenden hielt. Jedenfalls unternahm er nichts, was die anrollende Mobbingkampagne und die damit verbundenen mehrfachen Amtsgeheimnisverletzungen aus der Chefetage des Medizinhistorischen Instituts unterbunden hätte.
Unbefangene Chefin würde einschreiten
Ganz im Gegenteil. Sebastian Brändli, der ranghöchste und auch faktisch einflussreichste Hochschulbeamte im Aeppli-Departement, arbeitete selber mit der Presse zusammen, als es darum ging, Christoph Mörgeli rauszuboxen. Zur Erinnerung: Zwischen dem 13. und dem 15. September 2012 mailte und telefonierte Brändli mehrmals mit einem Journalisten der Zeitung Der Sonntag, die daraufhin überraschend vermeldete, die Universität entlasse Professor Mörgeli. Die Staatsanwaltschaft ermittelte neben Brändli keine weitere Quelle aus der Hochschule oder dem Bildungsdepartement. Insgesamt telefonierte Brändli im Vorfeld der Publikation über eine Stunde lang mit dem Sonntag. Die Universität hat wegen dieser erneuten Amtsgeheimnisverletzung Anzeige gegen unbekannt erstattet. Als Verdächtiger kommt bis jetzt nur Sebastian Brändli in Frage, was pikant ist: Die Anzeige der Uni richtet sich nun gegen ein Mitglied ihres eigenen Aufsichtsorgans, des Uni-Rats.
Dies allein könnte eine unbefangene Chefin nicht tolerieren. Ein Beamter, der vertrauliche und hochsensible Interna an die Presse weitergibt, ist unter normalen Umständen seinen Job los. Zumindest würden die Vorgänge, die aktenkundig sind, intern untersucht. Regine Aeppli hat bisher nichts dergleichen unternommen. Konsequenzen: null. Der Grund drängt sich auf: Die SP-Bildungsdirektorin steckt mit Sebastian Brändli und dessen Studienkollegen Flurin Condrau unter einer Decke. Sie alle einte dasselbe Ziel: Sie wollten den politisch missliebigen Professor und Museumskonservator Mörgeli loswerden.WeltwocheLogo
Dieser dramatische Schluss drängt sich auf, wenn man die weiteren Geschehnisse betrachtet, die nun durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft publik geworden sind. Merkwürdig: Aepplis Chefbeamter Sebastian Brändli informierte den Sonntag über Mörgelis Entlassung, bevor diese überhaupt von der dafür allein zuständigen Instanz, der Uni-Leitung, beschlossen worden war. Rektor Andreas Fischer weilte bis zum Sonntag, dem 16. September 2012, im Ausland in den Ferien und hatte sich zuvor gemäss eigener Aussage gegenüber der Staatsanwaltschaft nicht mit der Entlassungsfrage befasst. Das Wissen über diesen Entscheid, den der Rektor als Entscheidungsträger noch gar nicht gefällt hatte, stammte aus der Spitze der Bildungsdirektion, die faktisch auch entschieden hat.
Noch am gleichen Sonntag, an dem die Schlagzeile von der bevorstehenden Entlassung Mörgelis erschien, bestellte Regierungsrätin Regine Aeppli Uni-Rektor Andreas Fischer auf den kommenden Tag zu sich ins Bildungsdepartement. Das Treffen fand um 8.30 Uhr statt. Traktandum: «Personalrechtliche Massnahmen gegen Prof. Mörgeli». Anwesend ist auch Aepplis Chefbeamter Sebastian Brändli. Und dazu auf ausdrücklichen Wunsch von Aeppli eine gewisse Andrea Moser vom Personalamt der Universität. Schon dies ist seltsam: Nicht der Rektor hat Uni-Mitarbeiterin Ch_MörgeliMoser aufgeboten, sondern die Bildungsdirektorin. Wozu Mosers Anwesenheit diente, wird klar, wenn man ihre genaue Funktion und den weiteren Lauf der Dinge betrachtet: Moser ist zuständig für Anstellungs- und Kündigungsverfahren. Und genau deshalb liess Aeppli sie aufbieten: Sie sollte die fachgerechte Abwicklung der in der Bildungsdirektion beschlossenen Entlassung garantieren.
Rektor Andreas Fischer konnte in der Folge bloss noch nachvollziehen, was ihm Regine Aeppli und Sonntag-Informant Sebastian Brändli vorgegeben hatten. In den Mittagsstunden an diesem Montag, dem 17. September 2012, entschied er dann formell, was anderswo längst beschlossen und auch kommuniziert worden war.
Genossen unter sich
Mit Mörgelis Entlassung und sofortiger Freistellung waren seine politisch motivierten Widersacher am Ziel. Wie sich jetzt in den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft zeigt, sitzen diese nicht nur in Institut und Universität. Eine aktive und letztlich entscheidende Rolle spielten auch die Spitzen der Bildungsdirektion: Regierungsrätin Regine Aeppli und ihr Chefbeamter Sebastian Brändli. Dass beide zugleich Mitglied des Universitätsrats sind und in dieser Funktion die Uni beaufsichtigen sollen, ist eine besondere Pointe dieser erstaunlichen Geschichte. Regine Aeppli beaufsichtigt sich gewissermassen selbst.
Auch von einer Durchleuchtung der Führungsstrukturen, die sie extern in Auftrag gab, muss die Bildungsdirektorin wohl nichts fürchten. Der Universitätsrat, den sie präsidiert, setzte das Beratungsbüro Infras ein. Federführend ist Barbara Haering, ehemalige SP-Nationalrätin und Parteikollegin von Aeppli und Brändli. Wenn die Genossin ihre Aufgabe ernst nimmt, kommt sie allerdings nicht darum herum, die heimlichen Drahtzieher der dubiosen und höchst fragwürdigen Entlassung Christoph Mörgelis in Bildungsdepartement und Regierung unter die Lupe zu nehmen. Die heisseste Spur der ganzen Affäre führt direkt zu Bildungsdirektorin Regine Aeppli.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Kriminalfall Mörgeli: Von A bis Z in die Intrige verstrickt

  1. Pingback: Jugendlicher Leichtsinn | cuirhomme

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s