Bericht von einer bizarren Veranstaltung

(dbr/Bel) Ich war an der Elsässer-Konferenz und es war unappetitlich.

Die Nationalkonservativen und das verschwörungstheoretische Spektrum rücken immer näher zusammen: Die Junge SVP und das rechts-20140407_flugblatt_vorderseiteesoterische Truther-Magazin Info.8 (Eigenwerbung: «Was andere verschweigen») luden am 30. April zu einer Veranstaltung mit dem Querfront-Ideologen und Herausgeber des Compact-Magazins Jürgen Elsässer (siehe auch Hier)

Elsässers regressive antikapitalistischen Ansichten gipfelten 2009 in der Gründung der «Volksinitiative gegen das Finanzkapital», bei der er rechte und linke Antikapitalisten zu einer «Volksfront» gegen das «anglo-amerikanische Finanzkapital» vereinen will, um eine «entschädigungslose Nationalisierung des Finanzsektors» voranzutreiben. Damit schaffte er es selbst als Autor aus der marxistischen «junge Welt»- und «Neues Deutschland»-Redaktionen zu fliegen. Aber beim «seltsamen Bürschlein» Anian Liebrand und der Jungen SVP ist er alleweil herzlich willkommen.

Das Thema der Podiumsdiskussion in Emmenbrücke bei Luzern war «Direkte Demokratie – ein Reizbegriff rüttelt Europa auf». Referent war neben Elsässer auch Luzi Stamm, SVP Nationalrat, der soeben von seiner Reise aus dem Iran zurückkehrt war, wo er sich vorführen liess wie ein dressierter «handzahmer Pudel in einer Hundeausstellung».

Durch den Abend führte die «Dichterin» und Compact-Sympathisantin A. Benjamine Moser, die Elsässer so anhimmelte wie einst Winifred Wagner ihren Hitler, und die sein Magazin über den grünen Klee lobte: In vier Jahren, seit das Magazin existiert, soll es 30’000 Leser gewonnen haben. Zum Vergleich: Selbst «Wuff – Das Hundemagazin» kommt auf ca. 120’000 Leser.

Gemäss Ankündigung sollte Luzi Stamm referieren über «Durchsetzung des Volkswillens „Gegen Masseneinwanderung“ – wie versucht wird, die Masseneinwanderungsinitiative zu verhindern.» Bei Stamms Rede fühlte man sich an Karl Kraus erinnert: «Es reicht nicht keine Gedanken zu haben. Man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.»

Kryptisch schwadronierte er über seine Gasteltern in Kalifornien, Entwicklungshilfe, Zahnsanierungen von Asylbewerber, zitierte Michelin Calmy-Rey und Ruth Dreifuss, sprach über Journalisten und Iran, weil Irak angegriffen wurde, dass man nichts wusste und wieso auch immer, weil ihm das jemand in Iran sagte, aber, das verrate er den Journalisten nicht, da man nichts wusste, die Armut in Kalifornien sei spürbar und Krim weiss man nicht genau. Er wolle aber nichts sagen, so dass niemand etwas wissen solle, und weil es so gut passt, telefoniert er morgens um 6 mit seinen Eltern in Kalifornien…

Wirre, unzusammenhängende, widersprüchliche Sätze. Vielleicht betrieb Stamm auch Poetry Slam, denn danach tat es ihm Bettina Gugger, Slammerin und Thuner Kulturpreisträgerin, die auch schon bei der Woz publizierte, gleich und bot eine 10-minütige sinnbefreite Spoken Word Einlage, die immerhin als Kunst verkauft wurde.

Schliesslich der Höhepunkt des Abends: Querfront-Ideologe Jürgen Elsässer.

Sein Thema: «Die EU und die Schweiz –  Imperium gegen freie Republik.» Ein nationalistischer Antiimperialismus, die völkische Rhetorik und eine strikte anti-westliche Haltung sind Elsässers Markenzeichen. Sein erster Satz lautete denn auch: Amerika und Israel seien die grössten Kriegstreiber der Welt. Das Publikum beklatschte den Satz frenetisch und jaulte im Chor «Das stimmt». Dann folgte eine anti-westliche Tirade. Den Libyern sei es unter Gaddafi gut gegangen, respektive jenen, die sich politisch neutral verhalten hätten. Sprich: Die Oppositionellen sind selbst schuld, wenn sie verfolgt, gefoltert, ermordet wurden, weil sie die Einhaltung der Menschenrechte einforderten. Auch den Irakern sei es unter Saddam Hussein gut gegangen. Einzig Amerika sei das Übel der Welt. Dann polterte er los gegen die Zinslobby, die die Welt im Griff habe und erwähnte namentlich Goldman Sachs. Wieder erhielt er für seine regressiven, antikapitalistischen Statements tosenden Applaus von den Jung-SVPlern und anderen Wirrköpfen im Publikum.

Ich war die einzige, die den Herren kritische Fragen stellte und mit ihnen kritisch diskutierte. Auf meine Aufforderung, Luzi Stamm solle sich von Jürgen Elsässer distanzieren, reagierte er mit der Antwort, er habe sich auch von Mörgeli nicht distanziert. Mein Einwand, er solle Christoph Mörgeli nicht beleidigen, indem er ihn mit dem Paranoiker Jürgen Elsässer vergleicht, entgegnete er mit irgendeiner wirren Story aus dem Iran. Auf meine Frage an die Adresse von Jürgen Elsässer, was das Ganze mit seinem Angriff auf Israel und Amerika solle und welchen Zusammenhang das hätte, sagte er, er rede als Journalist des Compact-Magazins. Das Compact-Magazins versteht sich vor allem auf das Verbreiten von antisemitischen Stereotypen, Anti-Amerikanismus und Verschwörungstheorien. Wiederholt stellte er sich selbst als Opfer dar und sagte, man werde Israel ja wohl noch kritisieren dürfen (erneut frenetischer Applaus vom Publikum), als ob ihm das irgendjemand verboten hätte und er nicht eh seit Jahrzehnten als «Israelkritiker» von einer dubiosen Veranstaltung zur nächsten tingelte. Mir wurde aus dem Publikum vorgeworfen, ich wüsste nicht wovon ich rede, ich kenne «die Wahrheit» nicht. Auch nach der Veranstaltung kamen paar Besucher zu mir und erklärten mir, die Juden sollen sich nicht wundern, dass man sie hasst und verfolgt. Andere sagten, dass die israelische Armee eine Bedrohung für den Weltfrieden sei. Israel sei ein Apartheidstaat. Jede Entgegnung mit Fakten war zwecklos. Einem Paar erklärte ich, dass fast ein Viertel der Bevölkerung Israels Araber seien, und diese mehr Rechte in Israel hätten als in jedem arabischen Land. Die Frau sagte, ach, das wisse sie nicht, aber sie habe gehört, dass Palästinenser benachteiligt würden und Israel Menschenrechte verletze. Auf meine Frage, wieso sie dann diskutiert, wenn sie es nichts weiss, sagte sie, weil Israel den Weltfrieden gefährde und dagegen kämpfe sie.Zanetti

In der Pause bemühte sich auch der Zürcher SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti (Bild) mit Fakten zu argumentieren. Vergebens. Alle blieben stramm auf Jürgen Elsässers Linie.

Ich weiss nicht was gefährlicher für die Schweiz ist: Intellektuell äusserst beschränkte Zeitgenossen, die einem Jürgen Elsässer nachlaufen, wie jene im Publikum der Veranstaltung, oder die Forderungen der Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, die Schweiz müsse der EU beitreten. [Micheline Calmy-Rey ist die alt Bundesrätin, die von Macherin zu Denkerin mutierte. Fragen Sie mich bitte nicht, welcher Zustand der alt Bundesrätin für die Schweiz verheerender ist.]

P. S. Widersprüchlich:

1. Die Veranstalter kritisieren Muslime und deren Hinterhofveranstaltungen und führen selber Anlässe im gleichen Umfeld durch.

2. Die Veranstalter kritisieren die Personenfreizügigkeit und Sozialschmarotzertum und applaudieren einer ausländischen Arbeitslosen, die sich für eine Künstlerin hält.

 UPDATE: 06.05.2014, Tagesanzeiger: „Anian Liebrand hat vor drei Monaten das Präsidium der Jungen SVP übernommen. Jetzt sieht er sich Kritik ausgesetzt – und verspricht, keine Veranstaltungen mit Verschwörungstheoretikern mehr zu organisieren…Weiterlesen H I E R

 

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6 Gedanken zu “Bericht von einer bizarren Veranstaltung

  1. Nein, dieser miese Bericht über das miese Innenleben von (dbr/Bel) – wer auch immer – ist keinen Pfifferling und keinen Kommenar wert.

  2. Pingback: AfD: Sammelbecken für Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker | Peter Schlemihls Politblog

  3. dieser Herr hat in der Schweiz rein garnichts zu suchen und jene die ihm eine Plattform geben nichts in der Politik!

  4. „Wiederholt stellte er sich selbst als Opfer dar und sagte, man werde Israel ja wohl noch kritisieren dürfen (erneut frenetischer Applaus vom Publikum), als ob ihm das irgendjemand verboten hätte und er nicht eh seit Jahrzehnten als «Israelkritiker» von einer dubiosen Veranstaltung zur nächsten tingelte.“ – Elsässer tingelt tatsächlich nicht „seit Jahrzenten“ als „Israelkritiker“ durch die Gegend, sondern war bis vor einige Jahren als Autor von Konkret, Jungle World, Jüdischer Allgemeine (!) etc. ein durchaus verdienter Kritiker von Antisemitismus, Antiamerikanismus.

  5. „Wiederholt stellte er sich selbst als Opfer dar und sagte, man werde Israel ja wohl noch kritisieren dürfen (erneut frenetischer Applaus vom Publikum), als ob ihm das irgendjemand verboten hätte und er nicht eh seit Jahrzehnten als «Israelkritiker» von einer dubiosen Veranstaltung zur nächsten tingelte.“ – Elsässer tingelt tatsächlich nicht „seit Jahrzenten“ als „Israelkritiker“ durch die Gegend, sondern war bis vor einige Jahren als Autor von Konkret, Jungle World, Jüdischer Allgemeine (!) etc. ein durchaus verdienter Kritiker von Antisemitismus, Antiamerikanismus.

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