Mein Name ist Jonas Jossen – die Geschichte meiner Verhaftung

imageHallo werte zukünftige Chefs, Schnüffler und bei wem auch immer dieses Bild Interesse weckt.
Mein Name ist Jonas Jossen und ich werde euch die Geschichte hinter dieser Photographie ein wenig näherbringen. Ich bin übrigens der mit den Handschellen.
Vergangenen Samstag, um etwa ein Uhr nachmittags kam ich mit der NEAT aus dem Wallis in Bern an und wunderte mich bald darüber, dass die ganze Stadt eine Polizeifestung zu sein schien. Dick gepanzerte, furchteinflössende Männer funkelten die Scharen von Passanten aus allen Ecken und Winkeln der Innenstadt grimmig an. Ich dachte mir nichts dabei; vielleicht ein Fussballmatch mit erwarteten Ausschreitungen.
Mein Bruder wird bald mit seiner Freundin zusammen ziehen, und ich sollte ihnen beim Einrichten in der Hauptstadt helfen kommen. Ich schlenderte dummerweise in der Altstadt umher, ich musste mich noch etwa eine Stunde beschäftigen, bis mein Bruder mit dem Umzugswagen eintreffen würde.
Die Polizeimasse wurde mir schlussendlich doch etwas unheimlich, ich fragte also einen Passanten, wieso so viele Polizisten herumlungerten. Dieser sagte mir, es sei wegen irgendeiner linken Demo und rechten Gegendemo und so weiter. Ich war etwas besorgt da mein Outfit -wie immer- dem eines linken Demonstranten glich und kam bald in eine Personenkontrolle. Ich leerte Taschen und Rucksack (in dem nur mein Laptop, ein Schulbuch und meine Agenda waren), liess mich abtasten und zeigte die ID, die sie mit dem Computer überprüften. Die drei Polizisten waren ernst, aber freundlich und verständnisvoll und liessen mich bald danach gehen, nachdem ich gesagt hatte, dass ich nichts von der Demo gewusst hatte und nur mit dem Tram zu meinem Bruder fahren wolle. Sie rieten mir, die Innenstadt zu verlassen, und das wollte ich dann auch tun. Ich befürchtete jedoch nichts, ich war allein, hatte nichts Illegales bei mir, hatte nichts getan und hatte es auch nicht vor.
Auf dem Weg Richtung Bahnhof wurde ich dann zum zweiten Mal kontrolliert. Wieder leerte ich Taschen und Rucksack, liess mich abtasten und zeigte die ID. Die Polizisten waren ein wenig skeptisch, als ich ihnen von meinem Unwissen berichtete und ich kam mir auch ein wenig blöd vor, da ich zum etwa vierten Mal wiederholte, ich sei in Bern um meinem Bruder beim Umzug zu helfen. Auch sie liessen mich dann aber gehen, nach dem sie via Telefon in der Zentrale meinen Namen recherchiert hatten.
Kaum hundert Meter weiter wurde ich dann zum dritten Mal abgefangen. Ich konnte den Bahnhof schon sehen und wollte einfach nur so schnell wie möglich ins Tram sitzen. Die Polizisten forderten mich abermals auf, meine Taschen zu leeren, die ID zu zeigen. Ich tat es und sagte ihnen auch, dass ich bereits zwei Mal durchsucht worden war. Ich war mittlerweile ein wenig in Eile, da mein Bruder bald ankommen sollte. Als einer der Polizisten mir meine Identitätskarte zurückgab, wollte ich mich auf den Weg machen. Dieser sagte mir jedoch, sie müssen mich noch weiter überprüfen und ich würde bald abgeholt werden. Ich traute meinen Ohren nicht, da ich noch nie das Geringste mit der Polizei zu tun gehabt hatte und ich so etwas nie erwartet hätte.
Bevor sie mein Handy –zusammen mit meinem restlichen Hab und Gut- in einen Plastiksack steckten, rief ich genervt meinen Bruder um ihm zu sagen, dass ich von der Polizei festgehalten wurde.
Dann wurden meine Hände auf den Rücken gebunden und ich wurde in einen kleinen Gefangenentransporter geworfen. Nach mehreren Checks und einem Ganzkörperfoto wurde ich mit drei anderen jungen Männern in einen Käfig mit ToiToiToilette geschlossen, mit freien aber schmerzenden Handgelenken, einem offerierten Snickers, einem Fläschchen Wasser und einem Blatt, das mir meine gesetzliche Situation erklärte.
Als ich mich ein wenig mit den anderen Insassen unterhielt, besserte sich langsam meine Laune. Ich musste jedoch feststellen, dass die anderen etwa so schuldig waren wie ich. Wir bekamen im Minutentakt Gesellschaft von neuen Gefangenen. Etwa 90% sahen nicht einmal verdächtig aus. Das heisst weder wie Rechtsextreme noch wie Linksextreme. Zwei von ihnen waren italienische Austauschstudenten, die mit anderen Austauschstudenten zum gemütlichen Biertrinken auf der Grossen Schanze verabredetet gewesen wären. Wieder ein anderer wurde einfach auf dem Schulweg angehalten und mitgenommen. Auch immer mehr junge Ausländer füllten langsam die Zelle, die jetzt einfach wirklich nicht an einer links-rechts Demo teilnehmen würden. Einer von ihnen hatte sogar Krücken und sagte, er sei mit seiner Freundin aus dem Tram gestiegen und wurde dann sofort abgeführt. Die Krücken wurden ihm im Käfig natürlich weggenommen.
Alle erzählten sie von ihren Verhaftungen, die eine absurder war als die andere. Der einzige, der anscheinend tatsächlich wegen der Demo gekommen war, berichtete, dass ihm die Polizei geraten hatte wieder den Zug zu nehmen und abzuhauen. Auch er wurde auf dem Weg zum Bahnhof mehrere Male kontrolliert und dann mitgenommen. Die Stimmung in der Zelle war eigentlich recht heiter, wir waren alle in derselben verrückten Situation und wussten nicht wann und ob wir je aus diesem Zooartigen Käfig kommen würden, aber durch viel Zynismus und Galgenhumor überstanden wir die Stunden doch recht schnell. Die Polizisten, die uns regelmässig bedrohlich durch das Gitter beäugten waren nicht sehr gesprächig und schienen sich auch recht zu langweilen. Sagen wieso wir eingesperrt wurden und wann wir rauskommen würden, wollten sie nicht.
Jede Stunde einmal, wurde einer von uns aufgerufen und wurde aus der Zelle gebracht. Wir wurden den Nummern (die wir aufgeklebt bekommen hatten) nach aufgerufen. Die Glücklichen wurden immer mit einem herzlichen Applaus der Mitinsassen verabschiedet. Wir, das heisst der Rest der Insassen, wussten nie, was mit denen geschah die aufgerufen wurden.
Ich selber hatte die Nummer 4 aufgeklebt gekriegt und somit wurde ich nach nur 4 der möglichen 24 Stunden aufgerufen. Die Nummern stiegen zu diesem Zeitpunkt schon über 30. Nach einem kurzen Gespräch, bei dem sie mir sagten, dass sie nach vier Stunden nichts über mich gefunden hatten, liessen sie mich gehen. Eine Garantie nicht vom nächsten Polizisten wieder festgenommen zu werden und zurück in die Zelle zu kommen, bekam ich nicht. Auch keinen Beweis, dass ich tausend Mal überprüft worden war oder irgendeine Sicherheit, sicher an den Bahnhof und zurück ins Wallis zu kommen. Ausserdem hatte ich keine Ahnung, wo ich mich befand.
Mit einem Bus und der grossen Angst wieder eingesperrt zu werden, kam ich am Bahnhof an und wollte schnurstracks auf den Zug, zur Verteidigung hatte ich das Blatt mitgenommen, das ich in der Zelle bekommen hatte. Ich hielt es aufgeregt in meiner Tasche bereit und wurde prompt wieder von zwei blauen Hemden angehalten. Ich zückte das Blatt und versicherte ihnen verzweifelt, dass ich nichts in die Luft sprengen wolle und dass ich schon tausendmal überprüft wurde. Ein wenig enttäuscht liessen sie mich meinen Zug nehmen und meine Freiheit behalten. Ich war sehr erschöpft aber auch froh, dass sich mein erster Gefängnisaufenthalt so schnell beendet war.

Heute packte mich eine gewisse Neugier. Ich wollte sehen, ob es grosse Wellen gemacht hatte. Die Inhaftierung von so vielen Unschuldigen konnte ja nicht ungehört von der Bühne gegangen sein. Ich lag falsch. Alles was dazu stand war, dass ein „verhältnismässiges Polizeiaufgebot“ Konfrontationen zwischen rechten und linken Gruppierungen und Sachbeschädigungen hatten verhindert werden können.
Und ein Foto von meiner Verhaftung.
Ich konnte es nicht fassen, dass niemand sich darüber beschwert, wenn eine Horde Action-geile Polizisten eine ganze Stadt einnimmt und dann willkürlich Leute einsperrt. Bei den ganzen Kameras hätten sie sehen können ob es genug Grund gibt jemanden einzusperren. Das ganze Geld, das für solch eine Armee von blauer Männer gekostet haben muss, könnte man auch für sinnvolle Dinge ausgeben. Nicht für Hunderte von Beamten die sich in der Altstadt langweilen und mit ihren Panzern und Wasserwerfer spielen wollen. Demonstranten waren keine da und die armen Ordnungswächter durften ihren Gummischrott nicht ausprobieren.
Um den immensen Flop zu vertuschen sperren sie also so viele Leute ein wie möglich.
Wenn ein Polizist fähig ist, ohne schlechtes Gewissen Unschuldige in Ketten zu legen, sollte man sich nicht von der Polizei beschützt fühlen.

Update, 09.04.2014, Der Bund: Manuel Willi, Chef der Regionalpolizei Bern, nimmt Stellung zum Polizeieinsatz vom 29.03.2014

P. S. Leseempfehlung: Wider das Gewaltmonopol des Staates!, von David Dürr

 „Der Teufel, den der Staat an die Wand malt, um sein eigenes Gewaltmonopol zu rechtfertigen, ist er selbst.“

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16 Gedanken zu “Mein Name ist Jonas Jossen – die Geschichte meiner Verhaftung

  1. Tags drauf wurde auch ich von der Berner Polizei beglueckt…

    Als Oekonom ist mir nicht klar, weshalb ich (irgendeine freie Seele!) diese Gessler-Soehne zwangs-mitfinanzieren sollte.

    Ich koennte mich doch, aus Effizienzgruenden, einfach selber auf’s Pflaster knallen, meine Handgelenke blutig schnallen und mir in einem Keller-Verliess waehrend ueber zwei Stunden Schlaemperlige nachsagen und dummes Zeugs (von Rechten und Pflichten) vorquasseln. Dann haette ich zumindest noch mein iPhone gehabt, mit welchem ich den Beginn dieses staatlichen Macht-Gehabe-Bloedsinn’s dokumentierte… der Staatsanwalt Lopez steckte nicht auch noch im korrupten Dreck „unserer“ Polizei-/Justiz-Mafia und der gaengige Regierungspraesident Neuhaus bekaeme keine Rechnung nach oppt-in Tarifen. 🙂

    http://www.bernerzeitung.ch/region/kanton-bern/Bruno-Moser-vor-Rathaus-angehalten/story/19051769

  2. Kurz nach Mittag im Bhf Bern angekommen, mit Springerstiefel und „linken“ Outfit bis in die untere Altstadt geschlendert und dort erst das erste Mal kontrolliert worden? Da hat die Polizei ihre Aufgabe nicht richtig wargenommen. Verhaftung beim Bollwerk Richtung Reithalle (Bild)? Liegt nicht direkt auf dem Weg von Altstadt zu Bhf. Alles erstunken und erlogen? Also, alles bis auf die Verhaftung.

    • Was hat die Polizei für eine Rechtfertigung? Auch wenn er mit Springerstiefel und linken Outfit herumläuft, ist das ein Grund für Verhaftung? Das ist nicht verhältnismässig!

      • Mit meinem Kommentar wollte ich zum Ausdruck bringen, dass ich dem Jonas das Unschuldslamm nicht abnehme und dass ich glaube, dass in seinem Bericht wichtige Sachverhalte, die zu seiner Verhaftung führten, fehlen. Dies aufgrund dessen, dass er seiner Aussage nach, kurz nach Mittag in Bhf Bern angekommen sei. Da war der Bhf und die Innenstadt aber bereits voll von Polizisten. Deshalb erstaunt es mich, dass er mit seinem „linken Demo-Outfit“ unbehelligt vom Bhf in die Altstadt gelangt sei und er dann erst beim zurückschlendern X-Mal den Inhalt seiner Plastiktüte und die ID vorzeigen musste. Und was die von Ihnen gewünschte Abschaffung des Gewaltsmonopols für den Staat zur Folge hätte, können sie im „Stand-your-ground“ Gesetz in den Staaten sehen. Finden Sie das verhältnismässig?

  3. Das erinnert mich an die fünf Damen von Ver.di, die am Internationalen Frauentag vom Münchner Stachus aus zur Kundgebung am Marienplatz bummeln und vor ihrem Auftritt den schönen Sonnentag genießen wollten. Ihre Transparente und Fahnen hatten sie eingerollt, sie trugen lediglich ihre Plastikwesten mit dem Aufdruck „Ver.di“. Nach wenigen Metern bereits wurden sie von einer Polizeistreife aufgehalten, die sie darüber belehrte, daß sie eine unangemeldete Demonstration veranstalten würden, und wenn sie sich nicht schleunigst entfernen würden, würde man sie in Gewahrsam nehmen…

  4. Man kann Menschen nicht aufgrund ihres Aussehens (Bekleidung, Haartracht, Hautfarbe, Physiognomie, körperliche Behinderung) be- oder gar verurteilen. Wir betreten sonst das Grenzgebiet zur ungerechtfertigten Diskriminierung (oder zum „Rassismus“, wie das politisch korrekt genannt wird).

  5. Ich halte nichts von ungepflegtem Auftreten, mit einer schmuddeligen Kleidung, Bartwuchs jeglicher Provenienz etc. läuft man Gefahr in solche Kontrollen hineinzulaufen. Ich möchte das überdimensionale Agieren der Polizei damit nicht entschuldigen – aber man kann Dinge eben auch provozieren. Also immer gepflegt, denn Äusserlichkeiten sind keine Nebensächlichkeiten. Und nach wie vor gilt: Kleidung machen Leute.

    • Sehr geehrter Herr Buehler

      Was verstehen Sie unter den Begriffen Freiheit, Individualität, Eigentumsrecht?
      Diese Rechte sind gottgegeben und existierten lange bevor etwelche menschengemachten Gesetze installiert wurden. In anderen Worten, wollen Sie wirklich das Recht auf Individualität und Freiheit zur Erreichung einer vermeintlichen Sicherheit in Anbetracht einer aus politischen Gründen hochstilisierten Gefahr über Board werfen?

    • Lieber Hanspeter
      Zahlt der Steuerzahler die Polizisten, damit sie evtl. schlechten Kleidergeschmack bestrafen? Meines Wissens machen das nur die Talibans in Afghanistan.
      Das Problem ist, dass
      1. Schweiz viel zu viele Polizisten hat, die unterdurchschnittlich selbständig Denken können und nur trainiert wurden Befehle auszuführen. Nichtdenkende Rambos mit Minderwertigkeitskomplexen gehen zu Polizei.
      2. das Gewaltmonopol des Staates, das man dringend abschaffen musste.

  6. Ich wundere mich, wenn man solche Vorfälle unter Verweigerung etwelcher Antworten mit dem Handy filmt, wie die Polizisten darauf reagieren würden.

    Auch meine Frage ist: Muss kein begründeter Verdacht vorliegen, bevor ein Polizist Freiheitsberaubung praktiziert?

    • Die Frage ist: darf man die Polizei bei ihrer Arbeit filmen. Die Antwort scheint mir einfach zu sein: Wenn sich etwas in der Öffentlichkeit abspielt und man es öffentlich einsehen kann, dann darf man es auch aufnehmen.

    • @Linus, ja man darf Polizei filmen. Dank den Smartphones, FB, Twitter u anderen sozial Medien lassen sich solche Aktionen nicht mehr vertuschen. . Bsp. dieser Beitrag wäre nie in Mainstream Medien aufgedruckt gewesen. Zum Glück aber, werden immer mehr Blogs gelesen (ich habe hier Anzahl und Qualität der Leser, von denen ich anfangs nie hätte träumen können)! Auch wenn über Blogs, FB, Twitter und co. viel Schwachsinn verbreitet wird, sind sie segen für Aufklärung und transparente Informationspolitik. Das gefällt den Politikern, Beamten (Polizisten, StA etc.) natürlich nicht!
      P. S. Wann kommt der nächste Gastbeitrag?
      gruss

  7. Ich wusste nicht, dass einem so etwas in der Schweiz passieren kann. Darf die Polizei das überhaupt, beliebige Passanten in Handschellen legen, ohne auch nur einen Verdacht auf illegale Aktivitäten?

    • Benpal, leider ist das in der schönen Schweiz ganz alltäglich geworden.

      Ob die Polizei darf oder nicht kümmert niemanden mehr, weil was die Polizei macht ist definitionsgemäss rechtens!

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