Plädoyer für die Ohrfeige

Die wohltemperierte Backpfeife ist in Verruf geraten. Zu Unrecht. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort kann sie Wunder bewirken und Schlimmeres verhindern. Die Kunst des Ohrfeigens will indes gelernt sein. Von Alex Baur // erschienen in Die Weltwoche 12/14

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Neulich musste der Gemeindepolizist S. im Kanton Aargau zu nachtschlafender Stunde mit seinem Kollegen ausrücken, weil Nachbarn einen wüsten Streit (Schreie, Klirren, ein Knall) aus der Wohnung des Ehepaars R. gemeldet hatten. Der Vorfall wurde später in einem Rapport* wie folgt zusammengefasst:

Angetroffene Situation (beim Betreten der Wohnung): Unordnung am Boden bzw. es lagen Scherben eines Blumentopfes und nasse Resten Blumenerde in der Küche und im Korridor. Frau R. war gerade am Aufnehmen. Sofortmassnahmen: Herr und Frau R.wurden getrennt und zum Vorfall befragt. Ablauf des Vorfalls: Am Sonntag geht das Paar normalerweise in ein Restaurant. Doch an diesem Sonntagmachte er es sich vor dem Fernseher gemütlich, nachdem die beiden gemeinsam mehrere Gläser Wein getrunken hatten. Weil sie auswärts essen wollte, kam es zu einem verbalen Streit. Frau R. stellte ihm den Fernseher ab, er wollte die Wohnung in der Folge Alleine verlassen, worauf Frau R. schrie und Blumentöpfe in der Wohnung herumwarf. Herr R. gab ihr eine Ohrfeige, um sie wieder zur Vernunft zu bringen. Zuvor war es offenbar nie zu Handgreiflichkeiten gekommen. Schlussbemerkung: Auf eine Strafanzeige wurde verzichtet.

Punkt, Ende der Durchsage. Mit der Backpfeife hatte Herr R. das Problem akkurat erledigt,bevor die Lage eskalierte und ausser Kontrolle geriet. Sie war der Abschluss einer Krise, wie sie in vielen Beziehungen vorkommt und die Frau R. selber auf Hormonstörungen im Zuge der Wechseljahre zurückführte. Polizist S. und sein Kollege zogen unverrichteter Dinge wieder ab, sie hatten die Situation richtig erfasst. Zum Glück für die zankenden Eheleute. Es hätte auch anders kommen können. Häusliche Gewalt ist ein Offizialdelikt, das von Amtes wegen verfolgt werden muss und langwierige Prozesse nach sich ziehen kann.

Pfarrer Sieber ohne Worte

Es liegt mir fern, die Gewalt in Beziehungenzu verharmlosen oder gar zu rechtfertigen. Systematische physische Übergriffe sind abscheulich, vor allem wenn sie Schwächere treffen. Eine zu heftige oder falsch platzierte Ohrfeige kann überdies zu schlimmen Verletzungen führen. Wer die Kunst der wohltemperierten Watsche nicht beherrscht, sollte besser die Finger davon lassen. Insbesondere das Ohr sollte nicht getroffen werden, weil das Trommelfell dabei Schaden nehmen kann. Begriffe wie Backpfeife, Watsche, Maulschelle oder ganz einfach Flättere sind mir deshalb lieber. Trotzdem: Ein kräftiger Chlapf im rechten Moment kann manchmal Wunder bewirken und verfahrene Situationen lösen. Aussergewöhnliche Umstände verlangen manchmal nach aussergewöhnlichen Massnahmen.

Als ich die erste Primarklasse besuchte, waren Ohrfeigen an unserer Schule noch an der Tagesordnung. Ich hasste meine damalige Lehrerin dafür. Sie war hysterisch, langte bei jeder Gelegenheit zu und missbrauchte ihre Macht gegenüber uns Kindern. Oft wussten wir nicht einmal recht, weshalb sie zuschlug. Meine Mutter dagegen verpasste mir während meiner ganzen Jugend exakt drei Watschen. Ich kann mich an jede erinnern, aber ich habe es ihr nie nachgetragen.

Im Gegenteil: Die drei Ohrfeigen waren wohlverdient und wohlplatziert. Meine Mutter ist eine sehr verständnisvolle Frau, mit der man über alles diskutieren kann. Aber es gab ganz seltene Momente, in denen die Vernunft nicht mehr weiterhalf, in denen alles Nörgeln und Quengeln nur noch zur Qual wurde. Der Knall setzte dem Leiden einen Schlusspunkt – wir waren quitt.

Vor Jahren war ich einmal für eine Reportage eine Winternacht lang unterwegs mit dem Obdachlosen-Pfarrer Ernst Sieber. Vor der Schönau in der Nähe der Langstrasse trafen wir zufällig auf einen jungen Mann, der aus einem von Siebers Heimen abgehauen und wieder in die Sucht abgestürzt war. Ohne viele Worte zu verlieren, verpasste der schon damals recht betagte Pfarrer dem Burschen, der ihn um eine Kopflänge überragte, eine kräftige Backpfeife. Dann griff er dem schluchzenden und torkelnden jungen Mann unter die Arme, verfrachtete ihn in seinen klapprigen VW-Bus und brachte ihn zurück ins Heim.

Sprachlosigkeit und Schmerz

Ich schrieb damals nicht über diesen skurrilen Vorfall, der Sieber vielleicht in die Bredouille hätte bringen können. Ich hatte den Respekt und die uneigung gesehen, welche die Säufer und Fixer dem ruppigen Helfer entgegenbrachten, und ich kann mir nicht vorstellen, dass er diese Stellung je missbrauchte. Doch mir fehlten die Worte, dies zu erklären.

Die Watsche, geboren aus einem spontanen Einfall, war in jener Situation weniger verletzend als jedes Wort. Was hätte der Pfarrer dem Burschen auch sagen sollen? Dass er kläglich versagt und auch jene enttäuscht hatte, die es gut mit ihm meinten? Das wusste er doch längst selber. Ihm Vorwürfe zu machen, brachte nichts, die machte er sich doch längst selber. Beim Knall auf der Wange – Sieber hat übrigens kräftige Pranken, wie jeder weiss, der sie schon mal gedrückt hat – war alles drin: Frustration und Unvermögen, Sprachlosigkeit und Schmerz – aber auch Leidenschaft und Liebe. Es war ein Schlusspunkt und ein Startsignal: Dann fangen wir halt nochmals von vorne an.

Der Begriff Ohrfeige leitet sich mutmasslich von «übers Ohr fegen» ab. Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts war sie ein anerkanntes und relativ moderates Mittel der Erziehung. In früheren Zeiten hatte die Ohrfeige allerdings noch eine ganz andere, höchst friedliche Funktion. Denkwürdige Momente – so etwa die kirchliche Firmung, die Aufnahme in eine Zunft oder die Festlegung einesMarchsteins – wurden oft mit einem symbolischen, aber durchaus spürbaren Backenstreich bekräftigt.

Eine Variante solcher Denkzettel hat sich in der Fliegerei bis heute gehalten: In einigen Ländern will es der Brauch, dass Jungpiloten nach ihrem ersten Soloflug von den anwesenden Instruktoren und Kollegen, welche die Erfahrung bereits hinter sich haben, einen kräftigen Tritt in den Allerwertesten erhalten. Für Neulinge, die erstmals mutterseelenallein im Cockpit sassen und entsprechend angespannt sind, ist es ein erlösender Kick. Und zugleich ein Zeichen: Du gehörst nun auch dazu.

1954 spielte John Wayne in «The High and the Mighty» («Es wird immer wieder Tag»), dem wohl ersten Katastrophenfilm dieser Art, einen Flugoffizier, der eine havarierte Maschine samt Passagieren nach einer Odyssee durch die Lüfte und nach allerlei Widerwärtigkeiten heil auf den Boden bringt. In einem der Schlüsselmomente gerät der Captain des Airliners, gespielt von Robert Stack, in Panik. Und wie bringt John Wayne den Mann wieder zur Besinnung? Mit einem Satz warmer Ohren.

Zu den Filmklassikern gehört auch die Ohrfeige, mit der die ehrbare Dame allzu forsche Avancen pariert. Die zeitnahe Massregelung ist, so behaupte ich, effizienter als jedes Gender-Reglement und jede Gleichstellungsbeauftragte. Ein rechter Gentleman steckt die wohlverdiente Watsche mit einem verlegenen Grinsen weg – und Schwamm drüber. Auf zur nächsten Eroberung. Wohlverdient war auch die Watsche, welche die legendäre Wiener Schauspielerin Käthe Dorsch einem rüpelhaften Theaterkritiker verpasste: Er hatte ihr richtiges Alter erwähnt.

Und dann gibt es symbolische Watschen, die Geschichte geschrieben haben. Etwa die Ohrfeige, welche die als Nazi-Jägerin bekannt gewordene Beate Klarsfeld 1968 dem deutschen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger am CDU-Parteitag in aller Öffentlichkeit verpasste, um ihn an seine verdrängte Vergangenheit bei der NSDAP zu erinnern. Kiesinger war mutmasslich eher ein Mitläufer denn ein aktiver Nazi gewesen, und es tauchten in jüngerer Zeit Hinweise auf, wonach Klarsfeld von der Stasi mit manipulierten Dokumenten bedient worden sein könnte. Doch die Klatsche brachte die Aufbruchsstimmung einer neuen Generation auf den Punkt, die radikal mit der Geschichte ihrer Väter brach.

Symbolischer Gesichtsverlust

1969, zwölf Monate später, musste Kiesinger nach nur drei Jahren Amtszeit zurücktreten und Willy Brandt das Feld überlassen. Klarsfelds Ohrfeige dürfte dabei eine zentrale Rolle gespielt haben. Sie verursachte bei Kiesinger zwar höchstens leichte Blessuren, verheerend war hingegen der symbolische Gesichtsverlust nach der öffentlichen Abwatschung.

Wenn heute von einer Ohrfeige die Rede ist, so ist dies in der Regel nur noch im übertragenen Sinn gemeint. Das Stimmvolk habe dem Bundesrat in der Abstimmung über die Vorlage X «eine schallende Ohrfeige» erteilt, lesen wir dann etwa oder, die hohen Kosten für die Betreuung des Zöglings Y seien «ein Schlag ins Gesicht des ehrlichen Steuerzahlers». Richtige Ohrfeigen sind dagegen völlig aus der Mode gekommen. Und das ist schade. Eine zur rechten Zeit am rechten Objekt fachgerecht platzierte Watsche ist zwar nichts Schönes, aber sie ist bisweilen das geringere Übel und kann ungemein erlösend wirken, für alle Beteiligten.

Update 27. März 2014

TeleBasel 061Live – 26.03.2014, 19:15 Uhr

Alex Baur
Redaktor Weltwoche
Regina Dudé-Neuner
Basler Kinderpsychiaterin und Psychoanalytikerin

Video: «Die Ohrfeige: Kunstgriff oder Gewalttat?»

 

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9 Gedanken zu “Plädoyer für die Ohrfeige

  1. der herr bauer ist ein ganz ängstlicher mensch! ich hatte ihm gemailt. und ich glaube er musste einfach die seite füllen, weil ihm nicht gescheites mehr eingefallen ist. er geht davon aus das er in jedem fall der watschengeber ist und nicht der watschennehmer. ich hatte ihm ganz uneigenützig eine watsche angeboten, da hat er mir den carlos schicken wollen, und wollte nicht selber vorbeikommen. ja und was er uns ja verschweigt der watschenheini, ist, wie denn die regelung sein soll, wer darf wem und wann eine auf die fresse geben, und wer bestimmt das??? ich glaube der watschenheini geht davon aus, dass immer der stärkere der watschengeber sein darf.
    das wäre ihm nur recht. in seinem fall wären es dann wahrscheinlich kinder. und da sage ich: kinder sind tabu! lieber watschen-alex! ich warte immer noch auf deinen besuch!

    • Wer zwischen einer gut platzierten Ohrfeige, welche jemanden zur Vernunft bringt, und Folter nicht unterscheiden kann, beweist seine eigene Unzulänglichkeit.

  2. Noch so ein Geschichtlein aus dem wahren Leben:

    Bei den Pflegeeltern steht mehrmals der Lehrer der Pflegetochter auf der Matte, weil sie – eine zierliche 14-jährige Thailänderin – andere Mädchen verprügelt. Die Pflegeeltern, die zu ihr ein herzliches Verhältnis haben, können sich das lebhaft vorstellen: Sie schmiert auch einmal dem älteren, einen Kopf grösseren Pflegesohn eine – der steckt die Watsche als Gentleman ein.

    An einem Wochenende geht die Pflegetochter wieder einmal auf die Kurve. Am Sonntagabend fühlt sich der Pflegevater krank und geht deshalb um zehn ins Bett, um auszuschlafen. Um Mitternacht wacht er auf, weil die Pflegetochter in ihrem Zimmer über seinem rumort. Er geht hoch, sie liegt im Dunkeln im Bett, und ihm rutscht die Hand aus – es ist das erste und einzige Mal, dass er sie anrührt. Am Montag geht die Pflegetochter zum Arzt, er findet zwar nichts, glaubt ihr aber jedes Wort. Der Pflegevater entgeht knapp dem Scherbengericht, weil er sich noch nie etwas hat zu Schulden kommen lassen.

  3. Sehr guter Artikel!

    Wenn sich die Kritiker wenigstens die Mühe machen würden den ganzen Artikel zu lesen wüssten sie, dass Alex Baur die Ohrfeige gegen eine Frau nur gutgeheissen hat, nachdem selbige mit Blumentöpfen nach ihrem Mann geworfen hat. Oder wie es der Autor schreibt: „Aussergewöhnliche Umstände verlangen manchmal nach aussergewöhnlichen Massnahmen.“

    Ich heisse Gewalt in keinster Weise gut (so wenig wie der Autor), aber dieses penetrant politisch-korrekte Verhalten und das bewusste Suchen nach der Empörung ist noch viel nervender als jeder noch so überspitzte Artikel in der Weltwoche.

    Und wer sich lediglich an der Kombination von Lead + Bild stört: Wer die Weltwoche liest und Polemik nicht versteht ist selbst Schuld. Die Weltwoche schafft den übergangslosen Wechsel zwischen „ernsthafter Themen“ und Zynismus meisterhaft – besonders Alex Baur.

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