Schneider-Ammann spielt Russisch Roulette

Alain Bersets äusserst unglückliches Zeichen gegen „Putin“ bleibt nun kein Ausrutscher. Auch unsere Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (JSA) scheint vomJSA Affen gebissen zu sein, denn er legt eins drauf. Die Schweiz unterbricht die Verhandlungen mit Russland für ein Freihandelsabkommen. Dies sei das erste formelle Zeichen der Schweiz, so JSA – ein Zeichen, dass „wir mit der Entwicklung unsere Sorgen haben. In dieser unsicheren Situation kann es natürlich nicht sein, dass wir so tun, als wäre nichts geschehen“

Mag sein, dass jemand eine Strategie hinter JSA’s Äusserung erkennt, ich nicht. Weder Strategie noch Sinn – lasse mich aber Unbenanntgerne belehren. Was will JSA damit genau erreichen? Er verärgert nur Russland und schadet der Schweiz. Die Krim gehört jetzt zu Russland ob es JSA und dem Rest der Welt gefällt oder nicht und daran wird sich in naher Zukunft auch nichts ändern. Sanktionen gegen Russland können nur Sadomasochisten befürworten und verstehen.

Für den Bundesrat ist es “nur“ ein Abbruch der Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen, für Russland ist es mehr. Mag sein, dass Schweizer Politiker solche Zeichen später vergessen und verzeihen bzw. es auf das Abkommen reduzieren, Russen tun es ganz bestimmt nicht. Für Russland ist es mehr.

Auch diejenigen Politiker, die explizit betonen, dass sie nichts gegen Russland hätten, aber Putin angreifen, wissen nicht wovon sie reden. Sogar die Russen, die gegen Putin sind, nehmen die Angriffe auf ihren Präsidenten persönlich.

Aus westlicher Sicht mag Putin der Böse sein, aus russischer Sicht ist er es nicht. Putin hat Russland gut getan, ob man es wahrhaben will oder nicht. Klar, waren der notorisch betrunkene Jelzin und der Opportunist Gorbatschow leichtere Partner, Russland jedoch haben sie geschadet. Putin ist der erste Präsident seit langem, der russische Interessen vertritt – ob das dem Westen und der USA gefällt oder nicht.

Die Schweiz hat dennoch keinen Grund mit Russland auf Konfrontationskurs zu gehen. Wieso beruft sich BR JSA nicht auf die Schweizer Neutralität? Es ist nicht im Interesse der Schweizer Bevölkerung, ein schlechtes Verhältnis mit Russland zu haben. Es besteht auch kein Grund dazu. Unser Bundesrat soll endlich lernen die russische Seele zu verstehen, sie ernst zu nehmen und zu respektieren. JSA muss nicht Putins Freund werden, aber auch nicht sein Feind. Es geht auch gar nicht um Putin und JSA sondern um Russland und die Schweiz – langfristig.

Ich möchte einmal weit ausholen und an die Flugzeugkatastrophe von Überlingen erinnern. Aus dem damaligen Unglück kann die Schweiz viel lernen – wie Russland tickt und auf was die russische Seele Wert legt – damit künftige Katastrophen ausbleiben.

Am 1. Juli 2002 kollidierten in 11‘000 m Höhe der DHL-Flug 611 und der Bashkarian-Airlines-Flug 2937 über Überlingen. Zeitnah wussten die offiziellen Schweizer Stellen, dass für das Unglück die Schweizer Flugsicherheitsfirma Skyguide, zwar nicht die alleinige, aber die Hauptschuld trägt. Hauptschuld für 71 Tote, davon 49 Kinder.

Für Russland war das die nationale Katastrophe schlechthin, die direkt ins Herz traf und dort auch weh tat. Als ob das nicht genug wäre, tat die Schweiz alles, das Unglück noch grösser zu machen – möglicherweise hat sie es bis heute noch nicht realisiert.

Also, was taten die Schweizer?

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Prophylaktisch wies Skyguide jede Verantwortung von sich und streute absichtlich die Gerüchte, wonach der Pilot mangels Englischkenntnissen für das Unglück verantwortlich sei. Danach spekulierte man, ob die russische Maschine technisch in Ordnung gewesen sei. Das war ein Angriff auf den russischen Stolz.

Keine 48 Stunden später mutmasste Skyguide CEO Alain Rossier, das TCAS-System hätte versagt. Wider besseres Wissen. Als das schnell wiederlegt werden konnte, teilte Skyguide mit, dass nur ein Fluglotse in der Nacht Dienst hatte. Peter Nielsen, so hiess der Fluglotse, wurde den Journalisten zum Frass vorgeworfen. Und sie nahmen die Beute gerne an. Dass er seine Unschuld beteuerte, interessierte keinen Journalisten.

Das machte die Russen wütend. Sie verstanden nicht, wieso die Schweiz so kaltherzig und respektlos mit ihrem Schmerz und ihren toten Angehörigen umging.

Der damalige Schweizer Präsident Kaspar Villiger, sagte die zur Beisetzung der Opfer geplante Reise in der baschkirischen Hauptstadt Ufa wegen Sicherheitsbedenken(!) ab. Noch eine Ohrfeige für die verletzte russischeVolksseele.

Gleichzeitig log der damalige Verkehrsminister M. Leuenberger, die Schweiz werde alles daran setzen, „dass die Wahrheit ermittelt wird.“ Skyguide CEO Alain Rossier sagte mit einem Schreiben seine Teilnahme an einer Gedenkfeier in Ufa ab, weil er sich „um was dringenderes kümmern müsse“ und sich „das nicht verschieben liesse“. Können Sie sich vorstellen, wie nicht nur die Hinterbliebenen gedemütigt wurden? Was wichtiger war, als den Opfern und ihren Angehörigen Respekt zu zeugen, haben wir bis heute nicht erfahren. Im gleichen Schreiben lud Skyguide die Angehörigen der Opfer ein, in die Schweiz zu kommen. Damit verspottete man die Angehörigen und degradierte sie zu Menschen zweiter Klasse. Hätte sich Skyguide nur ansatzweise um die Angehörigen interessiert, wüssten sie, dass sie eine moralische Verpflichtung hätten, zu den Angehörigen zu gehen um sie um Vergebung zu bitten. Das wäre das Mindeste gewesen. So hätte sich die Situation entspannen könne. Sie hätten etwas Menschlichkeit, die in dieser Situation so nötig war, gezeigt.

Aber nein, Menschen eines Landes, dessen wichtigstes Körperteil das Portemonnaie ist, können Menschen, eines anderen Landes, dessen wichtigstes Körperteil das Herz ist nicht verstehen.

Ein Jahr nach dem Unglück fand in Überlingen eine Gedenkfeier statt, auf der auch Skyguide CEO Alain Rossier anwesend war, der gekommen war um sich mit den Angehörigen zu treffen.

Da traf er auf Witali Konstantinowitsch Kalojew, der seine Frau Swetlana, seine Tochter Dijana und seinen Sohn Konstantin bei dem Unglück verlor. Ihre Fotos, wie sie im Sarg liegen, trug er immer mit sich. Kalojew sprach Rossier an. Zeigte ihm die Fotos. Nach Angaben seines Pressesprechers sei Rossier „erschüttert gewesen“, aber er entschuldigte sich bei Kalojew nicht. Der herz- und charakterlose Rossier umarmte ihn nicht einmal. Auch als später ein Gespräch am Flughafen stattfand, forderte Kalojew Skyguide auf, Verantwortung zu übernehmen. Kalojew fragte Rossier direkt „Gestehen Sie Ihre Schuld ein?“ – Rossier schwieg. Kalojew verliess das Treffen, ohne sich zu verabschieden.

Skyguide floskelte weiter: „Wir haben mit unseren Regulierern gesprochen…, dass ein Einmannbetrieb unter bestimmten Umständen zulässig sei und wir das nicht zu oft machen sollten. Und so wurde das auch gehandhabt. „Schwächen des Systems zu dieser Zeit“, „offensichtliches Informationsdefizit“, „komplexen Systemen“, „man muss sich die Dinge genau anschauen und man braucht die Leute, die einem auf Schwächen und Probleme aufmerksam machen. In einem komplexen System kann man nur dann Schwächen erkennen, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird, man selbst einen Fehler entdeckt, oder aufgrund von Vorfällen oder Unfällen.“ usw. usf.

Fluglotse Peter Nielson wurde angeklagt. Als Bauernopfer. Am 24. Februar 2004 erstach Kalojew Nielson. Im Mai 2004 erschien der Untersuchungs-Bericht***. Am 19. Mai 2004 folgte die Entschuldigung von Bundesrat und Skyguide.

Weder Skyguide- noch Bundesratsverantwortliche wurden wegen ihrer Mitschuld am Tod von Fluglotse Nielson angeklagt. Auch bei Nielsons Familie entschuldigten sie sich nicht.

Kalojew hat seine Strafe verbüsst und ist heute Vizeminister für Bau und Architektur der Republik Nordossetien. Für seine Landsleute ist er kein Mörder, sondern ein Mann, der auf tragische Weise seine Familie verlor und dem die Schweiz noch unnötigen, unendlichen Schmerz zugefügt hat. Ein Mann, dem Unrecht geschehen ist. Für seine Tat, haben seine Landsleute Verständnis. Und das Wichtigste: Die meisten Russen würden genau gleich handeln.

Das müssen wir hier nicht gutheissen, aber wir sollten solche Katastrophen nicht noch provozieren.

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***In einer Stellungnahme zum offiziellen Untersuchungsbericht betonte die Schweiz, dass unabhängig von der falschen Positionsangabe durch den Lotsen zum Zeitpunkt der Kollision, die vom Lotsen angeordnete Flughöhe für die Tupolew bereits um 33 Meter unterschritten worden war. Zudem stellt sie fest, dass die Sinkrate noch 1.900 ft pro Minute betrug und dass die beidseitige Ausführung der TCAS-Ratschläge zur Vermeidung des Unfalls beigetragen hätte.

Russland betonte in einer entsprechenden Stellungnahme, dass die TCAS-Ratschläge bereits aufgrund der falschen Auskunft des Fluglotsen über Konfliktverkehr über der Tupolew falsch wirkten und die falsche Auskunft des Fluglotsen dem Entscheidungsprozess der russischen Besatzung nicht dienlich war. Zudem sei die Besatzung der Boeing in der Lage gewesen, den Funkverkehr mit der Tupolew zu hören, obwohl sie bezüglich des Konflikts nicht direkt vom Fluglotsen angesprochen worden sei, und habe so eine echte Chance zur Vermeidung des Unfalls ungenutzt gelassen.

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2 Gedanken zu “Schneider-Ammann spielt Russisch Roulette

  1. „Wieso beruft sich BR JSA nicht auf die Schweizer Neutralität?“

    Das ist der Schlüsselsatz. Ein klarer Verstoß gegen Staatsdoktrin und Verfassung der CH. Ist das Volk schon ebenso verschnarcht, wie alle anderen Völker rundherum?

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