Der Dorfkönig

Foto Alex BaurDer Tsunami im fernen Japan spülte Martin Graf 2011 in die Zürcher Regierung. Im Fall «Carlos», seiner ersten Bewährungsprobe, versagte der grüne Vorzeigepolitiker kläglich. Bauernschlau versuchte er, sich aus der Verantwortung zu schleichen – und richtet dabei ein Debakel an. Von Alex Baur – Zuerst erschienen in Weltwoche Nr. 11.14

Hat der Zürcher Justizdirektor Martin Graf (GP) «brandschwarz gelogen», wie seine Kritiker meinen? Tatsache ist: Als der hinlänglich bekannte Zögling «Carlos» vor zwei Wochen auf Geheiss des Bundesgerichtes aus der (illegalen) Haft entlassen werden musste, versicherte Graf auf allen Kanälen: «Regelmässige Boxtrainings liegen nicht mehr drin, schon gar nicht bei der Familie Beqiri.» Nur wenige Tage später enthüllte die NZZ: «Carlos» befinde sich in den Niederlanden, in einem Hotel mit Trainingsraum und Sauna, zusammen mit seinem Boxtrainer Shemsi Beqiri. Der Endlosskandal um «Carlos» schien um eine Episode reicher.

Wer die Hintergründe kennt, konnte nur staunen über Grafs Ankündigung. Das Training mit dem Box-Champ Beqiri ist der zentrale Pfeiler des famosen «Sondersettings». Und falls Graf selber seine falsche Ankündigung geglaubt haben sollte, macht es die Sachenicht besser. In diesem Fall wäre davon auszugehen, dass er entweder unter Realitätsverlust leidet oder seinen Laden nicht im Griff hat. Denn klar ist auch: Jugendanwälte und Gerichtefällen zwar Urteile, doch der Vollzug liegt in der Verantwortung der Verwaltung.

Bei Grafs Rolle im Fall «Carlos» ist nur eine Konstante zu erkennen: Der Justizdirektor versucht sich stets aus der Verantwortung zu winden. Nachdem das «Box-Setting» Ende August 2013 publik geworden war, schwieg er zehn lange Tage. Danach goss Graf Öl ins Feuer und geisselte die hohen Kosten, von denen er angeblich nichts gewusst haben will. Doch damit liess sich der Abbruch des unbestrittenermassen erfolgreichen Programms nicht begründen. Graf rechtfertigte die Verhaftung des Zöglings, der sich bis dahin wohl verhalten hatte, mit dem hanebüchenen Vorwand, man habe diesen vor den Medien schützen müssen.

Als die Jugendanwaltschaft im letzten November das «Box-Setting» definitiv abbrach und «Carlos» stattdessen in eine geschlossene Anstalt schickte, erklärte Graf milde, er habe mit dem Entscheid nichts zu tun gehabt. Wörtlich sagt er: «Ich hätte mit beiden Varianten gut leben können – jetzt müssen die Gerichte entscheiden.» Als das Bundesgericht im letzten Februar entschied und die Haft als willkürlich einstufte, wechselte Graf seine Meinung blitzartig. Nun wetterte er gegen die Gerichte und sprach sich gegen das «Box-Setting» aus.

Geradezu hinterhältig war die von Graf in Varianten geäusserte Behauptung, «Carlos» habe sich mit «seiner Renitenz durchgesetzt und dafür erst noch den Segen des Bundesgerichtes erhalten». Diese Aussage zielteauf den uninformierten Wutbürger – sie ist schlechterdings falsch, weil sie Ursache und Wirkung vertauscht. Es stimmt wohl, dass «Carlos» im Zwangsvollzug jede Kooperation verweigerte. Als man ihn darauf tagelang in eine Zelle sperrte, um seinen Willen zu brechen, setzte er diese unter Wasser. Doch zu diesem Punkt äusserte sich das Bundesgericht gar nicht. Es hielt lediglich fest, dass die Inhaftierung illegal war. Das Setting mit Boxer Beqiri war von einem Gericht rechtskräftig verfügt worden, nach den Empfehlungen eines Gutachters notabene, es gab keinen Grund, den Burschen wegzusperren. Volkszorn ist kein Haftgrund in der Schweiz.

Kein Fall von Kuscheljustiz

Nun kann man über Sinn und Unsinn von Therapien streiten und härtere Strafen auch für Kinder fordern. Man kann in einem Rechtsstaat aber nicht einfach die Regeln nach Gusto und rückwirkend ändern. Zudem eignet sich der Fall «Carlos» schlecht als Beispiel für «Kuscheljustiz». Seit seinem achten Lebensjahr war der verwahrloste Bursche in zahllosen Heimen und Gefängnissen untergebracht. Schon als Primarschüler kiffte er regelmässig. Seine Vorstrafen füllen Ordner, aber es waren keine schweren Delikte – bis er im Alter von fünfzehn Jahren im Cannabis-Rausch einen Gleichaltrigen niederstach und schwer verletzte.

Danach verbrachte «Carlos» rund neun Monate hinter Gittern. Viel länger kann man in der Schweiz einen Teenager nicht wegsperren, es sei denn, er wäre ein gemeingefährlicher Psychopath. Doch ein solcher ist «Carlos» gemäss Gerichtsgutachter nicht. Dieser attestierte ihm zwar eine hohe Rückfallgefahr – allerdings nur, wenn man nichts unternehme. Er empfahl, den Burschen, an dem sich bereits ein Heer von Pädagogen und Psychologen die Zähne ausgebissen hatte, mit einer offenen erzieherischen Massnahme auf die Spur zu bringen.

In dieser verzwickten Situation traten Anna-Lisa Oggenfuss und ihr Partner Rolf Riesen auf den Plan. Die erfahrene Pädagogin erkannte schnell, dass «Carlos» auf die harte Tour nicht beizukommen war. Wer nichts zu verlieren hat, den kann man nicht bestrafen. Doch, etwas gab es. Im Knast hatte «Carlos» seine Leidenschaft und sein Talent fürs Thaiboxen entdeckt, er trainierte wie ein Berserker. Die Techniken hatteer sich selber angeeignet. Dieses Potenzial galt es nun in kontrollierte Bahnen zu lenken. Denn nur wer sich unter Kontrolle hat, der hat im Ring überhaupt eine Chance.

Oggenfuss fand den Mann in der Person des Box-Champs Shemsi Beqiri. Es war ein Glücksfall. Denn mit Beqiri fand «Carlos» nicht nur – wohl zum ersten Mal in seinem jungen Leben – ein Vorbild. Im Clan der Beqiris, die den Burschen als einen der Ihren aufnahmen, erfuhr er zum ersten Mal die Geborgenheit einer Grossfamilie. Unter Shemsis Fittichen machte «Carlos» Fortschritte, wie sie bis dahin niemand für möglich gehalten hatte: Er erteilte allen Drogen eine radikale Absage und begann die verpasste Primarschulbildung Grafnachzuholen, er arbeitete von früh bis spät im Boxstudio und absolvierte ein knallhartes Training.

Das alles wussten Justizdirektor Graf und Oberjugendanwalt Marcel Riesen. Doch statt sich zu erklären, gingen sie in Deckung, als der mediale Wirbel losbrach. Fehlgeleitet von PR-Beratern, verfügten sie, entgegen dem Rat aller Fachleute und des Gerichtsexperten, den Abbruch des «Box-Settings». Sie wollten «Carlos» in eine geschlossene Anstalt zwingen, wissend, dass alle derartigen Versuche bislang gescheitert waren. Es kam, wie es kommen musste: «Carlos» fiel in alte Muster zurück, er rebellierte.Er hatte, wieder einmal, nichts zu verlieren.

Oberjugendanwalt Marcel Riesen scheint die Lektion begriffen zu haben. Als die eingangs erwähnte Reise in die Niederlande Wellen warf, stellte er sich sofort der Öffentlichkeit, diesmal ohne PR-Tross. Er stellte sich nun hinter seine Leute, bedankte sich sogar bei Riesen-Oggenfuss und redete Klartext. Der Ausflug in die Niederlande war nur als Überbrückung gedacht. Nach der überstürzten Freilassung wollte man den Burschen aus dem Rummel nehmen, bis man eine Bleibe für ihn gefunden hatte.

Und ja, Shemsi Beqiri, der sich auch während der Haft immer um «Carlos» gekümmert hatte, war dabei. Auch wenn sich Graf nicht daran erinnern mag. Obwohl Beqiri keinen Rappen dafür erhielt. Vielleicht dachte Graf, das Problem würde sich von selber lösen. Doch er übersah eines: Beqiri ist zwar längst Schweizer, doch die kosovarische Familienehre bekam er mit der Muttermilch eingeflösst – und die besagt, dass man ein Mitglied des Clans nie im Stich lässt.

Das Doppelzimmer für «Carlos» und Shemsi kostete 126 Euro pro Nacht. Ja, das Hotel verfügt über einen Pool und einen Kraftraum. Das war gewollt. Einen Teenager, der ein halbes Jahr lang (illegal) eingesperrt war, sollte man nicht zwei Wochen lang in ein Hotelzimmer sperren, er braucht Bewegung. Das begreifen selbst Hardliner. Die Entrüstung brach denn auch schnell wieder in sich zusammen.Dafür richtete sich der mediale Fokus nun endlich auf den Mann, der die Hauptverantwortung für das Debakel trägt: Regierungsrat Martin Graf. Die Täuschungsmanöver, die von seiner Verantwortung ablenken sollten, fielen nun mit voller Wucht auf den wendigen Politiker zurück. Ausser seiner eigenen Gefolgschaft, die ein «Wahlgeplänkel» wittert, gingen die Kantonsräte jeglicher Couleur auf Distanz. Auch sie hatte Graf in die Irre geführt. Grafs irrlichterndes Verhalten folgt einem Muster, das sich durch seinen ganzen Werdegang zieht: dem des Dorfkönigs. Hinter der Fassade des volksnahen und hemdsärmeligen Machers versteckt sich ein Opportunist, der seine Fahne stets nach dem Wind richtet. Ohne diese Eigenschaft wäre Graf im bürgerlichen Illnau-Effretikon wohl kaum zum schweizweit ersten grünen Stadtpräsidenten (1998 bis 2011) gewählt worden.

Gegen Gentech, für Globuli und Bio

Der Agronom Martin Graf musste sich nie in der Privatwirtschaft bewähren. In der Entwicklungshilfe und später als Berufspolitiker lernte er, dass mit dem Brustton der Überzeugung präsentierte Flip-Charts wichtiger sind als messbare Resultate. Der 59-Jährige gehört der postmarxistischen, esoterisch geprägten Generation der Grünen an, die gegen AKW und Gentech, für Globuli und Bio agitiert. Die 2000-Watt-Gesellschaft ist ein ideales Vehikel für ihn, das er bei jeder Gelegenheit erwähnt: Was für seine Anhänger eine Art grünes Nirwanaist, nehmen seine politischen Gegner nicht wirklich ernst. Und ja, auch das gehört zu seinem flexiblen Charakter: Seine Frau liess Graf mit den fünf zum Teil noch minderjährigen Kindern vor ein paar Jahren sitzen, um mit der grünen Kantonsrätin Esther Hildebrand zusammenzuziehen. Doch die Patchwork-Familie ist für seine Fans natürlich kein Makel, sondern ein Zeichen von Weltoffenheit.Als Graf zur Wahl in die Kantonsregierung antrat, war er sicher nicht der Wunschkandidat der Grünen. Man lancierte den Unfassbaren, weil er bis weit in bürgerliche Kreise hinein als wählbar galt. Im Frühling 2011, im zweiten Anlauf, schaffte er es überraschend: Der Panik-Tsunami, der nach der AKW-Havarie von Fukushima übers Land schwappte, spülte ihn gleichsam in den Walcheturm hoch über der Limmat, wo der Graf seither regiert wie ein kleiner Dorfkönig.

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Ein Gedanke zu “Der Dorfkönig

  1. Angesichts einiger bekanntermassen antisemitischen Politiker aus der GPS, ich beziehe mich auf den erstaunlich offenen Artikel vom 12. März 2014 in der BAZ, „Die unheimlichen Aktivisten“, ist mir Herr Justizdirektor Martin Graf sympathisch. Jeder Mensch macht Fehler, warum nicht auch Politiker?
    Hoffentlich schliesst er sich nicht den in der BAZ aufgeführten Israel- und Judenhassern an, die ihren extremen Antisemitismus hinter pro-palästinensischem Aktivismus und Gutmenschentum verstecken.

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