Panik-Attacken

Alex Baur_Die Zürcher ProzesseAlex Baur

Drei Jahre nach Fukushima stellen wir ernüchtert fest: Kein Mensch musste wegen der vermeintlichen Jahrhundert-Katastrophe sterben – und gemäss einem Bericht der UNO ist auch in Zukunft nicht mit Todesopfern zu rechnen. Die Massenhysterie nach Fukushima und deren groteske Folgen geben Anlass zu ein paar grundsätzlichen Gedanken bezüglich der Risiko-Analyse.

Am 2. September 1998 um 01:10 Uhr bemerkten die Piloten Urs Zimmerman und Stepan Löw auf dem Flug von New York nach Genf erstmals einen Rauchgeruch im Cockpit. Sie befanden sich auf rund 10 000 Metern Höhe rund 100 Kilometer des kanadischen Flughafens Halifax entfernt. 21 Minuten später stürzte die Maschine mit 229 Insassen wegen eines Vollbrandes im Cockpit in den Atlantik. Überlebende gab es auf dem Swissair-Flug 111 keine.

Der unkontrollierte Absturz wäre theoretisch zu verhindern gewesen, wenn Zimmermann und Löwe nach dem ersten Rauchzeichen sofort einen Sinkflug und eine Notlandung in Halifax eingeleitet hätten. Stattdessen führten sie standardmässig die Notfall-Prozedur durch und verloren wertvolle Minuten bei der Suche nach dem Brandherd. Trotzdem: die Piloten, die gemäss Bordaufzeichnungen bis zur letzten Sekunde ruhig Blut bewahrten, handelten richtig und verantwortungsvoll.

Rauchmeldungen in einem Flugzeug kommen immer wieder vor und verlaufen meist glimpflich: Ein Nikotinsüchtiger qualmt in der Toilette, ein Ölrest verdampft im Mikrowellenofen, eine defekte Birne schmort in der Plastik-Halterung, ein Fehler in der Klimaanlage – der Möglichkeiten gibt es viele. Ein Vollbrand im Cockpit ist dagegen extrem selten. Wenn Piloten bei jedem Rauchsignal eine vollbetankte Maschine gleichsam im Sturzflug auf den Boden zwingen, würden sie ein ungleich grösseres Risiko eingehen – obwohl dies im konkreten Fall der Swissair 111 vielleicht der einzig mögliche Ausweg gewesen wäre, wie wir leider erst im Nachhinein wissen.

Derartige Risikokalkulationen begleiten uns täglich, nur treffen wir diese meistens unbewusst und recht vernünftig. Obwohl Verkehrsunfälle bei jüngeren Menschen zu den häufigsten Todesursuchen gehören, würde es keinem einfallen, deshalb zu Hause zu bleiben. Abgesehen davon, dass auch Haushaltsunfälle ein grosses Risiko in sich bergen, hat ein Mensch, der sein Leben im Bett verbringt, keine bessere Lebenserwartung. Es wäre töricht, auf Sport zu verzichten, nur weil im Sport viele Unfälle passieren. Natürlich können wir Risiken reduzieren, doch wer überall immer nur die Gefahr sieht, lebt kein schönes Leben. Es ist immer ein Abwägen von Vor- und Nachteilen.

Viele Menschen haben Angst vor dem Fliegen, obwohl das Flugzeug statistisch gesehen gemessen an den zurückgelegten Distanzen zu den sichersten Verkehrsmitteln gehört. Das hängt damit zusammen, dass viele Menschen nicht verstehen, warum ein Flugzeug in der Luft bleibt. Und je weniger wir einen technischen Vorgang verstehen, desto grösser ist unser Misstrauen. Das ist psychologisch verständlich, auch wenn es nüchtern betrachtet unsinnig ist. Ganz besonders trifft dies auf die Kernenergie zu.

Das renommierte Paul-Scherrer-Institut (PSI) im aargauischen Villigen – ursprünglich auf die Kernphysik und heute vor allem auf alternative Energieträger spezialisiert – führt nach präzisen Kriterien Buch über alle grösseren Unfälle, die sich seit 1970 rund um den Globus bei der Gewinnung von Energie zugetragen haben. Die Ensad-Datenbank, die dabei entstanden ist, gilt als weltweit grösste ihrer Art. Sie gibt darüber Auskunft – in Franken und Menschenleben – welche Schäden Energieträger gemäss statistischer Wahrscheinlichkeit pro Gigawattjahr verursachen. Die Auswertung zeigt, dass die Ängste vor der Kernenergie unbegründet sind.

Vorweg unterscheidet die Statistik zwischen den westlichen Industriestaaten (OECD-Mitglieder) und den anderen Ländern. Dabei fällt erst einmal auf, dass die Gefahren in schlechtentwickelten Ländern bei allen Energieträgern am grössten sind. Am meisten Todesopfer fordert die Kohle – allein in den chinesischen Bergwerken sterben jährlich bis zu 6000 Kumpel –, danach folgen mit kleinem Abstand Erdöl und Erdgas. Bei der Wasserkraft besteht ein eklatanter Unterschied: In der Dritten Welt, wo es gelegentlich zu Dammbrüchen kommt, ist sie relativ gefährlich, in Industrieländern ziemlich sicher. Am sichersten ist die Kernenergie. Im Westen gab es bislang keine Kernschmelze mit Todesfolgen; die einzige echte Katstrophe ist jene von Tschernobyl. Gemäss Ensad forderte der GAU in der Ukraine zwischen 31 und 56 Strahlenopfern. Die genaue Zahl ist schwer zu erheben, weil die Todesursache bisweilen nicht klar zuzuordnen ist.

Die irrationale Grundangst, die auf technologisches Unwissen baut, wird insbesondere von den Medien, aber auch von der Politik gnadenlos und gewinnbringen bewirtschaftet. Sobald die TV-Reporter besorgte Minen aufsetzen, Radio-Moderatoren ihr Tremolo steigern und die Boulevard-Blätter die extrafetten Lettern hervorholen, bleibt die Vernunft in der Regel auf der Strecke. Ein Beispiel dafür sind die Terror-Anschläge von „9/11“. Nachdem die beiden Flugzeuge in die Twin Towers gecrasht waren, brach der Flugverkehr über Monate zusammen, die Weltwirtschaft taumelte am Rand der Krise. Nüchtern betrachtet war die Terror-Panik irrwitzig. Für einen normalen Menschen war die Wahrscheinlichkeit, an einem fatalen Bienenstich zu sterben, unendlich viel grösser.

Je spektakulärer die Bilder und je komplexer die Zusammenhänge, desto grösser ist die Unvernunft. Journalisten wissen das. Mit derAlex_1 geschürten Panik lässt sich viel Geld verdienen. Auch vermeintlich gemeinnützige Organisationen nutzen dieses Phänomen gezielt zum Generieren von Spendengeldern. Kürzlich stürmten zum Beispiel Aktivisten von Greenpeace das Kernkraftwerkt Beznau, um auf diese Weise angebliche Sicherheitsmängel bei der Zugangskontrolle aufzudecken. Die Medien sprangen sofort auf. Die Aufregung war ein plumpe Farce, die Besetzer drangen nie in den sicherheitsrelevanten Bereich vor – doch das hätte ja die Story kaputt gemacht, also liess man das Beiseite.

Gerade im Bereich der Kernenergie werden die verheerenden Folgen der auf Unwissen bauenden Panikmache manifest. Die Tschernobyl-Kommission – ein Gremium von 100 Topwissenschaftlern, das unter der Schirmherrschaft der UNO die Langzeitfolgen des nuklearen Gau untersuchte – kam 2006 zum Schluss, dass unnötige Evakuationen und die Strahlenangst ungleich grösseres menschliches Leid angerichtet hatten als der Unfall selber: Zehntausende von sinnlosen Abtreibungen und ein Heer von entwurzelte Familien standen in einem krassen Missverhältnis zur Zahl der realen Toten. Leider zog man die nötigen Konsequenzen aus Tschernobyl nie.

Die Kernschmelze von Fukushima forderte, wie wir nach drei Jahren zuverlässig und ernüchtert feststellen können, kein einziges Todesopfer. Gemäss einer Untersuchung der internationalen Strahlenschutzorganisation UNSCEAR ist auch zukünftig nicht mit erhöhten Krebsrate zu rechnen. Trotzdem liessen die virtuellen Strahlentoten von Fukushima die realen Toten des Tsunami schnell vergessen. Auch für Fukushima, wo viele der rund 100 000 Evakuierten längst wieder in ihre Häuser zurückgekehrt sind – darüber wurde natürlich kaum je berichtet –, gilt: Unnötige Evakuationen haben mehr Leid angerichtet als die erhöhte Strahlung. Nie natürliche Strahlung an vielen Orten der Welt – etwa im indischen Kerala oder in den Tessiner Alpen – ist längst wieder höher als die in Fukushima.

Wenn es eine Lehre aus Fukushima gibt, dann die: Eine Kernschmelze kann zwar eine beträchtliche Sauerei anrichten, eine Flut ist aber ungleich gefährlicher. Auf die Schweiz übertragen hiesse dies: Wenn wir wirklich eine Null-Risiko-Strategie fahren wollten, müssten wir unsere Stauseen leeren, bevor wir unsere AKW abstellen (in denen der Unfallverlauf von Fukushima nicht möglich gewesen wäre, ganz einfach, weil sie einen viel höheren Sicherheitsstandart aufweisen). Und wenn der Staudamm am Wohlensee ob Mühleberg nicht erbebensicher sein soll, wie selbsternannten Umweltschützer behaupten, dann muss man das Wasserkraftwerk einmotten – und nicht das AKW.

Wir sollten trotzdem auf keines der beiden verzichten. Mit Sonne, Wind und Biosprit lässt sich unser Energiebedarf nicht decken, wie das Fiasko mit der Energiewende in Deutschland eindrücklich zeigt: Am Schluss wird der Atomstrom ganz einfach durch die dreckige Kohle, Öl und Gas ersetzt. Unsere Stromversorgung mit Atom und Wasser ist nicht nur preisgünstig, sie ist auch effizient, sicher und vor allem beschert sie uns saubere Luft. Wir sollten uns, wie die Swissair-Piloten Zimmerman und Löw, nicht von der Hysterie leiten lassen, im Wissen darum, dass es Null-Risiko nicht gibt und dass es auch mal schief gehen kann. Der Absturz der Swissair 111 war schlimm, aber es war kein Weltuntergang – und kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, deshalb aus der Fliegerei auszusteigen.

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4 Gedanken zu “Panik-Attacken

  1. „Wem gehört das Plutonium? Wieviel ist es wert? Und wem nützt eigentlich der Strahlenschutz? Das sind Fragen, die Galen Winsor in diesem Vortrag von 1986 aufwirft. Winsor war Chemiker und Plutonium-Praktiker der ersten Stunde, unter anderem im Manhatten-Projekt. Galen Winsor leckte sich Uranoxid von der Hand (im Video zu sehen), schwamm (als Sicherheitsverantwortlicher) im Abklingbecken, drank Wasser daraus und handhabte Uran und Plutonium mit bloßen Händen. Um keine kritische Masse zu erzeugen, trug er die eine Hälfte Plutonium in der rechten, die andere in der linken Hosentasche. Winsor starb 2008 im Alter von 82 (!) Jahren. (FSK-Hinweis: Dieses Video ist für Radiophobiker, Netzfrauen und andere zarte Gemüter ganz und gar ungeeignet!)“

    http://wiki.piratenpartei.de/AG_Nuklearia/Radioaktivit%C3%A4t_und_Strahlung

  2. Pingback: Alex Baur über die Panik-Attacken im Fall “Fukushima” | Journalistenwatch.com

  3. Alex Baur, gehört ja zu den führenden Satirikern seiner Generation. Geradezu legendär ist sein Besuchsbericht aus Fukushima.

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