Wenn Menschen zu Ratten werden

***Gastautor Linus Huber über Langzeitwirkung inflationärer Geldpolitik auf die Gesellschaft

Ich kann mich gut an gewisse Erlebnisse aus meiner Kindheit erinnern und erwäge die kleinen Episoden als wichtig ein, aus dem ganz einfachen Grunde, weil sie aufgrund der Tatsache, dass ich mich überhaupt noch daran erinnere, einen grossen Eindruck auf meine sich formende Persönlichkeit gehabt haben müssen. Es geht hier nicht um die Bewertung der Erfahrungen in sich, sondern um deren Stellenwert auf mein zukünftiges Verhalten als erwachsener Mensch. Es will auch demonstrieren, dass sich Veränderungen im Verhalten des Individuums sehr langsam einstellen, da man durch die Erfahrungen in den Jahren der Persönlichkeitsentwicklung stark dem Einfluss vergangener Prinzipien ausgesetzt ist.

Montag war wohl der wichtigste Tag in meines Vaters Berufsleben. Mit viel Bargeld ausgestattet, machte er sich zwischen 3 und 5 Uhr auf seinen Weg, die in der Vorwoche gekauften Kälber einzusammeln und fuhr dabei von Bauernhof zu Bauernhof um gegen spätestens 8 Uhr auf dem Kälber-Markt vorfahren zu können. Je früher desto besser, da die Nachfrage der Einkäufer von Schlachthöfen und Mästerei-Betrieben ansonsten schon eingedeckt sein mag. Natürlich half ihm das aufgrund langer Erfahrung ausgebaute Beziehungsnetz, jedoch verblieb wohl dauernd ein kleiner Zweifel, denn er hatte sich diesen beruflichen Weg schwer erkämpft, als er den Schritt vom einfachen Bahnangestellten, welcher unter anderem die Bahnhofswaage bediente und dadurch in den Kontakt zu Bauern und dem Viehhandel kam, in die Selbstständigkeit wagte. Schlussendlich hatte er 6 Kinder und eine Frau zuhause, deren Wohlbefinden von seinem Erfolg abhingen. Sein gelegentlicher Zweifel seines finanziellen Erfolgs des morgigen Tages drückte sich auch nach langen Jahren durch das Auftreten von Ängstlichkeit am Sonntag Abend aus, indem er oft an extremem Juckreiz seiner Fusssohlen litt und diesen mit rigoroser Verwendung einer Bürste bekämpfte.

Diese Episoden sind Ausdruck der Tatsache, dass Risiko einen hohen Grad an Stress produzieren kann und nicht eine angenehme Angelegenheit für den einzelnen Menschen ist. Die Frage, welche allerdings wichtiger sein muss, liegt darin, ob solche Erfahrungen positiv für das Individuum selber und die Gesellschaft insgesamt sind, oder ob man deren Auftreten verhindern sollte (indem man zum Beispiel festlegen würde, dass der Staat den Kauf sämtlicher Kälber, welche zum Markt geführt werden, sicherstellt). Das Individuum hasst zwar den Stress, aber wie viele Studien belegen, hilft Stress das menschliche Verhalten insofern zu beeinflussen, dass man versucht die Unsicherheit oder das Risiko durch entsprechendes Verhalten zu reduzieren, was das Denken im Sinne von Nachhaltigkeit und Verantwortungsbewusstsein fördert. Ebenfalls ist es eine fragwürdige These, dass wenn man das Risiko verallgemeinert (auf die Allgemeinheit verlagert), das Individuum dadurch weniger strapaziert wird, sondern der Fokus wird sich auf andere Gebiete des täglichen Lebens lenken, in welchem ebenfalls Probleme auftreten können. Denn der Mensch braucht und sucht Herausforderungen, ansonsten er langsam abstirbt. Dies zeigt sich oft darin, dass Menschen nach einem lebensveränderndem Ereignis, wie z.B. Pensionierung oder Tod des Partners, lustlos dahin vegetieren, da der stimulierende Stress fehlt. In anderen Worten, ist die Angst vor dem Versagen ein Positivum für den einzelnen Menschen.

Die nächste Frage, welche zu beantworten ist, wie sich die Reduktion der Unsicherheit für den Einzelnen und damit das Verteilen der Kosten des Risikos auf die Gesellschaft auswirkt oder wie ändert sich das Verhalten der einzelnen Individuen in solch einer Gesellschaft. Es ist sicherlich nicht mehr als fair anzunehmen, dass sich die obigen aufgeführte positive Verhaltensweise (Vorsicht und Nachhaltigkeit) mit negativen Vorzeichen besetzt werden dürfte. Die Erkenntnis solcher Reflexivität ist Naturwissenschaftern viel bewusster als den heutigen Wirtschaftswissenschaftlern, da es sich beim Organismus „Gesellschaft“ um lebende Subjekte handelt (näher einem Lebewesen als einem physischen Objekt) und das Verhalten der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft dadurch nicht mit mathematischen Formeln vereinfacht erfasst und gemessen werden kann. Um diese Reflexivität besser zu erklären, will ich dies anhand eines praktischen und in diese Zeit passendes Beispiels erörtern.

Ich bin selten krank, jedoch wenn ich von einem nicht lebensgefährdendem Leiden befallen werde, erkundige ich mich über die möglichen Gründe der Symptome im Internet. Ich erwäge in eigener Regie, was die plausibelste Ursache sein mag und konsultiere kurz meine engste Umgebung um mögliche Ratschläge mit zu berücksichtigen. Danach entscheide ich mich auf meine Behandlung, welche oft einzig darin besteht, gar nichts zu unternehmen um den Körper auf die notwendige Widerstandskraft zu trimmen, was langfristig sicherlich vorteilhaft sein dürfte. In anderen Fällen besuche ich einen mir vertrauten Apotheker und diskutiere kurz das bestgeeignete Medikament, kaufe und administriere es, womit die Angelegenheit abgeschlossen ist. Natürlich können sich bei diesem Vorgehen unvorhergesehene Nebenwirkungen melden, dies trifft jedoch auch zu, wenn ich auf den Rat eines Arztes höre. Was jedoch wichtig ist an diesem Beispiel, liegt im Umstand, dass ich Eigenverantwortung und Risiko übernehme und nicht delegiere. Nun, es ist leider nicht möglich in unserem gegenwärtigen System in der Schweiz sowie vielen anderen Staaten der Welt, nach diesem Prinzip zu handeln, da man erstens sämtliche Kosten selber zu tragen hat (Ablehnung der Deckung durch die Krankenkasse) und zweitens das Medikament ohne eine Verschreibung des Arztes gar nicht kaufen darf. Wenn das einzelne Individuum die Kosten persönlich zu tragen hätte, würde die Anzahl Arztbesuche vielleicht um 50% einbrechen und aufgrund des reduzierten Aufwandes somit Nachhaltigkeit gesteigert und Verantwortungsbewusstsein im Bereiche der eigenen Gesundheit gefördert würden. Ich kann daraus schliessen, dass das System falsche Anreize produziert, indem die Eigenverantwortung und das Risiko an eine gefühlsmäßig undefinierbare Masse delegiert wird, was die Regeln der Nachhaltigkeit des gesamten Gesundheitswesens untergräbt, ein Umstand, welcher für die Gesellschaft insgesamt negative Auswirkungen produziert. Wie schon erwähnt, geht es hier nicht darum, das gegenwärtige Gesundheitssystem zu bewerten, sondern einzig darum, den Einfluss von Massnahmen auf das Verhalten des einzelnen Individuums zu untersuchen, und zu demonstrieren, was unter dem Begriff Reflexivität zu verstehen ist. Übrigens und nur als Zwischenbemerkung gemeint, habe ich die hohen Kosten der Verwaltung, welche das System erfordert, noch nicht einmal angesprochen.

„Er haet sin Scheck nie igloest“ (er hat seinen Scheck nie eingelöst), erklärte mir mein Vater und ich konnte nicht erkennen, ob er sich ob dieser Tatsache freute oder grämte. Vielleicht war es eher ein Ausdruck leichter Beklommenheit. Mein Vater war kurz zuvor in einen Gerichtsfall verwickelt, als er auf der Basis eines Handschlages ein paar Schweine kaufte und nach Vollzug der Handelstransaktion der Verkäufer seine Meinung änderte, indem er glaubte, einen zu kleinen Preis erhalten zu haben und deswegen eine Klage einreichte. Im Viehhandel ist/war es üblich, sich nicht unter Verwendung von Dokumenten Vertragsabschlüsse zu besiegeln, sondern ein Handschlag war Tradition und Regel. Der Verkäufer verlor vor Gericht und musste die Gerichtskosten beider Parteien berappen. Die ursprüngliche Zahlung für die Schweine in der Form eines Schecks wurde jedoch nie in Anspruch genommen, da der Käufer den Scheck nie in der Bank vorlegte. Nach reiflicher Überlegung kam ich zum Schluss, dass der Verkäufer aufgrund einer der folgenden Umstände den Scheck nie einreichte. Vielleicht zerriss er den Scheck in einem Anfall von Wut und war zu stolz um eine Neuausstellung zu bitten. Vielleicht glaubte er, dass aufgrund des Gerichtsurteils er kein Anrecht mehr auf Bezahlung hatte und dies Teil der Bestrafung darstellte. Vielleicht wollte er damit bezeugen, wie sehr er meinen Vater verachtete und deswegen kein Geld von ihm akzeptieren würde. Was immer der Grund gewesen sein mag, es zeigte jedoch in jedem Fall ein tief verwurzeltes Selbstverantwortungsgefühl und eine damit einhergehende Ehrbarkeit. Das Gericht musste zum Schluss gekommen sein, dass mein Vater den Verkäufer nicht getäuscht hatte und der Handel somit seine Gültigkeit besass. Somit musste der Verkäufer automatisch seine eigene Ehrbarkeit hinterfragen und fühlte sich dementsprechend blamiert und unehrenhaften Verhaltens bezichtigt. Wenn wir dieses Verhaltensmuster mit dem heutig gängigen Verhalten vergleichen, kann man zweifelsfrei eine Verhaltensveränderung erkennen. Ehre, Tradition und Währschaftlichkeit haben an Gewichtung verloren und es zählt oft einzig nur noch das Resultat, welches sich unter dem Strich ergibt. Die Leichtigkeit des Kommerzes, welcher auf gegenseitigem Vertrauen beruhte, ist einem mit unzähligen Bestimmungen ausgeschmücktem Regelwerk gewichen. Die Frage, welche sich in diesem Zusammenhang stellt, besteht darin, ob wir als Gesellschaft uns dadurch eine bessere, ehrlichere und rechtsstaatlicher Umgebung geschaffen haben oder ob dies das Gefühl der Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit eher unterminierte. Auch hier will ich keine Bewertung der Entwicklung anstellen, sondern einfach festhalten, dass aufgrund der vielen Regeln der Wert des selbstverantwortlichen und ehrenhaften Verhaltens offensichtlich reduziert wurde. Ehrenhaftes sowie verantwortungsvolles Verhalten kann man nicht durch Gesetze verordnen, sondern sind ethische Werte, welche jeder in sich trägt. Je stärker man hingegen jeden Umstand regelt, desto mehr schwächt man dieses in jedem Menschen inhärente Bedürfnis der Ehrbarkeit und Selbstverantwortung. Auch dies ist ein Beispiel für Reflexivität.

Im Bestreben, Risiken des Einzelnen zu reduzieren, haben wir unzählige Systeme und Regelwerke geschaffen. Diese Regeln produzieren natürlich einen zunehmenden Verwaltungsaufwand und entsprechende Institutionen wurden entweder ins Leben gerufen oder ausgebaut. Wie die Gesellschaft ist eine Institution ebenfalls besser als ein Organismus zu betrachten und man sollte der Versuchung, die rein funktionelle Ebene zu sehen, widerstehen. Aus der Natur wissen wir, dass jeder Organismus wachsen will oder sich, wenn bedroht, zu wehren versucht. Dies kann man auch sehr gut nachvollziehen, indem natürlich jeder Verwaltungsangestellte seine Position auszubauen versucht, indem er sich möglichst viele Kompetenzen aneignet um seine Existenz abzusichern. Ein natürlicher Vorgang, welcher auf der menschlichen Natur beruht und in sich als positiv zu betrachten ist. Allerdings mag diese Verhaltensweise des einzelnen innerhalb des Verwaltungsapparates für die Gesamtheit der Gesellschaft negative Konsequenzen in sich bergen und zwar im Zusammenspiel mit der zunehmenden Regulierungsdichte. Es dürfte wie ein Turbo auf die oben beschriebene Entwicklung wirken und viele Regeln institutionalisieren, womit die Flexibilität und langfristige Nachhaltigkeit des gesamten System negativ beeinflusst wird. Die Idee, dass man jegliches Risiko durch entsprechende Massnahmen eliminieren kann, produziert ein Problem der Nachhaltigkeit und unterminiert die Vitalität für die Gesamtheit des Systems. Mit der Reduktion persönlicher Freiheiten, werden auch die menschlichen Qualitäten wie Verantwortungsbewusstsein, Gemeinschaftssinn, Gefühl der Schicksalsgemeinschaft, Mitgefühl, Ehrenhaftigkeit und andere für die Gesellschaft positive Eigenschaften geschwächt. An dessen Stelle tritt der Drang die Regeln zu beeinflussen, die Regeln zu umgehen, Wege zu suchen, sich zu bevorteilen zulasten der Allgemeinheit und dies aus dem einfachen Grunde, dass wir die Pflicht der Verantwortung für das Funktionieren des Gesamten von uns weg delegierten. Ehrenwertes Verhalten hat hier keine Funktion und ist nicht mehr gefragt, sondern einzig Regeln bestimmen den Ablauf. Wer sich benachteiligt fühlt, versucht entweder Einfluss auf die Regeln (nur möglich für die Elite) zu nehmen oder, wie wohl die meisten, konsterniert einfach. Aus sogenannten Effizienz-Gruenden oder weil es der Wirtschaft schaden könnte, sind Regeln und Gesetze zunehmend irrelevant (biegen oder ignorieren von Verfassungsartikeln und Neuinterpretation von Gesetzen, indem deren Geist mit Füssen getreten wird) für Entscheidungsträger, da sie anscheinend das System zu retten haben, dabei jedoch vergessen, dass die damit einhergehende Rechtsunsicherheit möglicherweise bedeutend schädlicher sein mag für das System, als ein temporärer Einbruch des Wirtschaftswachstums.

„Das isch no an richtige Maa“ (Dies ist ein richtiger Mann) waren meines Vaters Worte, als nach dem Tode meines Bruders, er dessen Wohnung in Zürich verkaufte und der Käufer mit einem Bündel Tausendernoten zahlte. Obwohl ich kein Kind mehr war, hinterliess seine überzeugende Ausdrucksweise durch die in den Worten mitschwingende Dynamik einen bleibenden Eindruck auf mich. Es handelte sich nicht einzig darum, dass mein Vater die Tatsache bewunderte, dass der Käufer in der Lage war, diesen grossen Betrag in Bar zu produzieren, sondern es war ein Ausdruck der Ehrbarkeit, welche diesem Käufer damit zugeordnet wurde. Aber auch allgemein bekannte Sprichworte weisen auf die Bedeutung des Bargeldes hin. Die Sicht der Dinge meines Vaters, wie vieler andere Leute seiner Generation, wurden durch die Erfahrungen während der Weltwirtschaftskrise nach 1929 geprägt und er hielt an seiner Überzeugung fest, obwohl empirisch betrachtet sich dies seit mindestens der Mitte des letzten Jahrhunderts klar widerlegen liess , indem Geld respektive Bargeld gleich welcher Währung an Kaufkraft einbüsste. Es handelt sich um ein Verhaltensmuster, welches bei ihm eingebrannt war.

Die meisten Menschen jener Generation sind heute nicht mehr am Leben und haben schwerlich noch Einfluss auf das heutige Geschehen. Wenn man mit jungen Leuten darüber diskutiert, wird oft unmissverständlich erklärt, dass man wohl von Geld in der heutigen Zeit keine Ahnung mehr zu haben scheint und heutige Währungen einzig als Zahlungsmittel zu funktionieren haben. Auch viele Ökonomen haben sich mit oft abstrusen Theorien dazu geäußert und viele belächeln die Idee des wertbeständigen und ehrlichen Geldes. Als ich vor gut 12 Jahren einen Neuwagen in Singapur erwarb und nach Abschluss der Verhandlungen erklärte, dass ich gedenke mit Bargeld zu zahlen (ein Betrag von vielleicht umgerechnet chf70k) und nachfragte, wie hoch ein zusätzlicher Barzahlungs-Rabatt (Skonto) ausfallen dürfte, wollte der Verkäufer am liebsten den ganzen Kaufvertrag rückgängig machen. Der Grund lag darin, dass der Verkäufer eine Kommission für jeden Kreditvertrag kassierte und damit dieser Verdienst ausfiel. Schon damals fragte ich mich, welche gesellschaftlichen Werte durch solche Anreizsysteme wohl gestärkt und welche geschwächt werden. Werte in der Gesellschaft sind nie in Isolation zu betrachten, sondern wenn sich ein gesellschaftlicher Wert erhöht, verliert ein anderer Wert relativ gesprochen. Ebenfalls ist es nicht abwegig, den Ursprung für die Veränderung der in der Gesellschaft vorherrschenden Werte zu untersuchen.

Die Kraft der Suggestion spielt in der Psychologie eine wichtige Rolle, indem sie das Selbstverständnis der Zielperson beeinflusst. Diese Methode wird im Bereiche der Erziehung oft bewusst eingesetzt um eine bestimmte Verhaltensweise zu fördern. Auch das Selbstverständnis und, in der Folge, das Verhalten der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft kann in Anwendung dieses Konzeptes verändert werden. Jede Verordnung oder Regelung wirkt auf mindestens zwei Ebenen. Einerseits auf der Ebene der durch die Massnahme beabsichtigten und angestrebten Verbesserungen der Lebensqualität für einen Teil der Gesellschaft, andererseits auf der Ebene der durch die adaptive Fähigkeit eines Lebewesens eintretende Verhaltensveränderung. Die Verhaltensänderung kann selber jedoch zusätzlich noch in zwei Bereiche unterteilt werden, nämlich auf den spezifisch auf die Massnahme Bezug nehmenden Bereich einerseits und aufgrund der suggestiven Wirkung auf das durch die Massnahme implizierte Selbstverständnis des einzelnen Mitgliedes einer Gesellschaft andererseits. Grundsätzlich kann man sicherlich festhalten, dass je höher die Verordnungsdichte, desto mehr schwächen sich Eigenverantwortung, Ehrbarkeit, Selbständigkeit, Freiheit, Unabhängigkeit, Gemeinschaftssinn, Respekt gegenüber der eigenen wie Drittpersonen und andere ähnlich gelagerte und essentiell wichtige Werte des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Die Effektivität einer Massnahme auf das Verhaltensmuster der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft ist am höchsten, wenn die gesamte Gesellschaft gleichzeitig und dauerhaft damit konfrontiert ist und damit eine Bewusstseinsveränderung erzeugt wird. Es gibt wohl kein anderes menschlich geschaffenes System, welches das Selbstverständnis und die gesellschaftliche Ordnung stärker beeinflusst, als Geld. Geld ist allgegenwärtig, wird täglich von jedermann benutzt, misst den eigenen wirtschaftlichen Erfolg und trägt massgebend zum Selbstverständnis der eigenen Person bei. Der Einfluss dieses Mediums auf den Menschen eines Währungsraums beschränkt sich keinesfalls einzig auf monetäre Aspekte und ökonomische Aggregate, sondern nimmt, aufgrund der gesellschaftlichen Bedeutung, massgebend Einfluss auf die Werte-Skala der entsprechenden Gesellschaft. Die Eigenschaft einer Währung, welche auf der Geldpolitik einer Zentralbank beruht, ist daher von hoher gesellschaftlicher Bedeutung.

Ausnahmslos verfolgen Zentralbanken eine Politik der Geldentwertung. Es ist eigentlich erstaunlich, dass es keine einzige Ausnahme gibt und sämtliche gegenwärtig im Umlauf befindenden Währungen überall über einen längeren Zeitraum betrachtet, der Entwertung unterliegen. Die einen entwerten sich schneller als die andern, aber sich entwerten, tun sie alle. Ist dies eine natürliche Eigenschaft einer Währung oder ist dies durch Menschenhand gesteuert? Bei genauerer Betrachtung kann man gut erkennen, dass dahinter eine sehr bewusst betriebene Manipulation steckt, indem der Werterhalt einer Währung zugunsten der durch die Manipulation erreichten kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteile, geopfert wird. In anderen Worten wird das Recht des Eigentümers der Währung verletzt, um eine statistisch messbare quantitative Verbesserung der Wirtschaftsleistung zu erreichen. Wachstum kann allerdings nur auf quantitativer Ebene gemessen werden, und vernachlässigt dadurch eine qualitative Einschätzung des erzielten Wachstums. In anderen Worten, Wachstum, welches auf inflationärer Geldpolitik beruht, erzeugt in Anwendung oben erklärter Prinzipien menschlicher Natur negative gesellschaftliche Auswirkungen, welche zwar nicht direkt messbar sind, jedoch die Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen langfristig und fast unbemerkt schädigen. Nachfolgend werden wir einige dieser Konsequenzen erläutern, wobei die oben aufgeführten Beispiele der Reflexivität als Hilfe dienen.

Wie wir gerade ausführten, wird durch die Manipulation der Währung (dauernde langfristige Entwertung) das Recht des Eigentümers der entsprechenden Währung verletzt. Wenn sich eine Währung entwertet, löst sich der Kaufkraftverlust des Geldeigentümers von zum Beispiel 20 Prozent in 10 Jahren nicht in Luft auf, sondern jemand anders hat sich diesen Verlust an Kaufkraft angeeignet. Im allgemeinen dürfte derjenige, welcher sich verschuldete, davon profitieren. Es handelt sich in diesem Sinne um einen Umverteilungsmechanismus, an welchen sich eine Gesellschaft schrittweise gewöhnte und damit ihre Verhaltensweise entsprechend angepasst hat. Das Resultat ist eine bankenfreundliche Umgebung, da damit das Wachstum des Kreditvolumens gefördert wird; dies aufgrund der Tatsache, dass der geldmässig negativ positionierte (verschuldete) Akteur unter Abzug der Transaktionsmarge der Bank, ohne entsprechende wirtschaftliche Leistung, einen Gewinn erzielen kann. Im Geiste widerspricht dieser Umstand der in der Verfassung festgehaltenen Gewährleistung des Rechtes auf Eigentum und unterminiert damit die Rechtsstaatlichkeit.

Durch die Teilenteignung des Geldeigentümers nimmt Geld vermehrt Attribute verbunden mit Besitz anstelle von Eigentum an. Besitz und Eigentum, obwohl sie meist zusammenfallen, sind jedoch konzeptionell verschieden. Wir können sehr wohl ein Auto besitzen, ohne dessen Eigentümer zu sein. Dies stellt sich zum Beispiel ein, wenn man ein Auto mietet. Verhalten wir uns genau gleich unter Verwendung eines gemieteten oder eines eigenen Fahrzeugs? Dieser oder jener Mieter mag sich tatsächlich genau gleich verhalten in der Benutzung des Autos. Trotzdem hält sich das Gefühl der Sorge und der nachhaltigen Pflege für einen nur auf Zeit ausgeliehenen Gegenstand in Grenzen. Es liegt in der Tatsache, dass Eigentum nicht nur ein Recht sondern auch eine Pflicht beinhaltet, nämlich die Pflicht sich nachhaltig darum zu kümmern. Mit der Schwächung des Eigentumsrechts wird der Mensch in der Folge konditioniert, kurzfristig und nicht nachhaltig zu handeln. Wenn dies nur ein einziges oder ein kleiner Teil der Mitglied(er) der Gesellschaft so handhabt, werden die Auswirkungen auf die Gesellschaft schwach ausfallen. Wenn jedoch aufgrund jahrzehntelanger Konditionierung sich zunehmend ein immer höherer Anteil der Gesellschaft ihr Verhalten in diese Richtung verändert, ergeben sich dadurch schädliche gesellschaftliche Folgeerscheinungen, indem sich das kurzfristige und nicht nachhaltige Verhalten festsetzt.

Zum Beispiel entwickelt sich die Kultur der unverzüglichen Gratifikation, welche sich dadurch ausdrückt, dass man etwas sofort besitzen muss und nicht zuerst dafür spart. Man zieht es vor, sich zu verschulden als sich in Geduld zu üben und verantwortungsvoll zu budgetieren. Diese Entwicklung führt dazu, dass das aktuelle Verhalten den Wert der Nachhaltigkeit untergräbt. Das Konzept, dass man sich einen gewissen Lebensstandard zuerst erarbeiten muss, wird dadurch zunehmend geschwächt. Das Leben auf Pump, um einen gängigen Ausdruck zu verwenden, wird hingegen gefördert. Heute und jetzt wird wichtiger, da die Zukunft ungewiss und nicht mehr kalkulierbar geworden ist. Die Konsum- und Wegwerfgesellschaft ist geboren.

Das Verhältnis im Verhalten gegenüber Risiken verändert sich ebenfalls, indem die Kosten von Risiken zunehmend vom Risikonehmer auf die gesamte Gesellschaft transferiert werden. Diese Entwicklung begann nicht mit den kürzlich getroffenen Massnahmen in der Form der Rettung von Finanzinstituten, sondern fand dort seine Kumulation. Eine solche Konstellation produziert erhöhte Risikobereitschaft und untergräbt die Sorgfalt, welche notwendig ist, um eine nachhaltige Entwicklung zu erfahren. Die Entlastung des Risikonehmers von den möglichen negativen Konsequenzen eines Risikos untergräbt die gesellschaftlich positiven Werte der Sorgfalt, Verantwortung, Redlichkeit und Ehrlichkeit.

Da Geld langfristig wertlos zu sein scheint, verlagert der Mensch sich auf materielle Werte um dem Wertschwund des Geldes zu entgehen. Die Idee, sich mit einem Sparbuch eine finanzielle Notreserve oder einen Spargroschen zu sichern, wird verpönt und durch Investitionen in Sachwerte ersetzt. Dies fördert eine materialistische Weltanschauung, in welcher ethische und für das Zusammenleben wichtige Grundsätze an Wert verlieren. Es schürt schrittweise ein allgemeines Misstrauen gegenüber den Entscheidungsträgern (niemand liebt manipuliert zu werden), und produziert die Tendenz zu verstärktem Individualismus und der damit einhergehenden Reduktion des Mitgefühls.

Das wirtschaftliche Wohlbefinden der Bevölkerung beruht zunehmend auf einem Wachstum, welches einzig auf dem Entwerten der Währung beruht, wodurch sich eine immer höhere Machtkonzentration bei den Währungshütern bildet, welche sich schlussendlich wie Hohepriester fühlen müssen. Es wird zusehends unvermeidbar die nicht bestehende Nachhaltigkeit durch Verschleierung und Täuschung zu vertuschen und das Spiel des Perzeption Managements beginnt. Da die Bevölkerung sich ebenfalls an den Status Quo klammert, werden die Proklamationen der Entscheidungsträger auch wenn sie im klaren Gegensatz zu logischen Überlegungen stehen, enthusiastisch empfangen und verzweifelt geglaubt. Ehrbarkeit, Ehrlichkeit, Verantwortlichkeit, Nachhaltigkeit weichen einer Kultur von Lug und Betrug.

Ein anderer Aspekt der durch Manipulation erzeugten Reduktion des Eigentumsrechtes liegt in der Tatsache, dass im Effekt ein Diebstahl legalisiert wird. Die dadurch eintretende Untergrabung der Rechtsstaatlichkeit reduziert den Schutz der persönlichen Freiheit. Natürlich sind gewisse persönliche Freiheitsrechte in Bezug auf grundlegende Menschenwürde und -rechte einzuschränken. Ausserhalb dieses Bereiches hingegen, sollte der Staat die Regeln so formulieren, dass der Schutz der persönlichen Freiheit (und damit der implizierten Selbstverantwortung und anderer positiver gesellschaftlicher Werte) gefördert wird. Ich ordne hier die Zentralbanken den staatlichen Institutionen zu, obwohl sie offiziell formelle Unabhängigkeit geniessen. Jeder Eingriff, jede Regelung, jede Manipulation sollte auf den langfristigen Einfluss, welche diese Massnahme auf die Werte innerhalb der Gesellschaft ausübt, überprüft werden. Es handelt sich hierbei um nicht messbare Grössen oder in andern Worten um nicht quantitativ erfassbare Aspekte, sondern um qualitative Werte. Da Ökonomen sich im Bereiche von messbaren Veränderungen profilieren, sind ihnen philosophisch unterlegte Betrachtungsweisen eher fremd.

Um meinen kleinen Aufsatz abzuschliessen, möchte ich Ihnen folgenden Satz als Gedankenstütze auf den Weg geben: Wenn man eine Gesellschaft wie eine Labor-Ratte manipuliert, wird sie sich zunehmend die Attribute einer Ratte zulegen (Konditionierung). Oder in anderen Worten, wer Geld entwertet, entwertet ebenfalls die Menschlichkeit und die Bedeutung des zwischenmenschlichen Vertrauens.

 Linus Huber, geboren 1953 in der Ostschweiz, ist von Beruf gelernter Banker. Aufgrund der, anfangs der 1970er Jahre vorherrschenden, rigiden Hierarchie-Strukturen und der zum Gähnen langweiligen Geschäftsmodelle der Banken, wechselte er gegen Ende dieses Jahrzehnts vom tertiären Sektor in die Verwaltung des sekundären. Seine Abenteuerlust zog ihn in den Mittleren Osten, wo er seine berufliche Laufbahn in einem ihm besser behagenden, freiheitlicheren Umfeld der Bereiche Projektverwaltung, Finanzwesen und Marketing fortsetzte. Nach zuletzt langjähriger Tätigkeit als Berater des saudi-arabischen Verteidigungsministeriums trat er 2010 in den wohlverdienten Ruhestand.

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3 Gedanken zu “Wenn Menschen zu Ratten werden

  1. Ein paar Fragen an den Autor:

    Wenn Inflation Menschen zu Ratten macht, zu was verändert dann Deflation den Menschen?

    Ist ein Zustand ohne De- und ohne Inflation wünschenswert und wie kann man ihn erreichen?

    Welchen Einfluss hat das Moore’sche Gesetz *) auf diese Betrachtungen?

    *) Exponentielles Wachstum zuerst in der IT, inzwischen immer mehr auch in anderen Bereichen unserer Zivilisation. Beispiel: 1 MByte Speicher kostete 1985 ca 150 EUR. Heute kostet er noch 0,00015 EUR.

    • Danke für den interessanten Kommentar.

      Die Angst vor einer leicht deflationären Phase (unter Verwendung des Konsumentenpreisindexes) ist verfehlt, aber wurde zum Tabu hochstilisiert. Es ist normal, dass aufgrund der steigenden Produktivität die Preise sinken, was allen Konsumenten zugute gekommen wäre. Die Gewinne wären dadurch in der Bevölkerung angekommen und nicht bei den mit immer höherem Hebel operierenden Banken und Grossfirmen. In der Verfolgung einer leichten Inflation des Konsumentenpreisindexes, werden die Preisverzerrungen und resultierenden Fehlinvestitionen, welche auf einem Wachstum der Geldmenge weit über dem Wirtschaftswachstum beruhen, ignoriert. Dies führt/führte unweigerlich zu diesen grossen Ungleichgewichten oder Blasen.

      Eine Geldpolitik, welche die Währung nicht entwertet, wird erreicht, indem man das Wachstum des Geldvolumens in etwa im Einklang mit dem Wirtschaftswachstum hält. Es entstehen dadurch Phasen leichter Deflation wie Phasen leichter Inflation. In Phasen leichter Deflation, werden Fehlinvestitionen anerkannt und nach dem Schumpeterschen Prinzip der „creative destruction“ die entsprechende langfristige Nachhaltigkeit erarbeitet.

      Selbst Keynes, worauf heute die Theorien der meisten Ökonomen in Entscheidungspositionen beruhen, hatte eine klare Einstellung dazu:

      „Durch einen dauernden Prozess von Inflation können Regierungen heimlich und unbeobachtet einen wichtigen Teil des Vermögens der Bevölkerung konfiszieren. In Anwendung dieser Methode wird nicht nur konfisziert, sondern willkürlich konfisziert; und, während dieser Vorgang viele ärmer macht, profitieren einige davon… Jene dieser Prozess der Inflation einen Geldregen beschert, … werden zu „Profiteuren“, und werden Ziel von Hass (z.B. Banker?)… Der Prozess von Vermögensbildung verkommt zu einem Glücksspiel und einer Lotterie… Lenin war gewiss korrekt mit seiner Aussage. Es existiert kein subtilerer, kein sicherer Weg die existierende Gesellschaftsordnung umzustossen als durch die Entwertung der Währung. Der Prozess vereinigt sämtliche versteckten Kräfte der ökonomischen Gesetze auf der Seite der Destruktion und tut dies in einer Art und Weise, welche nicht einer in einer Million fähig ist zu diagnostizieren.“

    • Wenn Inflation Menschen zu Ratten macht, zu was verändert dann Deflation den Menschen?

      Ehrliches Geld, dessen Wert nicht manipuliert wird, reduziert die Machtkonzentration und fördert dadurch die Dezentralisierung, womit die persönliche Verantwortung wie Freiheit wieder wichtiger wird. Wenn wir als Individuen aufgrund einer abnehmenden Anonymisierung und Infantilisierung der Gesellschaft wieder stärker auf persönlicher Basis aufeinander angewiesen sind, gewinnen die menschlichen Qualitäten von Ehrlichkeit, Empathie, Anstand etc. an Bedeutung.

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