Ansichten eines Junkies

Alex Baur_Die Zürcher ProzesseAufgezeichnet von Alex Baur*

„Sie können mich meinetwegen Krawatten-Junkie nennen: Ich bin integriert und unauffällig, zahle Steuern, besuche Elternabende, habe überdurchschnittliche Einkünfte und Zugang zu relativ reinem Heroin. Sie mögen die Nase rümpfen, aber sie sollten wissen: Es gibt viele Arten von Junkies, aber ich bin viel näher bei der Regel als bei der Ausnahme. Die kläglichen Gestalten, die Sie, immer seltener, an der Langstrasse sehen, sie sind die wahren Aussenseiter unter den Aussenseitern. Den typischen Junkie erkennt der Laie heute kaum noch. Und selbst Profis irren sich immer wieder.

Ich habe die letzten 35 Jahre Zürcher Drogenpolitik hautnah erlebt, allerdings auf der Seite der „Anderen“, jene der Konsumenten. Die Drogenpolitik hat meinen Alltag mitbestimmt wie kaum etwas anderes. Und Trotzdem: Fragen Sie mich, ob sich die Dinge zum besseren oder zum schlechteren gewendet haben – ich kann Ihnen keine abschliessende Antwort geben. Ich hatte zwar immer eine klare Meinung, aber ich musste sie immer wieder revidieren. An sich finde ich es pervers, Süchtige zu bestrafen und zu verfolgen, so als wären sie nicht schon genug gestraft. Aber es gab auch Zeiten, da hätte ich mir eine knallharte polizeiliche Repression und Zwangsmassnahmen gewünscht, wie sie nicht einmal die SVP zu fordern gewagt hätte. Das klingt paradox, mag sie erstaunen. Doch viele Junkies denken so.

Wenn Menschen heute nicht mehr auf der Gasse buchstäblich verrecken, wie dies in Zeiten des Platzspitzes der Fall war, dann ist das sicher gut. Doch alles hat seinen Preis. Haben Sie schon langjährige, alternde Methadon-Bezüger gesehen? Eher nicht. Die hat man nämlich schön versteckt, in den sozialen Institutionen. Vielleicht ist es besser so, denn der Anblick ist hässlich und trostlos. Ich kenne einige. Wie geschlechtslose Untote, aufgeblasen vom ewigen herumliegen wie gestrandete Walfische, apathisch, erloschen, ohne Ziel und ohne Aussicht auf ein Erwachen aus dem ewigen Dämmerzustand vegetieren sie ihrem natürlichen Ende entgegen. Das ist der Preis für die schöne neue Ordnung. Ein bitterer Preis.

Fragen Sie mich nicht, wie das angefangen hat. Ich begreife es bis heute nicht. Wir waren ja alle gewarnt, bis zum Überdruss hatte man uns in der Schule und zu Hause vor der Droge gewarnt. Ich hatte die Elenden an der Riviera mit eigenen Augen gesehen, wie sie sich das Wasser aus der Limmat in die Venen spritzten. Ich bin trotzdem einer von ihnen geworden. Das war anfangs der 1980er Jahre, in Zürich stand das AJZ auf dem Programm, ich liess die Kunstgewerbeschule sausen und zog mit wehenden Fahnen in den Untergang. Ich konnte es mir zwar nicht konkret vorstellen, doch ich wusste, wie alle andern, dass ich mich auf einen Flirt mit dem Tod eingelassen hatte. Vielleicht war gerade das die Faszination. Heroin hatte mit Rebellion zu tun, mit Verweigerung, mit Grenzerfahrungen in einer durchorganisierten Welt, wo man gegen alles und jedes versichert ist.

Kaputt war geil, je kaputter desto besser. Eine Gelbsucht war sozusagen der Ritterschlag, wer schon mal im Knast gesessen hatte, der genoss besonderen Respekt. Diese verkehrte Welt, das ist etwas, was die Politik nie begriffen hat. Was sich auch nicht so leicht erklären lässt. Als AIDS in den 1980er Jahren dazu kam, glaubten viele insgeheim, das Problem würde sich von selber lösen. Mann musste nur den Spritzenverkauf verbieten: Ausstieg oder Todesstrafe. Das war nicht nur kriminell, sondern auch dumm. Die Ausbreitung des HIV- und vor allem auch des Hepatitis-Virus traf nicht nur viele Unbeteiligte. Es war just die Zeit, als der Konsum harter Drogen in Zürich explodierte. Neu kam nun auch noch Kokain dazu, das bis dahin als Stoff der der Schickeria galt und noch verheerendere Schäden anrichtete als Heroin.

Nicht minder verantwortungslos war allerdings die Haltung jener Politiker, welche die totale Verwahrlosung auf dem Platzspitz und später am Letten zuliessen, sei es aus Bequemlichkeit oder aus ideologischer Verblendung. Eine offene Szene auf halbem Weg zwischen Bahnhof und Gewerbeschule – super! Ich sage nicht, dass allein das Angebot die Nachfrage bestimmt. Doch der Einstieg wurde durch das leicht zugängliche Angebot extrem einfach. Vorher gab es Schwellen. Weil die Preise von über 500 auf unter 100 Franken einbrachen und der Stoff immer potenter wurde, konnte es sich nun viele leisten, das Gift zu sniffen oder zu rauchen. Anders als beim Spritzen brauchten die Kids zum Schnupfen und Paffen keine Anleitung.

Der Platzspitz war natürlich auch ein Biotop für Sozialarbeiter. Ich trage, wie viele Junkies, eine Art Antikörper gegen Helfer in mir. Die Helfer können einen schnell noch weiter ins Elend reiten, als man schon drin steckt. ‚Hilf dir selber, sonst hilft dir ein Sozialarbeiter’ – das war nicht nur ein flapsiger Spruch, sondern eine Art Drohung. Haben diese Helfer überhaupt ein Interesse, so fragte ich mich immer insgeheim, dich aus der Sucht rauszuholen? Immerhin verdienen sie dank mir ihren Lohn. Vielleicht war es auch Resignation: Man sieht nie einen, der mit einer Therapie die übermächtige Sucht überwunden hätte; aber sehr viele, die in unzähligen Versuchen gescheitert sind.

Der Eindruck täuscht natürlich. Logischerweise meiden jene, die es geschafft haben, die Szene. Ich schätze, dass ein Drittel meiner ehemaligen Suchtgenossen ohne professionelle Hilfe heute suchtfrei leben. Ein weiteres Drittel hat einen einigermassen erträglichen Modus Vivendi gefunden, um mit der Sucht mehr recht als schlecht zu kontrollieren; und ein Drittel ist hoffnungslos abgestürzt. Das fatalste: Gemäss meinen Erfahrungen haben Therapien kaum einen Einfluss darauf. Insofern ist es wohl vernünftig, wenn man zuerst einmal versucht, die Folgeschäden der Sucht in Grenzen zu halten. Aber man muss wissen: die staatliche Abgabe des Stoffes erleichtert auch dauerhafte, unwiderrufliche Abhängigkeiten.

In keinem Bereich gibt es so viele grandios gescheiterte Hoffnungen und Versuche wie bei der Suchttherapie. Und Mythen. Die kontrollierte Heroinabgabe gehört zu den Mythen. Ein Etikettenschwindel. Erstens verwandelt sich Heroin zu Morphin, wenn es durch den Magen ins Blut übergeht. In der Regel wird Heroin aber oral verabreicht. Man könnte also ebenso gut Morphin abgeben. Herointabletten sind zudem mit einer retardierten Wirkung versehen. Damit soll das so genannte „Craving“ vermieden werden, der „Flash“ im Gassenjargon, das ewige auf und ab, das zu immer höheren Dosierungen zwingt. Im Endeffekt ist das medizinische Heroin also mehr oder weniger das gleiche wie Methadon. Es kling bloss viel dramatischer: Heroin – die Heldin aller Drogen. Wow.

Methadon gibt es aber auch in der Schweiz schon seit den 1970er Jahren in Fülle. Wer ihn haben wollte, bekam den Stoff seit jeher und je nach Kanton relativ locker verschrieben. Ich hatte, wie so viele Junkies, eine instinktive Abneigung dagegen. Methi schlucken, das konnte keine Therapie sein. Das hiess vielmehr, sich ganz aufgeben. Doch wie die meisten Junkies sehnte ich mich eigentlich permanent danach, von der Sucht wegzukommen – nur noch dieser Schuss, morgen mache ich den Entzug, dann wird alles anders – jeden Tag denkt man das. Jeden Tag geht es von neuem los.

Meinen ersten echten Ausstieg hatte ich einem Schock zu verdanken. Das war in den frühen 1980er Jahren. Ich lag mit einer schweren Hepatitis und Infektionen am ganzen Körper im Spital. Es kamen damals eben die ersten Meldungen von AIDS aus Amerika, und an einem schönen Morgen eröffnete mir ein Arzt, ich würde an dieser neuartigen, tödlichen Krankheit leiden. Einfach so, aus heiterem Himmel – peng. Es war eine Fehldiagnose, wie sich später herausstellte – eine Fehldiagnose freilich, für die ich dem Arzt im Rückblick sogar danken muss. Der Schock zeitigte eine heilsame Wirkung.

Die vermeintliche Gewissheit des Todes weckt in mir eine ungestüme Lebenswut. Bis dahin hatte ich mit dem Tod kokettiert, doch jetzt, wo es ernst wurde, wollte ich leben. Ich ging für ein Jahr zu Freunden auf eine Alp. Es war erstaunlich easy. Die Lust am Heroin war mir schlicht vergangen. Als ich in die Stadt zurückkam, weilte ich oft am Bellevue, wo die Junkies damals verkehrten. Der Stoff stiess mich ab, die Süchtigen taten mir bestenfalls leid. Ich konnte nicht begreifen, wie ich selber einmal so dumm sein konnte. Danach machte absolvierte ich meinen Berufsabschluss im Eilzugstempo. Ich heiratete, machte Karriere in der Werbebranche, wurde Vater, Häuslebauen, das volle Programm.

Das hätte das Happy End sein müssen. Doch die dicke Ladung kam erst, als alles überwunden schien, ein Jahrzehnt später. Der Letten war schon geschlossen, als ich nach einem Unfall im Spital lag und irgendein Opiat gegen die Schmerzen bekam. Der Teufel ritt mich in dieser vermeintlich geschützten Spitalatmosphäre. Unter raffinierten Vorwänden, wie sie nur Süchtigen in den Sinn kommen, verlangte ich immer wieder nach dem Stoff, selbst als die Schmerzen längst weg waren. Noch war ich nicht wirklich rückfällig geworden, aber das Monster war entfesselt. Und wieder frage ich mich, warum ich nicht stoppte, bevor es zu spät war. Ich wusste, was mich erwartete, ich war auf bestem Weg zum beruflichen Erfolg. War es das kleinbürgerliche Leben, das ich nicht ertrug? Droge als letzte Rebellion eines verhinderten Rebellen? Ich weiss es nicht. Heroin ist auch ein Ersatz für Sex. Chemische Liebe auf Abruf, stets verfügbar, mit Höhepunktgarantie.

Zwei Jahre lang hielt ich die Sucht einigermassen im Schach. Als ich die Kontrolle verlor, wich ich auf Kokain aus. Das Reissen nach dem Schnee wurde bald grenzenlos. Also entzog ich mir das Kokain mit Heroin. Das konnte ich besser kontrollieren. Anfänglich wenigstens. In Zwischenzeit gab nun keine offene Szene mehr, dafür eine Reihe von Anlaufstellen, um die ich jedoch einen grossen Bogen machte. Die Institutionen waren nicht für Leute wie mich geschaffen. Dabei waren „integrierte“ Junkies wie ich längst in der Überzahl. Mittlerweile bekam man den Stoff bereits für 50 bis 80 Franken pro Gramm. Bei diesen Preisen kann sich jeder Büezer seine Heroinsucht mit Arbeit finanzieren.

Süchtige mögen sich gegen aussen perfekt tarnen. Doch untereinander erkennt man sich schnell. Ein Blick, eine Geste genügt. So findet man den Weg zum Stoff. Der Handel läuft heute anonym und professionell, die Kontakte beschränken sich auf das absolute Minimum. Ich kaufte den Stoff ganz bewusst auf der Gasse. Bei einem Hausdealer hätte ich ihn zwar billiger, besser und risikolos haben können. Doch dann muss man grössere Mengen nehmen, die einen dazu verleiten, mehr zu konsumieren. Mit dem Risiko und dem Aufwand der Gasse baute ich mir eine künstliche Schwelle auf, die mir half, den Konsum zu begrenzen. Das ist meines Erachtens der Hauptgrund, warum es überhaupt noch eine Gassenszene gibt.

Sucht ist nach wie vor ein Tabu, und das hat seine guten Seiten. Es gibt Dinge, die sind so komplex, dass sie den Menschen schlicht überfordern. Der Inzest etwa, oder die Pädophilie – jeder weiss, dass es ein „No Go“ ist, keine Diskussion, man braucht sich gar nicht erst damit zu befassen. Vielleicht übersteigt die Sucht einfach unser Auffassungsvermögen. Man kann sie beschreiben, kann die Dopaminströme im Hirn messen, wir wissen, wo die Sucht hinführt. Doch niemand konnte mir das Phänomen bislang wirklich erklären.

Beruflich funktionierte ich recht gut unter Heroin. Anfänglich steigerte die Droge meine Leistungsfähigkeit sogar. Das schlimmste ist die Ohnmacht, das Gefühl, nicht mehr über sich selber zu verfügen. Du tust dauernd etwas, was du nicht willst und verabscheust. Je mehr du dich gegen das Verlangen wehrst, desto grösser wird es. Jeder Wille hat seine Grenzen, doch die Sucht ist grenzenlos. Mit unendlicher Überwindung gelingt es dir vielleicht, ein, zwei, drei, vier Tage lang clean zu bleiben. Doch du weisst, um wirklich clean zu werden, braucht es Monate, Jahre. Es ist, als wollte man einen Tsunami von Hand stoppen.

Wenn du das Heroin in den Händen hast, das ist der schönste Moment. Ich liess mir immer viel Zeit beim Konsumieren und erfand immer neue, an sich unnötige Rituale: den Stoff fein zerhacken, gleichmässige Linien formen, ein trichterförmiges Saugröhrchen rollen und kleben, die Alufolie in eine symmetrische Form bringen, den Stoff gleichmässig über die Folie rollen lassen. Denn schön sind eigentlich nur die Vorfreude und der Flash. Alles andere ist Horror. Für einen Junkie reduziert sich das Glück auf einen chemischen Vorgang.

Ich war schon bald 40, als ich mit meinem Hausarzt erstmals über meine Sucht sprach. Der Mann hatte weder eine Ahnung von Heroin noch von Sucht, das merkte ich schnell. Obwohl er Methadon-Klienten betreute. Der Medizinmann verordnete mir einfach das, was ich von ihm verlangte. Methi wollte ich keines, man sollte, so dachte ich, das Übel bei der Wurzel packen, mit einer Psychotherapie. Es gab da wohl ein paar Probleme in meiner Jugend, doch es war reine Zeitverschwendung. Ein Jahr lang brütete ich wöchentlich mit einer Psychiaterin über meinen Erinnerungen, bis ich bemerkte, dass sie heimlich gähnte, während ich in meiner Seele herumwühlte. Mir wurde klar, dass sie mich für 150 Franken pro Stunde bis ans Ende meiner Tage abhören würde, ohne dass sich je etwas änderte.

Ich habe in den folgenden Jahren alles Mögliche versucht: Naltrexin, ein Blocker, der das Heroin wirkungslos macht, Opiate wie Methadon oder Subutex zur Substitution. Irgendeine Therapie, die mit einem bestimmten Programm und einem konkreten Ziel verbunden gewesen wäre, konnte ich nie erkennen. Eine stationäre Massnahme kam für mich nicht in Frage. Abgesehen davon, dass solche Angebote rar geworden sind, hätte ich dafür alles aufgeben müssen, was mich noch am Leben hielt: meine Familie, meine Arbeit, mein soziales Umfeld.

Ich entschied mich schliesslich für Subutex. Es ist ähnlich wie Methadon, klingt aber etwas weniger dramatisch und hatte den Vorteil, dass es nicht anzeigt bei Urinproben. Nach einem Rencontre mit der Polizei musste ich mich beim Strassenverkehrsamt nämlich regelmässig auf Drogen kontrollieren lassen. Vorübergehend, bis ich meinen Führerschein wieder hatte, stellte ich den Heroinkonsum ganz ein. Danach ging es wieder munter weiter.

Das schlimmste am Subutex oder Methadon ist, dass es die Sexualität lähmt. Ich fühlte mich wie ein kastriertes Murmeltier im Winterschlaf. Du nimmst das Leben wahr als Zuschauer hinter einer Milchglasscheibe. Gegen aussen funktionierte ich wie ein Roboter, innerlich fühlte es sich an, als wäre meine Seele eingefroren. Da war kein Leid mehr und keine Freude, kein Schmerz und keine Lust. Angeblich ist das Ziel solcher Programme, den Stoff allmählich „auszuschleichen“, wie es im Fachjargon heisst. Doch leider sah man nie einen, der es geschafft hätte.

In dieser bleiernen Trostlosigkeit begann ich wieder, Heroin und Kokain zu konsumieren. Der Kick erinnerte mich jeweils daran, dass ich noch am Leben war. Die meisten Süchtigen in Substitutionsprogrammen halten das so. Damit war auch der letzte Hauch von Therapie dahin. Kommt dazu, dass es für Kokain keinen Ersatz gibt. Bislang hat jedenfalls noch keine Institution ernsthaft gewagt, das weisse Pulver aus Südamerika medizinisch zu verschreiben. Mit gutem Grund. Kokain lässt sich schlecht dosieren, wer drauf ist, braucht immer mehr. Die gesundheitlichen Folgeschäden wären nicht zu verantworten.

Das ewige hin und her schien meinen inneren Widerstand zusehends zu brechen, ich fügte mich zusehends in mein Schicksal, legte mir einen Hausdealer zu. Zwischendurch flammte in mir allerdings immer wieder unverhofft der Lebenswille auf. Entgegen dem Rat der Ärzte setzte ich den Stoff mehrmals radikal ab. Gemessen am Methadon- oder Subutex-Entzug ist ein Heroinentzug ein Honigschlecken. Während Wochen lagen meine Nerven blank, fand ich keinen Schlaf. Ich ging durch die Hölle. Aber es waren auch Momente der Hoffnung, die ich trotz allem nie verloren hatte. Auch wenn sie immer wieder enttäuscht wurde.

Es gab ein Arzt, der mir allein mit seiner Engelsgeduld sehr viel geholfen hat und dem ich dafür ewig dankbar sein werde. Gleichwohl blieb auch gegenüber ihm stets ein Rest desselben Misstrauens, das ich gegen jegliche Helfer hege. Lag es denn wirklich in seinem Interesse, dass ich aufhörte? Und wieder war es eine Fehldiagnose, die mir letztendlich half, die Sucht zu überwinden. Ich ging bereits gegen das 50. Altersjahr zu, als mir mein Arzt eröffnete, ich müsste mich darauf einstellen, bis ans Ende meiner Tage auf Opiate angewiesen zu sein – wie ein Diabetiker, der halt in Gottes Namen sein tägliches Insulin braucht. In meinem Alter sei ein nachhaltiger Entzug kaum mehr möglich und wegen der Suizidgefahr zu gefährlich. Diese Aussicht weckte in mir jene ungeheure Lebenswut, wie einst die falsche AIDS-Diagnose.

Als erstes drohte ich meinem Hausdealer, ihn bei der Polizei zu verpfeifen, wenn er mir auch nur ein Milligramm Stoff geben würde. Das wirkte. Ich sah den Mann nie wieder. Auf der Gasse war Heroin dank der Repression mittlerweile nur noch mit grösster Mühe und in schlechter Qualität zu beschaffen. Auch das half. Doch ohne meinen unbändigen Lebens- und Liebesdrang hätte es nicht funktioniert. Über Monate baute ich die Dosis sukzessive ab. Bis ich eines Tages schlicht und einfach vergass, meine tägliche Ration Subutex einzunehmen. Der Albtraum, der Jahre gedauert hatte, klang so unverhofft aus, wie er begonnen hatte.“

• Alex Baur ist Redaktor bei der Weltwoche. Schon als Reporter bei der NZZ, bei der SonntagsZeitung und beim deutschen Wochenmagazin Stern befasste er sich immer wieder mit der Drogenproblematik. Der vorliegende Text baut auf mehrere lange Gespräche, die Baur mit einem Heroinsüchtigen aus Zürich geführt und mit dessen Einverständnis zu einem Ganzen zusammengefügt hat. Auf Bitte des Betroffen wurden alle Daten eliminiert, die einen Rückschluss auf seine Person zulassen.

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