Behinderte Probleme

Die BaZ hat ein lesenswertes Interview mit Niklas Baer, Leiter der Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation an der Psychiatrie Baselland, veröffentlicht. Anlass: OECD-Studie welche die psychischen Erkrankungen bei Erwerbstätigen untersucht.

Nun habe ich noch ein paar zusätzliche Bemerkungen und erzähle anhand einer Geschichte (die ich schon lange grob geschrieben hatte), wo auch der Wurm liegt.

Am 24. November 2011 fand im baz.cityforum eine Veranstaltung unter dem Motto: „6. IV-Revision: Anspruch und Wirklichkeit“ statt. Podiumsteilnehmer: Dr. med. Felix Eymann, Präsident Medizinische Gesellschaft Basel, Dr. med. Peter Kern, Facharzt für Psychiatrie, lic. Jur. Barbara Gutzwiller, Direktorin Arbeitgeberverband Basel, Olivier Grieder, Abt. Leiter IV-Stelle BL und Dr. phil. Niklas Baer. Moderiert wurde der Anlass von Roger Thiriet.

Als ich von dieser Veranstaltung las, rief ich Roger Thiriet an um mich zu erkundigen, wer von den Podiumsteilnehmern behindert sei. „Keiner“ entgegnete er, aber die Behinderten werden von Niklas Baer vertreten. Diese Antwort war für mich sehr irritierend und ich fragte nach, wie es sein könnte, dass eine solche Diskussion ohne tatsächlich Behinderte stattfindet und ob er keine Behinderten gefunden hätte, die am Podium mitdiskutieren wollten. Nein, entgegnete er spürbar genervt, er habe auch keine Behinderten gesucht, da er sie [die Behinderten] nicht dem öffentlichen Zuschaustellen aussetzen wolle. Das Telefongespräch verlief nicht mehr so freundlich, da ich ihm Diskriminierung vorwarf. Daraufhin rief ich Dr. Felix Eymann an und konfrontierte ihn auch mit der Tatsache. Er reagierte schon einsichtiger und sagte, das sei tatsächlich ein Fehler und wir vereinbarten, dass ich am Schluss der Podiums-Diskussion „meinen Senf“ dazugeben darf.

Die Podiumsdiskussion war bezeichnend für die strukturellen Probleme der IV und die menschliche Einstellung gegenüber Behinderten.

Von Anfang an waren sich alle einig, dass die 6-IV-Revision gescheitert ist bevor sie in Kraft tritt, da sie an der Realität vorbei geht. Ganz einfach.

Noch interessanter waren die Ausführungen von Psychiater Dr. P. Kern, der die ganze Zeit von Patienten und Arbeitgebern sprach. Auf meine ironische Bemerkung, er sei der neue Christoph Kolumbus, da er sicherlich als einziger Mensch ein Stelleninserat mit „Wir suchen einen Patienten“ entdeckt hat. Er zückte nur mit den Schultern und sagte verlegen lächelnd „erwischt“. Später, beim Apéro erzählte er, es sei ihm bis zu diesem Abend gar nicht bewusst gewesen, dass so eine Aussage falsch sei und bezeichnete seine Denkart als Berufskrankheit.

Was auch auffiel, es wurde viel über die bösen Arbeitgeber gewettert und die Direktorin des Arbeitgeberverbands , Barbara Gutzwiller, musste sich immer wieder rechtfertigen. Leider verkennen auch viele behinderte Menschen, dass nicht die Arbeitgeber das Problem sind, sondern die Politiker, die die gutgemeinten aber schlecht gemachten IV-Gesetze und –Revisionen zu verantworten haben.

Auch der Vertreter der IV BL, Olivier Grieder , sagte einen bemerkenswerten Satz, er habe oft Arbeitgeber, die ihn anrufen würden, sie hätten eine Stelle für einen Behinderten, er solle jemanden schicken.

Als ich am Schluss der Diskussion „meinen Senf“ dazugeben wollte, redete sich der Moderator, Roger Thiriet minutenlang heraus, wieso er keine Behinderten zum Podium eingeladen hätte. Er wiederholte, er wolle niemanden zur Schau stellen. Und wieder warf ich ihm Diskriminierung vor.

Das sind die Probleme…

Über die Betroffenen werden Studien gemacht und damit viel Geld verdient. Über ihr Schicksal reden und entscheiden Politiker, 1546295_349088448564758_1870270163_nmit der Sozialkompetenz einer Weinschnecke und der Weitsicht einer Eintagsfliege. Je nach Bedarf, ob ein Politiker sich als der Gute inszenieren will, verlangt er mehr soziale Gerechtigkeit oder als der knallharte „Macher“, der von Scheininvaliden labbert – die IV-Bezüger müssen herhalten. Die wahren Kostenverursacher, die gesamte Betreuungsindustrie, wird weder an den Pranger noch in Frage gestellt. Zu dieser Betreuungsindustrie gehören auch die viele nutzlosen Plätze in geschützten Werkstätten, die Baer anspricht. Solche hochsubventionierten „Arbeitsplätze“ schaden der freien Marktwirtschaft und den Betroffenen – nebenbei tragen sie nichts zur Inklusion bei – im Gegenteil. Die ganzen Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen und wie auch immer sie noch heissen, verursachen mehr Probleme als sie Lösungen bieten. Das liegt in der Natur der Sache, weil sie Geld nur mit Personen die sie betreuen können verdienen.

Die Tatsache ist, dass die IV strukturelle Problem hat: Zu viel Bürokratie, zu viele Formulare, zu viele Stellen, die (nicht/mit) entscheiden, zu lange Entscheidungswege. Das System ist träge, besonders für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Für solche Fälle ist Flexibilität das A und O, da der Verlauf kaum einzuschätzen ist. Hier schaden die langen und bürokratischen Entscheidungswege am meisten. Jedes Formular ist eins zu viel und jeder Tag, an dem der Betroffene nicht am Arbeitsplatz verbringt, einer zu viel.

Gegenwärtig zählen jedoch Formulare und fremde Meinungen statt Direktgespräche mit den Betroffenen. Die IV hat nicht zu wenig Einnahmen sondern zu viele Ausgaben. Viele dieser Ausgaben sind für die Betroffenen eher schädlich, wie z.B. X Gutachter, die sich über 5% mehr oder weniger Behinderung streiten. Auch die Arbeitsauslagerung an behinderte Organisationen ist ein Teil des Problems.

Über die Betroffenen wird entschieden, sie dürfen nicht mitentscheiden. Man müsste sich einmal die Situation, die IV-Leiter Grieder geschildert hat, vorstellen. Der Behinderte möchte arbeiten und der IV-Leiter schickt ihn zu einem Arbeitgeber, der einen Platz für irgend einen Behinderten hat. Können Sie sich vorstellen, wie wertlos und unmotiviert man sich als Betroffener fühlen muss?

Hauptproblem: An den Gesetzesvorlagen arbeiten behinderte Organisationen mit, aber keine behinderten Menschen.

Was für ein Bild von behinderten Menschen haben Leute, wie der doch bekannte Moderator und Medienmacher Roger Thiriet, wenn sie angeblich sehen, dass Integration sinnvoll sei, aber behinderten Menschen eine Teilnahme an einer Podiumsdiskussion nicht zutrauen? Meiner Meinung nach, sieht Thiriet behinderte Menschen, als Menschen zweiter Klasse (die er nicht zur Schau stellen möchte).

Baer erkennt noch ein Problem: Die jungen IV-Bezüger. Es ist eine Schande für die Gesellschaft, dass junge, gesunde Menschen von Psychiatern mit Absicht zu Invaliden und ihren Patienten gemacht werden, lebenslänglich. Psychiater behandeln ganz normale, pubertäre Probleme mit Psychopharmaka. Tatsache ist, wenn man einmal mit Psychopharmaka ins Gehirn/Persönlichkeit eingreift, wird es selten wieder gut. Immer mehr junge Menschen werden mit Antidepressiva behandelt, lebenslänglich. Aber so sichern sich Psychiater ihre Patienten.

Man wünschte sich die Zeit zurück, als man sich noch schämte zum Psychiater zu gehen.

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3 Gedanken zu “Behinderte Probleme

  1. Die Behinderten werden als Versuchskaninchen missbraucht, mehr als man denkt.

    (Geburtsgebrechen/cerebrale Bewegungsstörungen), durch die IV bezahlter Aerztepfusch in den Jugendjahren (Klumpfuss)/2006 Unfall, welcher sich als Folgeschaden obgenannter Kurpfuscherei herausstellte.

    Zum Röntgen, vor dem Apparat wird erklärt es werde nun etwas gespritzt, damit man die Hirnaktivität besser sehe. (Es ging aber um den Fuss). Nötigungsversuche, Drohungen etc., Verweigerung der Akteneinsicht usw.

    Dann zu sog. Konifäre/Psychotyp, welcher einem als Forschungsobjekt missbrauchen will.

    Dann Psychosozialer Dienst (Dubelitests)

    In der Folge MEDAS-Brinkmann-Diktatur/von den Ferien heimholen/Schikanieren ohne Ende, (Rentenverhinderer, sogar ohne CH-Arbeitsbewilligung)/Drohen mit Ausschaffung (einer CH-Bürgerin), Diskriminieren usw.

    Schlussfolgerung Teilrente wird nicht bezahlt, dafür ein Hinweis man könne ja über Gerichte schauen ob man zum Recht komme.

    So läuft es rund um die IV wohl nicht selten ab! Kostenverursachung auf dem Rücken Betroffener, zu Lasten jener und der Allgemeinheit.

    Schlussendlich weiss man nicht mehr an wen man sich wenden soll und fragt sich ob man nicht dem Leben ein Ende setzen soll !

    Nun ich habe es nicht getan, irgendetwas sagte mir: Du wirst noch gebraucht!

    Habe mich an Politiker gewendet, von med. Personal braucht man kaum Hilfe zu erwarten, die basteln aus körperlich Behinderten offenkundig heutzutage lieber psychisch Kranke um sie für Forschungszwecke zu missbrauchen, wie obiger Beitrag ja deutlich aufzeigt.

    Behinderte, Kranke, Betagte und derer Angehörigen haben ein Recht auf selbstbestimmtes Leben und benötigen politische Stimmen mehr denn je !

    Bea Habegger
    SVP-Behindertenvertreterin Stadt Bern

    http://www.svp-stadt-bern.ch/index.php?ConObj=1294&mediaID=2395

  2. Gute Beobachtungsgabe des Autors. Es ist als Behinderte oder Behinderter sicher nicht immer einfach – aber wer ja zum Leben sagt, wird damit fertig. Nicht immer gleich gut. Und eines ist sicher: sich zurückzuziehen und gegenüber der Welt nur frustriert zu reagieren ist kein guter Weg. Meine Schwiegermutter, die Kunstmalerin Barbara Racle (www.racle.org) , eine Frau die mehr Kunststoff in den Gelenken hatte als eigene Knochen wegen ihrer fortgeschrittenen Polyarthritis wohnte lange Zeit bei uns bis zu ihrem Tod und war trotz aller Schmerzen und Problemen immer ein Sonnenschein – auch für unsere damals noch kleinen Kinder.

  3. Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich lebe selber mit einer Behinderung und bin überzeugter Libertärer. Mir würde nie in den Sinn kommen, bei solchen Veranstaltungen mit von der Partie zu sein, denn diese Sozialindustrievertreter sehen, wie angetönt, nur ihre Felle oder – besser gesagt – Schäfchen „davonschwimmen“.

    Wie ich gerne auf Twitter schreibe – und dabei bei vielen anecke, die Behinderte immer noch als ihre Schützlinge betrachten -, ist der beste „Minderheiten“-Schutz, Katalysator und Motor der Selbstbestimmung die Anarchie. Mit Minderheit natürlich die jetzige, demokratische Klassifizierung und Einteilung von Mehrheit und Minderheiten meinend.

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