1200 Jahre Grössenwahn

david-dc3bcrrDavid Dürr

Dieser Tage wird europaweit der 1200-ste Todestag Karls des Grossen begangen. Wer war denn das eigentlich? Kennen Sie beispielsweise den Unterschied zwischen ihm und Adolf Hitler? – Den von Adolf veranstalteten Holocaust zu leugnen, ist strafbar, den von Karl nicht. Bei Karl ist es erlaubt, zu behaupten, der systematische Massenmord an den Sachsen inklusive Blutbad in Verden mit 4500 abgehackten Köpfen habe nie stattgefunden. Doch wie auch immer, die Ähnlichkeiten zwischen dem grossen Karl und dem grossen Adolf sind bemerkenswert.

So hatten beide die Vision eines gigantischen Reiches, das die ganze Welt umfassen und beherrschen sollte. Beide schafften dies auch, wenigstens im Umfang von Europa. Und beide gingen dafür über ziemlich viele Leichen. Karl kann man als den eigentlichen Erfinder eines solch paneuropäischen Grössenwahns bezeichnen. Zwar gab es bekanntlich schon früher das römische Reich, das bei seiner grössten Ausdehnung gar noch mehr als das heutige Europa umfasste. Im Gegensatz zum Reich Karls war es aber nicht ideologisches Projekt eines strategischen Grössenwahns, sondern erstaunlicher Erfolg eines ursprünglich kleinen Gemeinwesens, das sich ohne jede Planmässigkeit über viele Jahrhunderte in vielfältigen Szenarien und mit zahlreichen unterschiedlichen Führerfiguren ausbreitete und über ebenso lange Zeiträume wieder zerfiel. Ganz anders Karl der Grosse. Er nahm sich gezielt vor, ein Reich zu schaffen, das die ganze damalige Christenheit umfassen sollte. Das längst untergegangene römische Reich diente ihm als historisierende Kulisse, weshalb er sich in Rom zum Kaiser krönen liess. Hervorragende Politpropaganda, wie sie später auch im dritten Reich gepflegt wurde. Hitler soll sich nicht ungern mit Karl dem Grossen verglichen haben.

Zum Glück hielten die Reiche Karls und Adolfs nicht allzu lange. Beide brachen nach dem Tod des Tyrannen zusammen und liessen Europa wieder in seine Vielfalt von Ländern, Adelshäusern, Herzogtümern, Bistümern, Stadtrepubliken, später Nationalstaaten etc. zurückfinden. Dies entspricht viel mehr der europäischen Realität als ein darübergestülpter Monogigantismus. Paradiesisch war dieses vielfältige Europa natürlich auch nicht, immer wieder gab es Streit und gar Krieg. Was aber die Grossreiche angerichtet hatten, war allemal schlimmer.

Und doch schafft es das Virus der paneuropäischen Megalomanie immer wieder, sich unter wohlklingenden Vorwänden zurückzumelden und Applaus zu finden. Im Moment gerade mit Parolen wie „europäische Integration“ oder „europäische Sozial- und Umweltpolitik“ oder „Wer gegen den Euro ist, ist gegen Europa“. Entsprechend forsch tritt der Brüsseler EU-Adel auf: Die Finanzwirtschaft soll schon einmal unter die gesamteuropäischen Fittiche kommen. Direkte Steuereinnahmen der EU sind ebenfalls bereits ein Thema. Und sogar die vereinigten Staaten von Europa nach dem Vorbild des Macht- und Gewaltkolosses USA wird gar nicht mehr so selten postuliert.

Das Schweizerische Landesmuseum hat übrigens dem 1200-sten Todestag Karls des Grossen eine schöne Sonderausstellung gewidmet. Der Holocaust kommt darin nicht vor.

Advertisements

6 Gedanken zu “1200 Jahre Grössenwahn

  1. Pingback: David Dürr: Größenwahnsinniges Europa? | Journalistenwatch.com

  2. In den Geschichtsbüchern wird Karls Feldzug gegen die Awaren gerne als Strafexpedition gegen wilde Steppenreiter geschildert. Der Verlauf des Feldzuges und die archäologischen Funde bestätigen, dass die Awaren zu diesem Zeitpunkt längst zu Bauern und sesshaften Hirten geworden waren, die seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr geführt hatten; ihr Adel ähnelte in seiner Zerstrittenheit und Kurzsichtigkeit vielen europäischen Feudalherren. Das Verbrechen der Awaren war es, langobardische Flüchtlinge aufzunehmen und den Freiheitskampf der Bayern gegen Karl zu unterstützen. Hätte Karl sie in Ruhe gelassen oder ihnen einfach eine militärische Abreibung verpasst, wären sie zweifellos ein paar Generationen später zu „christlichen Europäern“ geworden. Stattdessen zerstörte Karl in imperialer Hybris das Awarenreich, ein Bollwerk gegen andere, noch wilde Steppenvölker.
    Jahrzehnte später nutzten die Ungarn, meine erlauchten Vorfahren, das durch den Fall des Awarenreiches entstandene Vakuum, setzten sich im Karpatenbecken fest und legten die karolingischen Teilreiche in Schutt und Asche. Aus dem Chaos gingen dann ausgerechnet die Sachsen und Bayern als Nutznießer hervor, schufen die Grundlagen für das Deutsche Reich und trugen dazu bei, eben aus den Ungarn „christliche Europäer“ zu machen…tja, wie das Leben so spielt!

  3. Karl den Großen und Adolf Hitler zu vergleichen, ist inkompetent und blöd. Beide haben weder mental noch hinsichtlich ihrer angeblichen Eroberungsziele überhaupt nichts gemein. Dann am Ende auch noch die pseudokommunistische Ideologie der United States of Europe geschichtlich in Zusammenhang mit beiden zu stellen, ist einfach nur der Gipfel historischer Unkenntnis.

  4. Karl den Grossen und den Kniebolo kann man nicht vergleichen. Ich sehe keine Ähnlichkeiten. Falls Karl der Grosse Kriegsverbrechen begangen hat, muss man dies leider im damaligen Zeitgeist sehen: Töten oder getötet werden. Seine Kriege waren keine geplanten Genozide.
    Bei Kniebolo war das anders. Durch die Verfolgung der Juden durch Christen im Namen der Kirche hat sich der Antisemitismus entwickelt, sozusagen die Kreuzigungskeule, bis heute a.D. 2014. Dies war die Basis für den nachfolgenden Rassenwahn der Nazis und der heutigen Juden- und Israelhasser. Der Genozid an den Armeniern durch die Türkei diente den Nazis als Probelauf und Rechtfertigung ihrer Absicht.
    Die Vernichtung der Juden durch die Nazis und ihrer willfährigen Helfer ist bereits im Buch „mein Kampf“ angekündigt. Es war ein geplanter Massenmord, industriell durchgeführt. Deshalb ist der Holocaust mit nichts vergleichbar und darf von geschichtsbewussten Politikern nicht für Eigenpolitik missbraucht werden.

    • Die Juden wurden nicht durch Christen verfolgt sondern beschützt. Namentlich von Kaiser und Bischöfen. Im Unterricht nicht aufgepasst? Ach ne, das kam im Unterricht gar nicht vor…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s