Lieber Herr Chodorkowski

David Dürr

Weil ich Ihre Adresse nicht kenne, Ihnen aber gern einen freundlichen Willkommensgruss zusenden möchte, benütze ich diese Kolumne und schreibe Ihnen meinen kurzen Brief halt offen. So können zwar alle BAZ-Leser mitlesen, doch muss uns das ja nicht stören.

Ich möchte Sie, lieber Herr Chodorkowski, ganz herzlich in der Schweiz willkommen heissen. Sie sind ein echter Gewinn für unser Land. Von mir aus dürfen Sie gern auch länger als bloss für drei Monate hier bleiben. Ihr Lebenslauf beeindruckt und überzeugt mich in jeder Hinsicht. Wäre ich nicht schon über 60, würde ich nicht ungern auf das umsatteln, was Sie in Ihren 50 Lebensjahren unternommen haben.

Ich meine natürlich nicht die letzten 10 Jahre, die Sie im sibirischen Arbeitslager verbracht haben. Das suche ich nicht wirklich. Aber ehrenvoll war es allemal, was Ihnen da passiert ist. Denn Sie haben es gewagt, diesem jämmerlichen Despoten bei Ihnen vor laufender Kamera zu sagen, auf welch gigantischer Korruptionsmaschinerie er thront. Da haben Sie grossen Mut gezeigt. Wahrscheinlich braucht es am meisten Mut, etwas zu sagen, von dem alle zwar genau wissen, dass es so ist, aber so tun, wie wenn es ganz anders wäre. Solch feiges Verschweigen scheint im Umfeld grosser Machtkonzentrationen nicht atypisch zu sein, sei es bei des Kaisers neuen Kleidern, sei es bei Putins demokratischer Fassade.

Die Rache haben Sie postwendend zu spüren bekommen. Der Vorwurf des Steuerbetrugs liess nicht lange auf sich warten. Der kommt immer, wenn einem solchen Tyrannen in seiner Unterwerfungsstrategie nichts anderes einfällt. Was ist denn das überhaupt, Steuerbetrug? Wer betrügt da eigentlich wen? Etwa der Steuerpflichtige den Tyrannen? Ich wüsste nicht weshalb. Ist es denn Betrug, sich gegen ein derart arrogantes Raubrittertum von oben zu wehren? Das sah der Kreml natürlich anders. Und trotzdem haben Sie es geschafft, Ihr Vermögen vor seinem Zugriff in Sicherheit zu bringen. Alle Achtung!

Grossartig finde ich auch, wie Sie es zu Ihrem Milliardenvermögen gebracht haben. Ich meine nicht die einzelnen Transaktionsschritte, die ich ja nicht näher kenne. Ich meine vor allem, wie Sie mit grosser Energie, unternehmerischem Engagement und raffinierter Professionalität dabei waren, als es um die Privatisierung der nachsowjetischen Staatswirtschaft ging. Bei dieser edelsten aller zivilgesellschaftlichen Aufgaben, bei der Privatisierung staatlicher Bereiche, haben Sie an vorderster Front mitgewirkt. Und dank Ihres Privatisierungsgeschicks wurden Sie ja dann neidvoll ein „Oligarch“ gescholten. Aus meiner Sicht ein Ehrentitel, zu dem ich Sie nur beglückwünschen kann. Denn wer, wenn nicht starke Oligarchen, vermag einem Despoten wie Putin auch nur halbwegs die Stirn zu bieten?

Nun gönnen Sie sich bei uns in der Schweiz Ihre verdiente Erholung! Hier gibt es all die unschönen Dinge nicht, gegen die Sie so lange gekämpft haben. Keine demokratische Fassade, keine Verfahren wegen angeblichen Steuerbetrugs, keine staatsnahen Wirtschaftsbetriebe, keinen Neid auf reiche Leute, keine zentrale Staatsmacht. Nichts dergleichen.

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4 Gedanken zu “Lieber Herr Chodorkowski

  1. Ach, Herr Dürr, was Ihre letzten Sätze anbelangt, bin ich mir so sicher nicht. „keinen Neid auf reiche Leute, keine zentrale Staatsmacht“. An letzterem nämlich arbeitet die Schweizer Regierung mit aller Kraft. Sie will das Volk entmachten…

  2. Ist diese realitätsferne Lobhudelei ernst gemeint oder Ironie?
    Chodorkowski hat rein gar nichts geleistet, sondern ist einer von vielen zwielichtigen Unternehmern des postsowjetischen Raums.
    Dafür muss man ihn zwar keine ganze Dekande wegsperren, aber ihn in den Rang einer besonderen Persönlichkeit zu erheben, wirk schon lächerlich!

    • An Franzerl und andere Kritiker:

      Hier ist das, was ich selber über die Jahre mitbekommen habe (hauptsächlich in Russland – ich arbeite seit 1999 mit Russischen Firmen und war sehr oft in den Ländern der ehemaligen UdSSR):

      1) Chodorkovsky wurde schon under der UdSSR, als sehr junger Mann, relativ reich, auf dem geduledeten Schwarzmarkt.

      2) Daraus ergab sich dann, dass er einen grossen Teil an Yukos kaufen konnte, weil das Volk nicht an Ausländer verkaufen wollte (die aber kräftig hätten zahlen können) und sehr wenige Russen die Mittel hatten, um zu bieten. Das war eine nationalistische, eigentlich schlechte, Lösung, aber etwas anderes hatte nun mal keine Chance. Die Leute wollten lieber ihre eigenen Oligarchen als Fremde Investoren.

      3) Ich habe nie gehört, dass er sich irgendetwas mit Gewalt angeeignet hätte, aber er musste sich garantiert mit Gewalt verteidigen

      4) Er hat dann enormes geleistet, indem er die Firma Yukos so effizient führte, dass er sie innert wenigen Jahren auf westliche Standards gebracht hatte. Er wollte sie dann auf internationalen Kapitalmärkten einführen, was der Mafia (im Staat und „privat“) misfiel, weil sie sich dann nicht mehr wie zuvor hätten bedienen können

      5) Dazu kam, dass er sich für liberale Ideen einsetzte und offen gegen Putin antreten wollte. Das wurde nicht gedultet, also wurde er enteignet. Dem Volk versprach man, dass es nun „endlich etwas vom Erdöl Profit sehen werde“.

      6) Tatsächlich hat sich dann prompt 70% des Reingewinns von Yukos in Luft aufgelöst, im Verleich zu dem, was Chodorkovsky erarbeitet hatte…

      Also Chodorkovsky kann meiner Ansicht nach als echter Unternehmer gesehen werden, der sich in einem extrem harten Umfeld durchsetzen musste.

      Er war ganz sicher eine Kraft für den Fortschritt in Russland, deshalb haben ihn die retrograden Kräfte auf Eis gelegt.

  3. Bravo, ich schliesse mich Ihrem Gruss voll und ganz an, Herr Dürr!

    Ich hatte dieselbe Absicht, bin aber froh, dass Sie mir zuvorgekommen sind mit Ihrem öffentlichen Brief.

    Herr Chodorkovski,

    Auch von mir, herzlichen Glückwunsch, dass Sie dem Gulag endlich entkommen sind.

    Sie sind in der Schweiz voll und ganz willkommen.

    Wir liberalen freuen uns, Sie bei uns zu wissen.

    Stefan Metzeler
    St-Sulpice

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