Wer hat Angst vor Anarchie?

david-dc3bcrrDavid Dürr

Ob ich eigentlich Anarchist sei, werde ich immer wieder mit einem Unterton von gruselnder Neugierde gefragt. Was ich in diesen Kolumnen da so schreibe, töne ja echt anarchistisch. Und Anarchisten seien doch böse Bombenleger. Ich beruhige dann jeweils und sage, dass ich zwar Anarchist sei, dies aber mit Bombenlegen nichts zu tun habe. Es mag ja sein, dass es im 19. Jahrhundert einige Bombenattentate verzweifelter Anarchisten gab, doch war dies völlig atypisch. Viel typischer war und ist Bombenlegen für staatliche Aggression, wenn man an die gigantischen Bombenteppiche denkt, die staatliche Streitkräfte im 20. Jahrhundert gelegt haben.

Doch was ist ein Anarchist denn sonst, ausser einem zu Friedfertigkeit neigenden Zeitgenossen? Der griechische Wortstamm „Arch-“ umschreibt den Ersten, den Obersten, den Einzigen. Das verneinende „An-Archie“ heisst also, dass es bei dieser Gesellschaftsform keinen solch Ersten, Obersten oder Einzigen gibt, also auch keine in letzter Instanz für die Ordnung der Gesellschaft zuständige Stelle, weder ein König noch eine Kirche noch ein sonstiger Guru, auch nicht wenn er sich einen so wohl klingenden Namen wie zum Beispiel „Staat“ zulegt. Ordnung ja, geregelte Rechtsstrukturen ja, aber ohne oberstes Herrschaftsmonopol.

Dass anarchistische Ideen und auch der Begriff „Anarchie“ im Europa des 19. Jahrhunderts auftauchten, ist angesichts der damaligen politischen Umwälzungen kein Zufall: Den „mono-archistischen“ französischen König hatte man kurz zuvor geköpft und wusste nun nicht genau, was nach ihm kommen sollte, ein Bürgerkönig, das Volk oder was? Der deutsche Kaiser sass auch nicht mehr so fest im Sattel, versuchte sich aber mit Sozial- und Kriegsablenkungen an der Macht zu halten. In Italiens Strassen sang man bereits Verdis Gefangenenchor als neue Nationalhymne, doch erhoffte man sich als nationalen Befreier nur wieder einen König. In diesem Hin und Her zwischen Aufhebung und Wiederherstellung des Bisherigen war es ja nur folgerichtig, nach einer nun wirklich anders gestrickten Gesellschaftsform zu suchen. Sie sollte nicht schon wieder einen Obersten, Ersten und Einzigen an ihrer Spitze haben, der womöglich im gleichen Palast residierte wie sein Vorgänger aus dem Ancien Régime. Sie sollt ohne Archie auskommen, An-Archie eben.

Die Idee war gut und vor allem auch konsequent angesichts der schlechten Erfahrungen mit dem monopolistischen Ancien Régime. Durchgesetzt hat sie sich leider bis heute nicht. Aber nicht weil sie versagt hätte, sondern weil die Monopolträger sich dagegen zu wehren wussten. Diese nannten sich zwar nicht mehr „Monarchen“, jedenfalls nicht mehr nach 1918, sondern „Republiken“ oder dann gern auch wieder „Reich“. Aber Monopol-Archien waren sie nach wie vor und ihr Ausweis ist nicht eben rühmlich: Sie haben einige Weltkriege produziert, apokalyptische Massenvernichtungen, perfektionierte Bespitzelungssysteme und desaströse Wirtschaftskrisen. Und sie sind noch immer wacker am Werk.

Vielleicht wäre es gar nicht so dumm, sich gelegentlich einem Nouveau Régime zuzuwenden, einem Regime ohne Archie.

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2 Gedanken zu “Wer hat Angst vor Anarchie?

  1. Ganz hervorragender Artikel! Ich kann nur in vollem Umfang zustimmen. Was der Kommentator Müller äussert, ist zumindest abstrus und zeigt fehlende Kenntnis von Herkunft und Natur des Staates und dessen Verantwortung für die „Fehlleistungen der Privatwirtschaft“. Etwas mehr Kenntnis von Zusammenhängen wäre hier hilfreich. Ich hoffe, Herr Dürr lässt sich von solchen „Kommentaren“ nicht aus dem Konzept bringen.

  2. David Dürr – Oberst und ehemaliger Präsident eines Divisionsgerichts der Schweizer Armee, Senior-Chef einer grossen Anwaltskanzlei und Titularprofessor für Rechtsphilosophie und Privatrecht an der Universität Zürich – wirkt als Anarchist einfach nicht so glaubwürdig. Als Anwalt ist er vom Saat, den er (theoretisch) bekämpft, zwar relativ unabhängig. Aber als Universitätsangehöriger und (ehemaliger) hoher Offizier ist er zumindest staatsnahe. Wir wollen beileibe nicht behaupten, dass der Staat und seine Repräsentaten keine Fehler gemacht haben (und immer noch machen). Aber: Die Fehlleistungen,welche die Privatwirtschaft (samt ihren gut verdienenden Anwälten) in den letzten Jahrzehnten produziert haben, sind auch nicht ohne!

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