„Ich bin ein Zigeuner. Kein Sinti. Kein Roma. Ein Zigeuner!“

Kürzlich fand ich in meiner Facebook-PN-Box eine Nachricht von Meho*, der fragte wie es mir und der Familie ginge… ich solle sie grüssen… und „bald darf ich meine eigenen Kinder nicht mehr Zigeuner nennen. Wie soll ich sie sonst nennen, ausser Zigeuner? “ und „Was die Osmanen nicht erreichten, könnte dem Westen gelingen.“ Weitere Nachrichten und zwei längere Telefonate vertieften die Diskussion.

Vor über 30 Jahren wanderte Meho von Montenegro in die Schweiz ein. Ein ferner Cousin nahm ihn „spontan“ mit und versprach ihm Arbeit in der Schweiz, dort wo er früher gearbeitet habe. Hoffnung „dass Gott und gute Menschen helfen werden“, eine durchsichtige Plastiktüte mit ein paar abgetragenen Kleidern und das Essen für zwei Reisetage, mehr hatte er nicht dabei. In der Schweiz angekommen stellte ihn sein Cousin -bevor er weiterreiste – seinem Chef vor und sagte ihm, er solle das machen was der Chef sage und das werde schon gut. Der „alte Chef“ wie ihn Meho heute noch aus Respekt nennt, war ein Bauunternehmer in einem kleinen Dorf in Solothurn. Am Anfang durfte er bei der Familie wohnen – und im Alter von fast 25 Jahren hatte er das erste Mal ein Zimmer nur für sich allein. Deutsch konnte er nicht. Am nächsten Tag nahm ihn der „alte Chef“ auf die Baustelle mit, auf der ihm andere Arbeiter die serbo-kroatisch sprachen Anweisungen gaben – vor allem beobachtete er, wie die „erfahrenen“ Mitarbeiter arbeiteten und machte es ihnen nach. Da Meho weder Berufserfahrung noch Ausbildung hatte, Learning by Doing nennt man das heute. Seine Schulbildung beschränkt sich auf vier Jahre Grundschule, gerade genug um nicht als Analphabet zu gelten. Zwei Wochen später bekam er seinen ersten „guten Lohn bar auf die Hand“. So fing sein Arbeitsleben in der Schweiz an. Um seine Arbeits- und Aufenthaltspapiere kümmerte sich der Chef, er musste nur ab und zu Papiere unterschreiben. So arbeitete er einige Jahre als Saisonarbeiter (9 Monate Arbeit in der Schweiz, 3 Monate Urlaub in Montenegro) bis er danach eine Aufenthaltsbewilligung bekam. Auch um diese kümmerte sich der „alte Chef“. Danach zog seine Frau mit drei Kindern nach, das vierte Kind kam in der Schweiz zur Welt. Seit 15 Jahren ist er nun als einfacher Arbeiter bei der SBB-Cargo angestellt, die Arbeit gefällt ihm. Er erzählt laut, dass er nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sei, nie arbeitslos war und seine Steuern immer pünktlich zahle. Die Steuern bezahle er gerne, weil der Staat immer gut zu ihm gewesen sei. Die vier Kinder seien auch „gut geraten“, alle hätten eine Lehre gemacht, drei seien schon verheiratet und alle wären gesund. Stolz wie Oscar ist er auf seinen Schweizer-Pass, den er als Belohnung vom Schweizer Staat für sein vorbildhaftes Leben sieht.

Nun ist Meho über „den Westen“ verärgert und ratlos. Der Westen wolle ihm seine Identität „wegnehmen“. Anlass sei die Antidiskriminierungs- und Zigeunerdebatte, die gegenwärtig stattfinde. Er verstehe die Debatte nicht und es sei ihm schleierhaft wieso der Ausdruck „Zigeuner„ diskriminierend sein soll. Meho bezeichnet sich als „echter Zigeuner“, seine Urahnen waren Zigeuner und dass wolle auch er bleiben. Er wünsche sich, dass auch seine Nachfahren wissen, dass sie Zigeuner seien. Er wolle weder Roma noch Sinti sein und wäre beleidigt, wenn man ihn so bezeichnen würde.

Was Meho ausspricht, spricht er im Name seiner ganzen Familie, die „im Westen“ wohnt. Zu ihr gehören hunderte in Deutschland, Frankreich, Schweiz, Österreich und Italien eingewanderte Verwandte, eingeheiratete Familien seiner Frau, seiner Kinder, seiner Cousins, ein Milchbruder und drei Milchschwestern mit ihren Familien und, und, und. Von aussen nachzuvollziehen, wer mit wem und warum verwandt ist, unmöglich. Muss man auch nicht.

So wie Meho und seine Familie leben hunderttausende Zigeuner in westlichen Ländern. Sie haben verschiedene Staatsangehörigkeiten angenommen und ihr öffentliches Verhalten angepasst, leben aber ihre eigenen Traditionen** im privaten Umfeld weiter. Eine Parallelgesellschaft im positiven Sinn, die nichts aber auch absolut nichts mit den Problemzigeunern welche uns die Medien täglich präsentieren gemeinsam haben. Sie bereiten uns keine Sorgen und über sie wird auch nicht berichtet.

Dass der Begriff „Zigeuner“ im Westen schon immer negativ geprägt war, habe ihn nie gestört und es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, eine öffentliche Debatte darüber zu fordern, bis jetzt. Nun habe er erfahren, dass „der Westen“ die Bezeichnung „Zigeuner“ durch „Sinti“ und „Roma“ ersetzen wolle. Er empfindet das als Angriff auf seine Identität.

Er vergleicht das Ersetzen der Bezeichnung „Zigeuner“ mit der Zwangsislamisierung durch das osmanische Reich auf dem Balkan. Der Unterschied sei nur, dass dieses Mal kein Blutvergiessen stattfinden würde, das Ganze geschehe hinterlistig durch Paragrafen. Er nennt das Beispiel von Muslimen aus Montenegro [Balkan], die nicht aus Überzeugung sondern aus Angst Muslime wurden. Sie erhielten ihre Identität nie zurück. Sie sind heute noch weder orthodoxe Serben noch echte Muslime.

Meho ist verwirrt und fragt sich, warum das und wieso jetzt? Man habe ihm erzählt, Europa werde mit der EU-Gründung toleranter, nun erlebe er das Gegenteil: „Ich, der Zigeuner, werde diskriminiert und muss um meine Identität kämpfen. Ich will niemanden daranimage hindern sich Sinti oder Roma zu nennen, der Westen soll mein Zigeunersein wie bis jetzt respektieren. Ich möchte meinen Enkeln die Familiengeschichte, als unsere Vorfahren mit den besten Pferden weit und breit durchs Land zogen, erzählen. Vom freien Leben unter Cerga (Zigeunerzelt), als die ganze Familie noch glücklich zusammenlebte.“

Er wünsche sich, dass seine Enkel die Zigeunertraditionen stolz weiterführen. Auch in Zukunft sollen sich seine Nachfahren gegenseitig „Zigeuner“ nennen dürfen, ohne dabei gegen das Gesetz verstossen zu müssen – das sei ihm wichtig. Das ist wirklich nicht zu viel verlangt!

*Name geändert

**Über die einzigartigen Zigeunertraditionen schreibe ich ein anderes Mal

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7 Gedanken zu “„Ich bin ein Zigeuner. Kein Sinti. Kein Roma. Ein Zigeuner!“

  1. Ich finde es super toll geschrieben! und auch toll das er stoltz ist auf seine Herkunft!und das auch das Sie sich wehren für ihre Rechte und Meinung! Und es freut mich sehr das es Ihnen und der ganzen Familie in meinem Heimat Land gefällt und wünsche ihnen alles gute weiter hin.
    Mit freundlichen Grüssen
    Frau O.Ovali

  2. Durch diesen Bericht (der meines Erachtens aus der Nase gezogen ist) wird nur eins beabsichtigt, nämlich, dass wieder Feuer geschürt wird zwischen Sinti und Roma und den möchte-gern Zigeunern und den Gadje!
    im Übrigen weiß ein echter Rom, dass Sinti und Roma die Mehrzahl ist!

    • Lesen Sie den Text noch ein Mal. Er ist ein einfacher Mann, der es nicht versteht, wieso „Zigeuner“ diskriminierend sein soll. Er versteht die Diskussion nicht, er nennt sich Zigeuner und ist stolz drauf. Nicht mehr und nicht weniger. Ich weiss nicht, was Sie geraucht haben um aus d. o. g. Text eine Verschwörung zu hal­lu­zi­nie­ren. Die Fähigkeit, anhand von Grammatik echte von unechten „Rom(a)“ zu unterscheiden, könnten Sie sich patentieren lassen.
      Nebenbei gesagt, sind Zigeuner friedliche Menschen.

  3. Hallo Meho wollte zunächst sagen das ich grossen Respekt vor solchen Männern habe wie du einer bist“wir Sinti in Wien sagen dazu ein „tschaschu Mursch “ wir sind schon in der vierten Generation hier und sind voll integriert aber leider sind die „Zigeuner“ aus den Balkan Ländern nicht So ..darum ist es uns sehr wichtig das wir von diesen Zigeunern getrennt werden. Wir haben unsere eigene Gesetze und Gebrauche wie die meisten Roma..aber natürlich hast du recht mit den was du sagst doch sollte man ehrlich bleiben mit Roma die ihre Tochter Verkaufen oder Anschaffen schicken möchten wir Sinti nicht genannt werden. Darum wären wir Sinti in Österreich für die Trennung.. ich hoffe ich habe keinen Zigeuner mit meinen Worten beleidigt den das war nicht mein beweggrund wunsche allen ein gutes leben..

    • Ihr alle sind geboren oder als Klein in die West Europa Eingereist. Ich habe Informationen das wir in Europa ( seit 1997) etwa 15.000.000 sind. In Neue Zeland sind wir etwa 20.000( ende der welt) Unssere Sprache ist ESYPERANTO. Das heist überal in der ganze weld können wir uns verstehen. Das kann nur unssere Sprache ( Zigenuer) Ich war in Süd Amerika( Rio und Sant Paulo ) Ich habe unssere leute gefunden, dan in Ägypten war ich alle jahren 5 Monaten ( kleich schrache). Welche Sprache

  4. ZIGEUNER ist eine Verallgemeinerung….und sagt nichts über die Herkunft der Völkergruppe aus . Deswegen nennen sich SINTIS selber Sinto/Sinteza und ROMAS nennen sich ZIGAN ODER ROMS. Und zu dem kommt noch das, wenn Menschen über ZIGEUNER sprechen sie auch nicht wissen welche gerade gemeint sind . Den ROMAS stammen hauptsächlich aus den osteuropäischen Raum und SINTIS überwiegend aus dem westlichen Europa ( zum Großteil aus Deutschland ) SINTIS UND ROMAS haben ausser ihrem Ursprung vor über 1000 Jahren in Indien NICHTS gemeinsam. Sie haben unterschiedliche Sprachen, Bräuche und auch die Kulturellen unterschiede sind sehr groß. Als letztes möchte ich noch erwähnen das der Begriff ZIGEUNER aus zwei Wortteilen besteht, nämlich ZIEH und GAUNER !!!
    Ich glaube kaum das jemand es mag als Gauner bezeichnet zu werden……

    Eine SINTEZA

  5. Der politische Korrektheitswahn bringt noch alle um den Verstand. Die Bücher der Zukunft werden nicht mehr lesenswert sein, Fantasie wird nicht mehr gefragt sein und die Vorstellungskraft wird zum Opfer des Korrekten. „Es ist, wie es ist,“ wird da noch zu lesen sein……

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