Eine ganz gewöhnliche Firma

david-dc3bcrrDavid Dürr

Sicher haben Sie in den letzten Tagen gehört von dieser grossen amerikanischen Firma, die zurzeit gerade negative Finanzschlagzeilen macht. Obwohl sie schon massiv überschuldet ist und jährlich gewaltige Verluste schreibt, will der Verwaltungsrat die Schulden von immerhin 16 Billionen $ um mindestens eine weitere Billion $ anheben. Die Delegiertenversammlung der Aktionäre hält dem entgegen, es müsse zuerst ein realistischer Sanierungsplan vorgelegt werden. Dem wiederum entgegnet der Verwaltungsrats-Präsident trotzig, er wolle zuerst und bedingungslos eine weitere Billion und erst dann sei er bereit, über eine Sanierung zu verhandeln – und all dies vor laufenden Kameras unter Anteilnahme einer breiten Öffentlichkeit bis weit über die USA hinaus.

Doch warum ein solch riesiges, geradezu globales Interesse? Es haben doch auch schon andere Firmen Schwierigkeiten gehabt, und es sind auch schon sehr grosse Firmen Konkurs gegangen. Das ist zwar jeweils schmerzhaft, aber wirtschaftlich folgerichtig und moralisch auch durchaus gerechtfertigt: Auf Kosten anderer zu leben, kann und darf sich nicht lohnen.

Es geht eben um eine sehr spezielle Firma. Oder genauer: Sie gab immer vor, eine spezielle Firma zu sein, die irgendwie über allen anderen Firmen schwebt. Und eben dies hat sich nun als unzutreffend herausgestellt. Es hat sich gezeigt, dass sie den ökonomischen Naturgesetzen letztendlich genau gleich untersteht wie alle gewöhnlichen Firmen auch. Während Jahrzehnten hat sie sich um bewährte Rechnungslegungsvorschriften foutiert, ihre Überschuldung ungehemmt anschwellen lassen und nicht im Traum daran gedacht, die Finanzen ins Lot zu bringen, geschweige denn ihre Bilanz zu deponieren.

Dass dies alles erst so spät aufgeflogen ist, hat verschiedene Gründe: Zuvorderst ein hervorragendes Marketing, mit dem die Firma den Leuten mit spektakulären Politshows vorgegaukelt hat, sie sei nicht einfach ein breit diversifizierter Dienstleistungskonzern für Ausbildung, Konfliktlösung, Sicherheit, Vorsorge, Infrastruktur etc., sondern so etwas wie eine Verkörperung des ganzen Landes. Damit verbunden war auch eine gewisse Forschheit im Marktauftritt, indem sie beispielsweise für ihre Sicherheitsabteilung FBI ein veritables Monopol beanspruchte. Schliesslich wurde auch vor brutaler Gewalt nicht zurückgeschreckt, und dies im In- wie im Ausland. Das ist alles nicht nur illegitim, sondern auch extrem kostspielig. Dass die Firma dieses Problem zunächst mit einem regelrechten weltweiten Steuerterror zu beheben versuchte und dies auch heute noch tut, passt zu ihrem Gehabe. Doch scheint dies alles nun am Ende zu sein. Spät zwar, aber besser als nie.

Und sollte nun trotz allem die Delegiertenversammlung der Aktionäre dem Drängen des Präsidenten nachgeben, vielleicht bis zum Erscheinen dieser Kolumne schon nachgegeben haben, so wird wenigsten keiner so dumm sein, von den ausgegebenen Schuldscheinen welche zu zeichnen. Denn der Konkurs wird kommen, wenn nicht jetzt, dann etwas später. Das ist so sicher wie das „Help me God“ am Schluss des Amtseids des amerikanischen Präsidenten.

Ein Gedanke zu “Eine ganz gewöhnliche Firma

  1. Die Irrelevanz der Moral

    „Die größte Tragödie in der Geschichte der Menschheit ist wohl die, dass die Moral von der Religion mit Beschlag belegt wurde.“

    Arthur C. Clarke

    Eine Moral beschränkt den Frieden auf eine dörfliche Urgemeinschaft von bis zu 150 menschlichen Individuen, die sich alle noch gegenseitig kennen. Wird die Gemeinschaft größer, sofern die natürlichen Ressourcen in der Umgebung das erlauben, fällt die Gemeinschaft in zwei benachbarte Gruppen auseinander, weil das menschliche Gehirn nicht mehr als die komplexen sozialen Verhaltensmuster von 150 Mitmenschen verarbeiten kann. Auf dieser Basis des Urkommunismus lebte der Homo sapiens über einen Zeitraum von etwa 150.000 Jahren, während die Arbeitsteilung – und damit auch die kulturelle Entwicklung – auf jeweils 150 Menschen beschränkt blieb.

    Erst in den letzten Jahrtausenden kam es zu einer nennenswerten Kulturentwicklung, nachdem der Mensch gelernt hatte, sich andere Menschen oder Menschengruppen untertan zu machen. Dabei ist es allein eine Frage der Sichtweise, ob der Kulturmensch die Götter oder die Götter den Kulturmenschen erschufen, so wie es allein eine Frage der Sichtweise ist, ob der Homo sapiens die Werkzeuge oder die Werkzeuge den Homo sapiens erfanden. Beides bedingte sich gegenseitig, um eine halbwegs und zeitweilig funktionierende Arbeitsteilung nicht nur zwischen 150, sondern zwischen vielen tausend, vielen Millionen, einigen Milliarden Menschen aufzubauen. Begreiflicherweise wird das Zusammenleben dann nicht mehr von einer „Moral“, sondern von den Regeln einer makroökonomischen Grundordnung, auf die sich alle einigen müssen, bestimmt.

    Es waren kulturelle Zwischenschritte erforderlich, in denen der Kulturmensch durch einen Glauben an die Götter jeweils „wahnsinnig genug“ für eine noch fehlerhafte Arbeitsteilung gemacht wurde. Diese Zwischenschritte waren die zentralistische Planwirtschaft noch ohne liquides Geld (Ursozialismus bzw. Staatskapitalismus, z. B. vorantikes Ägypten) und dann die kapitalistische Marktwirtschaft (Zinsgeld-Ökonomie), in der sich die halbwegs zivilisierte Menschheit bis heute aufhält.

    Der bis heute andauernde Eingottglaube befreite den Kulturmenschen aus der unbewussten Sklaverei des Ursozialismus (Vielgottglaube), ließ aber dem „Normalbürger“ wiederum die systemische Ungerechtigkeit der Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz, sowohl innerhalb der Nationalstaaten als auch zwischen den Staaten, gar nicht oder zumindest nicht als Ungerechtigkeit erkennen, sodass der Kulturmensch zwar halbwegs selbständig, aber auch zu einem selbstsüchtigen Raubtier wurde, das sich seine Freiheit auf Kosten anderer erbeutet.

    Damit wurde der Krieg zum Vater aller Dinge – was er aber nur solange sein konnte, wie es noch keine Atomwaffen gab!

    Glaube Aberglaube Unglaube

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