Vater war Nazi, Tochter restaurierte Synagogen

Noch gefährlicher als schlechte Herrscher sind ihre treuen, loyalen Diener. Die, die nur machen was ihnen befohlen wird und nichts hinterfragen. Die, die in einem Monster wie es Hitler war, nur einen harmlosen Menschen oder Tierliebhaber sahen. Um Täter zu sein, reicht auch Wegschauen, Schweigen, das Politische von Privatem trennen. Ein Beispiel dafür war Adolf Eichmann, der Schreibtischtäter schlechthin.

Auch so ein Exemplar, Rochus Misch. Hitlers Telefonist, Kurier und war der letzte lebender Zeuge im Bunker des Führers. Fürimage mich unverständlich, wieso er nie auf der Anklagebank sass. Er war auch ein Täter, einer der schlimmsten Sorte: einer der wegschaute. Spätestens 1939, als er in Polen das erste Mal KZ-Häftlinge sah, spätestens dann hätte er es wissen können, wissen müssen.

Für ein solches Verhalten gibt es keine Entschuldigung. Keine Rechtfertigung. Kein Verständnis. Nur Dank den loyalen Dienern, wie Misch einer war, konnte eine kranke Witzfigur namens Adolf Hitler, die halbe Welt ins Unglück stürzten und unermessliches Leid verursachen.  Adolf Hitler besass weder intellektuelles Vermögen, noch Können, Wissen oder Bildung.  Grössenwahn gespickt mit zusammengereimten Ideologien machten Hitlers Dasein aus. Zu wenig für eine Machtergreifung. Aber er hatte seine treuen, loyalen Diener. Sie schauten weg, machten nur ihre Arbeit… Wie die Geschichte ausging wissen wir alle.

P. S. Symptomatisch auch, dass ausgerechnet Misch’s Tochter, eine Architektin, Synagogen restaurierte.

NZZ am Sonntag vom  15.09.2013

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Ein Gedanke zu “Vater war Nazi, Tochter restaurierte Synagogen

  1. „Für Misch, der Hitler nur als Privatmann erlebte – eine gespenstische Variante der „Banalität des Bösen“ -, galt das Gebot unbedingter Loyalität.“
    http://www.rochus-misch.de/der-letzte-zeuge/index.php/klappentext.html

    Wer sich mit Hannah Arendt und ihrer kritischen Einstellungen gegenüber Tätern auseinandergesetzt hat, kann diesen Klappentext nur als Zynismus empfinden. Hannah Arendt definiert als „Banalität des Bösen“ den Selbstschutzmechanismus von Tätern, ihre Taten soweit banalisieren, i.S.v. verharmlosen, dass sie dem eigenen, kritischen Beurteilungsprozess entzogen werden. Das klassische Beispiel war Eichmann, der sich noch vor Gericht als rein ausführendes Organ sah, den keine eigene Schuld traf.
    Nur so ist es zu verstehen, was Misch in der Einleitung zu seinem Buch schreibt. Er hat für sich die Rolle des manipulierten Opfers seiner Zeit gewählt, in perfekter Verdrängung, dass gerade er, der sich immer in unmittelbarer Nähe Hitlers befand, viel mehr gewusst hat, als er bereit ist, zuzugeben. Liest man andere Aussagen von ihm, so muss er sich diese Nähe entweder erträumt haben (das würde seine Ignoranz des realen Geschehens erklären) oder er hat, um die Nähe zu seinem geliebten „Chef“ und dessen Schergen nicht zu verlieren, bereits damals sein Wissen banalisiert. Der Verdacht liegt nahe. Immerhin sonnt er sich, wie im nachfolgenden Auszug zu lesen ist, in der Aura, die seine Hitler-nahe Position mit sich brachte.

    „Was also kann ich berichten? Nach meiner Erfahrung der letzten Jahre geht es gerade den jungen Leuten, die mich befragen, gar nicht darum, nochmals längst bekannte Fakten bestätigt zu sehen oder etwas über Hitler „als Mensch“ zu erfahren. Wie gelangte man hinein in das engste Umfeld Hitlers? Wie wurde man sein Bunkertelefonist? Auf welche Weise spielte sich in der Machtzentrale Hitler-Deutschlands der Alltag für Leute wie mich ab? Mit welchen Gefühlen nahm man Kriegsverlauf und Untergang aus meiner Position wahr? Dies sind die Fragen vieler junger Menschen. Ich versuche sie in diesem Buch zu beantworten. […]
    Ich erzähle meine Geschichte den jungen Leuten auch, damit sie es nicht versäumen, rechtzeitig die richtigen Fragen zu stellen. Und um dem auf die Spur zu kommen, warum das damals mir und so vielen anderen nicht gelang, berichte ich von den Dingen möglichst so, wie ich sie seinerzeit wahrnahm. […]“
    http://www.rochus-misch.de/der-letzte-zeuge/index.php/einleitung.html

    Wenn die von ihm unterstellten Fragen der Jugendlichen von heute die „richtigen“ sind, dann ist es um das Interesse der jungen Generation schlecht bestellt. Er unterstellt ihnen nämlich nicht, Interesse an objektivierbaren historischen Wahrheiten zu haben, sondern nur an seinen eignen, subjektiven Wahrnehmungen, die sich noch dazu, im Laufe der Jahre noch mehr banalisiert haben.
    Das ist legitime Recht eines jeden Menschen, sich selber als den Mittelpunkt der Welt, ob sie schon lange untergegangen ist, oder ob es die heutige ist, anzusehen.
    Im Falle eines Mannes, der sich durch Wegschauen, Ignorieren, Verleugnen und Banalisierens schuldig gemacht hat an einem der grausamsten Verbrechen der Neuzeit ist es nicht zu verstehen, warum er sich nie für seine Verbrechen vor Gericht verantworten musste. Nur dem Gericht wäre es möglich gewesen, sein ver-rücktes Selbstbild zu korrigieren und ihn mit einer wohlverdienten Strafe zu belegen.

    Um so erschütternder finde ich die, ihn quasi freisprechenden, Worte von Ralph Giordano.

    „Aber ich bin überzeugt, dass der Mann nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft ein redliches Leben geführt hat und zu keiner Sekunde eine Gefahr für die demokratische Republik war. […]
    Wenn ich also Rochus Misch begegnen sollte – ich würde ihm ohne Zögern die Hand geben.“
    http://www.rochus-misch.de/der-letzte-zeuge/index.php/vorwort.html

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