Tages Anzeigers Quacksalberei

Während der „Zürcher Prozesse“ beschrieb Kurt Zimmermann die Journalisten als „Hilfssheriffs“ der Staatsbehörde und Teil des Filzes. Und: „Vergessen wir nicht: Die erste, zweite und dritte Gewalt sind die drei institutionellen Gewalten. Ihre Funktion ist die Lenkung und Kontrolle der Bürger. Die vierte Gewalt, die Medien, aber wären gemacht als Gegenentwurf. Als die Gewalt der Freiheit und der Transparenz…. In der Realität ist die vierte Gewalt nur noch das vierte Rad am Wagen.”

Beim „Tages Anzeiger“ Journalist Peter Aeschlimann ist die Realität eine ganz andere. Sein Artikel „IT-Spezialist Scheck in der Facebook-Falle“ ist eine homogene Mischung von billiger Propaganda im Stile der DDR und einer grossen Portion Unwissenheit.

Es liegt mir fern, irgendeinen Zürcher SVP Politiker, in diesem Fall Roland Scheck, zu verteidigen. Seine Reaktion auf die journalistische TA Quacksalberei ist auch mehr als bedenklich – aber dazu später.

Sollte ein Journalist den Unterschied zwischen einem IT-Spezialisten und einem PR-Berater kennen? Eigentlich schon, Aeschlimann kennt ihn offensichtlich nicht, sonst würde er folgenden Bullshit nicht schreiben: „Wie unbedarft kann ein IT-Spezialist mit Facebook und Twitter umgehen? Ziemlich unbedarft, wie Roland Schecks Beispiel zeigt.“

Und welche Sünde hat Scheck laut Aeschlimann begangen?

Der Webdesigner und Stadtratskandidat der SVP pflegte im Internet Kontakte zu Personen, die rechtsextreme Beiträge verbreiten. So postete einer seiner Facebook-Freunde, G. S….“

Wohl gemerkt Scheck hat G. S.‘s Status weder geteilt noch geliket oder positiv kommentiert – Quacksalber Roland ScheckAeschlimann macht ihn für die Inhalte eines Facebook-Freundes[!!!] verantwortlich. Weiss Aeschlimann nicht wie Facebook funktioniert? Es sind „Freundschaften“ mit Freund und Feind. FB unterscheidet in keiner Art zwischen den guten und den bösen Freunden, auch nicht zwischen politischen und privaten etc. Soll Scheck jede Statusmitteilung seiner über 430-FB-Freunde kontrollieren? Nur weil man auf FB mit jemandem befreundet ist, oder einer FB-Gruppe zugehört, heisst nicht, dass er auch dessen Meinung oder Ideologie teilt. Würde jemand Roger Köppel als „Weltwoche“-feindlich bezeichnen nur weil Köppel Mitglied der FB-Gruppe „Weltwoche – Nein Danke“ ist?

Aus Aeschlimanns Sicht hat sich Roland Scheck auch als Twitter-Nutzer schuldig gemacht. Und wie? Weil er sich auf „Twitter fast täglich“ meldet und schreibt so schreckliche Texte wie: Rot-grüne Regierung sei undemokratisch oder kommentiert „Die grösste intellektuelle Fehlkonstruktion aller Zeiten erhält den Friedensnobelpreis.“ Der böse, böse, böse Scheck schimpft noch über „Linke, Nette, Gutmenschen, Kuschelrichter, gewalttätige Ausländer“ etc. Das machen Millionen Twitter-Benützer, aber Nebensache. Und weil Scheck ein Tweet mit dem Inhalt: „Was tue ich nur, wenn es Teleblocher mal nicht mehr gibt?“ abgesendet hat, soll seine „Inspirationsquelle Teleblocher“ sein.

Dann hat Scheck Tweets, die ihm gefallen weiterverbreitet – genau nach diesem Prinzip funktioniert Twitter ja. Auch den Stadtrat kritisiert er noch, was in einer Demokratie legitim ist, jedoch kommt das in Aeschlimanns Welt nicht vor.

Stellen Sie sich vor, Scheck folgt 162 Nutzern – darunter sowohl politisch Gleichgesinnten, wie auch Gegnern. Macht doch jeder Politiker, du Volltrottel, könnte man als Leser Aeschlimann erwidern.

Aber es geht noch perfider. Aschlimann schreibt, dass sich Scheck für das Gezwitscher eines Users von „Schweizer Krieger“, der auch SVP-Mitglied sein soll – interessiere und zitiert sein, des „Schweizer Kriegers“ – Tweet. Das Perfide: Die meisten politisch interessierten Menschen wissen, dass „Schweizer Krieger“ eher die Neo-Nazi-Szene anzieht. Somit rückt er Scheck in diese Szene hinein.

Das Elend wird erst mit Schecks Reaktion vollendet. Denn seine Reaktion ist die typisch politisch korrekte und zum Kotzen. Statt auf Aschlimanns Vorwürfe mit „Scheren Sie sich zum Teufel“ oder „Suchen Sie sich ein Hobby, wenn Sie schon keine Arbeit haben“ zu reagieren, rechtfertigt sich Scheck, entfernt FB-Freunde, folgt dem besagtem Twitterer nicht mehr.

Entsetzlich, dass sich ein Stadtratskandidat auf kleinsten Druck eines drittklassigen Journalisten, zu so einem Handeln treiben lässt. Er geht noch weiter, er verspricht im Falle seiner Wahl, sein Twitter-Verhalten anzupassen und sich „vermutlich nicht mehr politisch, sondern nur noch privat zu äussern“. Tolle Aussichten. Ist ihm nicht klar, dass er als Stadtrat für politische Arbeit bezahlt wird? Ich bin überzeugt, dass die Menschen sowohl auf ein Paar-Schaumbadbilder aus dem Hause Scheck, wie auch auf die Information, wer oben bzw. unterliegt, liebend gerne verzichten.

Dem „Tages Anzeiger“ muss es finanziell verdammt gut gehen – schlechte Journalisten kann sich gegenwärtig nicht jede Zeitung leisten. Oder hält Res Strehle die Leser für so dumm und denkt, dass sie dauerhaft so einen Mist mit einem Bezahl-Abo honorieren?

Zugabe:

Diese zwei „taz“-Redakteurinnen haben sich den Preis für journalistische Dämlichkeit des Jahres verdient.

Lesenswert:

Gedanken eines verunsicherten Zeitungslesers – Von Peter Schneider

 Was ist eine Qualitätszeitung, und wo kriege ich sie?

 Lieber Herr K.

Eine Qualitätszeitung ist eine Zeitung, in der möglichst wenig Scheiss steht. Sie bekommen Sie im Abonnement, beim Kiosk Ihres Vertrauens oder auch online im weltweiten Netz. Das war die «short information». Die ausführliche Version geht so: Die Qualität einer Zeitung misst sich an Parametern wie Recherche, Fakten, Relevanz, Argumenten, Lesbarkeit und Stil. Auch ein sorgfältiges Korrektorat gehört zu einer Qualitätszeitung wie ein sauberes Tischtuch zu einem guten Restaurant. Pfusch im Service ist ein gutes Indiz für Pfusch in der Küche. Eine Qualitätszeitung kostet Geld, weil Zeit Geld ist und gründliche Recherche Zeit braucht. Vor allem diejenige Zeit ist teuer, die es braucht, um herauszufinden, dass eine Recherche zu nichts geführt hat, das die Veröffentlichung lohnt. Gerüchte können der Anlass für journalistische Nachforschungen sein; ins Blatt gehören sie grundsätzlich nicht. «Angeblich soll …, jedenfalls wenn man XY glaubt, der gegenüber Z gesagt haben soll …» ist das Gegenteil von Qualität und bestenfalls Füllstoff zwischen den Inseraten, welche solches aus dem Internet abgekupfertes Blabla um einiges an Realitätsgehalt übertreffen dürften. Desgleichen sind entsetzte, warnende und alarmierte Experten ein Nicht-Qualitätsmerkmal.

Qualitätsjournalismus besteht nicht darin, in Angelegenheiten, von denen der Journalist keine Ahnung hat, Zitate von Leuten einzusammeln, deren Sachkenntnis der Journalist dank seiner eigenen Unkenntnis nicht beurteilen kann. Aus einer Qualitätszeitung will ich etwas erfahren, das ich als an der Materie interessierter Mensch bislang noch nicht wusste. Niemand würde sich trauen, im Sportteil die Leser zu behandeln, als müsste ihnen der Unterschied zwischen Abseits und Freistoss jedes Mal neu erklärt werden. Im Wissenschaftsteil einer Qualitätszeitung sollte das nicht anders sein. Die Formulierung «Wissenschaftler haben herausgefunden . . .» sollte in einer Qualitätszeitung ebenso tabu sein wie «Fussballer haben ein Tor geschossen».

Eine Zeitung, die nicht klüger und informierter ist als ich selber, brauche ich nicht zu lesen. Unter Kontroverse verstehe ich nicht das Aufeinanderprallen zweier gleichermassen idiotischer, aber origineller Meinungen, sondern eine Diskussion mit Argumenten, die mir eine Entscheidung nicht unbedingt erleichtern, sondern eher erschweren. Die Relevanz von Diskussionen misst sich darum vielleicht auch weniger an der Zahl der Onlinekommentare auf Stichworte hyperventilierender Nichtabonnenten als vielmehr am verunsicherten, aber nachdenklichen Schweigen tatsächlicher Leser. – «Somebody out there», der dem widersprechen möchte?

(Tages-Anzeiger/Erstellt: 11.09.2013, 11:09 Uhr)

 

 

 

 

 

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8 Gedanken zu “Tages Anzeigers Quacksalberei

  1. Hier die ausführliche Version:

    1999 – 2012 Mitglied der Direktion Zürcher Kantonalbank, Zürich
    Leiter «IT Planung und Controlling»
    Unternehmensweite Fachführung in der IT-Planung, Verantwortlicher Controller der ZKB Informatik.
    Leiter «IT-Portfolio- und Architekturmanagement»
    Unternehmensweite Fachführung in den Bereichen, IT-Planung, IT-Architektur, ITPortfoliosteuerung
    Leiter PTV «Vertriebsmanagement und Controlling»
    Projekt Portfolio Manager des Projekt- und Applikationsportfolios Vertriebsmanagement,
    Projekt Portfolio Controller Business Technology Office Vertrieb, Aufbau und Leitung
    Ressourcenpool Privatkunden Vertrieb, Unternehmensweite Fachführung im Bereich IT-Planung
    Projekt Portfolio Controller Business Technology Office Firmenkunden

    • Das ist lustig. Herr Aeschlimann, und zeigt, dass ihnen die Erfahrung mit IT-Firmen abgeht. All das, was da aufgeführt ist, ist eines Bürokraten würdig, nicht aber eines IT-Spezialisten. Sie sollten vielleicht mal eine grössere IT-Firma besuchen und eine Reportage darüber schreiben. Könnte nützlicher sein als Twitter- und FB-Blabla

  2. Vielen Dank für die Kritik, Frau Brandt. Nur eine Sache: Bei „Dann hat Scheck Tweets, die ihm gefallen, weiterverbreitet“ schulden Sie Ihren Lesern noch den Wortlaut des Tweets: „Brennt wieder mal in Seebach. Wie üblich war eine Asylantenfamilie mit dem Kochherd überfordert. Für etwas haben wir die Feuerwehr!“

    • Bitte, bitte!
      Was Ihre Leser sicherlich mehr interessiert hätte, wären zum Bsp. Fragen: Ist er für dieses Amt überhaupt qualifiziert genug? Oder Welchen Kommunikationsstil pflegt er allgemein? etc. Etc. Kleinkariertes FB- und Twitter-Zeug inkl. billige Propaganda braucht der Leser nicht… Das wissen Sie auch Herr Aeschlimann

  3. Was für ein undifferenzierter Beitrag zu einer Diskussion, die doch einiges Potential hätte. Es ist ja nicht so, dass Kandidaten, die doch verschiedene Stimmen benötigen, sich auf sozialen Netzwerken genau gleich verhalten sollen, wie Sie, Frau Brand, das als Normalfall ansehen. Und es ist auch nicht so, dass Politikerinnen und Politiker dafür bezahlt werden, ihre persönlichen Haltungen in sozialen Netzwerken zu verbreiten. Auch die Frage, wie sich denn ein Vertreter der SVP gegenüber nationalsozialistischen Bewegungen abgrenzt, scheint mir legitim – gerade, wenn er mit diesen Bewegungen zumindest in Verbindung steht.
    Aber offenbar ist es einfacher, einen Journalisten mit Beleidigungen einzudecken, als genau über solche Fragen nachzudenken. Oder vielleicht ist das einfach ein Reflex, dass der Feind des Freundes irgendwie auch zum eigenen Feind gemacht werden muss.

    • Herr Wampfler, vielleicht sollten sie den Beitrag von Frau Brand noch einmal ohne die „Böse-SVP-Brille“ lesen. Mit der SVP nämlich hat dieser Beitrag nur gerade so viel zu tun, als Herr Scheck für die SVP kandidiert.
      Es geht hier einerseits um die Medienschaffenden, die – nach meiner Ansicht – nicht immer, aber immer öfter, durch Dummheit glänzen und Schwachsinn verbreiten. Wenn ein Journalist den Unterschied zwischen Webdesigner und IT-Spezialist nicht kennt, sondern beides in einen Topf wirft, darf man ihn nicht ernst nehmen.
      Doch auch darum geht es nicht NUR. Es geht auch darum, dass einer, der für den Stadtrat kandidiert, meint, er müsse eines Schreiberlings wegen alle seine Facebook- und Twitter-Kontakte überprüfen und die dem Journi nicht genehmen aus dem Portefeuille werfen.
      Vielleicht hilft ihnen, Herr Wampfler, dieser Ansatz beim Lesen und Verstehen etwas weiter. Wäre nicht schlecht. Vor allem für jemand, der meint eine Vorbildfunktion einnehmen zu müssen.

      • Frau Erni, Sie sollten den Artikel bis zum Schluss lesen. Herr Scheck war über ein Jahrzehnt lang IT-Controller bei einer grossen Bank, bevor er sein Hobby zum Beruf machte und Webdesigner wurde. Herr Scheck ist ein Computerfreak der ersten Stunde, ein IT-Spezialist.

        • Sie sollten den Lebenslauf von Scheck lesen
          „2012 – heute Webdesign Selbstständig erwerbstätig
          1999 – 2012 Mitglied der Direktion Zürcher Kantonalbank, Zürich
          1996 – 1999 Planung & Organisationsentwicklung Schweizer Börse, Zürich
          1993 – 1996 Verkehrsplanung Balzari & Schudel AG, Bern
          Ausbildung
          1995 – 1996 Grundstudium Betriebswirtschaft Universität Bern
          1987 – 1992 Dipl. Bauingenieur ETH ETH Zürich
          1983 – 1986 Matura Typus C Gymnasium Muttenz“

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