Ein Herz für den Freier

Alex Baur_Die Zürcher ProzesseDiskriminiert, diffamiert, marginalisiert – keine Bevölkerungsgruppe wird in diesem Land sozial geschnitten wie der Freier und der Autofahrer. Die Stadt Zürich handelt und stellt den Anhängern von käuflichem Sex einen geschützten Raum zur Verfügung – vorerst allerdings nur den automobilen. Von Alex Baur

Zürich ist einfach eine soziale Stadt, die sich ihren Kampf gegen die Diskriminierung auch etwas kosten lässt. Gratis-Heroin und Fixerstübli mit Vollservice für die Junkies, reichlich Sozialgeld und Wohnungen für alle, welche die Mühsal der täglichen Arbeit nicht ertragen oder kein Deutsch lernen mögen, staatliche Krippen und Horte für jene, die bei ihrer Selbstverwirklichung vom eigenen Nachwuchs gestört werden, gesonderte Grabstätten für Muslime, die nicht neben einem Ungläubigen ruhen mögen – und vieles mehr. Die Stadtverwaltung denkt in Zürich einfach an alles und für alle, die nicht selber denken mögen. Und jetzt ein wahrer Höhepunkt: „Verrichtungsboxen“ für automobile Freier, gepflegt, betreut und überwacht von Sozialarbeitern, inklusive einem Strässchen, wo die Herren ihre Dirnen in aller Ruhe und ungestört begutachten und aussuchen könnten, alles geschützt vor neugierigen Blicken (Ehefrauen, Freundinnen und andere potentiellen Widersacherinnen).

Rund zweieinhalb Millionen Franken – na ja, vielleicht auch ein bisschen mehr, die Abrechnung liegt noch nicht vor, und Bauen ist ja bekanntlich immer teurer – hat sich die Stadt dieses Monument zum Schutz der letzten und vielleicht grössten Gruppe von diskriminierten Menschen kosten lassen: Die Freier und die Automobilisten. Was müssen diese Männer doch anVerrichtungsboxen sozialer Ächtung erdulden. Doch damit ist nun Schluss. Und wie immer, wenn es um Diskrimination geht, macht Zürich keine halben Sachen: Ausser den automobilen Freiern haben nur Prostituierte und Sozialbetreuer Zutritt zum Areal. Alle anderen, insbesondere Fussgänger und Velofahrer, müssen draussen bleiben. Ob bei Elektrofahrzeugen allenfalls eine Ausnahme gemacht wird, ist noch unklar. Denkbar wäre auch, dass Mobility in der Nähe irgendwo Mietautos für kurzfristige Umsteiger zur Verfügung stellt.

Die mit Raffinesse und Bedacht konzipierte Anlage ist einen Augenschein wert. Bestechend wirkt vor allem die frisch asphaltierte Strasse, die zwecks Kontaktaufnahme von Auto-Freiern und Prostituierten extra gebaut wurde. Es handelt sich dabei um eine Rundstrecke, die an eine Rennbahn erinnert und die von einem Dutzend Unterständen gesäumt wird, unter denen die Damen ungeniert und diskret ausgeleuchtet ihre Reize anbieten können. Der Auto-Freier kann hier gemächlich – eine Tempobeschränkung oder Radarfallen gibt es nicht, doch Tempo steht hier wohl für einmal eher im Hintergrund – seine Runde drehen und nach der ihm geeignet erscheinenden Dame Ausschau halten. Wird man sich handelseinig, fährt man dann zusammen gemütlich in die Verrichtungsbox, wo der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind (alles eine Frage des Preises und des Verhandlungsgeschicks). Nicht zu unterschätzen sind auch scheinbare Nebensächlichkeiten wie etwa Duschen, die Gewähr bieten, dass die Dirnen auch immer schön sauber, adrett und appetitlich daherkommen.

Lediglich bei der Beleuchtung sollte sich die Stadt noch etwas einfallen lassen. Die installierten Neonleuchten wirken einfach kalt. Hier könnte man mit bunten Blinklichtern ohne grossen Aufwand für ein bisschen Stimmung sorgen. Auch der Name ist echt ein Abtörner: Verrichtungsboxen! Also bitte, für eine derart liebevoll gestaltete Anlage dürfte man auch einen etwas freundlicheren Namen erwarten: „Hodenpein-Ring“, „Gynodrom“, „Sackgasse“, „Der grosse Preis von Ungarn“, „Bais-o-drôme“, „Fick & Pay“ – der Ideen-Wettbewerb ist eröffnet (Vorschläge bitte an: Sozialdepartement der Stadt Zürich, z.H.v. Hrn. Waser, Werdstr. 75, 8036 Zürich).

Gewisse Rätsel gibt eine geschlossene „Mistery-Box“ auf, die neben den anderen Boxen steht, jedoch nicht für Autos zugänglichn77jvhwsba9gmegd01a1 ist und durch einen offenen schmalen Schlitz nur zu Fuss betreten werden kann. Hat man hier an Motorradfahrer gedacht? Oder dient die Absteige eher den reiferen Besitzern von Sportwagen (Porsche, Lamborghini, Ferrari), denen bei Sex im Cockpit eine gewisse Verletzungsgefahr droht (Zerrungen, Prellungen, Krämpfe)? Kurzum: Ein paar Fragen wären noch zu klären – doch einmal mehr hat die Stadt Zürich kompromisslos Pionierarbeit geleistet.

AnalphabetenUpdate 16.08.2013

10vor10 Bericht (SRF)

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2 Gedanken zu “Ein Herz für den Freier

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