Die 1. August-Rede

David DürrDavid Dürr

Da hat doch tatsächlich ein Mitglied unserer obersten Landesregierung an einer 1. Augustfeier gestern den „lieben Miteidgenossinnen und Miteidgenossen“ von den Vorzügen unserer direkten Demokratie erzählt. Gerade in Zeiten wie den heutigen mit grossen globalen Herausforderungen durch Migration, Wirtschaftskrisen etc. sei es wichtig, eine starke, aber trotzdem demokratisch legitimierte Landesregierung zu haben. Umso bedauerlicher sei die notorisch tiefe Wahl- und Stimmbeteiligung. Es nütze nichts, die Faust im Sack zu machen, man solle wieder stärker an der demokratischen Willensbildung teilhaben. Les absents ont toujours tort! Und dies nicht zuletzt aus einer gewissen Dankbarkeit unserem System gegenüber, dem wir letztendlich auch unseren Wohlstand und unsere gesellschaftliche Stabilität verdanken.

Irgendetwas kam mir da komisch vor. Nur schlecht konnte ich spätabends einschlafen und hatte dann einen seltsamen Traum. Der ging so:

Die Migros wird immer mächtiger und dominiert unser Land immer mehr. Man konsumiert fast nur noch Migrosprodukte, sitzt und liegt fast nur noch in Migros-Möbeln und bezieht fast die ganze Bildung nur noch in der Migros-Clubschule. Der Migros gefiele dies natürlich sehr gut, wäre da nicht ihr unerfüllter Wunsch nach einem ganz offiziellen Monopol für all diese Produkte und Dienste. Doch ist dies – zum Glück – nicht leicht zu bekommen. Denn bei aller Bewunderung vor der Leistungsfähigkeit der Migros bestehen weder Grund noch Anlass noch Legitimation zu einem offiziellen Monopol. Wettbewerb tut allen gut, auch und gerade der marktmächtigen Migros.

Nun macht sie in meinem Traum etwas Cleveres: Sie ändert ihren Namen leicht ab, von „Schweizerische Migrosgenossenschaft“ in „Schweizerische Eidgenossenschaft“ (SEG). Ihre Statuten nennt sie neu „Verfassung“, die Migros-Clubschule tauft sie um in „Universität“, an der sie nun Kurse in „Staatsrecht“ anbietet, in denen man lernt, dass die SEG nicht einfach eine Organisation, sondern so etwas wie eine Verkörperung aller Menschen in diesem Land sei. Die Strategie ist erfolgreich, die meisten Leute glauben dies, wodurch die SEG natürlich immer arroganter, gewaltdrohender und bei Bedarf auch gewalttätiger wird. Dies geht sogar so weit, dass sie ihre Produkte nun nicht mehr am Markt verkauft, sondern sie den Leuten aufzwingt. Statt Preise auszuhandeln, stielt sie einfach den Leuten, die Geld haben, einen Teil davon. Bei denen, die viel haben, langt sie besonders hemmungslos zu. Widerstand ist zwecklos. Denn die SEG hat sich inzwischen auch die Securitas als Tochtergesellschaft einverleibt und mit dieser zusammen dafür gesorgt, dass die Protectas und andere Sicherheitsanbieter entwaffnet worden sind oder höchstens noch mit Bewilligung der SEG agieren dürfen. Auch argumentativer Widerstand wird geschickt gekontert: Wenn etwa einer behauptet, es fehle der SEG an demokratischer Legitimation, entgegnet sie schnoddrig: Selber schuld, wenn ihr nicht an unseren Wahlen und Abstimmungen teilnehmt, les absents ont toujours tort! Und überhaupt, es geht uns doch allen gut, wir geniessen Wohlstand und gesellschaftliche Stabilität, und all dies verdankt ihr niemand anderem als uns, der SEG …

Hier wachte ich jäh auf. Es war kurz nach Mitternacht. Es reichte gerade noch, den Traum niederzuschreiben und ihn als Kolumne an die BAZ zu mailen.

 

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