Hochbegabte unerwünscht

Gegenwärtig führt die Schweiz eine äusserst merkwürdige Diskussion über Maximilian Janisch 9 (neun) Jahre alt. Der Knirps hat kürzlich die Maturaprüfung in Mathematik mit Bestnoten abgeschlossen und würde gerne an der ETH Mathematik studieren. Wunderbar, könnte man denken.

Sogar der „Club“ widmete ihm letzte Woche eine Sendung mit der Überschrift: „Gefördert oder überfordert“. „Werden junge Hochbegabte zu wenigGefördert_o_überfordert unterstützt?“ fragte SF im Teaser.

Gäste neben Maximilians Vater, eine ETH Professorin für Verhaltenswissenschaften, der Rektor des Gymnasiums, ein 20 jähriger Hochbegabter und sage und schreibe zwei Psychologen.

„Wahnsinnig“, fand schon am Anfang die Moderatorin Maximilians Aussage, dass Mathematik abwechselnd und nicht wie Fussball langweilig sei und fuhr in dem Stil engagiert fort. So fragte sie, wie mit einem „Kind, das blöd tut“ umzugehen sei – heisst mit Kindern, die im Unterricht unterfordert sind. Schwierig, schwierig, Schwierigkeiten, schwierig und Schwierigkeiten wiederholte sie pausenlos. Direkt fragte sie den hochbegabten Studiogast: „Was ist bei Ihnen gewesen? Einfach schwierig?“

Diagnose: Hochbegabung

Schnell merkte man: Hochbegabung ist für den Club eine Diagnose. Und selbstverständlich stellte sie suggestive Fragen, wie die Lehrer und die Gesellschaft mit solchen Fällen umgehen. Woher sie ihr Wissen bezieht wird klar, als sie das Qualitätsmedium „20 Minuten“ zitierte.

Natürlich sprangen die zwei professionellen Psychoschwätzer auf diesen Zug auf und konstatierten, dass die Schule vor allem soziale Aufgaben hätte. Auch die Demokratie, die ist immer gut, dürfe nicht zu kurz kommen. So erklärte die Erziehungspsychologin: „Menschen haben den Eindruck, bei Sport sei es etwas demokratischer. Wenn man sich genug anstrengt, dann macht man Fortschritte und wird richtig gut.“ Auch auf die benachteiligten Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten wurde hingewiesen und ermahnt, dass sie nicht zu kurz kommen dürften und sie die „Förderung“ bräuchten. Den Leuten sind die [Hochbegabten] so unheimlich, erfuhr der Zuschauer.

Die Moderatorin diagnostizierte, Maximilians Problem sei „So viel Intellekt in so einem kleinen Körper“. Wohl gemerkt, sie ist der Meinung, Maximilian habe ein Problem.

Und der Einheitsbrei wurde weiter serviert. Maximilian solle soziale Netzwerke bilden, soziale Erfahrungen machen. In allen Fächern mitziehen, damit er sich später für etwas anderes entscheiden kann, vielleicht studiert er Physik. Er solle die Matura in allen Fächern abschliessen. Er müsse sich der Gesellschaft anpassen und sich auch in anderen Bereichen entwickeln. Auch andere Menschen müssten zurückstecken, das Gleichheitsprinzip. Besorgt zeigten sich die Gäste auch, wie er wohl mit 14, 15, 16 jährig sein wird.

Auch für die Entscheidung der ETH, Maximilian für das Studium nicht zuzulassen, hatte man Verständnis. Die ETH begründete ihre Entscheidung mit juristischen Gründen und dass so eine Zulassung gegen die Regel verstossen würde… Das war der Inhalt der ganzen Sendung: Probleme, Schwierigkeiten und Gefühle.

Dass Maximilian für die Gesellschaft ein Glücksfall, ein „Sechser im Lotto“ sein könnte, darüber verlor die Runde kein Wort.

Bildung ist der wichtigste Rohstoff, über den die Schweiz verfügt. Sie ist die notwendige Voraussetzung für den Erfolg unserer Wirtschaft und den Wohlstand dieses Landes, hört man immer wieder.

Wie sieht die Zukunft einer Gesellschaft aus, die so mit Ihren Rohstoffen/„Rohdiamanten“ umgeht? Was ist von einer Gesellschaft zu erwarten, die auf das utopische Gleichheitsprinzip setzt und die die junge Generation dressiert, anstatt sie Denken zu lernen? Was ist von einer Gesellschaft zu erwarten, die Mark Zuckerberg verehrt und zum mehrfachen Milliardär macht, der aber Timothy Berners-Lee („web“-Erfinder) mehrheitlich unbekannt ist?

Maximilian braucht und verlangt keine Förderung, es würde reichen, wenn ihn die politisch korrekt und präzis genormte Gesellschaft nicht bremsen würde.

Da fallen mir nur Oskar Panizza mit „Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heisst Vernunft“ und Manfred Lutz „Irre! – Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen.“ ein.

Apropos, Schweizerfernsehen hat, zu mindestens theoretisch, einen Informationsauftrag… No comment!

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5 Gedanken zu “Hochbegabte unerwünscht

  1. Ich habe mir die Sendung grade auf youtube angeschaut. Schrecklich, schrecklich, was da einige von sich geben. Mir wurde angesichts der mittelalterlichen Verbalgrütze einiger Teilnehmer nur noch schlecht.
    Am „besten“ fand ich die Professorin der ETH, die doch tatsächlich der Meinung war, Hochbegabte müssten eben damit zurechtkommen, dass ihre Talente nicht von allen begrüßt werden, und auch gegebenenfalls Mobbing hinnehmen, da könnte man ja dann was dagegen machen und daran reifen, oder so etwas in der Art. Solche Aussagen machen mich sprachlos. Mobbing und Ausgrenzung sind also beinahe in Ordnung; eine Straftat wird folglich für die „Reifung“ von „Hochbegabten“ akzeptiert oder gar gewollt (?) – der Mensch wird zudem gleich in eine Kategorie gesteckt, kommt in „sein“ schnuckeliges, Schublädchen, feeeertisch – nicht aber, wenn „Normalsterbliche“ darunter leiden oder gar Leute mit Lernschwächen dies erdulden müssen. Die intellektuellen Überflieger sollen sich gefälligst nicht derart mimosenhaft anstellen. Die society braucht einfach Opfer …
    So, oder so ähnlich oder auch ganz anders. Tja, das mit der Sozialkompetenz ist so eine Sache. Kaum einer kennt die Definition, aber Hauptsache mal was gesagt. Klar ist das „total super“ für Hochbegabte, gerade wenn der Intellekt der „Betroffenen“ extrem weit vom Durchschnitt abweicht, wenn diese sich in der Schule über Jahre langweilen müssen, Stundenlang am Tag, und zudem mit den Gleichaltrigen nicht viel gemeinsam haben und man sich ständig fragt, was man eigentlich verbrochen hat. Denn sehr häufig sind Leute, die einen besonders hohen IQ haben, bereits in jugendlichem Alter auch in ihren moralischen Ansichten und ihrer persönlichen Reife Gleichaltrigen und sogar etlichen Erwachsenen überlegen. Intelligenz ist eben kein abgespaltener, abgekapselter Bereich eines Menschen, sondern fester Bestandteil seiner gesamten Persönlichkeit. Der Intellekt bestimmt in erheblichem Maße mit, wie er die Welt betrachtet. Ob man das nun wahrhaben will oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen.

    Fast schon niedlich, wie die ETH Professorin, die eher wie eine frustrierte Emanze wirkte, meinte, dass, wenn sich ein unterforderter Hochbegabter nicht selbst helfen könne, man an dem “Phänomen“ Hochbegabung zweifeln müsse … Die gute Frau demonstriert damit auf alle Fälle am eigenen Beispiel, dass man auch ohne sonderlich hohen IQ und EQ erfolgreich habilitieren kann.

    Und zum Maximilian: rundum tolles Kind, tolle Familie. Glückwunsch. Wenn mehr außergewöhnliche Kinder solche Eltern hätten, Eltern, die sich trotz aller Widrigkeiten derart für ihren Nachwuchs einsetzen, wären wir alle weit besser dran.
    Welt, drehe dich weiter und drehe dich bitte schneller.

  2. Natürlich ist der Junge ein Glücksfall für die Gesellschaft. Er muss sich eh lebenslänglich an das Umfeld anpassen, weil wohl nahezu alle weniger rasch und komplex begreifen/denken als er – und das nicht nur in Mathe. Ich bin von seinem Talent beeindruckt und finde es klasse, dass seine Eltern sich so für ihn einsetzen. Man sollte ohnehin jedes Kind bzw. jeden Jugendlichen viel individueller fördern. Maximilian will nicht Fußballspielen oder im Wald rumrennen? Lasst ihn, wenn er nicht will! Es käme ja auch keiner auf die Idee, ein durchschnittlich begabtes Kind mit Matheformeln der Oberstufe „vollzustopfen“ (hoffe ich jedenfalls). Ich wünsch dem Kleinen mit dem großen Geist von Herzen ganz viel Glück, innere Stärke und Erfolg für die Zukunft. Und der Gesellschaft wünsch ich mehr Toleranz und weniger Schwarzweißdenken gegenüber allen, die nicht der Norm entsprechen.

  3. Ob er mal Mathematik oder Physik studiert oder beides und noch viel mehr … auch als nur Mathematiker sollte er gute Chancen haben.

    Ein Vorschlag: Kinder sollen lernen können. Das tun sie fasst wie von selbst, wenn man ihnen etwas Neues zeigt. Heute ist es viel wichtiger, die sozialen Fähigkeiten zu steigern, statt nur abfragbares Wissen in irgendwelche Köpfe zu bringen. Dazu gehört, dass sich sehr unterschiedliche Kinder treffen und lernen, miteinander umgehen zu können.

    Zeigt man Kindern, ab einer bestimmten Eintwicklungsstufe, wie man sich Wissen erarbeitet – unter anderem auch in der Gruppe – dann geht das mit der Wissensaufnahme fasst wie von selbst – und jeder kann Wissen nach seinem aktuellen Bedürfniss ziehen. Es braucht eine entsprechende Wissensinfrastruktur, eine Art globale ägyptische Bibliothek, die die Art des Wissenstransfers dem bisherigen Wissensstand anpasst. Man kann das Individuelles Lernen nennen.

    Beim Individuellen Lernen steht im Gegensatz zum aktuelle Vorgehen, die Förderung des Selber (oder in der Gruppe) machen könnens im Vordergrund, statt der Erfahrung des Drucks der Gruppe und der Erwartungen. Wer etwas besonders gut kann, kann einfach nur etwas besonders gut und wird automatisch gefragt werden, wenn ein Thema in dieser Richtung hochkommt. In der sich gerade bildenden neuen Gruppe bzw. Generation hat er einen Platz und er soll sein Wissen weiterreichen können. Kinder lernen am besten von Kindern.

    Wir vergessen gern, dass die Kinder von heute die Generation von morgen sind und dass sie eine Chance haben sollten, Neuerungen einzubringen, zu erproben und einzuführen – ihre Welt ist eine andere als unsere. Mit der Zeit werden manche unserer Regeln einfach nur noch historisch aber nicht wegen konkreter Gegebenheiten erklärbar sein.

    Hier soll nicht der Weihnachtsbaum abgeschafft werden, es sollen nur die aktuellen Möglichkeiten so weit eingesetzt werden, dass nicht nur wir etwas davon haben, sondern auch die Kinder.

  4. Oh man … alles was nicht der Egalite in den Sinn kommt, muss gleichgemacht werden. Gleichgültig wie wertvoll ein solcher Junge sein könnte. Wahnsinn …
    Ich wünsche dem Jungen viel Erfolg und eine goldene Zukunft!
    Mach es besser als wir es jetzt tun!

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