Wider die mediale Simplizität

André Freud

André Freud

Gastautor Andé Freud, Nürnberg

Obama kommt nach Berlin. Der Autor dieser Zeilen will nicht verhehlen, daß er ihn für einen der schwächsten US-Präsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg hält. Persönliches Charisma und politische Qualität fallen zwar manchmal zusammen, aber eben nicht immer. Auch John F. Kennedy wird heute von den Historikern durchaus kritischer gesehen, als sein Nimbus in der breiten Öffentlichkeit glauben macht. Von JFK ist besonders in Deutschland ein Satz bekannt, den er bei seinem Besuch in West-Berlin 1963, fünf Monate vor seiner Ermordung, sprach: “Ich bin ein Berliner”. Leider wissen nur wenige, was dieser Satz bedeutet.

Kennedy wollte damit nicht etwa zum Ausdruck bringen, daß er ein “Berliner” (Pfannkuchen) sei, wie ganz ernsthaft manche glauben. Auch wollte er nicht einen Akt billiger Anbiederei vollziehen.

Nein, Kennedys Rede war vielmehr sehr ernsthaft. Man muß sich den Kontext vor Augen halten:

  • Das Ende des Zweiten Weltkrieg war gerade einmal 18 Jahre her – das ist eine geringere Zeitspanne als die 24 Jahre, die zwischen heute und dem Fall der Mauer liegen
  • West-Berlin stand unter der Hoheit der drei West-Alliierten USA, Vereinigtes Königreich und Frankreich; Ost-Berlin unter der Knute der kommunistischen UdSSR
  • West-Berlin wurde von den Sowjets von Juni 1948 bis Mai 1949 abgeschnitten: Es gab keine Züge von Westdeutschland nach West-Berlin, man durfte nicht mit den Wagen dorthin fahren oder aus West-Berlin hinaus. Lediglich Flugzeuge aus USA, aus dem Vereinigten Königreich, aus Frankreich durften nach Berlin fliegen. Und so wurde die Stadt fast ein Jahr lang, vor allem von den Amerikanern unter Lucius D. Clay, aus der Luft versorgt. Es war dies das entscheidende tatkräftige Bekenntnis der Amerikaner zu Freiheit und Demokratie auf deutschem Boden.

Berlin

  • Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, beides im Jahr 1949, war West-Berlin ein besonderes Ding. Auf den Briefmarken stand nicht das damals bei uns übliche “Deutsche Bundespost”, sondern “Deutsche Bundespost Berlin”. Die Stimmen der West-Berliner Abgeordneten wurden im Bundestag zunächst nicht gewichtet. Vieles war so ganz anders.
  • 1961 baute die DDR – unter maßgeblicher Führung eines gewissen Erich Honecker – über Nacht die Berliner Mauer zwischen West- und Ost-Berlin. Bundeskanzler Adenauer und US-Präsident Kennedy waren bemüht, die dadurch entstehende Krise nicht zum Krieg werden zu lassen.
  • West-Berlin war eingekreist, war belagert, war ständig bedroht. Es war der Stachel der Freiheit im sozialistischen Fleisch der Unfreiheit.

Zwei Jahre nach dem Mauerbau kam Präsident Kennedy auf Deutschlandbesuch, und er besuchte auch West-Berlin. So kam es zur Rede Kennedys vor dem Schöneberger Rathaus. Dort sagte Kennedy etwas ganz anderes, als das folkloristische Kurz-Zitat “Ich bin ein Berliner” auf den ersten Blick zu bedeuten scheint. Es war ein Bekenntnis zur Freiheit, es war auch ein Bekenntnis zur Stärke. Kennedy sagte:

“Vor zweitausend Jahren war der stolzeste Satz, den ein Mensch sagen konnte, der: Ich bin ein Bürger Roms. Heute ist der stolzeste Satz, den jemand in der freien Welt sagen kann: Ich bin ein Berliner.”

“Die Mauer ist die abscheulichste und stärkste Demonstration für das Versagen des kommunistischen Systems. Die ganze Welt sieht dieses Eingeständnis des Versagens. Wir sind darüber keineswegs glücklich; denn, wie Ihr Regierender Bürgermeister gesagt hat, die Mauer schlägt nicht nur der Geschichte ins Gesicht, sie schlägt der Menschlichkeit ins Gesicht. Durch die Mauer werden Familien getrennt, der Mann von der Frau, der Bruder von der Schwester, und Menschen werden mit Gewalt auseinandergehalten, die zusammen leben wollen.

Was von Berlin gilt, gilt von Deutschland: Ein echter Friede in Europa kann nicht gewährleistet werden, solange jedem vierten Deutschen das Grundrecht einer freien Wahl vorenthalten wird. In 18 Jahren Frieden und der erprobten Verläßlichkeit hat diese Generation der Deutschen sich das Recht verdient, frei zu sein, einschließlich des Rechtes, die Familien und die Nation in dauerhaftem Frieden wiedervereinigt zu sehen, in gutem Willen gegen jedermann.

Sie leben auf einer verteidigten Insel der Freiheit. Aber Ihr Leben ist mit dem des Festlandes verbunden, und deshalb fordere ich Sie zum Schluß auf, den Blick über die Gefahren des Heute hinweg auf die Hoffnung des Morgen zu richten, über die Freiheit dieser Stadt Berlin und über die Freiheit Ihres Landes hinweg auf den Vormarsch der Freiheit überall in der Welt, über die Mauer hinweg auf den Tag des Friedens mit Gerechtigkeit. Die Freiheit ist unteilbar, und wenn auch nur einer versklavt ist, dann sind nicht alle frei. Aber wenn der Tag gekommen sein wird, an dem alle die Freiheit haben und Ihre Stadt und Ihr Land wieder vereint sind, wenn Europa geeint ist und Bestandteil eines friedvollen und zu höchsten Hoffnungen berechtigten Erdteiles, dann, wenn dieser Tag gekommen sein wird, können Sie mit Befriedigung von sich sagen, daß die Berliner und diese Stadt Berlin 20 Jahre die Front gehalten haben.

Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger dieser Stadt Berlin, und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner.”

Davon kriegen junge Menschen, die immer wieder nur diese vier Worte in einem verhunzten Kurz-Zitat medial aufbereitet bekommen, nichts mit. Hinter Kennedys Worten steckt viel mehr als die Anbiederei bei den Gastgebern. Das ist auch ein ganz ander Ding, wenn ein Tourist irgendwo auf der Welt in der Landessprache “Guten Morgen” zu sagen lernt, um beim Caféhauspersonal Eindruck zu schinden ob seiner ach so polyglotten Weltläufigkeit.

Kennedys Rede in Berlin war eine Ansage an die Feinde der Freiheit, daß wir unsere Freiheit niemals aufgeben werden. Sie drückt die Erkenntnis aus, daß Freiheit alleine vielleicht nicht alles, aber ohne Freiheit alles nichts ist. Diese zentrale Botschaft Kennedys wird beim heutigen Zustand unserer Medien gerne verschlampert. Unsere Freiheit, der wir uns seit 68 Jahren erfreuen, ist alles mögliche – aber keine Selbstverständlichkeit. Die meisten Menschen auf der Welt sind nicht frei. Das vergessen wir im Alltag gerne. Wir nehmen als selbstverständlich, was nicht selbstverständlich ist. Es kann nicht schaden – angesichts des bevorstehenden 60. Jahrestags des Volksaufstands in der DDR von 1953 -, sich solchen Hintergrunds bewußt zu werden.

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