Burkini

David Dürr

Sie wissen nicht, was ein Burkini ist? – Das ist gemäss Definition des BundesgerichtsimagesCAE4I31N „ein nicht eng am Körper anliegender  Ganzkörperschwimmanzug mit integrierter Schwimmkappe“ (Urteil 2C_1079/2012 vom 11.4.2013, Erw. 3.4). Das Wort ist eine Kombination aus Burka und Bikini, aus morgenländisch-verschlossener und abendländisch-offener Bademode. Doch was hat das mit dem Bundesgericht zu tun?

Das Bundesgericht hatte neulich den Fall einer schiitischen Familie im Kanton Aargau zu beurteilen, die ihre Tochter vom obligatorischen Schwimmunterricht dispensieren lassen wollte. Der schiitische Glaube verbiete einem geschlechtsreifen Mädchen, Schwimmunterricht bei einem Mann zu nehmen. Die Schulbehörden lehnten das Gesuch ab. Die offenbar religiös motivierten Schamgefühle seien genügend berücksichtigt: Das Hallenbad habe separate Umkleide- und Duschkabinen, der Schwimmunterricht sei nach Geschlechtern getrennt. Und vor allem – man beachte diese grosszügige Haltung – man erlaube dem Mädchen das Tragen eines Burkini. Und wenn die Anwesenheit eines Schwimmlehrers trotz dieses Schutzes das Schamgefühl des Mädchens verletze, so sei dieser Eingriff jedenfalls nicht gross. So die Ansicht des Departements Bildung, Kultur und Sport des Kantons Aargau, Abteilung Volksschule.

Dies möge ja sein, gab die schiitische Familie zur Antwort. Aber der umgekehrte Fall, nämlich die Gewährung der Dispensation, wäre noch viel besser: Da gäbe es nicht nur einen geringen, sondern überhaupt keinen Eingriff. Auch nicht im umgekehrten Sinn zulasten der Schulbehörde. Diese würde ja nicht selbst einen Eingriff erleiden, sondern bloss darauf verzichten, aktiv in das Schamgefühl des Mädchens einzugreifen. Ein Argument, das ja wirklich einiges für sich hat. Auch fehle es an sonstigen Rechtfertigungen für das Obligatorium: Etwa dass der Schwimmunterricht integrativ wirke; denn er fand nur alle fünf Wochen statt und das Mädchen war in seiner Klasse bestens integriert. Etwa dass es wichtig sei, schwimmen zu können; denn das Mädchen konnte schon schwimmen. Kurzum, man möge doch bitte dispensieren.

Was tun bei einem solchen Pat?

Man wendet sich an einen Unparteiischen, dem beide vertrauen. Er wird zuhören, abwägen, er wird sich schwer tun, er wird schliesslich der einen oder anderen Seite Recht geben, vielleicht wird er auch einen Kompromiss vorschlagen. In unserem Fall beispielsweise, dass für diese wenigen Schwimmstunden halt eine Lehrerin einspringen soll. Ich selbst (darum will ich mich nicht drücken) hätte als Unparteiischer wohl der schiitischen Familie recht gegeben. Ein anderer Unparteiischer vielleicht der Schule. Wie auch immer.

Das Problem in diesem Fall war aber ein ganz anderes: Es gab keinen Unparteiischen. Man zwang der Familie einen Parteiischen auf, nämlich das Aargauische Verwaltungsgericht. Das ist eine Organisation, die auf der gleichen Lohnliste steht wie das Departement Bildung, Kultur und Sport, Abteilung Volksschule. Da „beurteilt“ eine der beiden Konfliktparteien den Streit, in dem sie selbst mit der Gegenpartei steht. Was dabei herauskam, können Sie sich ja denken.

Und auch das Bundesgericht brachte am Schluss nicht mehr zustande als eine höchstrichterliche Definition des Burkini. Immerhin.

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14 Gedanken zu “Burkini

  1. Tiss meint

    Mehr Toleranz und weniger Staat sollte angesagt sein, die viel bemühte Werte-Gemeinschaft bleibt ein Märchen. Intoleranz als Basis einer Gemeinschaft führt zur Sterilität.

  2. Ich bin der Meinung dass Eltern (und ab der Sekundarstufe die Schüler selbst) allgemein mehr Mitspracherecht und Wahlfreiheit in der Schulausbildung bekommen sollten.

    Wieso sollte es nur die Wahl zwischen 100% durchregulierter öffentlicher Schulausbildung einerseits, und Privatschule/Homeschooling anderseits geben?

    Wieso nicht das öffentliche Schulsystem mehr auf flexiblen Bildungsangeboten aufbauen?

  3. Bin auch kein Schweizer. Ich finde die Entscheidung der Zuständigen richtig. Keine Religion soll über die staatlichen Gesetzen stehen.
    lg
    caruso

    • „Keine Religion soll über die staatlichen Gesetzen stehen.“

      Und die staatlichen Gesetze sollten nicht in bevormundender und unnötiger Weise in die Entscheidungsfreiheit der Bürger eingreifen.

  4. Der Islam ist nicht nur Religion, sondern auch Ideologie und greift in alle Aspekte des Lebens ein: gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch, militärisch und kulturell. Der Islam hat sich eine aussergewöhnliche Vormachtstellung geschaffen, die ihresgleichen sucht. Auch in Europa, in der Schweiz und in den USA.

    • „und greift in alle Aspekte des Lebens ein“

      Na und?
      Solange niemandes Rechte und Freiheit verletzt werden, was kümmert es Sie von was andere freie Menschen „alle Aspekte“ ihres Leben beeinflussen lassen?

      Liberalismus bedeutet doch gerade, dass ich anderen Menschen die Freiheit zugestehe, für sich selbst auch Entscheidungen zu treffen die ich nicht teile und nicht nachvollziehen kann.

      Vom Staat zu fordern eine willkürlich festgelegte Verhaltensgleichheit zu erzwingen, ist alles andere als liberal (und auch keineswegs „weltanschaulich neutral“).

      • Herr Sascha, Sie haben Recht! Aber als Liberaler und Demokrat benutze ich meine Freiheit nicht, um Menschen die eine andere Meinung haben zu ermorden. Der Islam lehnt Liberalismus und Demokratie ab. Obwohl sich der Islam in den USA, in der EU und in der Schweiz gerade deshalb entfalten kann. Zu unserem Unwohlsein.

  5. Ich überlege, ob ich mir ein Schamgefühl anerziehen soll, und an meine Kinder weitergeben dass sich auf Burkas und Burkinis bezieht. Was wäre, wenn das mein Schamgefühl verletzen würde, wenn ich einen Burkini sehe? Was könnte ich dann tun? Klagen? Auf welcher Grundlage? Brauche ich dann erst eine Religion drumherum oder reicht das pure Schamgefühl?

    • Es ist etwas anderes, von anderen Menschen eine Verhaltensänderung zu fordern („ich will nicht dass andere Menschen Burkas tragen“), als auf der Entscheidungsfreiheit über das *eigene* Verhalten zu beharren („ich will nicht am Schwimmunterricht teilnehmen“).

  6. Es wird nicht immer mehr Rücksicht auf Religionen genommen. Es wird immer mehr (und ausschließlich) auf EINE Religion Rücksicht genommen.

  7. ich bin Deutscher, weiß also nicht wie weit der Schweizer Staat weltanschaulich neutral sein will.
    Ich sehe es als höchst problematisch, daß immer mehr Rücksicht auf Religionen genommen wird. Wir können gern darüber diskutieren ob Schwimmunterricht sein muß. Aber wenn sich alle einig sind, dann kann nicht aus religiösen Gründen davon befreit werden. Sonst gewinnt die Religion die Oberhoheit über den Staat.
    Und das mag ich als Liberaler nicht erleben.

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