Jürg Ramspeck: Die Weltwoche ist ein Medien-Wunder

Die Zürcher Prozesse“ thematisierte Meinungs- und Pressefreiheit. Die Startschussrede von Jürg Ramspeck (Video HIER):

„Sehr geehrte Damen und Herren Geschworene

Da Sie aufgeboten sind, ein Urteil über die „Weltwoche“ zu fällen, halte ich es als Kenner ihrer Geschichte für angebracht, Sie auf drei Punkte hinzuweisen, die Sie bei Ihrer Beschlussfassung berücksichtigen mögen.

1. Die „Weltwoche“ ist eine genuin journalistische Publikation – es war immer der Journalismus, nie verlegerisches Marktkalkül, das sie am Leben erhielt.

2. Die politische Haltung der „Weltwoche“ war im Verlauf ihrer nunmehr 80-jährigen Geschichte wechselhaft.

3. Nicht immer war die „Weltwoche“ im Besitz dessen, den die Öffentlichkeit für ihren Inhaber hielt.

Zu Punkt 1: Die Erfindung der „Weltwoche“ erfolgte im Jahre 1933 in einem Eisenbahn-Waggon auf der Strecke Paris-Bordeaux. In diesem Waggon sassen zwei NZZ-Korrespondenten, Karl von Schumacher und Manuel Gasser, und hatten beide den französischen „Express“ in der Hand. Dabei kam ihnen spontan der Einfall, nach dem Vorbild des „Express“ eine schweizerische Wochenzeitung zu gründen.

Beflügelt zweifellos von der Gewissheit, dass sich mit Hitlers Machtergreifung das Interesse an Politik auch in der Schweiz schlagartig erhöht hatte.

Sie kündigten ihre Jobs bei der NZZ, was von dieser ungnädig aufgenommen wurde, und trieben, um ihren Traum zu realisieren, ein Startkapital von 180 000 Franken auf.

Sie brachten am 19. Oktober 1933 die erste Nummer der „Weltwoche“ heraus, waren alsbald pleite und mühten sich um neue Kredite. Relativ spät kam ihnen der Gedanke, sich aus wirtschaftlichen Gründen einen eigenen Inserate-Aquisiteur anzuschaffen.

Obwohl Karl von Schumacher einer schwer reichen Luzerner Familie entstammte, hielt diese mit Einlagen zurück, bis sich der Erfolg der „Weltwoche“ zweifelsfrei abzeichnete. Von Karl von Schumacher, der 1953 an Parkinson erkrankte und 1956 starb, ist überliefert, dass er in seinen letzten Lebenstagen seinen Erben und engsten Mitarbeitern folgenden Wunsch mitteilte: Verkauft die „Weltwoche“ notfalls wem auch immer, aber nur an einen Verleger, der mit ihr steht und fällt.

Er drückte damit die Überzeugung aus, dass die „Weltwoche“ als Prestigeobjekt eines Konzerns untauglich, das heisst nur als Publikation aus rein journalistischem Geist überlebensfähig ist.

Zu Punkt 2: Im Leitartikel der ersten „Weltwoche“-Nummer findet sich aus Karl von Schumachers Feder der peinliche Satz-Beginn: „Wenn ein grosses Volk unter einem grossen Führer…“

Seine anfängliche Sympathie für Adolf Hitler kam daher, dass er Nazi-Deutschland für ein Bollwerk gegen den ihm verhassten Kommunismus hielt.

1934, nach dem Röhm-Putsch, wurde er sich dann allerdings der kriminellen Natur der Nazi-Partei bewusst und war fortan ein unbeugsamer Gegner ihres Regimes. Soweit die ängstliche Schweizer Zensur es zuliess, brachte er seinen Abscheu vor den Nazis in seinen Leitartikeln zum Ausdruck. Auch dadurch, dass er zahlreiche jüdische Emigranten, die in der Schweiz Arbeitsverbot hatten, illegal unter Pseudonym auf der „Weltwoche“ beschäftigte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte der Antikommunismus als Leitmotiv in die „Weltwoche“ zurück und fand im langjährigen Leitartikler Lorenz Stucki seinen engagierten Verkündiger.

Allerdings sagte Stucki ab Ende der Fünfzigerjahre auch beharrlich den Zusammenbruch des Sowjet-Systems voraus – eine Prophezeiung, deren Erfüllung er selber nicht mehr erleben durfte.

1963 starb Karl von Schumachers Erbe und Nachfolger als „Weltwoche“-Verleger, Pierre von Schumacher, und dessen Witwe Charlotte zog als Verlagsdirektor und Chefredaktor den Newcomer Rolf. R.Bigler – quasi aus dem Hut.

Unter Bigler nahm die „Weltwoche“ abrupt Kurs nach links, Kurs, der sich auch unter seinem Nachfolger August E. Hohler, noch verstärkt, fortsetzte. Die „Weltwoche“ gehörte nunmehr der so genannten „Blauen Presse“ an, und Bigler war immerhin ein paar Tage lang sozialdemokratischer Ständeratskandidat. 1970 kam Hans O. Staub, vormals Informationschef des Schweizer Fernsehens und der ganzen Nation ein Begriff, ans Ruder und mühte sich, jahrelang erfolgreich, um eine etwas ausgewogenere Berichterstattung und Meinungskundgabe.

Als die Auflage dann zu lahmen begann, übergab der Verleger das Szepter meinem Kollegen Rudolf Bächtold und mir. Und damit kein Zweifel sei, in welcher Richtung wir die Akzente zu setzen gedachten, heuerten wir sofort Niklaus Meienberg als ständigen Mitarbeiter an.

Die nächste Wende, die ja nun auch in diesem Prozess verhandelt wird, kam dann mit Roger Köppel.

Zu Punkt 3: Solange sie lebten, hielten die Schumachers, Karl und Pierre, die Aktienmehrheit an der Weltwoche-AG. Der Mitbegründer Manuel Gasser wurde irgendwann mit 8 Prozent honoriert.

1963, nach Pierre von Schumachers Tod, erweckte seine Witwe Charlotte den Eindruck, sie würde mit Rolf R. Biglers Hilfe den Verlag, dem seit 1939 auch die „Annabelle“ angehörte, alleine weiter führen. Der Drucker und „Sport“-Verleger Max Frey, der sich gerne in den Besitz der von ihm gedruckten „Weltwoche“ gebracht hätte, hielt diesen Eindruck für irreführend. Es gab da Verdachtsmomente, und induktiv fand Frey heraus, dass das „Weltwoche“-Aktienpaket der Schumachers tatsächlich in einem Hamburger Tresor beim „Zeit“-Inhaber Gerd Bucerius lagerte. Frau von Schumacher und Bucerius waren überein gekommen, vor der Öffentlichkeit geheim zu halten, dass die „Weltwoche“ in deutschen Besitz übergegangen war.

Als Bucerius die Maskerade durchschaut sah, zeigte er sich bereit, die „Weltwoche“ wieder in die Schweiz zu verkaufen. Frey und Ringier übernahmen je 46 Prozent und bildeten mit Manuel Gasser, 8 Prozent, einen Verwaltungsrat.

Aus dieser Konstellation lässt sich unschwer erahnen, dass sowohl Frey als auch Ringier nicht wenig daran interessiert waren, Gasser seine 8 Prozent abzuhandeln und damit die Aktienmehrheit unter Dach zu bringen. Gasser verkaufte schliesslich an Frey unter der Bedingung, dass der Vorgang unbekannt blieb, und nahm weiterhin als nunmehr Scheinaktionär an den Sitzungen des Verwaltungsrates teil. Man glaubte, die „Weltwoche“ gehöre einem Konsortium; in Wirklichkeit gehörte sie Max Frey.

Auch das flog natürlich bei Gelegenheit auf. Beinahe wäre Ringier dann aber doch noch in den Besitz der „Weltwoche“ gelangt, als Frey sich 1987 plötzlich von seinem Unternehmen verabschiedete. Er verkaufte an Ringier per Handschlag, und in die Presse gelangte der Deal als Schlagzeile „Elefantenhochzeit“. Aber kurz vor dem Gang aufs Notariat vollzog sich in Max Frey ein Sinneswandel, und er ab den Zuschlag der Omni-Holding des Finanzjongleurs Werner K. Rey.

Es folgten, nach dem Zusammenbruch der Omni-Holding, die Verleger Beat Curti, Professor Hagemann, Tito Tettamanti, Roger Köppel.

Wechselvolle politische Ausrichtung, oft abenteuerliche Besitzverhältnisse – dass der Titel „Weltwoche“ das alles ausgestanden und überlebt hat, grenzt an ein Medien-Wunder.

Laut Statistik haben Wochenpublikationen eine Lebenserwartung von 100 Jahren. Es kämen bei der „Weltwoche“ jetzt also noch 20 Jahre dazu.

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