Kurt W. Zimmermann: Journalisten wollen auch Teil des Filzes sein!

Die Zürcher Prozesse“ thematisierten Meinungs- und Pressefreiheit. Ein Plädoyer war besonderes beeindruckend. So nüchtern und so wahr brachte es Kurt Zimmermann, Journalist, Publizist und Unternehmensberater, auf dem Punkt (Video HIER):

„Wenn man die heutigen Schweizer Medien verstehen will, dann muss man zurück ins Jahr 1992. 1992 war der grösste journalistische Sündenfall der Schweizer Mediengeschichte. Es war das Jahr der EWR-Abstimmung. Kurz zuvor hat der Bundesrat das EU-Beitrittsgesuch eingereicht. Vor der Abstimmung verwandten sich unsere zuvor unabhängigen Journalisten in Propagandasprecher der Regierung und der tragenden Parteien. Die Journalisten sahen sich nur noch als Missionare der offiziellen Politik. Es gab in den führenden Zeitschriften und Zeitungen nicht eine einzige kritische Stimme. Am schrecklichsten von allen trieb es damals die Weltwoche. Die Weltwoche war damals noch links-grün.

Eine Woche vor der Abstimmung schickte die Weltwoche ihren Lesern keine Zeitung mehr. Stattdessen verfasste die Redaktion für ihre Leser eine glühende Abstimmungsbroschüre für den EWR. Diese Abstimmungsbroschüre trommelte auf 60 Seiten für die Regierungsvorlage. Die Weltwoche war damals, die linke Weltwoche, das wohl jämmerlichste Beispiel, die eine ganze Redaktion zum Lautsprecher des Staatsapparates machte. Für diesen üblen Verstoss gegen journalistische Standesethik wurde die Weltwoche nie vor Gericht angeklagt. Das ist bedauerlich, denn so konnte sie sich in die Verjährung retten.

Woran erkennt man einen guten Journalisten?

Die beste Definition stammt immer noch von Hans-Joachim Friederichs, dem deutschen Journalisten. Er sagte: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“

Im Jahre 1992 begann eine unselige Geschichte. Der Staat wurde zur guten Sache. Es begann eine innige Liaison zwischen dem Mediensystem und dem politischen System. Der gemeinsame Kampf von Medien und Politik gegen die bellenden Aussenseiter der SVP schweisste Politik, Behörden und Journalisten zusammen. Mit dem nachfolgenden Aufstieg der SVP rückte das politische und mediale Establishment immer weiter zusammen. In der Sprache der 90-er Jahre hätte man gesagt: Es entstand damals der Politisch-Mediale-Komplex.

Der neueste Fall für diese Umarmung von Obrigkeit und Medien waren die sogenannten Offshore-Leeks vor wenigen Wochen. Die Medien klagten Privatpersonen wie Unternehmen an, bei den Steuern betrogen zu haben. Sie konnten in keinem einzigen Fall einen stichhaltigen Beweis dazu liefern. Das Triste an der Geschichte ist dies: Die Journalisten übernahmen willfällig die Rolle von Hilfspolizisten der Staatsgewalt. Sie sahen sich als verlängerten Arm der Obrigkeit. Es war reichlich unappetitlich, wenn man sah, wie eng in diesem Fall Politik, Justizapparat und Medien kollaborierten. Die Staatsgläubigkeit der Journalisten stieg auf bisher unerreichte Höhen.

Wie funktioniert unser Staatswesen?

Wir kennen das System von Regierung und Opposition nicht. Bei uns dürfen alle gleichzeitig an die Macht. Wir haben kein politisches Konkurrenzsystem. Wir haben ein politisches Kartellsystem. Wahlen sind eher folkloristische Rituale für kleine Verschiebungen innerhalb dieses Machtkartells. Das Machtkartell ist darum verfilzt. Der dichte Filz wuchert parteiübergreifend über die Institutionen, über die Regierung und die Justiz. Das Parlament wählt die Regierung, die Regierung den Justizapparat. Die erste, zweite und dritte Gewalt sind eng verbandelt. Das ist unser gewolltes System. In einem solch geschlossenen System aber, bekommen die Medien eine ganz besondere Rolle. Sie müssen zwingend die Gegenposition beziehen. Nur die sogenannte Vierte Gewalt kann die drei verwobenen, institutionellen Gewalten hinterfragen.

Journalisten, leider, tun heute meist das Gegenteil. Sie stürzen sich enthusiastisch in die Arme der Obrigkeit. Journalisten sehen sich oft als Hilfskräfte der Staatsgewalt. Journalisten wollen auch Teil des Filzes sein. In den letzten zwanzig Jahren wurde nur eine einzige Regierungsvorlage von der Mehrheit der Medien abgelehnt. Das sind, um es höflich zu sagen, leicht ironische und leicht iranische Verhältnisse. Ein gutes neueres Beispiel für diesen Politisch-Medialen-Komplex war der Fall von Nationalbanker Philipp Hildebrand. Exemplarisch zeigte sich hier wie verlässlich die Kooperation funktioniert. Kaum stand einer der ihren in der Kritik, bildete sich ein politscher und publizistischer Menschenteppich zu seiner Verteidigung. Eine ähnliche Vernetzung zeigte sich beim Swissair-Prozess im Jahre 2007. Ein vereinter Mob aus Politikern, Untersuchungsbehörden und Journalisten forderte die Lynchjustiz des Swissair-Managements. Bekanntlich wurden alle 17 Angeklagten vor Gericht frei gesprochen. Es ist dies ein Zeitgeist, den es früher nicht gab. Ich bin ein älterer Journalist, aber ich glaube nicht, dass ich romantisiere. Bis tief in die 90-er Jahre waren wir Journalisten der Staatsmacht gegenüber noch tief skeptisch eingestellt. Man verbrüderte sich nicht mit der Staatsgewalt. Der Staat mit seiner Missachtung der individuellen Freiheit war für uns der natürliche Feind, der Journalisten.

Wir Journalisten hatten uns früher immer einen Rest von Anarchie bewahrt. Anarchie ist das Misstrauen gegen Herrschaftsstrukturen. Ein Beispiel war damals etwa der Kampf gegen den Schnüffelstaat in der Fishing-Affäre und gegen den Ausbau des Polizei- und Justizapparats. Heute, in den aktuellen Steuerkonflikten, haben Journalisten nicht die geringsten Probleme sich als Hilfssheriffs auf die Seite der Staatsbehörde zu schlagen und den gläsernen Bürger zu propagieren. Die Journalisten, die früher Big-Brother hassten lieben ihn heute. Ich bin stehst erleichtert, wenn ich auf Journalisten treffe, die noch nicht mit unserem natürlichem Feind fraternisieren und sich nicht als willfällige Staatsdiener definieren. Ich freue mich immer noch, wenn ich ein Rest von Anarchie im Journalismus antreffe. Zum Beispiel auf der linken Seite, etwa bei der Wochenzeitung. Ich freue mich genauso, wenn ich denselben Reflex gegen die Staatsmacht auf der rechten Seite antreffe. Zum Beispiel bei der Weltwoche.

Vergessen wir nicht: Die erste, zweite und dritte Gewalt sind die drei institutionellen Gewalten. Ihre Funktion ist die Lenkung und Kontrolle der Bürger. Die Vierte Gewalt, die Medien, aber wären gemacht als Gegenentwurf. Als die Gewalt der Freiheit und der Transparenz.

Freiheit und Transparenz können immer schmerzhaft sein. Ich sage nicht, der ganze Medienbetrieb sei korrumpiert, ich stelle nur fest, dass die Gattung des systemkritischen Journalisten immer weiter in die Minderheit gerät. Ich stelle fest, dass die Staatsgläubigkeit der Medien neue Rekordwerte erreicht. In der Realität ist die Vierte Gewalt nur noch das vierte Rad am Wagen.“

Advertisements

Ein Gedanke zu “Kurt W. Zimmermann: Journalisten wollen auch Teil des Filzes sein!

  1. Super geschrieben. So und nicht anders ist es in Deutschland. Zusätzlich hat man hier noch die Nazikeule parat. D.h. wer nicht richtig spurt, z.B. gegen den Euro ist, dem droht die rechte Ecke. Der wird ganz schnell Richtung „Nazi“ geschoben. Siehe auch „Hart aber fair“ vom gestrigen Abend.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s