Mühleberg-Urteil – Lehren aus Fukushima

Foto Alex BaurDie grössten Gefahren der Kernenergie liegen nach wie vor bei der Politik. Das Urteil des Bundesgerichtes, das die Beurteilung der Sicherheit des KKW Mühleberg an die Wissenschaft zurückdelegiert, weist in die richtige Richtung.

Autor: Alex Baur

Zur Erinnerung

Im Katastrophengebiet, das 2011 vom grossen Tohoku-Erdbeben und vor allem vom nachfolgenden Tsunamie getroffen wurde, gibt es 14 Kernreaktoren. Alle Reaktoren überstanden eines der schwersten Erdbeben seit Menschengendenken praktisch unbeschadet. Lediglich bei vier Reaktoren, jenen von Fukushima Dai Ichi, kam es als Folge des Tsunami zu einem Ausfall der Kühlung und damit zu einer Kernschmelze. Die Kernschmelze an sich wäre zu bewältigen gewesen – da Fukushima Dai Ichi allerdings nicht mit sogenannt passiven Wasserstoff-Rekombinatoren und Druckentlastungs-Filtern ausgestattet war, kam es zu Austritt von radioaktivem Material und einer Verseuchung der Umgebung.

Der Mangel bei Fukushima Dai Ichi war spätestens seit den frühen 1990er Jahren bekannt, eine Nachrüstung hätte den (aus heutiger Sicht lächerlichen) Betrag von 10 bis 20 Millionen Dollar pro Reaktor gekostet. Warum hat die Tepco die Reaktoren nicht nachgerüstet? Eine abschliessende Antwort auf diese Frage haben wir nicht, sehr wohl aber eine naheliegende Vermutung: Die vier Unfall-Reaktoren waren die ältesten in Japan, ihre Stilllegung war ursprünglich auf 2011 vorgesehen (wurde dann aber verschoben). Oder anders herum: Im Hinblick auf die anstehende Stilllegung verzichtete man auf die Nachrüstung.

Was lernen wir daraus?

1. Ältere Reaktoren haben in der Regel tiefere Sicherheitsstandards (alle neueren Reaktoren, auch die in der Präfektur von Fukushima und insbesondere jene von Onagawa überstanden den Tsunami problemlos, weil sie offensichtlich richtig geplant wurden).

2. Auch ältere Reaktoren kann man sicherheitstechnisch nachrüsten, es ist eine Frage des Aufwandes; je nachdem, vor allem wenn eine Abschaltung bevorsteht, rentiert dieser Aufwand allerdings nicht.

3. Die Frage, wie lange man ein AKW betreiben will und welches Restrisiko man dabei in Kauf nehmen will, ist letztlich wirtschaftlicher und politischer Natur.

Die Wirtschaftlichkeit ist eine relativ komplexe aber unter dem Strich klare Rechnung, die leider selten ehrlich ausgewiesen wird. Vor allem nicht von der Politik, die am Schluss entscheidet. Da der Horizont der Politiker nur bis zu den nächsten Wahlen reicht und da Politiker klare Antworten auf komplexe Fragen scheuen wie der Teufel das Weihwasser, entscheiden sie opportunistisch. Will heissen, angewandt auf die Kernenergie: Politiker sind geneigt, eine Stilllegung von AKW zu fordern, allerdings in einem Zeitraum, der jenseits ihres Wahlhorizontes liegt; kurzfristig sind sie aber gegen ein Abschalten, weil sie sich der katastrophalen wirtschaftlichen Folgen bewusst sind (auch wenn Sie das selten so offen sagen; klingt irgendwie schlecht, oder?). In der Kombination sind diese beiden Faktoren verheerend.

Die wichtigste Lehre aus Fukushima lautet deshalb: Man darf die Sicherheit von Atommeilern und die Stromversorgung allgemein niemals den Politikern überlassen; sie sind von solch langfristigen Problemen hoffnungslos überfordert und lassen sich in ihren Entscheiden von kurzfristigem Opportunismus tragen. Deshalb ist der Entscheid des Bundesgerichtes so wichtig, das den Betrieb des Kernkrafwerks Mühleberg der Politik wieder ein Stück entzieht.

1. Das Bundesgericht hält fest, dass die Verantwortung für die Sicherheit von den Fachleuten und nicht von der Politik getragen werden muss; und dass diese Verantwortung nicht geteilt werden darf, sondern beim ENSI bleibt. Wer die Kompetenz des ENSI in Frage stellen will, muss erst einmal seine eigene (höhere) Kompetenz nachweisen (Greenpeace, Esoteriker und andere Hobby-Experten haben diese Kompetenz nicht).

2. Es gibt grundsätzlich keine Laufzeitbeschränkung für AKW; wenn ein Kernkraftwerk nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft (!) als sicher eingestuft (und allenfalls nachgerüstet wird), kann es weiter betrieben werden. Ist diese Voraussetzung nicht (mehr) gegeben, muss es sofort stillgelegt werden.

Das Bundesgericht hält damit an der bewährten Praxis fest Justitia

Die Forderung muss nun sein, dass dieselben strengen Kriterien auch für andere Energieträger angewendet werden. Keine Solarzellen mehr ohne Entsorgungskonzept für die hoch giftigen Komponenten, keine Windmühlen ohne eine wissenschaftlich saubere Gewährleistung für den Vogelschutz, keine Biomasse-Anlagen ohne saubere Oekobilanz und ohne Nachweis, dass die Nahrungsmittelversorgung damit nicht beeinträchtig wird.

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Ein Gedanke zu “Mühleberg-Urteil – Lehren aus Fukushima

  1. Dass wir diese Misere bei der Kernenergie haben, liegt an der Staatsplanung. Die Schweiz hatte bis in die 80er Jahre ein militärisches „Atomprogramm“. Diverse andere Länder auch. Und alle wollen die Atombombe. Wie kriegt man diese? Mit Hilfe des Leichtwassereaktors.
    Der LWR wurde miterfunden von Alvin Weinberg, 28 Jahre Führungsposition am ORNL. Er hielt einige Patente darauf. Und jetzt kommt das esoterisch alternative: Der Typ hat eine zweite Generation von Rekatoren gebaut, der 4 Jahre am Stück ohne Unfall lief und das in den 60ern. Dieser heisset „Molten Salt Reactor“ und kann weder eine Kernschmelze haben, noch produziert er endlagerungsrelevanten Abfall, noch produziert er waffenfähiges Material und er ist um Grössenordnungen kleiner und effizienter. Weshalb haben wir nicht diese Art von Kernenergie? Schuld ist wie immer ein Politiker – Nixon wollte mehr Atombomben.
    In Anbetracht dieser Eigenschaften müsste jeder den LWR ablehnen und für ein Investment in den MSR/LFTR einstehen.
    http://www.ted.com/talks/kirk_sorensen_thorium_an_alternative_nuclear_fuel.html

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