Ein Broder in Basel!

Der Publizist Henryk M. Broder sorgte für einen vollen Saal, BaZ-Journalist Dominik Feusi gelobte Antisemiten fortan Antisemiten zu nennen und das Publikum bangte um ein Europa ohne Juden. Impressionen eines denkwürdigen Abends am Rhein. Von Isabella Seemann und Dani Brandt

«Die Deutschen leiden an Hitler wie andere an Schuppenflechte. Aus dem Versuch, sich gegen die eigene Geschichte zu immunisieren, ist eine vergesst-auschwitzAutoimmunerkrankung geworden. Ob es um den Einsatz in Jugoslawien oder in Afghanistan geht, um Atom- oder Gentechnik, Stammzellen, Sterbehilfe – immer steht das Nazi-Menetekel an der Wand und fordert seinen Tribut. Das ritualisierte Gedenken verschafft keine Erleichterung, es ist nicht mehr als eine leere Geste, eine Ablenkung von der Gegenwart – oder noch Schlimmeres.» Henryk M. Broder, Vergesst Auschwitz! Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage.

Es versprach von Anfang an, ein besonders harmonischer Abend zu werden. Die Christlich-Jüdische Projekte CJP Basel, die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft beider Basel und die 
Bildungskommission der Israelitischen 
Gemeinde Basel hatten am 12. März 2013 zum Podiumsgespräch eingeladen. Der Publizist Henryk. M. Broder (achgut.com) sollte über «Das Ende der Schonzeit: Wird das europäische Judentum zum Verschwinden gebracht?» diskutieren. Und das im Zusammenspiel mit dem Bundeshausredaktor der «Basler Zeitung», Dominik Feusi, und dem Moderator Nico Rubeli.

Konträre Ansichten waren nicht zu erwarten. Das tat der Spannung keinen Abbruch. Ergiebiger ist es, wenn Themen nicht kontrovers, sondern gegenseitig ergänzend diskutiert werden. Zumindest den einen oder anderen der 180 Gäste hat das Gespräch weitergebracht, wie sich zum Schluss zeigte.

IMG_8069Gleich zu Beginn hielt Broder fest, dass es keinen neuen Antisemitismus gäbe – vielmehr erlebten wir heute die Kontinuität des alten. Das aber wollten selbst Wohlmeinende nicht wahrhaben, denn für sie sei Antisemitismus, was die Nazis den Juden angetan haben. «Damit kann heute jeder den Vorwurf des Antisemitismus leicht von sich weisen». Antisemitismus sei ein gesellschaftliches Tabu. Gleichwohl breche er sich Bahn: Alles, was man früher auf den Juden projizierte, übertrage man heute auf Israel, den Juden unter den Staaten. Man müsse lediglich die Wörter «Juden» gegen «Zionisten» und «Weltjudentum» gegen «Zionismus» austauschen. Die obsessive Beschäftigung mit Israel sei «reiner Antisemitismus im Kostüm der Israelkritik», sagte Broder. «Sie sind Antizionisten, weil sie nicht Antisemiten sein dürfen.»

Typisch für das widersprüchliche Verhalten der Deutschen sei der damalige Bundeskanzler Willy Brandt: Mit seinem Kniefall in Warschau 1970 bat er symbolisch um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und 1973, während des Jom-Kippur-Kriegs, als Israels Existenz am seidenen Faden hing, sagte er «Für uns Deutsche gibt es gegenüber Israel keine Neutralität des Herzens», gleichzeitig aber untersagte er den Amerikanern, militärisches Material von Bremerhaven aus nach Israel zu verschiffen und bot für den Fall, wenn die Araber gewonnen hätten, «humanitäre Hilfe» an.

Groteske Erinnerungskultur

Das Groteske der deutschen Erinnerungskultur habe sich auch beim Holocaust-Mahnmal in Berlin manifestiert: Der ehemalige Kanzler Gerhard Schröder sagte, es sei ein Mahnmal «wo man gerne hingeht» und der Historiker Eberhard Jäckel meinte sogar: «Es gibt Länder in Europa, die uns um dieses Denkmal beneiden.»

Broder kommentierte das lakonisch: «Vergangenheitsbewältigung ist zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor und einem wichtigen Exportgut geworden, worauf die Deutschen stolz sind.» Und legte nach: «Die Deutschen sind dermassen damit beschäftigt, den letzten Holocaust nachträglich zu verhindern, dass sie den nächsten billigend in Kauf nehmen»

Ein Atomschlag des Irans wäre zugleich ein Befreiungsschlag für das schlechte Gewissen der Deutschen. «Die Nachkommen leiden so sehr an ihrer Geschichte, dass sie sich einen neuen Holocaust herbeisehnen, um die Schoah vergessen zu machen».

Wenn sich die Nachkommen der Täter heute mit der Hamas oder dem Mullahregime im Iran verbündeten, dann in der Hoffnung, dass diese die Tat ihrer Eltern zu Ende führen könnten.

Dominik Feusi ging bei diesem Stichwort nochmals auf seine Artikelserie im Februar über den Antisemitismus in der Grünen Partei ein und zeigt sich verwundert darüber, dass Geri Müller und Dani Vischer selbst auf nochmaliges Nachhaken ihre fragwürdigen Äusserungen über Israel weder in Abrede stellten, noch sich davon distanzierten, und auch die Parteileitung keinerlei Notwendigkeit erkannte, sich von den antisemitischen Äusserungen ihrer Exponenten Abstand zu nehmen.

Mittlerweile habe Feusi jegliche Zurückhaltung abgelegt: «Wieso soll man eine Person, die offenkundig antisemitische Aussagen macht eigentlich nicht als Antisemiten bezeichnen?»

Zu diskutieren gab die Frage, ob die Medienberichterstattung über Antisemiten denen lediglich eine Plattform böte oder aufklärerisch wirke. Insbesondere im Hinblick auf die Wahl des Grünen Geri Müller zum Stadtammann von Baden fragte man sich: Hat ihm die Berichterstattung Stimmen gebracht oder hat sie ihn Stimmen gekostet? Wurde Müller gewählt, weil er ein Antisemit ist oder obwohl er einer ist? Weder das eine noch das andere lässt sich beweisen. Beide waren sich jedoch einig, dass Journalisten über die Geri Müllers dieser Welt berichten müssen.

An Material wird es ihnen nicht fehlen. «Der Antisemit lebt davon, sich den Juden zu nähern», sagte Broder. «Antisemitismus ist eine Art Stalking.»

Irritation löste zum Schluss eine Frage aus, die das eigentliche Thema des Abends aufnahm: «Wie wäre ein Europa ohne Juden für Sie?». Feusi meinte, dass dies von der Frage abhänge, weshalb die Juden nach Israel ziehen würden, wegen dem Antisemitismus oder dem schlechten Wetter hierzulande. Schlimm wäre ersteres. Broder wiederum meinte, über den Untergang der Juden sei schon so viel spekuliert worden, dass es sie eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Das Gegenteil sei aber der Fall: «Ich sehe es als positives Zeichen, dass eine Minderheit von zwölf bis 13 Millionen 
Juden die ganze Welt aufregt».

Beim Apéro im Anschluss an den offiziellen Teil des Abends standen die Podiumsteilnehmer noch lange im Gespräch mit den anwesenden Gästen. Mittelpunkt IMG_8203der  Runde war Henryk M. Broder, der mit Charisma, Charme und Chuzpe die Menschen zu fesseln vermag. Ein grossartiger Mann.

Ein zu Beginn skeptischer Gast, der – wie er gestand – nur gekommen war, um sich über Broder aufzuregen, sagte nach der Begegnung: «Also, wenn er so redet, verstehe ich ihn besser und auch was Antisemitismus ist, ist mir erst heute Abend klar geworden.»

Henryk M. Broder, geboren 1946 in Kattowitz/Polen, ist ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Als Publizist beschäftigt er sich mit den Themen Judentum, Islam, Nationalsozialismus und der deutschen Linken. Broder schreibt für Die Welt und lebt in Berlin und Virginia/USA. Bei Pantheon sind von ihm erschienen Hurra, wir kapitulieren! (2007) und Kritik der reinen Toleranz (2011).

Empfohlen:

Henryk M. Broder auf dem blauen Sofa. Ein Gespräch mit Volker Panzer über „Vergesst Auschwitz“! Teil 1 und Teil 2

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4 Gedanken zu “Ein Broder in Basel!

  1. Antisemitismus habe ich glücklicherweise erst im Alter von etwa 57-58 Jahren erlebt. An einer Arbeitsstelle in Zürich. Sehr rasch habe ich festgestellt, dass die Geschäftsleitung und einige Mitarbeiter Antisemitismus im Blut hatten, sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen und verinnerlicht!
    Deshalb freut es mich, dass man gemäss Herrn Dominik Feusi einen Antisemiten „Antisemiten“ nennen darf. Aber ist das rechtlich abgesichert? Könnten mich diese Politiker deshalb vor Gericht bringen: Josef Zisyadis, Daniel Vischer, Gerhard Müller Behrens, Elmar Ledergerber, Michelle Calmy-Rey, Jean Ziegler, wenn ich sie als Antisemiten bezeichne? Politisch haben sie alle versagt, keiner hat etwas Nachhaltiges hinterlassen, in wenigen Jahren wird sich niemand an sie erinnern
    Es wäre doch besser, sie als Judenhasser und Israelhasser zu bezeichnen. Heute versteckt sich der Antisemit hinter dem Israelkritiker und Antizionisten.

    • Lieber Herr Scheiner,
      Sie haben es punktgenau beschrieben „mit der Muttermilch aufgesogen“! Ob es rechtlich abgesichert ist, weiss man es erst im nachhinein. Ich habe auf diesem Blog Geri Müller mehrfach Antisemit genannt und hätte auch keine Angst es vor einem Gericht beurteilen zu lassen. Dasselbe ist es mit Daniel Vischer. OB Calmy-Rey eine Antisemitin ist, bin ich mir nicht so sicher. Die Dame ist eher naiv, habe ich das Gefühl!
      herzliche Grüsse nach Israel
      Dani

  2. Pingback: Ein Broder in Basel! « World-Media-Watch

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