Rest in peace, Tyrann Hugo. Und bitte, bitte komm nicht wieder

Simon ScherrerAutor Simon Scherrer, 1994, studierte Chinesisch an der Sichuan-Universität in Chengdu, wo ihm die Wichtigkeit individueller Freiheit klar bewusst wurde. Gegen die zunehmend interventionistischen Tendenzen in der Schweiz engagiert er sich als Autor bei der “Zürcherin” und als konsequent liberales Vorstandsmitglied der Jungfreisinnigen St. Gallen.

Der Tod eines Menschen ist immer tragisch, unabhängig von seinem Charakter und seinen Taten. Ich hätte sogar dem soeben verstorbenen venezolanischen Diktator Hugo Chávez ein schöneres Ableben gewünscht als bei einer Krebstherapie in Kuba. Darum hatte ich mich auch entschieden, nichts zu diesem Thema zu schreiben. Doch die Reaktionen, die Chávez’ Tod auf der ganzen Welt besonders von Seiten der politischen Linken auslöste, haben mir dann doch schon sehr zu denken – und als Konsequenz daraus zu schreiben – gegeben.

Hugo Rafael Chávez wurde vor 59 Jahren im Westen von Venezuela geboren. Nach Ausbildung in der Armee und einem misslungenen Putschversuch wurde er 1998 zum Präsidenten Venezuelas gewählt. Ermutigt von Sympathiebekundungen von Sozialisten und anderen sozial Bewegten weltweit zögerte er auch nicht lange, planwirtschaftliche Ungetüme auf die Bewohnerinnen und Bewohner Venezuelas loszulassen: Verstaatlichung der Ölindustrie, Aufbau von staatseigenen Chavezsubventionierten Supermärkten, Gesundheitseinrichtungen und Universitäten, Kapitalverkehrskontrollen, Preisvorschriften, Sozialregulierungen etc. Die europäische Linken feierten diese sozialistische Phalanx als reale Umsetzung ihrer innersten Wünsche, die sie zuvor sogar unter ihresgleichen kaum auszusprechen gewagt hatten.

Die Bilanz nach 13 Jahren Chávez ist jedoch düster

Die Planwirtschaft vermag wie immer ihre Ansprüche nicht zu erfüllen und Versorgungskrisen halten das Land im Würgegriff. Die Leute stehen frühmorgens Schlange vor Supermärkten, um gegen Mittag zu erfahren, dass es noch nichts gibt. Stundenlange Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Chávez’ wilde Verstaatlichungspolitik verschreckte ausländische Investoren, die Venezuela demzufolge heute aus nachvollziehbaren Gründen meiden. Den inländischen Investoren gab Chávez mit einer jährlichen Inflation von über 30 Prozent den Rest. Die Politik der Tag und Nacht laufenden Notenpresse bescherte zwar Chávez’ Sozialprogrammen reichlich Geld und beseitigte die Armut auf dem Papier, da die Einkommen plötzlich rasant anstiegen (und die Güterpreise natürlich auch), doch sie zerstörten jegliches angesparte Kapital und machten so gesundes Wachstum unmöglich. Über die Hälfte der Gesamtbevölkerung arbeiten in unproduktiven Staatsprogrammen, was für Chávez den schönen Nebeneffekt hatte, dass seine Wiederwahl gesichert war. Das Bruttosozialprodukt pro Kopf ist in Venezuela von 1998 bis 2010 gerade einmal um 6.1 Prozent gewachsen, während ein anderes südamerikanisches Land wie Chile im selben Zeitraum eine Wachstumsrate von über 30 Prozent aufweisen konnte.

Nun wäre Venezuela bei dieser ökonomischem Selbstmordmission schon lange zusammengebrochen, würde Venezuela nicht von einem gewichtigen Glücksfall profitieren: Aus dem verstaatlichten Ölsektor fliessen jährlich über 60 Milliarden Dollar in die Staatskasse. Doch selbst dieser einzige Wirtschaftszweig, der 96 Prozent des venezolanischen Exportvolumens ausmacht, wird von Chávez’ Harakiri-Planwirtschaft langsam aberodiert: Die Förderungstechnologie der verstaatlichten Ölfirmen ist hoffnungslos veraltet und ineffizient und die Abhängigkeit der Weltwirtschaft vom Öl nimmt ab, da Förderung von Schiefergas (“Fracking”) langsam wirtschaftlich lohnend wird. Zudem wird gemunkelt, dass der Durst des venezolanischen Staates nach Petrodollars die Ölreserven des Landes bald erschöpft haben wird. Maggie Thatcher sagte einst, dass Problem beim Sozialismus sei, dass einem irgendwann das Geld anderer Leute ausgehe. Für Chávez’ Sozialismus gilt wohl eher, dass ihm irgendwann sein eigenes Öl ausgehen wird.

Doch nicht nur sein katastrophales wirtschaftliches Vermächtnis macht Hugo Chávez zu einem der schlimmsten Staatenführer der Geschichte, sondern auch seine starken diktatorischen Züge. Vollmachten, die er sich in einer Verfassungsreform selbst zugesprochen hatte, welche allerdings vom Volk abgelehnt wurde, nahm er sich einfach trotzdem. Mit einem Gesetz verpflichtete er Medien zur “wahrheitsgemässen Berichterstattung”, und wie die auszusehen hatte, definierte er gleich selbst. Staatsangestellte wurden gezwungen, bei Wahlen für Chávez zu stimmen. Oppositionspolitiker, Menschenrechtsaktivisten und regimekritische Journalisten werden täglich bedroht und von der Regierung bei ihrer Arbeit behindert. Dass Chávez den verstorbenen libyschen Diktator Gaddafi und den islamistischen iranischen Präsident Ahmadinedschad zu seinen Freunden zählte, sagt ja eigentlich schon alles. Ahmadinedschad hat übrigens schon vernehmen lassen, er sei sich sicher, dass sein Freund Hugo mit Jesus zurückkehren werde.

Doch wie die Reaktionen nach Chávez’ Tod zeigen, sympathisierten nicht nur offensichtlich diktatorische Politiker mit dem Comandante. Die deutsche Linkspartei sieht im Tod von Chávez den Verlust eines “unerschrockenen Verfechters für eine neue, gerechte Welt” und trauert öffentlich. In der Schweiz bezeichnet der intellektuelle SP-Übervater Jean Ziegler das Dahinscheiden seines Freundes als “tragisch für Lateinamerika”, schliesslich sei Chávez’ Politik von “totalem Erfolg” gekrönt gewesen.

no democracyDass die linken politischen Kräfte Affinitäten zu Gewaltherrschern entwickeln, solange sich diese ein sozialistisches Gewändlein überziehen, ist nichts Neues. 1944 lancierte die Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion, die personell der SP nahestand, eine Petition zur Etablierung diplomatischer Beziehungen mit dem Eisenfaust-Regime Sowjetunion. Doch man braucht gar nicht so tief in Geschichtsbüchern zu wühlen: Von der linken Subkultur bis tief in völlig unpolitische Kulturkreise wird heutzutage ein anderer linker Diktator mit Abdruck auf T-Shirts, Portemonnaies und Mützen verehrt. Die Rede ist von Che Guevara, dem so oft verklärten Schreckensherrscher, neben dem sogar Comandante Chávez als Softie verblasst. Historisch ist bewiesen, dass Guevara für mindestens 14000 Exekutionen von Regimegegnern verantwortlich war, ein Sadist war und die Meinungsfreiheit mit Füssen trat. Die europäische Jugend lässt sich davon anscheinend nicht beeindrucken und läuft weiterhin mit dem Konterfei eines Massenmörders auf dem T-Shirt herum, im Glauben, topmodisch zu sein.

Doch woher kommt diese linke Vergötterung von politischen Killern und Zwangsherrschern?

Es ist wohl die Vorstellung, dass irgendwo im südamerikanischen Dschungel zu allem entschlossene Gesinnungsgenossen für ein besseres Leben kämpfen, die das Herz eines jeden Roten in der westlichen Welt höher schlagen lassen. Es ist wohl der fast schon metaphysische Gedanke, dass die “von Kapitalisten und Faschisten geknechteten Massen” aufbegehren und endlich ein gerechtes System durchsetzen. Es ist wohl die drohende politische Bedeutungslosigkeit, die jeder antikapitalistischen Partei widerfährt, wenn die Leute merken, dass die Prophezeiung von der Verelendung der Massen nicht eintritt, sodass man auf Kämpfe verweist, wo scheinbar noch klar ersichtlich ist, wer die Guten sind. Und es ist die Faszination an sofort durchführbaren radikalen Änderungen, die in unseren lästigen demokratischen Systemen nicht möglich sind. Dieselbe Liebe an pathetischer Überhöhung, welche die Jungsozialisten rote Fahnen schwingen lässt, kanalisiert sich in eine Bewunderung starker, gleichgesinnter Führerfiguren, die dann zu grimmigen Kämpfern für das Wohl des kleinen Mannes hochstilisiert werden. (Und bei denen man dann nicht mehr so genau hinschaut, wenn sie ein ganzes Land in den Ruin treiben.) Sozusagen ein hollywoodreifes Abenteuerkino für träumerische Möchtegern-Revolutionäre.

Politisch darf man heutzutage alles falsch machen. Solange einer Sozialist ist und an Krebs stirbt, wird er vom Volk und erst recht von der politisch-intellektuellen Elite verehrt. Wenn Chávez’ Beispiel Schule macht, wenn jeder ökonomisch noch so dilletantische und moralisch noch so verabscheuungswürdige Staatenlenker auf ein liebes Wort von Jean Ziegler und seinem Gefolge linker Faktenverdreher zählen kann, dann wird die Linkspartei in Zukunft noch einige Mitstreiter für die sozialistische Sache haben, um die sie trauern kann.

Auf jeden Fall: Rest in peace, Hugo. Und bitte, bitte komm nicht wieder

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Ein Gedanke zu “Rest in peace, Tyrann Hugo. Und bitte, bitte komm nicht wieder

  1. I just saw this movie and can’t get out of my mind the scene where Levi and Rachel are discussing people excited to die for Christ, shouting, “Martyr, Martyr!” Yes, Becky’s teachings certainly do put some Christians on the same extremist plane as the Islamic militants they love to denigrate.
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